
Die Verdorbenen
Beschreibung
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Was entsteht aus Liebe, Besessenheit und Schuld? Michael Köhlmeiers neuer Roman – eine meisterhafte Erkundung des Bösen
Anfang der Siebziger kommt Johann zum Studieren in die Stadt, den Kopf voll wirrer Träume. Er trifft Christiane und Tommi, die ein Paar sind und ihn in ihre Mitte nehmen. Gemeinsam erkunden sie die hellen und die dunklen Seiten der Liebe, gefangen in einem Dreieck, das sich immer enger zuzieht.
Als Johann ein Kind war, fragte sein Vater, ob er einen Wunsch im Leben habe. Und Johann hatte sich nicht getraut zu antworten: "Einmal im Leben möchte ich einen Mann töten."
Michael Köhlmeiers faszinierender Roman erzählt vom falschen Leben im richtigen. Von vergangener Schuld und lebenslanger Unschuld. "Die Verdorbenen" lassen niemanden mehr los.
Rezensionen / Stimmen
"Eine existenzialistische Studie über die Natur des Bösen." Enno Stahl, Deutschlandfunk Büchermarkt, 12.03.25
"Dieses interessante, böse, sehr spannende kleine Buch, das vollkommen quer zur deutschen Gegenwartsliteratur steht, führt tief in die Studentenwelt der Siebzigerjahre." Jens Jessen, Die Zeit, 13.02.25
"Wie ein Film Noir. Wunderbar geschrieben! Ein feiner, und trotzdem so dichter, Roman." Adam Soboczynski, Zeit Podcast, Was liest du gerade?, 08.02.25
"Michael Köhlmeier ist Meister im Beschreiben des abgründigen Nichts, der unglaublichen Leere, der stillen Gewalt, verübt von seelenlosen Geschöpfen." Liane von Billerbeck, Deutschlandfunk Kultur, 07.02.25
"Schon lange hat niemand mehr von der existentiellen Merkwürdigkeit, Verzweiflung und Ahnungslosigkeit der Jugend so eindringlich erzählt wie Michael Köhlmeier in diesem großartig düsteren kleinen Roman." Gerrit Bartels, Tagesspiegel, 30.01.25
"In seinem subtilen Psychodrama hinterfragt Michael Köhlmeier mit Tiefenschärfe, wann Liebe zu Besessenheit, an welchem Punkt Verlangen grenzenlos wird . Eine Geschichte, die niemanden so schnell wieder loslässt." Elke Schlinsog, Deutschlandfunk Kultur, 29.01.25
"Michael Köhlmeier hat eine philosophische Erzählung geschrieben. Das Großartige dabei ist: Man merkt es ihr nicht an. Seine sprachliche Meisterschaft lässt alles einfach erscheinen, und Leser und Leserin bekommen eine so spannend wie unheimliche Geschichte geboten." Martin Maria Schwarz, NDR Kultur, 29.01.25
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Person
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Inhalt
1
Heute habe ich einen Begriff: Unschuld. Wir sind unschuldig gewesen. Wobei die Schuld darin bestünde, nicht zu wissen, was man anderen antut.
Mittendrin stand ich ohne Geld da. Es war Anfang der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, ich war Student. In den ersten Semestern hatten mir meine Eltern jeden Monat dreihundert Mark überwiesen, mein Zimmer kostete sechzig. Dann war mein Vater mit dem Herausgeber der Zeitung, bei der er als Redakteur arbeitete, uneins geworden und hatte gekündigt. Eines Morgens in den Sommerferien weckte er mich und fragte geradeheraus, ob er in Zukunft auf mich Rücksicht nehmen müsse. Ich verstand nicht, was er damit meinte, sagte aber, nein, müsse er nicht. Von da an war ich auf mich allein gestellt. Das Verhältnis zu meinem Vater entspannte sich. Seit meiner Immatrikulation waren wir einander besserwisserisch gekommen, wann immer ein Disput zwischen uns aufkam. Das hatte uns angestrengt und verdrossen. Er mochte dabei sich nicht, ich mich nicht. Ich mich nicht, weil ich den widerspenstigen Ton vorgab; er sich nicht, weil er sich bemühte, mich nachzuahmen.
Ich studierte Germanistik. Und wissenschaftliche Politik - so hieß in Marburg an der Lahn, was an anderen Universitäten Politikwissenschaft oder Politologie genannt wurde. Dabei hatte ich mich nie für Politik interessiert, für Revolten und Revolutionen aber schon. Das klingt einfältig - der Heros, der mit selbstloser Miene seinem Untergang entgegensieht wie Che Guevara auf den Postern oder die barbusige Frau auf dem Gemälde Die Freiheit führt das Volk von Eugène Delacroix, die mit der Fahne der Revolution in der Faust voranstürmt, oder Marx, Engels, Lenin, deren Köpfe, eng gestaffelt, eine Phalanx aus Strenge, Gerechtigkeit und Rache bilden. Diese Ikonen verbürgten sich für eine absolute Gewissheit. Sie garantierten eine weithin sichtbare Überlegenheit. Sie gefielen mir. Was hatten sie mit herkömmlicher Politik zu tun? Hätte ich den Eindruck gehabt, unter wissenschaftlicher Politik würden Grübeleien über die Debatten der Sozialdemokraten oder der Christdemokraten oder der Liberalen verstanden, Kompromisse im Ringen um die Zukunft Europas diskutiert, Analysen irgendwelcher bilateraler Verträge angestellt - diese Studienrichtung hätte mir nicht weniger fern sein können als Jura oder Elektrotechnik. Ich wünschte mir, Dichter zu werden. Ich war nach Marburg gekommen, um mich auf diesem Gebiet ausbilden zu lassen, deutsche Sprache und Literatur, und hatte erfahren, dass Dichter, wenn sie etwas wert sein wollen, eine Idee haben müssen, und die werde in jenem Institut verabreicht, das in dem niedrigen Gebäude zwischen dem Germanistenturm und dem Romanistenturm untergebracht war. Also inskribierte ich nicht wie geplant bei den Historikern, sondern in Politik.
Nun, als ich auf mich gestellt war, bewarb ich mich bei den Germanisten als Tutor, das war möglich, wenn man fünf Semester hinter sich hatte. Die Tutoren betreuten die Studenten, die von der Schule kamen. Niemandem mussten wir Rechenschaft darüber ablegen, was in unseren Veranstaltungen gelehrt wurde und was nicht, die Universität vertraute uns - oder es war ihr egal. Ein Tutor bekam vierhundert Mark, bar auf die Hand, am letzten Werktag des Monats abzuholen im Sekretariat. Zusätzlich arbeitete ich dreimal in der Woche am Abend für Trinkgeld Bei Charlotte, wo es Bier, Coca-Cola und Apfelsaft gab, keinen Wein, keinen Schnaps und nichts zu essen. Zusätzlich nahm ich in den Ferien beim Österreichischen Rundfunk Songs auf, die ich selber schrieb und die gut ankamen, weswegen der zuständige Mann daran interessiert war, dass ich mehr lieferte, und mir auch ein besseres Honorar in Aussicht stellte. Zusätzlich schrieb ich für eine Regionalzeitung eine wöchentliche Serie: Die Wegbereiter der modernen Literatur. Zu den vierhundert Mark kamen also monatlich noch ungefähr hundert Mark Trinkgeld, dazu zweihundert Mark für die Serie und, realistisch geschätzt, noch einmal fünfzig bis hundert Mark für die Songs. Das waren zusammen siebenhundertfünfzig bis achthundert Mark - ich fühlte mich als reicher Mann. Und hatte noch einiges in Aussicht, eines zumindest: Drei Folgen meiner Serie hatte ich an den Hessischen Rundfunk geschickt, die Literaturredaktion lud mich ein, nach Frankfurt in die Bertramstraße 8 zu kommen. Das tun die doch nur, wenn sie sich etwas versprechen!
Der Engel der Ökonomie war auf mich aufmerksam geworden - das verdankte ich meinem Vater. So sah ich es. Als ich ein Jahr später, wieder in den Sommerferien, zu Hause war, tranken er und ich, die wir nie Alkohol tranken, jeder ein Bier, und das nur, um mit den Flaschen anzustoßen und uns dabei in die Augen zu schauen. In dieser Nacht auf unserer Terrasse nannte ich ihn nicht mehr Papa, sondern bei seinem Vornamen, »Ludwig«. Und er sagte nicht mehr Hänsje zu mir, sondern »Johann«, wie ich immer gewollt hatte, dass mich jeder nennt, denn das ist mein Name, der und kein anderer steht in meinem Pass. Ein dicker, fetter, erwachsener Männername. Meine Mutter hatte sich für den Namen starkgemacht, in Erinnerung an John Lackland, den Johann Ohneland, dem durch die unseligen Sagen um Richard Löwenherz und Robin Hood und dann auch noch durch das Drama von Shakespeare und den Roman von Walter Scott so viel Unrecht angetan worden sei. Sie war promovierte Literaturwissenschaftlerin, hatte aber nie gelehrt und außer einigen Aufsätzen in unwesentlichen Zeitschriften nie etwas veröffentlicht. Sie stammte aus Great Britain, aus Cardiff in Wales. Sie war ihrem ersten Mann gefolgt, einem Offizier der Royal Army, der nach dem Krieg in Kärnten stationiert war. Dort hatte sie meinen Vater kennengelernt, er war Dolmetscher und sieben Jahre jünger als sie. Ihr Mann dagegen war über zwanzig Jahre älter, sie ließ sich nach einiger Mühe und Zeit scheiden und heiratete meinen Vater. Wenn die beiden allein waren, sprachen sie Englisch miteinander, wenn sie und ich allein waren, ebenfalls Englisch, zu dritt Deutsch. Ich lauschte, als ihr mein Vater im Bett von unserem Abend auf der Terrasse berichtete. Er tat es zweimal wortgleich hintereinander, er hatte sie nur deshalb geweckt. Meine Mutter fragte: »Are you a little drunk?« Er antwortete stolz: »Oh yes, I am!« Wir beide - »John and me« -, wir hätten ziemlich einen sitzen. Was überhaupt nicht zutraf - nach je einer kleinen Flasche Bier.
Mein Vater war nie ein Vorbild für mich gewesen. Dennoch, wenn mich einer fragte, welches Wort ich ihm zurechne: Liebe. Er liebte die Bücher, er liebte die Vögel, er liebte die Musik, den Sternenhimmel, den Föhn im Frühling, frische Honigsemmeln zum Frühstück, er liebte seine Frau und er liebte seinen Sohn - er liebte, und wenn er nicht liebte, war er nicht. Eine praktische Seite allerdings hatte seine Liebe kaum.
Einmal - da war ich sechs Jahre alt gewesen und am Beginn der Schule - hatte er mich gefragt: »Was ist ein Wunsch für dein ganzes Leben?« Wie ich dreinschaute, meinte er, ich hätte ihn nicht verstanden, und präzisierte: »Etwas, was du auf alle Fälle wenigstens einmal in deinem Leben tun willst.« Nichts anderes hatte ich verstanden. »Überleg es dir gut«, sagte er. »Morgen frag ich dich noch einmal.« Ich hätte es ihm gleich sagen können. Aber es war etwas, das man nicht sagen, das man nur denken darf. So viel wusste ich bereits von der Welt. Die Antwort hätte gelautet: Einmal in meinem Leben möchte ich einen Mann töten. Das war mir in den Sinn geschossen, als wäre es schon lange wie der Bolzen auf der gespannten Armbrust mir auf der Seele gelegen. Ich hoffte, mein Vater würde vergessen, mich an seine Frage zu erinnern. Lügen wollte ich nicht. Er vergaß es. Oder vergaß es nicht. Traute sich aber nicht. Weil er meine Antwort fürchtete?
Der Satz war nicht ausgesprochen, aber er war gedacht worden. Ich erzähle die Begebenheit gleich zu Beginn, weil dieser Satz das hintergründige Motto meiner Lebensgeschichte ist. Wenn jemand seine Geschichte erzählt, ist das nicht eine Art der Wiedergeburt? Dass, wenn der letzte Punkt gesetzt ist, ein neues, reines, unschuldiges Leben begonnen werden kann - auch wenn dieses Leben nicht mehr lange dauern wird?
Als ich...
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