
Flussaufwärts durch die Zeit
Beschreibung
in einem Jahr sterben wird. Nach einem Leben voller Opfer und enttäuschter Glückserwartungen versucht sie, den bevorstehenden Tod durch eine Reise in die Vergangenheit zu verarbeiten. Sie macht sich auf die Suche nach einer verlorenen Liebe, einem tschechischen Kriegsgefangenen, der auf ihrem Bauernhof gearbeitet hat. Mit ihrer Tochter, der 40-jährigen Reiseführerin Johanna, reist sie entlang der Elbe, von Hamburg bis zur Quelle im tschechischen Riesengebirge, der Heimat des Kriegsgefangenen. Dabei wird in Rückblenden ihr Leben von den 20er bis zu den 80er Jahren wachgerufen.
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Person
Inhalt
- 1 -
Es war kalt und doch sonnig. Der Doppeldecker-Bus hatte das Verdeck oben offen, damit die Touristen die Sonne genießen konnten und eine bessere Aussicht hatten. Die Mittagstour war trotzdem nur schwach belegt. Ich schaffte es noch, eine italienische Familie in den Bus zu locken, dann fuhren wir ab. Der Fahrer war nicht sonderlich zufrieden. Das merkte ich sofort. Wenig Fahrgäste hieß wenig Trinkgeld. Ob er der Uhrzeit die Schuld gab oder mir, das konnte ich nicht erkennen.
Wir fuhren los, ich ging nach oben, nahm das Mikrofon und begrüßte die Gäste. »Unsere Hop-on-Hop-off-Busse fahren stündlich. Sie können an jeder Haltestelle aussteigen, eine Pause machen und mit dem nächsten Bus weiterfahren.«
Das gefiel den Gästen und viele stiegen an der Außenalster wieder aus. Wir fuhren in Richtung Binnenhafen und Zollkanal. Ich nutzte eine rote Ampel, um mit gespieltem Stolz zu erzählen, dass Hamburg mehr Brücken hat als Venedig. Einige nickten, das schienen sie schon oft gehört zu haben. Aber unser Chef wollte, dass wir es immer wieder sagten. Ich zeigte ihnen die lange Reihe der hoch aufragenden historischen Speicher in rotem Backstein. Speicher für Teppiche, Gewürze, Kaffee und Tee, die im Hamburger Freihafen seit Jahrhunderten umgeschlagen werden. Ich wollte ihnen die verschiedenen Gerüche nahebringen, aber der Bus fuhr mal wieder zu schnell.
»Ist das der Dom?« fragte eine ältere Dame hinter mir. »Mein Enkel möchte aufs Riesenrad! Das soll es am Dom geben.« Ich drehte mich um. Die Frau trug einen weißen Strohhut und sah aus wie meine Mutter.
Ich schluckte und sagte dann schnell: »Die Speicher sind tatsächlich fast so schön wie eine gotische Kirche. Aber der Dom, den Sie meinen, der mit dem Riesenrad, ist ein Jahrmarkt und findet auf dem Heiligengeistfeld statt.« Einige Gäste sahen mich verwundert an. Wie sollte ich Perserteppiche, den abgerissenen katholischen Dom, den Heiligen Geist und das Riesenrad so schnell unter einen Hut bekommen? Der Bus bog schon ab.
Die ältere Dame, die aussah wie meine Mutter, legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: »Ich habe verstanden.«
Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Meine Mutter hatte mich gestern Abend angerufen. Und ich wollte sie zurückrufen. Das hatte ich völlig vergessen.
Nun schaffte ich es nicht mehr, auf die links gelegene Katharinenkirche und auf ihr trauriges Schicksal nach dem Bau der Speicherstadt und der Errichtung des Freihafens hinzuweisen. Auch dass Bach einmal auf ihrer berühmten Orgel gespielt hatte und dass die goldene Kirchturmkrone angeblich aus dem Goldschatz des berühmten Seeräubers Störtebeker stammte, konnte ich nicht mehr loswerden. Dabei hätte das dem Enkel der alten Dame sicher gefallen. Und mir.
Meine Mutter rief immer im falschen Moment an.
Die italienische Familie sah geschlossen aus dem linken Fenster zur Katharinen-Kirche. Denn sie hatten den Audioguide in italienischer Sprache im Ohr und hörten eine automatische Ansagerstimme, die sich nicht unterbrechen und ablenken ließ wie ich.
Auf den Elbbrücken überquerten wir die Norderelbe und sahen vor uns die Elbinsel mit ihren zum Teil schon brachliegenden alten Kaianlagen.
»An dieser Brücke endet die Tideelbe und links davon beginnt die Mittelelbe mit der Binnenschifffahrt.«
»Was ist Tideelbe?« rief von hinten eine Stimme mit bayrischem Tonfall. Ich drehte mich um und sah zwei Männer in Lodenjacken und Kniebundhosen.
»Tide, das sind die Gezeiten, also Ebbe und Flut, die von der Nordsee bis in die Elbe hineinwirken.« Ob die Bayern wissen, was Ebbe und Flut ist, fragte ich mich, als wir den Fluss schon überquert hatten und der Enkel hinter mir rief: »Guck mal, Oma, die Schiffe da, ganz schmal und riesig lang!«
Während die Bayern vielleicht noch über das Wort Ebbe nachdachten, zeigte ich den Fahrgästen die langen Flussschiffe in den kleinen abgesonderten Binnenschifffahrtshäfen: im Saalehafen, im Spreehafen, im Moldauhafen.
»Moldauhafen? Mündet die Moldau hier in die Elbe?«, fragte das junge verliebte Pärchen, das mir gegenüber saß, fast wie aus einem Munde.
»Nein«, lachte ich, »die Moldau mündet schon bei Prag in die Elbe, aber dieser Hafen gehört den Tschechen,gepachtet für 99 Jahre seit dem Versailler Vertrag. An dem Mast da drüben hängt auch die tschechische Flagge.«
Vielleicht hätte ich nicht lachen sollen. Ich sollte lieber mal einen Witz einstreuen, damit meine Gäste lachen können. Das lieben die Touristen, hatte man mir erklärt, als ich mich um diesen Job bewarb. Ich hätte erzählen können, dass eigentlich die Elbe in die Moldau mündet. Das sagte meine Mutter jedenfalls immer.
»Woas is des, Ebbe?« tönte es aber nun aus der bayrischen Ecke.
»Wenn ich kein Geld im Portemonnaie hab, dann hab ich Ebbe.«
Ein Lastwagen überholte uns polternd, so dass niemand meinen Witz verstanden hatte. Und für die Moldau war es nun auch schon zu spät.
Hinter Ballins Auswandererhallen bogen wir ab und sahen die ausrangierten Kräne, Baggerschiffe, Lastschuten und die alten Kaianlagen.
»Der Siegeszug der Container hat all diese Hafenanlagen überflüssig gemacht«, erklärte ich.
Der Bus hielt, einige Touristen stiegen ein. »Interessantes Gelände, aber es gibt hier nichts zu essen«, murrte einer von ihnen.
Ich wollte ihm gerade den kleinen Fisch-Imbiss zwischen Moldauhafen und Saalehafen anpreisen, aber mir fiel noch rechtzeitig ein, dass wir ja Kopfgeld bekamen. Für jeden Touristen, der bei uns einstieg.
Der Himmel war immer noch wolkenlos, aber es war ein seltsamer Wind aufgekommen, trocken und hart, fast wie ein kalter Wüstenwind. Beim letzten Stopp hatte ich die Silhouette der Hamburger Innenstadt erklärt, die man von hier aus auf der anderen Elbseite besonders schön erkennen konnte: die Türme von Michel, Rathaus, Petrikirche, Jakobi- und Katharinenkirche. Die Reihenfolge der Türme durfte ich nicht verwechseln. Irgendeiner kannte sich immer aus und meckerte, wenn ich Fehler machte.
Danach fuhren wir in Richtung Köhlbrandbrücke, die uns über die Süderelbe bringen sollte. Der Sturm nahm zu, als wir auf der Rampe der hohen, geschwungenen Brücke waren, die völlig frei an ihren Seilen zu hängen schien und fast keine Seitenplanken hatte. Und sich in ständiger Reparatur befand. Vor uns bremste ein Laster abrupt und stellte sich etwas schräg. Wir standen im Stau vor der Baustellenverengung. Die Brücke wackelte. Unser Verdeck war immer noch offen, die Sonne schien zwar, aber der Wind peitschte uns nun voll ins Gesicht. Ich müsste das Dach schließen. Das gehörte zu meinen Aufgaben. Aber ich saß wie angekettet auf meinem Sitz und klammerte mich an mein Mikrofon.
Dann fuhren wir weiter. Die ganze Brücke war eine einzige Kurve. Durch eine Windböe machte unser nur halb gefüllter Bus einen kleinen Satz zur Seite. Tief unter uns lag das Wasser der Süderelbe. Die Seitenplanken konnte ich nicht mehr sehen. Gab es überhaupt noch eine Straße oder flogen wir? Ich bekam Panik. Jetzt stürzen wir ab. Wie damals bei dem letzten Flug mit meinem Mann. Er hatte gerade zugegeben, dass er mich jahrelang betrogen hatte. Ich hatte den Boden unter den Füßen verloren und war überzeugt gewesen, wir würden abstürzen.
Aber ich war nicht im Flugzeug. Es war nur eine Brücke. Und die Scheidung lag schon hinter mir. Auch wenn ich immer noch irgendwie in der Luft hing. Ich versuchte mich zu beruhigen, konzentrierte mich auf meinen Text, den ich wie in Trance abspulte. Ich erklärte die verschiedenen Container-Terminals, die neben und unter uns lagen.
»Die weißen Container sind Kühlcontainer, die anderen Farben zeigen die Reederei an, rot für Hamburg Süd, orange für Hapag Lloyd, blau für Hanjin.« Aber ich schaute nicht hin. Ich kannte sie ja auswendig.
Der kleine Junge hinter mir sprang vor Begeisterung auf. Für ihn schienen es bunte Legosteine zu sein. Seine Oma drückte ihn wieder auf den Sitz und rief: »Können Sie bitte das Verdeck schließen. Es ist sehr windig und kalt.«
Ich müsste aufstehen und das ganze Verdeck auf der Laufschiene mühsam von hinten nach vorn ziehen. Aber ich konnte mich nicht bewegen. Ich dachte an meinen Mann und unsere Trennung und auch daran, wie meine Mutter gesagt hatte: »Deshalb musst du dich doch nicht gleich trennen! Dein Vater hat mich auch betrogen.« Ich dachte wieder an ihren Anruf. Sie rief immer im falschen Moment an. Das war schon immer so. Nach dem Frühstück wollte ich sie zurückrufen, aber da sprang das Faxgerät an und dann musste ich los.
Der Busfahrer rief von unten hoch: »Jetzt mach schon das Verdeck zu. Das ist dein Job.« Wenn die Gäste unzufrieden waren, bekam auch er weniger Trinkgeld.
Ich werde diesen Job wieder aufgeben, dachte ich. Diese Sightseeing-Touren sind mir einfach zu stressig. Lieber mache ich wieder meine kleinen Rundgänge durch die Stadt. Da verdiente man zwar weniger und seit der Scheidung brauchte ich eigentlich das Geld, aber ich hatte wenigstens meine Ruhe und konnte so lange reden, wie ich wollte.
Der erste Brückenpfeiler, der zweite Pfeiler. Jetzt ging es in der Kurve langsam wieder abwärts. Wir näherten uns dem Boden, ich war wieder in Sicherheit und konnte das Verdeck schließen. Während der Fahrt durch den Autobahn-Elbtunnel holte ich das Fax aus meiner Handtasche und kontrollierte noch mal den vorgeschlagenen Treffpunkt: Landungsbrücken, 13 Uhr. Brücke vier. Eine Anfrage von einem Privatkunden. Für eine >Reise an der Elbe. Fahrzeug vorhanden.<
Nun waren wir wieder auf der Nord-Seite der Elbe angelangt. Vom Altonaer Fischmarkt sah ich es genau: Die Brücke hatte viel zu wenig Pfeiler. Sie schien zu fliegen. Ästhetisch schön,...
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