In Brasilien geht`s ohne Textilien

Ein Deutscher in Rio de Janeiro
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Januar 2013
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-08409-7 (ISBN)
 
Witzige und wahre Geschichten aus dem Sehnsuchtsland Brasilien

Als Gringo an die Copacabana: Südamerika-Korrespondent Andreas Wunn zieht nach Rio de Janeiro. Dort wird er zwar herzlich empfangen, doch schnell kommt es zu zuckerhutgroßen Missverständnissen: Ein Handtuch mit an den Strand zu nehmen verstößt gegen die heiligen Strandregeln, nachts an roten Ampeln zu halten ist nicht vorgesehen, und deutsche Arbeitsmoral, deutscher Winter, deutscher Fußball - all das löst bei einem Brasilianer sowieso nur Mitleid aus. Mit viel Witz, Sympathie und Augenzwinkern erzählt Andreas Wunn vom Leben im Sehnsuchtsland Brasilien.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,62 MB
978-3-641-08409-7 (9783641084097)
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Antonio und die brasilianische Aufzugphilosophie

Mein erster Tag in Brasilien, ein Sonntagmorgen Ende September. Regen statt Sonne. Ich war in Frankfurt am Main in den Flieger gestiegen und kam zwölf Stunden später übernächtigt im Morgengrauen in Rio de Janeiro an. Präsentierte bei der Passkontrolle mein frisch ausgestelltes Journalistenvisum, nahm meine Koffer vom Gepäckband und ärgerte mich zum ersten Mal - wie später regelmäßig bei Abflug und Ankunft - über die kaum funktionstüchtigen Gepäckwagen am internationalen Flughafen Galeão, die sich kaum schieben lassen, schon gar nicht um die Kurve.

Abgeholt wurde ich von Fernando, unserem Fahrer im ZDF-Studio, dessen Auto allerdings eine Viertelstunde lang nicht ansprang. Als wir endlich das Flughafenparkhaus verlassen konnten, flogen auf dem Weg Richtung Südzone links und rechts die Betonleitplanken der Schnellstraßen an mir vorbei. Dahinter endlose Favelas, denen der starke Regen zusetzte. Hoch oben rechts vor mir tauchte aus den Nebelschwaden kurz die Christusfigur auf. Alles wirkte grau und nass und schwül. Fernando sagte: »Es ist schlimm, wenn es in Rio regnet.«

Mein erster Eindruck von Rio de Janeiro. Bei Regen schien die Stadt wie gelähmt. Wie eine Sommerkulisse hinter Glas. Verschwommen, mit Regentropfen auf der Scheibe. Niemand war auf der Straße. Nur ein paar Autos peitschten durch die Pfützen. Cariocas, die Einwohner von Rio de Janeiro, sehen keinen Sinn darin, bei solchem Wetter aus dem Haus zu gehen. Immer wenn es regnet, nimmt die Stadt sich eine Auszeit.

Damals wusste ich das allerdings noch nicht, hatte auch keine Zeit, über die leeren Straßen nachzudenken. Wichtigeres stand an. Zuerst musste ich in meine angemietete Wohnung in Leme, einem kleinen Stadtviertel direkt neben Copacabana. Strandnähe. Außer einer Matratze und einem Einbauschrank gab es dort keine Möbel. Der Container mit meinen Sachen schipperte noch irgendwo auf dem Atlantik herum. Kurz rein in die Wohnung, einen Blick darauf werfen. Ich schaute aus dem Fenster und sah statt Strand nur tief hängende Regenwolken. Eilig packte ich meine Sachen um, stieß mir dabei den Kopf an der Tür des Schlafzimmerschranks und hetzte mit Beule und Koffer runter zu Fernando, um mich von ihm zum ZDF-Studio fahren zu lassen.

Dort setzte ich mich kurz mit meinen neuen Mitarbeitern zusammen, besprach mit ihnen das Notwendigste, und dann ging es schon wieder los. Wir flogen nach Chile, um über die dreiunddreißig eingeschlossenen Bergarbeiter in der Atacama-Wüste und die Rettungsmaßnahmen zu berichten. Das sollte mich die kommenden Wochen beschäftigen. Erst danach begann mein Abenteuer Rio de Janeiro. Mein neues Leben in Brasilien.

»Wie? Du hattest in Deutschland keine Haushälterin?«

Rosangela war ernsthaft erstaunt und fragte sich wohl für einen Moment, ob ich einen Scherz gemacht hatte.

»Nein, keine Haushälterin«, sagte ich, »nur eine Putzfrau. Die kam aber bloß alle zwei Wochen für ein paar Stunden. Sie putzte und bügelte, und das war's.«

»Und den Rest hast du selbst gemacht?«

»Mehr oder weniger.«

»Und wer hat für dich gekocht?«

»Niemand.«

Rosangela war verwirrt. Wir standen auf meinem Balkon, die Sonne schien. Gerade hatten wir besprochen, was sie mir heute und für die nächsten Tage kochen würde. Sie bereitet immer mehrere Gerichte zu, die ich mir entweder abends zu Hause aufwärme oder zum Mittagessen mit ins Studio nehme. Fisch ist problemlos bei ihr, auch Fleisch und Bohnen. Beim Salat hingegen muss man schon genau sagen, was man sich da vorstellt.

Eine Haushälterin zu haben ist - offen gesagt - ein Luxus, an den ich mich erst mal gewöhnen musste. Rosangela, Mitte fünfzig, mit stämmiger Figur und kurzem, leicht gelocktem dunklen Haar, in dem sich erste graue Strähnen zeigen, kommt zweimal in der Woche zu mir nach Hause. Sie wohnt auf der anderen Seite der Guanabara-Bucht in der Nähe von Niterói. Morgens, kurz vor fünf, nimmt sie den Bus nach Rio de Janeiro, trifft dann gegen halb sieben bei mir ein. Da sie einen Schlüssel hat, werkelt sie schon in der Küche herum, wenn ich aufstehe. Sie bleibt immer bis zum frühen Nachmittag und erledigt alles, was in der Wohnung so anfällt. Und da ich im ersten Moment gar nicht wusste, was das alles sein könnte, bekam ich von Rosangela ein wenig Nachhilfe.

Sie hatte schon für mehrere Gringos in Rio de Janeiro gearbeitet und machte mir ein paar durchaus attraktive Vorschläge: putzen, Geschirr spülen, Wäsche waschen, bügeln, Staub wischen, einkaufen, kochen. All das könne ich getrost ihr überlassen, meinte sie. Nach ein paar Arbeitstagen traute sie sich auch an meine Kleiderschränke und ordnete mit geradezu preußischer Disziplin alles neu. Plötzlich sahen die Fächer und Regale aus, als habe ein Bundeswehrspieß auf Ecstasy seinen Ordnungsrausch ausgelebt. Die Hemden waren frisch gebügelt und nach Farben geordnet. Die Schuhe standen in Reih und Glied, selbst meine neuen brasilianischen Hawaianas-Flipflops, sieben verschiedene Modelle, lagen akkurat im Schrank. Paarweise aufeinandergestapelt. Wie mit dem Lineal vermessen. »Ihr Gringos habt es doch gerne ordentlich«, sagte Rosangela stolz, als ich sie verwundert und anerkennend zugleich auf die exzessive Neuordnung meiner Garderobe ansprach.

Nun war es für einen Gringo wie mich anfangs keinesfalls leicht, diese Art von Rundumservice einfach zu genießen. So etwas kannte ich schließlich nicht und könnte es mir in Deutschland gar nicht leisten. Das funktioniert nur in einem Schwellenland wie Brasilien, wo Arbeitskraft billig ist. Ich profitierte also letztlich schamlos von Klassenunterschieden und sozialer Ungleichheit, sagte ich mir. Schlechtes Gewissen quälte mich. Ich wurde zum geplagten Gutmenschen, der auf einmal alle Ungerechtigkeiten dieser Welt zweimal in der Woche an seiner Spüle stehen sah.

Auf der anderen Seite mochte ich auf diesen Komfort nicht verzichten, zumal es in Brasilien durchaus üblich ist, eine Haushälterin zu haben. Selbst mit durchschnittlichem Einkommen. Deshalb beschloss ich, zumindest ein perfekter Arbeitgeber zu sein. Viel besser und netter als all die anderen ausbeuterischen Brasilianer, die ihre Hausangestellten tagein, tagaus knechten und sogar in Uniförmchen herumlaufen lassen. Bei mir darf Rosangela Shorts und T-Shirt tragen. Und immer wieder sage ich mir, dass sie sicherlich schon Schlimmeres erlebt hat, als meine Wohnung zu putzen. Mit elf Jahren begann sie als Hausmädchen zu arbeiten, wohnte während der Woche sogar bei ihren Arbeitgebern. Das Geld, das sie verdiente, musste sie ihrer Mutter abgeben.

So gesehen ein Aufstieg. Um mein schlechtes Gewissen zu beschwichtigen, brachte ich ihr von meinen Reisen kleine Geschenke mit, von meinem ersten Weihnachtsbesuch in Deutschland echte Nürnberger Lebkuchen. Ständig habe ich ihr angeboten, dass sie sich am Kühlschrank bedienen, sich zu essen und zu trinken nehmen soll, was immer sie will. Schließlich sei sie es ja auch, die das Essen koche. Doch jedes Mal lehnte sie ab. Und nie würde sie sich zu mir an den Tisch setzen. Aber wir duzten uns, wie fast alle in Brasilien.

Ich gab also alles, um anders zu sein als ein von dienstbaren Geistern verwöhnter Brasilianer. Dabei sind meine Wohnung und das ganze elfstöckige Haus komplett für Hausangestellte und ein Zweiklassensystem ausgelegt. Das beginnt schon mit den Aufzügen, deren Benutzung streng geregelt ist. Vorne gibt es den elevador social, den offiziellen Aufzug, für die Bessergestellten, also für die Bewohner des Hauses und deren Gäste, während die Dienstboten sowie Lieferanten und Handwerker den hinteren Aufzug, den elevador de serviço, benutzen müssen. Und jede der rund zwanzig Wohnungen hat einen Vorder- und einen Hintereingang, der direkt zu den passenden Aufzügen führt.

Da ich im obersten Stock wohne, enden die Aufzüge direkt in meiner Wohnung. Der Serviceaufzug landet quasi in meiner Küche. Durchquert man die schlauchartige Küche, steht man vor einer Tür, die in einen winzigen Flur führt, von dem wiederum zwei noch winzigere Kämmerchen abgehen. Eigentlich bloß Verschläge mit einer eingebauten Holzpritsche, siebzig Zentimeter breit und einen Meter neunzig lang, und einem kleinen Einbauschrank. Fertig. Mehr Platz ist nicht, denn insgesamt misst dieser Miniraum kaum drei Quadratmeter. Hier wohnten und schliefen früher die Hausangestellten. Apartheid in Architektur gegossen. Ich ziehe eine andere Nutzung vor und lagere dort meine beiden Strandklappstühle, einen alten Sonnenschirm und ein Beachballspiel. Außerdem befindet sich zwischen Küche und Hinterausgang eine Dienstbotentoilette mit karger Dusche. Rosangela benutzt nur diese - nie käme sie auf die Idee, das Bad vorne aufzusuchen. Und nie würde sie mit dem »falschen« Aufzug fahren.

Das Zweiklassendenken ist tief verwurzelt im brasilianischen Alltag. Das lernte ich gleich zu Beginn, als ich mir in einem Möbelgeschäft in Rio de Janeiro ein Sofa bestellte. Zwar war der Container mit meinen Möbeln und Umzugskisten aus Deutschland nach wochenlangem Hin und Her endlich vom brasilianischen Zoll freigegeben worden - was letztlich nur deshalb so lange dauerte, weil ich kein Schmiergeld zahlte -, aber ein Sofa fehlte mir noch. Mein altes hatte ich in Deutschland gelassen. Die Lieferung des neuen erfolgte an einem meiner...

"Dieses Buch ist die optimale Einstimmung auf die Fussball WM 2014. Andreas Wunn erklärt anschaulich, was man als Deutscher in Brasilien so alles machen kann, ohne sich zu blamieren. Unter anderem möglichst nicht tanzen."
 
"Unter den aufsteigenden Mächten des 21. Jahrhunderts verbreitet Brasilien den meisten Schwung und die größte Freude. Andreas Wunn beschreibt das Land der Fußball-Zauberer, des Sambas und der Favelas liebevoll, aber mit offenen Augen. Ich wünschte, ich hätte dieses Buch schon lesen können, bevor ich zum ersten Mal nach Rio flog."
 
"Absurde, warme, hinreißend schöne und schillernde Alltags-Erlebnisse, die so nur in Brasilien passieren."
 
"Ein amüsanter, witziger und von ganz viel Sympathie getragener Einblick in den Alltag und in das Denken der Brasilianer."

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