
An der Schattenseite des Lebens
Beschreibung
Dr. Hubert Pöschl ist bekannt für seine lebendigen Diavorträge, Reiseberichte und Lesungen. Mit "An der Schattenseite des Lebens. Ein Kind als Zeitzeuge. Die dunkelsten Jahre des 20. Jahrhunderts" legte er 1998 seine erste Erzählung vor, die nun in 2. Auflage erscheint.
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Inhalt
Stutzi
Ich begegnete diesem elfenartigen Wesen mit zierlicher Gestalt zum ersten Mal, als ich fünf Jahre alt war. Sie bewohnte mit ihren Eltern und ihren drei Brüdern eine im Stil der Jahrhundertwende errichtete Villa, die unweit vom Bauernhof meines Stiefvaters einsam am Waldrand lag. Auf mich einfachen Bauernbuben wirkte das hinter einem mehrere Meter hohen, dichtmaschigen Gitterzaun gelegene Gebäude mit seinen bemalten Fassaden und efeuumrankten Erkern und Nischen, in denen es protzige Vasen und sogar nackte Statuen zu bestaunen gab, wie ein Märchenschloss; und den darin lebenden Menschen begegnete ich mit größter Scheu, da sie aus einer mir völlig fremden Welt kamen.
Ich betrat diese gezwungenermaßen zum ersten Mal, als man mir eines Tages auftrug, einen Korb voll Eier "in d'Villa" zu bringen. Nur widerwillig machte ich mich auf den fünfminütigen Weg, der mich am Rande einer mit dichtem Gebüsch verwachsenen Schottergrube zur Villa emporführte. Langsam näherte ich mich der schmalen Gittertür und drückte zögernd den schmiedeeisernen Türgriff nieder. Die Tür war von innen verriegelt. Suchend blickte ich durch die engen Maschen des rostigen Gitters in den parkähnlichen Hof, in dem einige mächtige Linden emporragten, die an diesem heißen Sommertag das grelle Sonnenlicht abhielten.
Während mein Blick ratlos umherirrte, ertönte plötzlich eine helle Mädchenstimme dicht neben mir am Zaun: "He, du!" - Überrascht wendete ich meinen Kopf nach rechts, und da stand Stutzi in ihrem roten, geblümten Dirndlkleid mit ihren beiden dünnen Zöpfchen zum ersten Mal vor mir. Sie musste mich schon längere Zeit beobachtet haben.
"He, du!" ertönte es nochmals von jenseits des Zauns. Verunsichert und sprachlos starrte ich die kleine Unbekannte an, deren freundliches Lächeln und kameradschaftliche Anrede mir so viel an Mut zurückgab, dass ich mit einem ebenso kumpelhaften "Hmm" antwortete. Nach meiner knappen Erwiderung fragte sie mich in bestem Hochdeutsch: "Wer bist denn du?", worauf ich in dem mir gewohnten Dialekt antwortete: "I bin da Hubert. Vom Roth Bauern durt unt'n." Und fügte etwas selbstsicherer hinzu: "I bring d'Eia."
"Aha" war alles, was sie von sich gab. Sie entriegelte die Gittertür und ließ mich eintreten. Dann eilte sie voraus in die Küche, wo sie mich einer übergewichtigen Köchin in weißer Riesenschürze und mit zierlichem Häubchen übergab. Diese wiederum beeilte sich, einen dicken Stöpsel aus einem Sprechrohr in der Mauer zu ziehen und meine Ankunft der Gnädigen Frau ins obere Stockwerk zu vermelden, die daraufhin Anstalten machte, sich nach unten zu begeben, auf dem obersten Treppenabsatz jedoch stehenblieb, sobald sie unser ansichtig wurde, und ihre Instruktionen gab: "Gib die Eier unserer Köchin!" sagte sie mir zugewendet - und zur Köchin: "Anni, bitte kommen Sie zu mir herauf, sobald Sie etwas Zeit haben!" Und Stutzi befahl sie, mich zur Gartentür zu bringen. Sprach's, und verschwand ebenso schnell, wie sie aufgetaucht war, aus unserem Gesichtskreis.
Als Stutzi und ich wieder vor der verriegelten Gittertür standen, streckten wir beide zugleich unsere rechte Hand aus, um sie zu entriegeln. Dabei berührten sich unsere Hände für einen Augenblick. Verlegen lachten wir beide kurz auf. Ohne mich verabschiedet zu haben stand ich dann wieder vor der Gittertür, die ich hinter mir ins Schloss fallen hörte.
Ich war schon einige Schritte bergab gelaufen, als mir Stutzi nachrief: "Auf Wiedersehen!". "Servas!" schrie ich zurück, ohne mich umzudrehen. "Kommst du wieder?" hörte ich sie noch rufen. Sofort hielt ich im Laufen an und drehte mich zu ihr um. Ihr freundliches Lächeln und ihren fragenden Blick beantwortete ich mit einem verlegenen Bubengrinsen und einem von Achselzucken begleiteten "Vielleicht".
In den darauffolgenden Tagen zog es mich immer wieder in die Nähe der Villa zurück. In meiner zeitlosen Freiheit, denn für die Arbeit am Bauernhof war ich ja noch zu klein, streunte ich wie ein herrenloser Kater auf meiner Suche nach dem kleinen Mädchen im roten, geblümten Dirndlkleid rund um das geheimnisvolle Haus, das Stutzi tagelang nicht freigab. Manchmal kletterte ich auf einen der in unmittelbarer Nähe des hohen Gitterzauns stehenden uralten, knorrigen Obstbäume, die zum Bauernhof meines Stiefvaters gehörten, und führte alle meine Kletterkunststücke vor, in der Hoffnung, von "ihr" gesehen und bewundert zu werden.
Als ich an einem heißen Sommernachmittag gerade wieder einmal wie eine Fledermaus mit dem Kopf nach unten von einem Ast baumelte, öffnete sich plötzlich ein Fenster im ersten Stock der Villa, und Stutzis Mutter erschien in der Fensteröffnung. "Magst du vielleicht Stutzi besuchen?" fragte sie mich und fügte hinzu: "Sie ist schon seit Tagen krank und liegt im Bett." Während ich mich schwungvoll an den Beinen am Ast emporzog, ihn mit beiden Händen ergriff und mich kurz daran baumeln ließ, rief ich "I kum glei" der Frau im Fenster zu. Dann ließ ich mich zu Boden plumpsen.
Nachdem mich die freundliche, mit allerlei Küchengerüchen behaftete Köchin durch die schmale Tür im hohen Gitterzaun eingelassen hatte, führte sie mich durch einen düsteren Korridor ins erste Stockwerk empor, wo Stutzi in einem hellen und geräumigen Salon auf einer breiten Ottomane unter einer riesigen Decke lag. Ihr zartes Gesicht lächelte mir erwartungsvoll von einem schneeweißen Doppelkissen entgegen. "Du kannst Stutzi ein bisschen Gesellschaft leisten. Ihr ist schon so langweilig", sagte Stutzis Mutter zu mir und deutete auf einen bequemen Fauteuil, der neben der Ottomane stand. Ohne ein Wort zu sagen, setzte ich mich gehorsam auf den mir zugewiesenen Platz und versank sogleich bis über die Schultern in dem weichen Sitz, so dass nur mein Kopf gerade noch über die wuchtige, breite Lehne hinausragte.
Nachdem die feine Dame im silbergrauen Haar das Zimmer verlassen hatte, blieb es einige Zeit still im Raum. Die fremde Umgebung verwirrte mich. Verlegen blickte ich Stutzi an, die mich erwartungsvoll lächelnd ansah. Schließlich brach sie das Schweigen. "Das sind meine Puppen", sagte sie nicht ohne Stolz, auf eine Reihe verschieden gekleideter Puppen deutend, die neben ihr gehorsam die Mauer entlang in einer Reihe saßen und mich alle mit demselben starren Puppenlächeln anblickten. Da ich ihren Schätzen nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatte, mit dem ich sie hätte beeindrucken können, nickte ich nur kurz und schwieg weiter.
Wieder war es Stutzi, die das Schweigen brach. Ihren Heimvorteil sichtlich genießend, wies sie auf einige Märchenbücher, die neben ihr auf einem Tischchen lagen, und fragte begierig: "Kannst du schon lesen?" Ich verneinte mit einer Kopfbewegung. Sicherlich hätte mein Schweigen noch längere Zeit angehalten, wäre nicht Willi, Stutzis elfjähriger Bruder, mit einem Kasperl an der linken Hand und einem Krokodil an der rechten ins Zimmer gestürmt. Hinter einer hölzernen, eineinhalb Meter hohen Trennwand stehend, die den großen Raum teilte, begann er uns sofort unbekümmert eine wilde Verfolgungsjagd zwischen Kasperl und Krokodil vorzuspielen, die in einen heftigen Kampf mündete. Dabei bezog er Stutzi und mich so geschickt und unbewußt ins Geschehen mit ein, dass wir beide in unserer kindlichen Begeisterung Kasperl bedenkenlos Rede und Antwort standen. Damit war das Eis zwischen uns gebrochen. Ich forderte Stutzi auf, mit mir doch einmal in den steilen Sandwänden der gefährlichen Schottergrube herumzuklettern, wozu sie begeistert einwilligte. Und sie lud mich ein, mit ihr doch einmal in den Hühnerstall, einen geräumigen Gitterkäfig, zu kriechen, um die Eier von den Nestern zu holen; anscheinend das Abenteuerlichste, das sie mir in der Vertrautheit unserer soeben erst geschlossenen Freundschaft bieten konnte.
Und so krochen wir einige Tage später gemeinsam in den zur Gänze vergitterten Hühnerhof. Allerdings erwies sich unser "Unternehmen Hühnerstall" aufregender, als ich es mir vorgestellt hatte, da Wotan, ein Prachtexemplar von einem Hahn, empört über die unliebsame Störung seiner Haremsaktivitäten, Stutzi zu attackieren begann, worauf ich ihn kurzerhand einfing und den mit seinen Flügeln wild um sich schlagenden Herrn des Hühnerhofes meiner entsetzten Begleiterin präsentierte. Als mir Wotan scheinbar entwischte, verblieb eine prachtvoll schillernde, elegant geschwungene Schwanzfeder - rein zufällig - in meinen Händen zurück, die ich selbstverständlich meiner kleinen Freundin schenkte. Sie war hingerissen von meiner Kühnheit, noch mehr jedoch von der Schwanzfeder, mit der ich Stutzis Herz im Sturm erobert hatte.
In den folgenden Wochen versuchten wir, soviel Zeit wie nur möglich miteinander zu verbringen. Ich lehrte Stutzi, auf Bäume zu klettern und Baumhäuser zu bauen, in denen wir Vater, Mutter und Kind spielten, und sie führte...
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