
Deutscher Sachbuchpreis 2026 – Lesen. Denken. Reden.
Der deutsche Sachbuchpreis soll Aufmerksamkeit auf Sachbücher als Grundlage für Wissen, Meinungsbildung und differenzierten öffentlichen Diskurs lenken. Auch in diesem Jahr hat die Jury acht Titel zu Fragen und Debatten unserer Zeit aus den 239 eingereichten Sachbüchern ausgewählt. Die Jury des Deutschen Sachbuchpreises setzt sich aus sieben Expert*innen aus Kritik, Journalismus, Wissenschaft, Kulturbranche und Buchhandel zusammen und wird jedes Jahr neu zusammengesetzt. Hier finden Sie die Jury 2026. Die große Preisverleihung findet am 8. Juni 2026 in der Elbphilharmonie in Hamburg statt.
Hier finden Sie die nominierten Titel des Jahres 2026

Begründung der Jury: Die Suche nach Antworten in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit ist ein wiederkehrender Reflex. Mit ihrem Buch über Gustaf Nagel, der um 1900 vermeintliche Orientierung bot, rückt Heike Behrend eine schillernde Figur der Zeit ins Zentrum. Nagels Nähe zur Lebensreformbewegung zog viele Menschen an – nicht zuletzt, weil er sich über Postkarten und Fotografien, die Massenmedien seiner Zeit, geschickt selbst inszenierte. Ihre Perspektive als Ethnologin markiert Behrend nicht als Defizit, sondern bringt diese etwa in den Dialog mit der Historikerin Christine Meyer produktiv ein. So entsteht eine ebenso kluge wie gut lesbare Analyse, die zeigt, wie Krisenerfahrungen, Orientierungssehnsucht, alternative Lebensentwürfe, Medieninszenierung und Heimatdiskurse ineinandergreifen.

Begründung der Jury: Die Zukunft ist nichts, das schon entschieden ist, sie ist etwas, das wir alle gemeinsam gestalten müssen. Florence Gaub betont diesen Grundsatz schon lange. Dass wir ihn viel zu häufig vergessen und uns in einen passiven Fatalismus flüchten, ist aus ihrer Sicht eines der großen Probleme der Gegenwart. In „Szenario“ setzt die Politikwissenschaftlerin die Leser*innen daher in die Rolle der aktiv Gestaltenden der Weltpolitik, die anhand konkreter Entscheidungen von Episode zu Episode durch das Buch springen. Ob sie dabei mit russischen Sicherheitsexperten, mit Weltraummilitär oder Lobbyist*innen in Brüssel in Kontakt kommen, entscheidet sich interaktiv. Die Vielfalt der lesbaren Zukünfte bringt nicht nur Form und These dieses Buches kreativ in Resonanz. Auf immer neuen Wegen lernt man auch, wie faszinierend internationale Politik sein kann.

Begründung der Jury: Noch eine Biografie über Thomas Mann? Überraschenderweise lautet die Antwort eindeutig ja. Tilmann Lahme führt das Werk des Literaturnobelpreisträgers konsequent und überzeugend auf Manns lebenslange Beschäftigung mit seiner Sexualität zurück. Zwar ist es richtig, dass Aspekte dieses Themas bereits diskutiert worden sind. Umso erstaunlicher erscheint der Umstand, dass Lahme zahlreiche neue Quellen erschließt, die mitunter schon bekannt waren, aber einer genaueren Untersuchung bisher nicht unterzogen wurden. Hinzu kommt die bestechende Eleganz, mit der das Buch geschrieben ist. Lahme hält das Gleichgewicht zwischen empathischer Nähe und kritischer Distanz zu seinem Gegenstand auf vorbildliche Weise und schafft so ein umfassendes Bild des schillerndsten deutschen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts.

Begründung der Jury: Aus der Geschichte einer kleinen männlichen Elite entwickelt Konstantin Richter ein vielschichtiges Panorama deutscher Machtverhältnisse. Im Zentrum seiner Analyse stehen die wichtigsten Akteure und ihre persönlichen, wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen, die im Kaiserreich begannen, sich in der Deutschland AG verdichteten und bis in die Gegenwart nachwirken. Ein eindringliches, erhellendes Buch über die Kontinuität von Einfluss und Ordnung in 150 Jahren deutscher Wirtschaftsgeschichte.

Begründung der Jury: Viele Menschen verbinden mit Russland gerade vor allem Wladimir Putin und Krieg. Das Buch von Irina Scherbakowa ist deshalb so grandios, weil es uns Russland nah bringt, auf eine persönliche, spannende, kenntnisreiche Weise. Scherbakowa, eine der wenigen verbliebenen Stimmen der russischen Opposition, verbindet russische Geschichte der letzten 100 Jahre mit persönlichen Erlebnissen, Arbeitserfahrungen und einem großen Fundus einzigartiger Anekdoten. Die Erzählung aus Moskau endet 2022, als selbst die resolute, ihre Heimat über alles liebende Autorin aus ihrem Land gedrängt wird. Scherbakowa zitiert: „In der dunkelsten Stunde kann man hoffen, selbst wenn man nicht weiß, worauf.“ Dieses Buch, mit all den mutigen großen und kleinen Menschen, die darin vorkommen, ist nicht nur großartig geschrieben. Es macht Hoffnung.

Begründung der Jury: Aktuelle medizinethische Fragen beispielsweise zur Abtreibung, zum Umgang mit Sterbehilfe oder zur Impfpflicht, die uns persönlich oder ganz sicherlich jemanden in unserem Umfeld betreffen, werden in diesem Buch über zwei Zugänge behandelt: Der eine ist rechtsphilosophischer Natur und gibt einen Überblick über aktuelle theoretische Debatten. Der zweite, eng damit verwobene Zugang ist ein praktischer, der anhand konkreter Beispiele die Umsetzung im realen Leben behandelt. Diese Kombination hilft, innere und gesellschaftliche Konflikte mit einer größeren Distanz betrachten zu können, intrinsische Widersprüche zu erkennen und damit einen persönlichen Handlungsspielraum zu gewinnen, der weniger durch Schuldgefühle oder implizite Werte als durch Reflexion entsteht.

Begründung der Jury: Künstliche Intelligenz begegnet uns derzeit vor allem in Form von Sprachmaschinen, von Computerprogrammen, die uns anbieten, uns das Denken abzunehmen. Und wir sind nur allzu gerne bereit, dieses Angebot anzunehmen. Roberto Simanowski zeigt mit Sachverstand, Witz und philosophischem Tiefgang, welche Folgen diese Verführung haben könnte. Gut verständlich reflektiert er die Stärken und Schwächen der digitalen Schlaumeier und beschreibt die Eigendynamik einer Technik, die in der Science Fiction erstrebenswert wirkte, über deren Voraussetzungen und Auswirkungen wir aber nie recht nachgedacht haben. Er macht deutlich: Künstliche Intelligenz verändert nicht nur die Welt, sie ist auch ein philosophisches Projekt, das uns anhält, noch einmal gründlich über uns selbst nachzudenken.

Begründung der Jury: Ein Satz wie ein Knüppelschlag: „Nicht auszudenken, was Donald Trump anstellen könnte, wenn sich die USA mit ihrem Strafrecht ein Beispiel an Deutschland nähmen.“ Ronen Steinke zeigt in „Meinungsfreiheit“, dass die Kontrolle von Meinung und öffentlich Gesagtem in Deutschland ausufernd ist und tatsächlich umfassender wird. Religionskritik, die Gewalt auslöst? Strafbar. „Die dümmste Außenministerin der Welt“? Womöglich als neuer Tatbestand Politikerbeleidigung strafbar. Steinke versteht als Jurist sowohl die Feinheiten des Rechts, schafft es als Journalist aber auch, darüber in klarer Sprache zu schreiben. Und wegen dieser Klarheit ist das Buch wichtig. Denn eine Demokratie muss es aushalten, auch harte Debatten zu führen. Und der Staat sollte diese nicht mit immer mehr Regeln verhindern.