Schweitzer Fachinformationen
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Kassette Nr. 1
Donnerstag, 14. Juni 2012
Strafgefangener, Ende 20, schwarzes, glatt zurück gekämmtes gegeltes Haar, Dreitage bart, Sonnenbrille, Kaugummi kauend, ca. 1,85 groß, muskelbepackt, weiße Sneaker, offene Schnürsenkel, schwarze Jeans, schwarzer Gürtel mit goldener Spange, schwarzes T-Shirt, schwarze Daunenjacke, Goldkettchen um den Hals, kräftige Hände mit tätowierten Fingern, betont lässiger federnder Gang, Edelmarken-Sporttasche
Hallo Meister, pass mal auf. Du fährst mich jetzt ganz gepflegt über den Ku'damm, so richtig schön zum Genießen.
Wird gemacht. Willst wohl was mitkriegen von der freien Welt?
Bingo. 4 Jahre, 9 Monate, 28 Tage gesiebte Luft. Da kommt ein Tapetenwechsel ziemlich gut.
Glaube ich sofort.
So lange hatten die mich noch nie am Kanthaken. Vom Gitterhotel habe ich vorerst die Nase voll.
Würde nicht gern mit Dir tauschen. Was macht man eigentlich gegen das Durchdrehen im Knast?
Hacken zusammenschlagen und Augen zu. Am Krassesten ist der Anfang. Du musst dich an die Arschlöcher von Grünhemden erst wieder gewöhnen. Bist noch gereizt wie ein Tiger und gehst wegen jedem Scheiß die Wände hoch.
Kann ich mir denken.
Schiebst ja noch Frust über das Einrücken. Und dann musst du wieder rein in die Routine. 6 Uhr Wecken, 6.40 Uhr Arbeitsbeginn, 15.45 Uhr Feierabend, dazwischen eine halbe Stunde Mittagspause auf der Zelle, nach der Arbeit Freistunde, zweimal in der Woche Sport, Muckibude, 18 Uhr bis 19 Uhr Auf schluss, um was zu regeln mit den anderen Jungs, 19 Uhr Einschluss, Ende Gelände. Nachtruhe bis morgens um 6.
Klingt ziemlich eintönig.
Das ist zäh wie Leder. Aber da musst du durch. Am Schlimmsten sind die Abende. Gerade im Sommer, wenn es lange hell ist und die Brüder in den Zellen ihre Radios hochfahren. Da hörst du im Innenhof jeden Ton. Kannst noch nicht mal pennen.
Wird es dir im Knast nicht langweilig?
Aber hallo. Dann wird es gefährlich. Plötzlich sehnst du dich nach draußen. Träumst von 'nem lauschigen Abend am Meer mit 'ner scharfen Braut im Arm. Oder von 'nem coolen Grillnachmittag im Tiergarten und 'ner feinen Flasche Bier. Oder mit den Kumpels im Kiez einfach mal 'ne Runde abhängen. Das macht dich kaputt. Dann wird die Birne weich und du könntest anfangen zu heulen. Kannst du aber nicht bringen. Sonst hast du bei den anderen verschissen, von wegen Muttersöhnchen und so.
Wie kriegst du das geregelt?
Ich rede mir ein, dass der Knast auch seine Vorteile hat. Du musst dich um nichts kümmern. Das Essen steht immer pünktlich auf dem Tisch. Kannst dir so viel rein pansen wie du willst. Klar hat der Koch manch mal einen schlechten Tag. Dann lässte die Pampe eben stehen. Verhungert ist hier noch niemand. Frische Wäsche gibt es jeden Freitag. Dreimal in der Woche kannst du warm duschen. Wenn du krank schiebst, kommst du zum Doc aufs Revier.
Das ist in der Tat nicht übel. Ich kenne ein paar Berber vom Bahnhof Zoo, die wären neidisch, wenn sie so was hätten. Würden sofort mit Dir tauschen. Aber drinnen ist bestimmt auch nicht alles Gold, was glänzt. Hast Du keine Angst, im Knast zu verblöden?
Na klar. Wer hat die nicht? Hier wird dir das Denken systematisch abtrainiert. Die Aufseher wollen ihre Ruhe haben. Wenn du querschießt, hast du sofort die Trachtengruppe am Hals. Die Idioten filzen deine Bude oder streichen dir mal eben die Besuchszeiten zusammen. Reine Schikane. Da musste durch. Arschbacken zusammenkneifen, den Pappkameraden fröhlich ins Gesicht grinsen. Das sind doch alles arme Schweine. Die raffen nichts. Null Peilung, was gerade Phase ist.
Heißt das, ihr Knackis macht euer eigenes Ding?
Aber hallo. Die Haftordnung kannst du dir in den Hintern stecken. Du hast hier nur eine Wahl: Entweder machst du mit deinen Kumpels Party und ihr mischt gemeinsam die Bude auf. Oder du ziehst dich zurück, versuchst dein eigenes Ding und fährst es voll vor den Baum. Dann gehst du vor die Hunde, wie die Warmduscher, die Klugscheißer, die Zinker. Für die ist der Knast die Hölle.
Wie das?
Ey, Alter, bist Du doof oder was? Was meinst Du, wer hier alles sitzt? Das sind zum Teil ganz ausgebuffte Typen. Die stecken ihre Claims ab und überwachen genau ihr Revier. Die verstehen keinen Spaß. Wenn du einem von denen ans Bein pinkelst, kriegst du Ärger. So schnell kannst du gar nicht gucken.
Aber die großen Bosse werden sich doch wegen einer kleinen Wurst wie dir nicht die Finger schmutzig machen.
Natürlich nicht. Die leben wie die Paschas. Für die Drecksarbeit haben die ihre Leute. In jedem Haus, auf jedem Flur gibt es Mittel- und Unterbosse. Die wissen, wie man es macht. Und es gibt Leute, die dafür sorgen, dass die anderen das auch merken.
Beispiel?
Ohne Drogen keine Party. Die Oberbosse regeln, wann welcher Stoff in den Knast kommt. Wenn das Zeug drin ist, wird es auf die Häuser verteilt und die Läufer verticken es an die Abnehmer.
Womit wird bezahlt?
Die Knastwährung sind Bomben und Packs, also Kaffee und Tabak. Wenn du die nicht pünktlich auftreibst, hast du ein Problem.
Wie wird das gelöst?
Plötzlich finden die beim Filzen was auf der Stube, was dir gar nicht gehört. Oder es sind Sachen aus deiner Zelle verschwunden, die vorhin noch da waren. Manch einer rutscht beim Duschen auf der Seife aus oder fängt sich während des Aufschlusses ein Veilchenauge ein.
Da kannst du gar nichts gegen machen?
Doch. Wenn dir einer blöd kommt, haust du ihm einen in die Fresse. Oder besser zwei. Wer sich hier nicht wehrt, wird durchgereicht. Das ist das Erste, was das Frischfleisch bei uns lernt. Wer das nicht kapiert, findet sich als persönlicher Sklave wieder. Oder er macht mal eben für andere die Hose auf.
Ganz schön brutal.
Man gewöhnt sich dran. Ist ja eigentlich auch nichts anderes als draußen.
Ein paar Unterschiede fallen mir schon noch ein. Aber in einem Punkte gebe ich Dir recht. Der Alltag draußen ist für viele ähnlich hart. Da klingelt auch morgens um 6 der Wecker. Dann springen sie auf, ob sie Lust haben oder nicht, und hetzen durch die Etappe. Am Abend wissen sie nicht, wo ihnen der Kopf steht. So fertig sind sie nach dem Job und ausgequetscht wie eine Zitrone. Dann greifen sie zum iPad oder zur Fernbedienung und ballern die innere Leere mit einem Computerspiel oder einer Netflixserie weg . (Pause).
So, Kollege. Wir steuern schnurstracks auf den Breitscheidplatz zu. Wie geht's denn nun weiter?
Ich glaube, wir müssen mal rüber zum Potsdamer Platz und von dort am besten zum Alex. Mal sehen, ob da noch alles steht.
Wie ist denn Dein Plan für draußen?
Weiß nicht. Da muss ich mit den Kumpels drüber sprechen.
Wie bitte? Willst Du etwa da wieder anfangen, wo Du vor dem Knast aufgehört hast?
Reg' Dich ab, Bruder. Auf mich wartet hier draußen doch niemand. Die feine Gesellschaft macht um Leute wie mich einen großen Bogen. Bei denen habe ich für alle Zeiten verschissen.
So pauschal würde ich das nicht sagen. Klar möchten alle zu den Reichen und Schönen gehören, Vorzeigekarriere, Nobelkarosse und Superfrau inklusive. Ein abgekratzter Ex-Knasti würde dieses schöne Bild sicherlich trüben.
Sag' ich doch. Die wollen mich nicht. Wenn ich bei denen aufkreuze, fahren die ihre Ellenbogen raus und machen mich platt. Da lobe ich mir den Bau.
Im Knast fängst du zwar bei null an, kannst aber im System Karriere machen. Weil nur die aktuelle Performance zählt. In der Freiheit scheiden sich bereits beim Blick in das Strafregister die Geister.
Sag' ich doch. Die wollen mich nicht. Ich habe verkackt. Ich bin ein Looser.
Das habe ich nicht gesagt. Und das glaube ich auch nicht.
Willst Du mich verarschen?
Keineswegs. Stell' Dir vor, Du zögest hier draußen Dein eigenes Ding durch. Ganz konsequent und ohne mit der Wimper zu zucken. Brauchtest keine dicke Backe mehr, um anderen zu imponieren. Legtest keine bella figura auf für die Galerie. Du tätest alles nur für Dich. Wie fühlt sich das an?
Das wäre mal was Neues.
Hättest Du Lust, es auszuprobieren?
Warum nicht? Aber ich glaube nicht, dass es klappt.
Wieso nicht? Du bist doch ein freier Vogel und kannst machen was Du willst.
Das schon. Aber was soll ich denn wollen?
Das musst Du selbst herausfinden.
Tolle Wurst. Und wie mache ich das?
Ich kenne im Fläming einen Schrank von Mann. Der betreibt dort eine Baum schule und hat für Leute Platz, die nicht lange rum schwafeln. Die müssen die Ärmel hoch krempeln und kräftig in die Hände spucken. Echte Männer, die zu ihrem Wort stehen und auf die er sich verlassen kann.
Was springt für mich dabei raus?
Von der Schufterei wirst Du nicht reich. Und...
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