Der Professor

Wie ich Schwedens erfolgreichster Profiler wurde
 
 
btb (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. April 2013
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-09273-3 (ISBN)
 
Skandale, Erfolge, Geheimdienstaktivitäten: Wie aus dem Sohn eines Bauarbeiters der erfolgreichste Profiler Schwedens wurde

In Schweden ist er so bekannt wie Kronprinzessin Viktoria oder ABBA: Leif GW Persson ist einer der erfolgreichsten skandinavischen Kriminalautoren. Seine Romane sind Bestseller, die alle Rekorde brechen. Dabei bietet sein eigenes Leben genügend Stoff: Persson, der als Jurist bei der Polizei begann, ist in den späten 70er Jahren an der spektakulären Aufdeckung eines der größten Justizskandale der schwedischen Geschichte beteiligt, in dessen Folge er seinen Job verliert. Nach einem Selbstmordversuch beginnt er zu schreiben, in nur sechs Wochen entsteht sein erster Roman, und Persson wird über Nacht berühmt. Heute gilt er als einer der erfolgreichsten Profiler Schwedens und ist Professor für Kriminologie. Doch im Leben bleibt der Sohn eines Bauarbeiters zerrissen - und so ist seine Autobiografie auch die mitreißende Geschichte eines Menschen, der den sozialen Aufstieg geschafft hat und doch immer noch mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat ...

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
btb
  • 0,65 MB
978-3-641-09273-3 (9783641092733)
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Leif GW Persson gilt als Großmeister der skandinavischen Kriminalliteratur. Persson, der lange Zeit als Profiler im Polizeidienst tätig war, ist Professor der Kriminologie, Medienexperte und seit mittlerweile 30 Jahren einer der erfolgreichsten Krimiautoren Schwedens. Er wurde mehrfach mit dem Schwedischen Krimipreis ausgezeichnet, daneben erhielt er den Dänischen und den Finnischen Krimipreis. Seine Romane stehen regelmäßig auf Platz 1 der Bestsellerliste und verzeichnen Millionenauflagen.

1.

Sonntagskind mit Glückshaube

Das hier ist die Geschichte eines gesellschaftlichen Aufstiegs, meines gesellschaftlichen Aufstiegs. Dieser Aufstieg hat mein ganzes Leben entscheidend geprägt. In großen und kleinen Dingen, bis hin zu Bagatellen.

Ich heiße Leif Gustav Willy Persson. Ich wurde am 12. März 1945 in der Allgemeinen Entbindungsanstalt in Stockholm mit für das Alter normalem Gewicht und normaler Größe geboren, dreieinhalb Kilo, 53 Zentimeter, fünf Finger an jeder Hand, fünf Zehen an jedem Fuß. Ich wurde für vollkommen gesund erklärt, ich sei bereit, dem Leben zu begegnen.

Am Tag meiner Geburt überschreiten zwei amerikanische Panzerdivisionen den Rhein. Gemeinsam mit den Engländern haben sie einen zwanzig Kilometer breiten Brückenkopf auf der Ostseite des Flusses etabliert. Gleichzeitig dringt die Rote Armee in die Vorstädte Berlins ein. In Europa kann man nun damit beginnen, die Tage bis zum Ende eines Krieges zu zählen, der fast sechs Jahre gedauert und einen ganzen Kontinent verheert hat. Der deutsche Adler ist flügellahm zu Boden gestürzt, die USA, England und ihr russischer Verbündeter teilen routinemäßig und jeder von seiner Seite die abschließenden Stockhiebe aus, und zwischen diesen Gegebenheiten und dem Zeitpunkt meiner eigenen Geburt besteht ein einfacher Zusammenhang.

Als ich im März 1945 zur Welt komme, haben meine Eltern fast zehn Jahre lang kinderlos zusammengelebt, aber jetzt, als der Krieg beinahe vorüber ist, werden in Schweden mehr Kinder geboren als je zuvor. Es ist nicht so, dass man sich übermütig einen Vorschuss auf den Frieden genehmigt, von dem alle wissen, dass er bald eine Tatsache sein wird. Im Gegenteil, selbst die Anzahl Neugeborener ist ein Ausdruck dafür, wie die anstellige Arbeiterklasse ihr Leben und nicht zuletzt auch ihren Nachwuchs plant. So war schließlich damals das allgemeine Bewusstsein bei den Politikern Per Albin Hansson und Tage Erlander, bei dem Theoretiker Gustav Möller und dem Ehepaar Myrdal bis hinunter zu denen, die sie gewählt haben wie beispielsweise meine Eltern Margit und Gustav.

Als ich sieben Jahre später eine Schwester bekomme, erfüllt sich das sozialdemokratische Bevölkerungsideal. Arbeiterfamilie mit zwei Kindern, sowohl einem Sohn als auch einer Tochter, Mama Margit und Papa Gustav, großer Bruder Leif und Schwesterchen Maud.

Als ich alt genug bin, um zuzuhören und zu verstehen, erzählt mir meine Mutter sofort, dass ich ein Glückskind war. Ich wurde nicht nur an einem Sonntag geboren, sondern auch mit einer Glückshaube. Ich war kein Junge aus der Oberschicht, der mit einem silbernen Löffel im Mund zur Welt gekommen war, sondern etwas viel Besseres, ich war ein Sonntagskind mit einer Glückshaube.

Den volkstümlichen Vorstellungen gemäß, die das Leben meiner Mutter und vieler Menschen ihres Hintergrundes und ihrer Generation bestimmten, stellte es ein großes Glück dar, an einem Sonntag zur Welt zu kommen. Das war fast so etwas wie eine Garantie für ein sorgenfreies Leben, ein Leben, das aus einer Aneinanderreihung arbeitsfreier Sonntage bestand. Außerdem ein Leben voller Erfolge, wie es allen Knaben gebührt, die sich mit einem Kopf gekrönt mit einer Amnionhaube aus dem Mutterleib zwängen.

Sobald ich alt genug bin, um lesen zu können, und obwohl ich noch nicht zur Schule gehe – es ist also nicht ganz klar, wie das zugegangen ist –, entschließe ich mich, mehr über die Gnade in Erfahrung zu bringen, die mir zuteilgeworden ist. Zu Hause gibt es keine Bücher, die meine Neugierde stillen könnten, aber da Mama die Wohnung der Witwe eines Konsuls im Nachbarhaus putzt, kann ich es mit Hilfe des »Svensk Uppslagsbok« aus dem Bücherregal in ihrem Wohnzimmer herausfinden.

Offenbar stimmt, was meine Mutter mir erzählt hat – wie seltsam es auch in meinen Ohren geklungen haben mag –, dass mein Kopf bei meiner Geburt mit einer Amnionhaut überzogen gewesen sei. Diese habe wie eine Haube auf meinem Schädel gesessen, was etwas sehr Ungewöhnliches sei. In früheren Zeiten wurden diese Glückshauben getrocknet und aufgehoben, was nicht verwunderlich war, da sie ihren Trägern die bemerkenswertesten Fähigkeiten verliehen. Man konnte eine Feuersbrunst löschen, indem man einfach um den Ort des Brandes herumging, man bekam das zweite Gesicht, konnte magische Riten durchführen und durch einfaches Handauflegen Blut stillen und Kranke und Verletzte heilen. Am wichtigsten war jedoch, dass der, der mit einer Glückshaube zur Welt gekommen war, alle Kämpfe, an denen er teilnahm, überleben würde.

So steht es tatsächlich in diesem Konversationslexikon, Kämpfe, an denen »er« teilnimmt, und obwohl ich erst fünf Jahre alt bin, verstehe ich, dass Mädchen nicht mit Glückshaube zur Welt kommen können. Dieses Privileg ist uns Knaben vorbehalten. Vielleicht ist es auch ein Ausdruck dafür, dass Mädchen und Frauen nicht kämpfen sollen. Jedenfalls nicht auf diese handgreifliche Art und Weise, die darin besteht, jemandem, dem man nie zuvor begegnet ist, ein Bajonett in die Eingeweide zu rammen.

Wie auch immer: Es ist keine schlechte Gabe, als Seher, Glückskind und Gesundbeter zur Welt zu kommen, außerdem unverletzbar und unbesiegbar. Gesundbeter, Seher und Sieger, mein Herz klopft bereits erwartungsvoll, weil ich Großes im Dienste der Menschheit vollbringen werde.

»Sei vorsichtig mit den Büchern der Alten«, sagt Mama, als sie mit dem Putzeimer vorbeikommt. »Keine Eselsohren, sonst kriegt sie einen Anfall.«

Erst Jahre später kommen mir Zweifel. Das Leben, das ich bislang geführt habe, entspricht so gar nicht den Prophezeiungen meiner Mutter.

Ich spreche mit meinem Vater Gustav unter vier Augen darüber. Er schüttelt den Kopf und zuckt zweifelnd mit den Schultern. An eine Glückshaube könne er sich nicht erinnern, jedenfalls habe ihm meine Mama Margit nichts davon erzählt. Ganz sicher ist er jedoch nicht, denn er war bei der Geburt nicht zugegen und hat meine erste Offenbarung nicht mit eigenen Augen beobachtet.

»Damals musste man ja noch auf dem Korridor warten, wie du sicher weißt. Also, bis es vorbei war.«

Ich begnüge mich damit zu nicken.

»Du weißt, wie das mit Mama sein kann«, sagt er begütigend und schüttelt erneut den Kopf. »Das Wichtigste ist doch wohl, dass es dir gut ergangen ist. Wer weiß, vielleicht ist es ja wahr?«

Seine Antwort weckt neue Fragen. Und zwar noch weit später über den Wahrheitsgehalt dessen, was ich gerade niedergeschrieben habe. Ist das hier eine Autobiografie, ein Roman oder vielleicht etwas anderes?

Bei der Beschreibung meines gesellschaftlichen Aufstiegs habe ich es natürlich vermieden zu lügen. Ich habe versucht, die Probleme, die ich anderen durch normale Nachlässigkeit verursachte oder durch alles Böse, das ich ihnen im Verlauf der Jahre zugefügt habe, indem ich manchmal so verbohrt war, dass ich mich meiner schlechtesten Seiten bedient habe, nicht zu verschweigen. Ich habe nicht einmal versucht, mein Versagen, meine Schwächen oder normale, einfache Peinlichkeiten zu verschweigen oder zu beschönigen. Aus denselben Gründen habe ich auch versucht, meine Erfolge nicht zu übertreiben und keine neuen zu erfinden.

Soweit ist in biografischer Hinsicht alles schön und gut. Die Probleme sind andere und weitaus schlimmere. Sie betreffen alles, was ich verdrängt, vergessen oder missverstanden habe. Hinzu kommt, dass ich auf Erzählungen älterer Personen in meiner Nähe, meiner eigenen Mutter beispielsweise, über mein Leben angewiesen bin.

Noch schlimmer ist meine Neigung, Lügengeschichten zu erzählen oder gute Geschichten, die mich umgeben, egal, ob sie mir jemand erzählt hat oder ob sie meinem eigenen Leben entspringen, ein wenig zu verbessern. Genauer gesagt von meinem eigenen Erleben meines eigenen Lebens.

Am schlimmsten ist jedoch das angsterfüllte, zwanghafte Kontrollbedürfnis, das mich angetrieben hat, als ich meine wissenschaftlichen Bücher und Artikel schrieb. Ich habe meine eigenen Fehlannahmen immer wieder korrigiert, habe jedes einzelne Komma überprüft und bin mitten in der Nacht aufgewacht, hellwach und in kalten Schweiß gebadet, weil mich ein weiterer Einwand im Schlaf überfallen hatte.

In dieser Zeit habe ich neun Romane über Verbrechen geschrieben, wobei es mir nicht so sehr darum ging, meine Erfahrungen aus meinem Berufsleben zu verwerten. Ich habe sie aus einem viel einfacheren Grund geschrieben, um Druck abzulassen, ein Ventil zu öffnen, um meine eigene Angst zu lindern, meine eigenen Seelenqualen, damit mich die Angst, etwas falsch zu machen, nicht ersticken würde. Denn beim Schreiben eines Romans bin ich ausnahmsweise einmal Herr der Wirklichkeit und kann ganz allein und bis ins kleinste erfundene Detail über die Realität entscheiden, die ich beschreibe.

Als Gustave Flaubert 1857 seinen Roman »Madame Bovary« veröffentlichte, klagte man ihn des Verstoßes gegen die guten Sitten an. Der im Roman beschriebene Ehebruch wird als Verstoß gegen die gute Moral erachtet, die in Frankreich zu dieser Zeit gelten soll. Flaubert wird zwar freigesprochen, wird aber während des Prozesses natürlich gefragt, wer das Vorbild seiner weiblichen Romanfigur sei.

»Ich bin Madame Bovary«, antwortet Flaubert und sagt es sicherheitshalber noch ein weiteres Mal, auch um das Gesagte zu verstärken. »Madame Bovary, c’est moi, d’après moi …« Nach mir.

Gestaltet nach ihm, nach seinem Leben. Und falls es wirklich wahr ist, dass »Madame Bovary« in der Tat Gustave Flauberts Autobiografie war, dann ist die Geschichte meiner eigenen Reise durch die gesellschaftlichen Klassen...

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