"... der schrankenlosesten Willkür ausgeliefert"

Häftlinge der frühen Konzentrationslager 1933-1936/37
 
 
Campus (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 10. Juli 2017
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  • 459 Seiten
 
E-Book | PDF mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-593-43573-2 (ISBN)
 
Schon bald nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 verhafteten die Nationalsozialisten Tausende Gegner. Bis Ende des Jahres wurden mindestens 100 000 Menschen in Konzentrationslagern und "Schutzhaftabteilungen " eingesperrt. Rechtsgrundlage war die "Verordnung zum Schutz von Volk und Staat" vom 28. Februar 1933. Die Lager dienten zur Demütigung und Ausschaltung der Opposition, zur Einschüchterung der Bevölkerung und damit zur Sicherung des NS-Regimes. Dieser Band nimmt erstmals systematisch die wichtigsten Häftlingsgruppen der Konzentrationslager im Zeitraum von 1933 bis 1936/37 in den Blick, darunter Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Juden, Zeugen Jehovas, Homosexuelle und "Asoziale". Die Beiträge fragen nach den Arrest- und Entlassungspraxen, den Haftbedingungen und -erfahrungen sowie nach den Strategien der Selbstbehauptung und des Widerstands.
  • Deutsch
  • Frankfurt / New York
  • Neue Ausgabe
13-seitiger sw-Bildteil
  • 27,93 MB
978-3-593-43573-2 (9783593435732)
359343573X (359343573X)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jörg Osterloh, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main. Kim Wünschmann, Dr. phil., ist DAAD-Fachlektorin am Historischen Seminar der Universität Sussex.
Inhalt
Jörg Osterloh, Kim Wünschmann
Gefangen im Terror des Nationalsozialismus
Einführung in die Geschichte der Häftlinge der frühen
Konzentrationslager 1933 bis 1936/37 9
Irene von Götz
Ein stadtumspannendes Terrornetz
Die Konzentrationslager und Folterstätten in Berlin 1933 51
Dirk Riedel
Vom Terror gegen politische Gegner zur rassistischen Gesellschaft
Die Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau 1933 bis 1936 73
Habbo Knoch
"Endlose Heide. Tempo! Tempo!"
Die Emslandlager von 1933 bis 1936 97
Nicola Wenge
"Das System des Quälens, der Einschüchterung, der Demütigung ."
Die frühen württembergischen Konzentrationslager Heuberg
und Oberer Kuhberg 123

Karoline Georg, Kurt Schilde
Der frühe Terror gegen die Arbeiterbewegung
Politische Gefangene in den Konzentrationslagern
in Berlin und Brandenburg 151
Siegfried Mielke unter Mitarbeit von Julia Pietsch
Eine signifikante Gruppe der Häftlingsgesellschaft
Gewerkschaftsfunktionäre in den frühen Konzentrationslagern 173
Kim Wünschmann
Gewaltsam aus der "Volksgemeinschaft" ausgeschlossen
Jüdische Häftlinge in den Konzentrationslagern
1933 bis 1936/37 197
Albert Knoll
"Es muß alles versucht werden, um dieses widernatürliche Laster auszurotten"
Homosexuelle Häftlinge in den frühen Konzentrationslagern 221
Oliver Gaida
Zwischen Arbeitshaus und Konzentrationslager
Die nationalsozialistische Verfolgung von als "asozial"
Stigmatisierten 1933 bis 1937 247
Hans Hesse
Von Anfang an ein "besonderes Hassobjekt"
Zeugen Jehovas in den frühen Konzentrationslagern 269
Stefan Hördler
Die "Gefallenen"
Nationalsozialisten als KZ-Häftlinge 291
Jörg Osterloh
"Es wurde ja auch darüber geschrieben, in der Zeitung ."
Die Berichterstattung im Deutschen Reich über die Häftlinge
der frühen Konzentrationslager 317
Paul Moore
"Es geht ihm soweit ganz gut"
Reaktionen auf die Konzentrationslager im Arbeitermilieu
1933 bis 1936 349
Carina Baganz
". eine dem Ansehen der nationalsozialistischen Bewegung
abträgliche Wirkung"
Der Prozess gegen das Wachpersonal des Konzentrationslagers
Hohnstein 1935 375
Henning Borggräfe
Potentiale für neue Forschungsperspektiven
Das Archiv des International Tracing Service und die Häftlinge
der frühen Konzentrationslager 389
Anhang
Fotos 413
Abkürzungen 427
Auswahlbibliographie 431
Dank 439
Autorinnen und Autoren 441
Personenregister 453
Gefangen im Terror des Nationalsozialismus
Einführung in die Geschichte der Häftlinge
der frühen Konzentrationslager 1933 bis 1936/37
Jörg Osterloh, Kim Wünschmann
Die Männer stehen in zwei Reihen auf dem gepflasterten Hof vor einem Backsteingebäude. Ihre Arme hängen locker am Körper herab, ihr Blick geht in verschiedene Richtungen. Mancher hat einen Fuß etwas vorgestellt, als wolle er aus der Reihe heraustreten. Die Männer sind jüngeren und mittleren Alters. Nach ihrer Kleidung zu urteilen, gehören die meisten der Arbeiterklasse an. Einige wenige tragen Anzüge, andere nur Hemden oder Pullover und zum Teil wadenlange Knickerbocker. Das Schuhwerk besteht teils aus Stiefeln, teils aus Halbschuhen; Mützen, Hüte, auch unbedeckte Köpfe sind zu sehen. Kurzum: Eine Ansammlung von Individuen steht hier einem Uniformierten gegenüber, der einen Papierblock oder eine Zettelsammlung in Händen hält.
Die Schwarzweißfotografie, die diesem Sammelband als Titelbild dient, lässt sich ohne weitere Erläuterung nicht als Aufnahme aus einem nationalsozialistischen Konzentrationslager erkennen. Sie widerspricht dem gängigen Bild der Lager, das geprägt ist durch eine Ikonographie der Baracken, Wachtürme und des Stacheldrahts - Kulissen für das Leiden äußerlich kaum zu unterscheidender Häftlinge, die oft als anonyme Masse schwacher, ausgemergelter oder sterbender Gestalten dargestellt werden. Statt der gestreiften Uniformen mit den verschiedenfarbigen "Winkel"-Abzeichen, die ab 1937/38 standardmäßig zur Identifikation der unterschiedlichen Gefangenengruppen in den Konzentrationslagern benutzt wurden, tragen die Männer auf dem Titelbild Zivilkleidung. Ihre Köpfe sind nicht kahlgeschoren, sondern von unterschiedlich dichtem Haar bedeckt. Die Abgebildeten sind klar voneinander zu unterscheiden und sollten vermutlich sogar wiedererkannt werden können, denn bei der Aufnahme handelt es sich um eine Propagandafotografie aus dem von der SA betriebenen Konzentrationslager Oranienburg. Im Frühjahr 1934 erschien das Bild in verschiedenen Zeitungen und in dem vom Oranienburger Lagerkommandanten Werner Schäfer verfassten Anti-Braunbuch über das erste deutsche Konzentrationslager, mit dem das NS-Regime die zahlreichen den frühen Terror anprangernden Berichte und Gerüchte im In- und Ausland zu entkräften suchte. Wie sich der Bildunterschrift des Fotos, das beispielsweise die Deutsche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 20. März 1934 abdruckte, entnehmen ließ, waren die Männer zwecks "Einteilens zum Arbeitskommando" angetreten. Sie standen stellvertretend für die "bunte Gesellschaft" von Gefangenen, die von der SA-Standarte 208 in Oranienburg eingesperrt wurde. Neben "kommunistischen Radauhelden", so die Zeitung in der Fortsetzung des Berichts am folgenden Tag, befänden sich unter den Lagerinsassen auch "Systemgrößen" wie ein ehemaliger SPD-Bürgermeister aus dem Kreis Niederbarnim nördlich von Berlin, in dem auch das Lager selbst lag.
Das Fotodokument vom Appell in Oranienburg kann wegen seiner reichsweiten Verbreitung und zeitgenössischen wie auch späteren erinnerungsgeschichtlichen Verwendung als ein Sinnbild für die Geschichte der Häftlinge in den frühen Konzentrationslagern gelten. Es zeigt, wie sehr diese Geschichte von Improvisation geprägt war, wie die KZ-Haft öffentlich inszeniert wurde und dass sie in erster Linie Männer traf. Um die Gewalt zu verharmlosen, sollte das offizielle Bild der Konzentrationslager dort ausgeübte traditionelle und gesellschaftlich akzeptierte Riten der Disziplinierung betonen, den mit ihnen verbundenen blanken Terror allerdings verschweigen. Der KZ-Appell imitierte den militärischen Drill, mit dem der Einzelne einübt, sich einem Kollektiv unterzuordnen. Wie das Militär sollte auch das Konzentrationslager als eine "totale Institution" verstanden werden, deren Insassen einem strengen, aber fairen Regime von Zucht und Ordnung unterworfen waren. Was im Lager geschah, war, wie die Deutsche Zeitung erklärte, "sehr schwere Erziehungsarbeit" an "Volksgenossen als Träger[n] einer undeutschen Weltanschauung". Doch was geschah dort wirklich? Propagandafotos wie das Titelbild sind kaum geeignet, den Schrecken, die Brutalität und die Willkür zu dokumentieren, die an den Orten des nationalsozialistischen Terrors herrschten. Sie können aber dazu anregen, genauer zu fragen, wer die Häftlinge der frühen Konzentrationslager waren, aus welchen Gründen sie festgenommen wurden, wie sie die Gewalt von SA und SS erlebten, wie sie ihr widerstehen konnten und wie der Terror gegen sie in der breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wurde.
Die ersten vierzig sogenannten Schutzhaftgefangenen, überwiegend kommunistische Gegner des NS-Regimes, trafen am 21. März 1933 im frühen Konzentrationslager Oranienburg ein, das die SA auf dem Gelände einer ehemaligen Brauerei inmitten der brandenburgischen Stadt eingerichtet hatte. Die Gebäude waren für eine adäquate Unterbringung von bald Hunderten von Gefangenen nicht geeignet. Es mangelte an ausreichenden Verpflegungsmöglichkeiten, und die hygienischen Bedingungen waren gänzlich ungenügend. Die kalten und feuchten Keller, in denen die Häftlinge zunächst auf Stroh nächtigen mussten, gefährdeten die Gesundheit. Ungewissheit über die Dauer der Haft und die Sorge um Familie, Bekannte sowie (noch auf freiem Fuß befindliche) politisch Gleichgesinnte konnten zermürbend sein. Die SA misshandelte und folterte und errichtete so ein menschenunwürdiges Regime, um die Häftlinge einzuschüchtern und ihren Widerstandswillen zu brechen. Bis zur Schließung des Lagers im Juli 1934 wurden insgesamt rund 3.000 Personen in Oranienburg festgehalten. Sechzehn von ihnen wurden in der Haft ermordet oder starben infolge der Misshandlungen.
Oranienburg kann wie viele andere der ersten, im Frühjahr 1933 eilig errichteten Konzentrationslager als "Lager der Rache" begriffen werden. In der Endphase der Weimarer Republik waren tätliche Auseinandersetzungen, vor allem zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten, an der Tagesordnung. Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 eskalierte die Gewalt. Besonders die Angehörigen der SA gingen erbittert gegen ihre Feinde aus der sogenannten Kampfzeit vor. Der kommissarische preußische Innenminister Hermann Göring legitimierte die Übergriffe, indem er am 22. Februar die Aufstellung einer "Hilfspolizei" aus "nationalen Verbänden" anordnete, die sich hauptsächlich aus SA-Männern, aber auch aus Angehörigen der SS und des Stahlhelms rekrutierte, und diese mit hoheitlichen Befugnissen ausstattete. Vor den Reichstagswahlen am 5. März blieb das Ausmaß der Entführungen und Misshandlungen durch militante Nationalsozialisten noch halbwegs begrenzt. Rücksichtnahmen auf das Ansehen des NS-Regimes im Ausland spielten dabei eine wichtige Rolle. Gleichwohl war der schon nicht mehr unter freien und gleichen Bedingungen stattfindende Wahlkampf vor allem von nationalsozialistischen, aber auch von kommunistischen Gewalttaten gegen den jeweiligen politischen Gegner geprägt.
Das NS-Regime nutzte den Brand des Reichstags in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 - für den der niederländische Kommunist Marinus van der Lubbe als Alleintäter verantwortlich gemacht wurde, dessen genauer Hergang aber bis heute ungeklärt ist -, um sich mit der umgehend erlassenen "Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat" einen gesetzlichen Rahmen für die Verfolgung seiner tatsächlichen und vermeintlichen Feinde zu schaffen. Die berüchtigte "Reichstagsbrandverordnung", die laut ihrer Präambel die "Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte" zum Ziel hatte, hebelte Grundrechte wie etwa die Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit sowie das Brief- und Fernmeldegeheimnis aus. Tausende Personen wurden binnen weniger Tage in Schutzhaft genommen und so zu Opfern eines traditionellen Instruments der politischen Herrschaft im Ausnahmezustand, das der Exekutive die unbegrenzt verlängerbare Inhaftierung von Festgenommenen ohne Gerichtsverfahren erlaubte. Die Verordnung vom 28. Februar diente damit auch als legalistische Grundlage für die Errichtung der ersten Konzentrationslager.
Die Großrazzien, die sich in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar in Berlin abspielten, beschrieb das Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror, das 1933 von Mitgliedern der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) in Paris veröffentlicht wurde und das zahlreiche Verbrechen des jungen NS-Regimes offenlegte:
"Die ersten Verhaftungen erfolgten kurz nach Mitternacht. Als das Licht des Tages die dunklen Gänge des Polizeipräsidiums erhellt, da sitzen Hunderte von Verhafteten auf langen Bänken in den Korridoren: Kommunisten, Sozialisten, Pazifisten, Schriftsteller, Aerzte, Rechtsanwälte sind in der Nacht aus den Betten gerissen und nach dem Polizeipräsidium gebracht worden. Viele von ihnen schliefen, als der Rundfunk die Nachricht vom Reichstagsbrand verbreitete."
Unter den ersten Verhafteten waren auch Werner Scholem und Erich Mühsam. Scholem hatte bis zu seinem Parteiausschluss im November 1926 der KPD angehört und sie als Abgeordneter im Reichstag vertreten. Mühsam griff in seinen Schriften Hitler und die NS-Bewegung mit beißender Satire an und war den Nationalsozialisten auch wegen seiner Beteiligung an der Münchener Räteregierung 1918/19 besonders verhasst. Beide wussten um die Gefahr, die ihnen drohte. "Es weht scharfer Wind", schrieb Scholems Mutter Betty am 28. Februar 1933 an ihren Sohn Gershom. Das Parlamentsgebäude sei angezündet worden. "Daraufhin hat die Regierung alle früheren Reichstags- u. Landtagsabgeordneten der Kommunistischen Partei verhaften lassen, kommunistische Rechtsanwälte, auch solche, die nicht einmal Kommunisten sind, sondern nur welche verteidigt haben!" Werner "sagte sogar, daß es durchaus nicht ausgeschlossen ist, daß sie ihn einstecken, wenn er denunzirt [sic] wird", erinnerte sie sich an ein zwei Tage zuvor geführtes Gespräch. Tatsächlich war auch Scholem am 28. Februar verhaftet worden.
Um dem Terror der neuen Machthaber zu entfliehen, hatte Mühsam sich am 27. Februar eine Fahrkarte nach Prag gekauft. Wie seine Frau Kreszentia berichtete, wollte er "am 28. in der Frühe abfahren. Der Koffer war gepackt, alles stand bereit. [.] Morgens um fünf Uhr - wir schliefen noch - kamen zwei Berliner Kriminalkommissare, die Erich Mühsam verhafteten. Beim Abschied sagte er zu mir: >Liebe Zenzl, es spitzt sich alles zu [.].<" Der Anarchist sollte recht behalten: Nach den Reichstagswahlen vom 5. März trafen Massenverhaftungen viele Zehntausende, vor allem Funktionäre und Mitglieder der KPD, aber auch Sozialdemokraten, Sozialisten, Gewerkschafter und andere den Nationalsozialisten Verhasste. Mehrere hundert Menschen wurden ermordet, hauptsächlich von Angehörigen einer wie entfesselt auftretenden SA.
Der Terror des Jahres 1933 zielte in erster Linie auf die organisierte Arbeiterbewegung, deren Parteien, Verbände und Strukturen die Nationalsozialisten zu zerstören suchten, um ihre neugewonnene Regierungsmacht dauerhaft vor organisiertem Widerstand zu sichern. In aller Öffentlichkeit überfielen SA-Schläger kommunistische und sozialdemokratische Zeitungsredaktionen und Vereinsheime, zerschlugen und plünderten das Inventar, misshandelten und verschleppten diejenigen, die sie dort antrafen. Es konnte an beiden Enden des politischen Spektrums kein Zweifel bestehen, dass der Angriff auf die Linke gewaltsam werden würde. Schon in der Weimarer Republik hatten die Nationalsozialisten wiederholt damit gedroht, Konzentrationslager zu errichten, vor allem für Kommunisten und Sozialdemokraten, aber auch Juden oder Andersdenkende. Am 11. August 1932 hieß es beispielsweise im Völkischen Beobachter, dem Parteiorgan der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), dass KZ-Haft auch das Schicksal "intellektueller Anstifter" sein werde. Stand das Ziel also fest, gab es beim Machtantritt Hitlers jedoch keinen konkreten Plan, geschweige denn zentrale Anweisungen zu seiner Umsetzung. Dementsprechend war im Frühjahr 1933 auch noch nicht klar, wie ein Konzentrationslager auszusehen hatte, wie es zu verwalten war und wer genau darin wie lange festgehalten werden sollte. Improvisation und lokale Initiativen bestimmten das Vorgehen. In einem unkoordinierten Neben-, oft aber auch sich ergänzenden Miteinander von parteilichen und staatlichen Stellen gerieten neben Angehörigen der Arbeiterbewegung schnell auch aus antisemitischen, religiösen oder sozialrassistischen Gründen Verfolgte ins Visier des Terrors. Die Zahl der Frauen unter ihnen war zunächst gering. Während im Frühjahr 1933 zwischen 40.000 und 50.000 Männer in Schutzhaft genommen wurden, betrug die Zahl der weiblichen KZ-Häftlinge etwa 300 bis 400. Insgesamt lässt sich der Anteil der Frauen unter den Gefangenen bis 1939 auf nicht mehr als 4 bis 10 Prozent schätzen.
Zur Haftstätte wurde jeglicher Raum umfunktioniert, der zu haben war. Gefangene fanden sich nicht nur in Polizeigefängnissen und in den nur Wochen nach der Machtübernahme eingerichteten Schutzhaftabteilungen der Justizvollzugsanstalten wieder. Sie wurden auch in Arbeits- und Werkhäusern, Arbeitsdienstlagern, stillgelegten Fabriken wie der in Oranienburg, leerstehenden Kasernen, Sportanlagen, Burgen, Schlössern, Jugendherbergen, früheren Haftanstalten, ehemaligen Kriegsgefangenenlagern und sogar auf Schiffen festgehalten. Dabei wurden nicht nur Örtlichkeiten besetzt, sondern die neuen Machthaber prägten auch schon den Begriff "Konzentrationslager", der keinesfalls von Anfang an eine einheitlich verwendete Bezeichnung war. Der zum Polizeipräsident von München ernannte Reichsführer SS Heinrich Himmler sprach vom Konzentrationslager, als er am 20. März 1933 auf einer Pressekonferenz die Unterbringung von "kommunistischen und - soweit notwendig - Reichsbanner- und marxistischen Funktionäre[n], die die Sicherheit des Staates gefährden", in einer ehemaligen Munitionsfabrik in Dachau ankündigte. Die SS, die die von Staatskommissar Werner Best zur zentralen Haftstätte des Volksstaats Hessen erklärte vormalige Papierfabrik im rheinhessischen Osthofen leitete, versah das Gebäude sogar mit dem weithin sichtbaren und von Hakenkreuzen gerahmten Schriftzug "Konzentrationslager Osthofen". Für die Häftlinge hingegen wurde das Wort schnell zum Inbegriff des Terrors. Der SPD-Reichstagsabgeordnete Gerhart Seger erinnerte sich an den Schrecken, der ihn bei der Ankunft im SA-Lager Oranienburg ereilte: "[Ü]ber dem Eingang (wo man in Gedanken Dantes Hölleninschrift suchte: Die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren!) stand zu lesen: >Konzentrationslager der Standarte 208<, was dasselbe bedeutete."
Die historische Forschung sieht sich durch die institutionelle Vielgestalt des frühen NS-Terrors vor eine Herausforderung gestellt. Wie definiert man "Konzentrationslager"? Diese Frage ist vor allem für die Zeit, bevor die SS ab Mitte 1934 nach und nach die Alleinherrschaft über die Orte des Terrors übernahm und sich spätestens mit der Schaffung der Inspektion der Konzentrationslager (IKL) als zentraler Verwaltungsinstanz im Dezember 1934 ein einheitlich organisiertes Lagersystem herauszubilden begann, nicht leicht zu beantworten. In der Phase der Machtetablierung, die von massiven politischen und sozialen Umbrüchen gekennzeichnet war, existierten neben offiziell als Konzentrationslager bezeichneten Orten hunderte meist von der SA eingerichtete Prügel- und Folterstätten, an die Gegnerinnen und Gegner des Nationalsozialismus auch ohne Schutzhaftbefehl verschleppt wurden. Als Träger all dieser Stätten eines außergerichtlichen Freiheitsentzugs waren neben der SA und der SS auch die örtliche Polizei sowie die Landesinnenministerien involviert.
Dieser Band nähert sich der Geschichte der "frühen" Konzentrationslager aus der Perspektive der Häftlinge und ihrer Erfahrungen und legt, wie weiter unten ausführlich begründet wird, als Untersuchungszeitraum die Jahre 1933 bis 1936/37 fest. Er fasst damit die ersten beiden Phasen der mittlerweile gewöhnlich in sechs Phasen unterteilten Entwicklungsgeschichte der Konzentrationslager zusammen und plädiert für eine gewisse Flexibilisierung der Periodisierung, die nötig ist, wenn die Gefangenen und ihre Verfolgung in den Vordergrund der Forschung treten. Obwohl sich organisationsgeschichtliche Zäsuren wie die Gründung der IKL auf die Haftbedingungen auswirkten, ist die Geschichte der Häftlinge dynamischer, ist ihr Erleben der an unterschiedlichen Orten wirkenden Gewaltregime oft über entwicklungsgeschichtliche Brüche hinweg stärker von Kontinuität geprägt, als es eine manchmal zu statisch wirkende Typologie, eine klar abgegrenzte Periodisierung oder eine strikte institutionelle Trennung zwischen Lagern der Jahre 1933/34 und späteren SS-Konzentrationslagern suggerieren. Einige Gefangene durchliefen mehrere Haftstätten und wurden zwischen verschiedenen Lagern hin- und herverlegt. Die meisten Häftlinge konnten durch den Erlass zentraler Regelungen, wie etwa der reichsweiten Vereinheitlichung der Schutzhaftbestimmungen im April 1934, keine Veränderungen in der von ihnen erlebten Routine des oft monotonen Lageralltags bemerken. Zudem muss angemerkt werden, dass die Verfolgungsgeschichten in vielen Fällen nicht erst mit dem Eintritt ins Lager begannen, genauso wie sie mit der Entlassung nicht unbedingt endeten. Um das Schicksal der Häftlinge umfassend erschließen zu können, behandelt dieser Band all jene nach dem 5. März 1933 errichteten Haftstätten als Konzentrationslager, die über einen Mindestzeitraum von zwei bis drei Monaten bestanden und einen solchen Organisationsgrad erreichten, dass sich bei Betrachtung der Unterbringung, Beschäftigung und Bewachung der Insassen von einem Lageralltag sprechen lässt. Von der Untersuchung ausgeklammert sind demnach die meist nur sehr kurze Zeit bestehenden Folterstätten und Prügelkeller, in denen sich weder Häftlingsgesellschaften noch eine routinierte Lagerverwaltung ausbilden konnten.
"Am Anfang stand die Gewalt .", erinnerte sich der im Widerstand des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschlands aktiv gewesene Karl Schreiber nach 1945 an seine Verfolgung im "Dritten Reich", die mit verschärftem Arrest im Konzentrationslager Osthofen begann. Tatsächlich war das erste Jahr der NS-Herrschaft der gewalttätige und auch zahlenmäßige Höhepunkt in der Geschichte der Häftlinge in den frühen Konzentrationslagern bis 1936/37. Nach Behördenaufstellungen betrug 1933 die Zahl der Schutzhaftgefangenen rund 100.000. Wie die neuere Forschung zeigt, waren diese Angaben jedoch unvollständig, da Personen, die nur für sehr kurze Zeit und ohne Schutzhaftbefehl in einem Konzentrationslager eingesperrt worden waren, in den Statistiken nicht auftauchten. Die Gesamtzahl der 1933 zeitweise in Haft Genommenen muss daher auf 150.000 bis 200.000 geschätzt werden. Diese erste Phase der nationalsozialistischen Konzentrationslager war geprägt von der Erniedrigung und Demütigung aller, der körperlichen Misshandlung sehr vieler und der Ermordung dutzender Häftlinge. Der nach außen aufrechterhaltenen Schimäre, die Inhaftierten würden in den Lagern mit erzieherischer Absicht zwar hart, aber gerecht behandelt, sprach die Erfahrung vieler Gefangener Hohn. Der Publizist und Schriftsteller Kurt Hiller, der als Sozialist, Pazifist, Homosexueller und Jude in mehrfacher Hinsicht dem nationalsozialistischen Feindbild entsprach, schilderte seinen Leidensweg durch die frühen Konzentrationslager in seiner Autobiographie. Nach mehreren kurzzeitigen Verhaftungen im März und April 1933 begann am 14. Juli 1933 seine "Periode der Qual" im Columbia-Haus in Berlin-Tempelhof. Dort misshandelten ihn die Wärter brutal mit Faustschlägen und Peitschenhieben; 36 Tage musste Hiller in Einzelhaft verbringen. In seinen Erinnerungen schrieb er über seine Haftzeit im Columbia-Haus:
"Zermürbender als die Demütigungen, als der Fraß, selbst als die Peitsche ist der uns zudiktierte Verzicht auf Befriedigung der einfachsten und bescheidensten hygienischen-zivilisatorischen Bedürfnisse. [.] Der uniformierte Mob, selber gestriegelt und geschniegelt, will uns gleichsam von außen her zu Untermenschen hinabzüchten, zu einer Schundrasse, die sich von ihrer eigenen, der Edelrasse, überdeutlich abhebt."
Sein weiterer Leidensweg führte Hiller am 24. Oktober 1933 in das Konzentrationslager Brandenburg. Er schrieb später, die erste Woche dort sei noch schlimmer gewesen als die Monate im Columbia-Haus.

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