
Der tätowierte Troll trieb tagelang im tautrüben tidentrotzenden Torfmoorteich
Beschreibung
Denn was ist ein Krimi, wenn nicht ein Märchen für Erwachsene, das im vorliegenden Fall spannend, aber zugleich auch augenzwinkernd mit einem halluzinogenen Streifzug durch die vom gemeinen Hausschwamm bedrohten deutsche und welsche Sprichwort-Asservate erzählt wird.
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Person
Als Berufsoffiziersanwärter verließ er 1967 nach fast drei Dienstjahren die Bundesmarine. Anlass seiner Demission war der seines Erachtens damals von Politik und Justiz unter den Teppich gekehrte Mord an dem Studenten Benno Ohnesorg.
In Würzburg und Bonn studierte er englische und russische Philologie auf das Höhere Lehramt. Ein weiteres Ziel, das er 1972 trotz des inzwischen erlangten Staatsexamens wieder verwarf.
Stattdessen ergriff er die Gelegenheit, als Seiteneinsteiger Konferenzdolmetscher der EU-Kommission in Brüssel zu werden.
Studierte parallel zu seiner Arbeit aus zuletzt acht passiven Sprachen ins Deutsche und Englische auch sechs Semester Jura an der Fernuni Hagen und hielt sich beruflich längere Zeit jeweils in verschiedenen europäischen Metropolen und Kulturen wie London, Kopenhagen, Athen, Moskau und Istanbul auf.
Mit einer Dänin verheiratet, besuchte er Skandinavien und nicht zuletzt Norwegen regelmäßig zu Wasser und zu Lande.
Nachdem er sich schon während seiner Militär- und Studienzeit immer mal wieder mit Gelegenheitsartikeln für alle möglichen Gazetten versucht hatte, widmete er sich vom Zeitpunkt seiner Pensionierung an fast ausschließlich der Abfassung von maritimen Essays und Abenteuerromanen mit kriminalistischem Einschlag (siehe Verzeichnis).
Paul Werner ist geschiedener Vater dreier erwachsener, durch und durch dänischer Töchter, wohnt selbst jedoch in Hamburg.
Inhalt
2. POPEYE UND DER TROLL.
"Teich" war die nichtssagende Bezeichnung des in Rede stehenden Falles ebenso wie der mit seiner Ermittlung und gerichtsfesten Aufklärung betrauten Besonderen Aufbau-Organisation (BAO). So hieß die ad hoc aus Mitgliedern ganz verschiedener und mehrheitlich normalerweise nicht mit Gewaltverbrechen befasster Dezernate gebildeter Gruppierung beim LKA Hamburg, die anderswo in der Republik als Sonderkommission, kurz "Soko" auftraten und nicht zuletzt durch mediale Abnutzung hohen Bekanntheitsgrad genossen. Über Sinn und Unsinn der reflexhaften Bildung solcher personalintensiven Gremien ließ sich nach Fischlers Überzeugung streiten.
Das galt erst recht für deren Bezeichnungen wie "Teich", "Bach", "Heide", "Erle" oder ähnliche, die den Eindruck erwecken konnten, Sokos hätten sich Gartenbau und Landschaftspflege verschrieben.
Tatsächlich waren derlei Benennungen von dem untauglichen Versuch motiviert, die durch Soko-Bildungen geweckten Erwartungshaltungen der Öffentlichkeit im Nachgang sofort wieder zu dimmen.
Denn wer außer einem Karpfen verbindet seine Hoffnung auf eine rasche Verbrechensaufklärung allen Ernstes mit einer Soko "Teich"?
Die mit solch allgemeinen Toponymen einhergehende Anonymisierung und Verdinglichung der Verbrechensopfer, die ja in der Regel einen Namen trugen, wurde dabei billigend in Kauf genommen.
Im vorliegenden Fall, das musste Fischler allerdings konzedieren, hätte eine BAO "Troll" nicht nur befremdlich geklungen, sondern womöglich einen tatsächlich nicht vorhandenen Cyber-Kontext suggeriert.
"Troll" lautete der Spitzname, den die Hamburger Kripo dem rund zwei Wochen zuvor in einem winzigen Nebenbecken der Außenalster tot treibend aufgefundenen Mordopfer bislang unbekannter Identität wie Münzen auf die leeren Augenhöhlen gedrückt hatte.
Dies nicht zuletzt deshalb, weil der deutschen Sprache handliche Begriffe wie das angelsächsische, aus den Lettern "ID" gebildete "John (oder "Jane") Doe" nun mal nicht zur Verfügung standen.
Darüber hinaus wies das Mordopfer vom Teich, wie es sich für einen Troll gebührt, eine Vielzahl körperlicher Besonderheiten auf, die ihn selbst in einer Stadt wie Hamburg als ausgesprochenen Exoten brandmarkte.
Das Mordopfer war laut Bericht eine männliche Person um die vierzig, von heller, wenn auch sonnengebräunter und
von Kopf bis Fuß tätowierter Haut. Mithin das, was die Amerikaner für ihre Zwecke gern als "Caucasian" rubrizieren.
Dass es sich dabei um ein ziemlich grobschlächtiges Raster handelte, wurde durch den "Troll" insofern schlüssig bewiesen, als seine relativ helle Hautfarbe mit einer unverkennbar negroiden Physiognomie einherging, die dem Begriff "Caucasian" Hohn sprach.
Diese Besonderheit sowie seine ungepflegt wirkenden Dreadlocks ließen fürs erste jedenfalls auf karibische Wurzeln schließen.
Von der Waschhaut seiner Finger präzise Abdrücke zu gewinnen, war nicht einfach gewesen und hatte letztlich so wenig erbracht wie das vom Wasser stark mitgenommene DNA-Material.
Von eher gedrungener Gestalt, war sein Körperbau so ausgesprochen muskulös, als hätte er zeitlebens die von ihm selbst möglicherweise als Makel empfundene fehlende Körpergröße durch Muskelmasse zu kompensieren versucht. Überdies waren seine Hände ungewöhnlich schwielig und glichen darin denen eines Erntehelfers oder Minenarbeiters. Diese wiederum hätten vielleicht ähnlich viele Tätowierungen, jedoch kaum so zahlreiche, über den ganzen Körper verteilte ältere und jüngere Narben aufgewiesen.
"Ein Mann für's Grobe," fasste der vor sich hindösende Fischler seinen Eindruck murmelnd zusammen.
Todesursächlich waren laut Rechtsmedizin die beiden Einschüsse in die Augen, abgefeuert mit einer Waffe vom Kaliber .22.
Das war kein Kaliber für die Großwildjagd, aber auch kein harmloser Kinderkram, denn seine Projektile töteten, zumal auf kurze Entfernung, einen Menschen ebenso zuverlässig wie jene vom Kaliber 9mm oder .44 Magnum. Da sie beim Aufprall auf Knochen oft im Körper der Opfer zerbarsten und die Splitter sich keiner bestimmten Waffe mehr zuordnen ließen, erfreute sich das Kaliber .22 nicht zuletzt in Kreisen von Auftragsmördern sogar einer gewissen Beliebtheit.
Das relativ geringe Gewicht und die Leichtigkeit der Handhabung der Schusswaffen dieses Kalibers machte sie im Übrigen zu Pistolen der Wahl von Damen, die um ihre Sicherheit besorgt waren oder sich mit dunklen Absichten trugen.
Die Marotte, seinen Opfern in die Augen zu schießen, war als "Signatur" eines Berufskillers bekannt, der in Polizei- wie in Unterweltskreisen mit dem Künstlernamen "Popeye" kursierte. Wer sich hinter diesem Pseudonym verbarg, ob Männlein oder Weiblein, ob jung oder eher älter, war nicht bekannt. Popeye duldete bei der Arbeit keine Zuschauer und verfolgte allfällige Augenzeugen, die zur falschen Zeit am falschen Ort auftauchten, mit tödlicher Konsequenz.
Die Leiche des Trolls hatte einige Tage lang zur Hälfte getaucht in jenem seichten und ziemlich trüben Stillgewässer gelegen, das die seltsame Bezeichnung "Feenteich" trug. Wahrscheinlich hatte sie sich während dieser Zeit mangels Tidenstrom kaum von der Stelle bewegt, bevor sie von einem der zu dieser Jahreszeit seltenen Stehpaddler entdeckt worden war.
Das bedeutete eine wesentliche Arbeitserschwernis für die Spurensicherer, steht die zerstörerische Kraft von Wasser derjenigen von Feuer bekanntlich nicht viel nach. Und die Fische im Teich mussten sich ja auch von irgendwas ernähren.
Der zusammengesetzte Name des am nordöstlichen Ufer der Außenalster im Stadtteil Uhlenhorst gelegenen, fast quadratisehen Gewässers von der ungefähren Fläche zweier Fußballfelder war in beiden seiner Teile missweisend.
Denn durfte schon die durch Aufstauung des gleichnamigen Flusses entstandene Außenalster als kaum mehr denn eine seichte Pfütze gelten, wies diese winzige Ausbeulung von Stillwasser streng genommen keines der üblichen Parameter dessen auf, was Hydrologen als "Teich" durchgehen lassen.
Es handelte sich mit anderen Worten nicht um ein künstlich angelegtes und in sich abgeschlossenes Wasserbauwerk, sondern schlicht und ergreifend um ein allfälliges, durch Trockenlegung des hiesigen Moores und anschließender Torfgewinnung entstandenes Loch. Als der Torf zur Neige gegangen oder sein Abbau nicht mehr rentabel erschienen war, hatte man das Loch wieder geflutet. Dafür, dass irgendwelche Feen an diesen fördertechnischen Vorgängen beteiligt gewesen wären, gab es keinerlei erwähnenswerte Anhaltspunkte.
Im Gegenteil: seine frühere, arg prosaische, aber üassende Bezeichnung "Bassin" ordnete das zum Stillgewässer gewordene Loch in der Landschaft der Familie aufgelassener und umgewidmeter Tagebau-Gruben zu.
Aber es verband sich damit ein Schmuddel-Image, das die als gut betucht geltende und gern unter ihresgleichen bleibende Haute Volée von Anrainerschaft allem Anschein nach nicht wirklich goutierte. Weshalb sie ein Umbenennungsbegehren lancierte, das letzten Endes erfolgreich war und dem Teich das Label des geheimnisvoll-märchenhaften Feendomizils verliehen hatte.
Die sorgsam gehegte Exklusivität des Teichs wurde dergestalt durch dessen Erhebung in den Stand eines quasi schützenswerten städtischen Kulturerbes ideologisch rechtfertigt: social distancing war, so schien es, auf der Uhle schon immer Thema.
Inmitten einer pausenlos lärmend wuselnden und pulsierenden Millionenstadt, deren Bevölkerung wie kaum eine zweite in dieser Republik unablässig um das goldene Vlies steppt, gibt sich die naive Sehnsucht nach einem winzigen wässrigen Reservat der nachgerade poetischen Empfindsamkeit schnell mal der Lächerlichkeit preis.
Wer in Hamburg Feen treffen wollte, tat gut daran, seine Zeit nicht an irgendwelchen Teichen zu vertun, sondern spornstreichs Richtung Reeperbahn zu eilen.
Dort, in St. Pauli, hatte die Hamburger Kripo zunächst auch vorrangig nach Tätowierern gesucht, die in der Lage waren, den Symbolwert wenigstens einiger der unzähligen Tattoos des Trolls zu entschlüsseln und damit möglicherweise den entscheidenden Hinweis auf dessen Herkunft und eventueller Zugehörigkeit zu irgendwelchen Banden oder Bünden zu liefern.
Erst, als man dort nicht fündig geworden war, hatte man sich dieses Sonderlings vom BKA erinnert, der für solche Themen eine beachtliche Expertise bereithielt. Doch KD Fischler war zu diesem Zeitpunkt so gut wie unerreichbar auf einer winzigen schwedischen Schäreninsel, die er sich für einen wohlverdienten Urlaub gerade deshalb ausgesucht hatte, weil sich ihre an den Fingern einer Hand abzuzählenden Bewohner den Errungenschaften moderner Kommunikationstechnik so trotzig widersetzten wie die Asterix-Gallier den sie bedrängenden Römern.
So hatte ihn das Material des LKA Hamburg erst zwei Wochen nach dem Leichenfund erreicht. Bei der Durchsicht der Fotos hatte ihn die schiere Fülle...
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