
Fritz Wölcken: Der literarische Mord.
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Vorwort von Thomas Wörtche
Es gibt berühmte Bücher, die dennoch weitgehend unbekannt sind. Kaum eine Bibliographie, kaum eine wissenschaftliche Arbeit zur Kriminalliteratur, die in den letzten fünfzig, sechzig Jahren in Deutschland erschienen ist, verweist nicht auf Fritz Wölckens Habilitationsschrift von 1953: »Der literarische Mord. Eine Untersuchung über die englische und amerikanische Kriminalliteratur«. Das macht sich gut in Fußnoten und Bibliographien, aber wenn man sich ein bisschen umhört, wer das Buch wirklich gelesen hat, und wenn man - akademisch einigermaßen routiniert kann man schon sehen, ob auf ein Buch rituell hingewiesen wird oder ob es ein ernsthafter Baustein einer Argumentation ist -, bedenkt, wie schwierig es war, an ein vollständiges Exemplar zu kommen, dann schleichen sich leise Zweifel ein, ob man Wölckens Werk nicht einfach der »frühen Forschung« zur Kriminalliteratur zuschlägt, also ins wissenschaftsgeschichtliche Archiv, ins Museum verbannt. Richard Alewyns berühmter Aufsatz »Anatomie des Detektivromans«, der 1968 in zwei Teilen in der ZEIT erschien, gilt allgemein als die entscheidende Nobilitierung der Kriminalliteratur - sie sei damit ein ernstzunehmender Gegenstandsbereich für die Literaturwissenschaft geworden, die damit dem gehobenen Essayismus à la Bertolt Brecht, Ernst Bloch, Walter Benjamin, Siegfried Kracauer und, nach dem Krieg, Helmut Heißenbüttel eigene Zugänge entgegenzusetzen habe. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Alewyns Aufsatz war selbst eher Essay, denn argumentierende Literaturwissenschaft, hatte aber durch den Druckort ZEIT einen erheblichen Prestigebonus,
Der einflussreiche Sampler »Der Kriminalroman«, herausgegeben von Jochen Vogt (als zweibändige Ausgabe 1971, neu bearbeitet in einem Band 1998), die für die wissenschaftliche und seriöse publizistische Auseinandersetzung mit der Kriminalliteratur im deutschsprachigen Raum sicher wirkmächtigste Publikation, hat keinen Auszug aus Wölcken aufgenommen. Alewyns gattungstheoretisch naive Simplifikation der beiden Typen von Kriminalroman, also Detektivroman und »Kriminalroman im engeren Sinn«, scheint die größere Anziehungskraft gehabt zu haben und auch noch einen einfacheren Umgang mit dem immer noch (im Grunde bis heute) unter letztendlichem Trivialverdacht stehenden Genre zu versprechen.
Deswegen möchte ich die Relevanz und auch die immer noch in Teilen bestehende Aktualität Wölckens unterstreichen. Der erste, sofort ins Auge fallende Grund, warum »Der literarische Mord« präsent gehalten werden sollte, ist so selbstverständlich, dass man ihn fast übersieht: Wölcken diskutiert Kriminalromane als Literatur, mit allen Konsequenzen. Nicht lesersoziologisch, nicht als »volkskundliches« Thema - die Erforschung populärer und trivialer Lesestoffe war lange bei den »Volkskundlern« oder Buch-Wissenschaftlern angesiedelt, weniger bei den argumentierenden Literaturwissenschaften -, nicht bei der »Trivialliteraturforschung.«
Vor allem Letzteres ist deswegen bemerkenswert, weil in den 1950er Jahren das Bemühen, wenigstens die deutsche Kultur vor angelsächsischem und amerikanischen »Dreck« rein zu halten (ein Kapitelchen in der Wir-sind-doch-nur-ein-verführtes-Kulturvolk) gerade in der Kriminalliteratur den idealen Angriffspunkt gefunden hatte (später gab's dann die berühmte »Aktion saubere Leinwand« und andere Prohibitionismen). Der berühmte »Grenzwächter«-Aufsatz von Wilhelm Müller: »Zur Topographie der Unteren Grenze«, der gerade in der einflussreichen Bibliotheksfachzeitschrift »Bücherei und Bildung« (3/1951, S. 665 - 669) erschienen war, rief dazu auf, »von der Waffe Gebrauch zu machen«, wenn es darum gehe, »unmoralische Kriminalromane« zu verhindern. Unter diesem kulturpolitischen Klima litt natürlich die Rezeption angelsächsischer Kriminalliteratur, um die sich gleich nach dem Krieg der Verleger, Journalist und Politiker Karl Anders mit seinem Krähen- bzw. Nest-Verlag kümmerte. Anders brachte zum ersten Mal Autoren wie Dashiell Hammett, Eric Ambler, Raymond Chandler etc. nach Deutschland, weil er der Meinung war, Kriminalliteratur dieses Zuschnitts, Demokratie und Politik gehörten zusammen und trügen somit zu der dringend notwendigen Demokratisierung der (west-)deutschen Gesellschaft bei. Karl Anders selbst verfasste selbst auch eine - ironischerweise, s.o., bei Vogt 1971 abgedruckte - Erwiderung auf Müller, in dessen Leibundmagenblatt, dem oben zitierten BuB, 4/1952, S. 509 - S. 51, unter dem Titel: »Der Kriminalroman. Versuch einer Einordnung.«, der auch bei Culturbooks wieder zugänglich gemacht werden wird. (Zu dem ganzen Sachverhalt empfehlen wir Patrick Rössler: »anders denken. Krähen-Krimis und Zeitprobleme: der Nest-Verlag von Karl Anders«, mit u.a. substantiellen Beiträgen zum Thema von Ann Anders und Alf Mayer).
Die wirkliche, massive Erwiderung gegen derart reaktionäre und borniert-dumme Grenzwächterei war jedoch Fritz Wölckens Buch, das in eben diesem Nest-Verlag erschien, ausgestattet mit einer Finanzspritze der Deutschen Forschungsgemeinschaft, was man für diese Jahre durchaus als sensationell glücklichen Umstand bezeichnen darf.
Wölcken ließ sich souveränerweise auf dieses Niveau und diese zeitgeistigen Schlägereien gar nicht ein, sondern argumentierte ruhig und mit dem richtigen Bewusstsein für die ästhetische Tragfähigkeit der behandelten Kriminalromane. Sein Verwundern über das »sehr spärliche, ja geradezu verlegene theoretische Interesse« an dem Genre, das damals überall sonst auf der Welt schon eine gewaltige Leserschaft hatte, kontert Wölcken mit dem Nachweis, welche Anschlussmöglichkeiten eine Kriminalliteratur hat, die nicht a priori als reines Lesefutter ohne substantieller Kerne verstanden werden kann. Für Wölcken ist klar, dass Kriminalliteratur wie jede andere Literatur aus »ursprünglichen und abgeleiteten Werken« besteht, dass man also eine kriminalliterarisch interne Reihe beschreiben kann, die ihrerseits wieder mit den allgemeinen geistesgeschichtlichen und andere Kontexten synchronisiert ist. Es reicht also schon für Wölcken nicht aus, eine von anderen Paradigmen unabhängige »Geschichte der Kriminalliteratur« zu schreiben, obwohl man natürlich genau diese Geschichte intim kennen muss, um sinnvolle Aussagen machen zu können. Denn die schon damals große Produktion einschlägiger Romane verstellt den Blick, sofern keine qualitativen Kriterien ins Spiel kommen - der Umstand, »dass schlechte Detektivliteratur oft nicht wesentlich verschieden ist von guter Detektivliteratur« ist ein starker Grund, ihren jeweils ästhetischen Status festzustellen. Und das geht nur genuin literaturwissenschaftlich resp. literaturtheoretisch basiert. Das ist eine sehr originelle, ja schon beinahe aktuelle Argumentation, wenn wir zum Beispiel an die heutigen Diskussionen denken, die um den Vorrang des Gefühligen oder die um das »Das kann ich auch, wo ist der Unterschied zwischen Chandler und mir?« etwa.
Ein anderer und wichtiger Punkt bei Wölcken ist das Insistieren auf dem »Genre-Wissen« des Publikums. »Wenn er sein halbes Dutzend Geschichten vom selben Verfasser gelesen hat«, dann weiß der zumindest nicht ganz verblödete Leser, wie der Hase läuft. Dieses Genre-Wissen verbietet die oft als Legitimation für besonders pfiffige Krimilektüre besonders schwachsinniger Werke ins Feld geführte Möglichkeit des »Mitratens«, des »interaktiven dem Täter auf der Spur sein«, des »früher als der Detektiv wissen, wer's war«, das zu den argumentativen Folterwerkzeugen sinnloser und unfugiger Apologien des Krimis gehört. Auch hier argumentiert Wölcken erstaunlich modern: Weil zum Beispiel bei Edgar Allen Poe und dessen Nachfahren das deduktive Denken (aus allgemein bekannten geistesgeschichtlichen Gründen) absolut gesetzt wird, ist »die Wirklichkeit nichts gegen die Kraft der Deduktion« und weil das Deduzieren notwendigerweise den Setzungen des Autors folgt kann (die er jederzeit ändern kann), kann es weder einen Haken in die Realität geben, noch ein Fair Play zwischen Autor und Leser. Poe selbst, so meint Wölcken übrigens zu Recht, habe dieses Problem erkannt, sich erst darüber lustig gemacht und sich dann anderen Bereichen des Erzählens und Dichtens zugewandt. Eine elegante Erklärung dafür, warum schon der »Gründungstext« der Kriminalliteratur, die »Murders in the Rue Morgue«, sich selbst komisiert, auch wenn Wölcken das bei diesem Text noch nicht so sieht.
Was er aber deutlich sieht, das ist der Erstarrungstod des Whodunnits, der nur durch eine erhebliche Komplexionsaufladung von Kriminalliteratur gestoppt werden konnte. Das sei einmal bei Dorothy Sayers eingelöst, die sozusagen das ganze vormoderne Abendland in ihre Texte und Konstellationen einfließen lässt, und zum anderen bei Raymond Chandler, der zwar moderner erscheine als er strukturell tatsächlich ist (er sei dem guten, alten Whodunit noch viel fundamentaler verbunden als man meine, findet Wölcken, zurecht), der aber wegen seiner einzigartigen sprachlichen Qualitäten (die Metaphern und die wisecracks) die Frage nach dem Täter transzendiere, selbst da, wo er der Moralist sei, der einen überführten Täter als sinnhaft und deswegen unabdingbar versteht. Gilbert Keith Chesterton, by the way, wird von Wölcken nicht zu den Paradigmenwechslern gezählt, auch da verblüffend antizeitgeistig und kühl: Unter den ganzen brillanten Paradoxen, die Chesterton auffährt, unter seiner metaphysischen, moralischen und religiösen Rhetorik, mit der die Father-Brown-Geschichten vollgestopft ist, liege nicht anders als »ziemlich schwache Detektivgeschichten« - auch das ein Befund, dem man nicht widersprechen möchte.
Den nächsten großen...
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