
Im Herzen der Katze
Beschreibung
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Eine berührende Geschichte über Familie, weibliche Solidarität und die Revolution der Frauen im Iran
Es ist Nacht in Südfrankreich. Jina sitzt an ihrem Schreibtisch, das Telefon in der Hand. Im Sekundentakt aktualisiert sich ihr Instagram-Feed. Sie liest: "Jina Mahsa Amini wurde in Teheran von der Sittenpolizei ins Koma geprügelt." Im nächsten Moment begreift sie: Die junge Frau, die so heißt wie sie, ist tot. Im Feed folgen die Bilder: der Protestzug Tausender Menschen auf den Straßen, Mädchen und Frauen, die ihre Haare unverdeckt tragen, darunter auch Jinas Schwester Roya und ihre Nichte Nika.
Was als Versuch beginnt, die Gegenwart zu begreifen, wird zur Reise in die Vergangenheit. Denn die Ereignisse wecken in Jina Erinnerungen an ihre eigenen Aufenthalte im Iran: an die Gastfreundschaft der Menschen, den reich gedeckten Tisch der Tanten, die Begegnungen im Sammeltaxi, den Roadtrip zu Zarathustras Feuertempel in Yazd – und an eine geheime Liebe. Aber auch an die Proteste während der Grünen Bewegung 2009, an denen Jina teilnahm und die zur einschneidenden Lebenserfahrung wurden.
"Im Herzen der Katze" ist eine Familien- und Liebesgeschichte, die Vorstellungen von Nationalität und Zugehörigkeit, von Frausein und Freiheit hinterfragt. Mit poetischer Intensität erzählt Jina Khayyer von Mut, Solidarität und Verantwortung und vom Nachklingen einer Heimat, die sich nicht abschütteln lässt.
Rezensionen / Stimmen
"Jina Khayyers autofiktionaler Roman Im Herzen der Katze kommt nun gerade zur rechten Zeit, um einiges geradezurücken."
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Person
ISNI: 0000 0004 2619 9572
Inhalt
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Bisharaf! Bisharaf! Bisharaf! Gewissenlos! Gewissenlos! Gewissenlos!« Sie schreien in meiner Hand in die Nacht. Sie sind viele. Kinder an den Händen ihrer Mütter, Mädchen mit langen, offenen Haaren, sie schwingen ihre Kopftücher wie Fahnen in der Luft, Frauen Arm in Arm, Jungen, Männer, Schulter an Schulter, Alte. Sie marschieren auf der Valiasr-Straße unter den Platanen entlang, zwischen den hupenden Autos und den knatternden Motorrädern, beleuchtet von den goldenen Straßenlaternen. Sie sind unbewaffnet. Mit jedem Schritt flechten sich ihre Stimmen enger zu einem Zopf zusammen. »Bisharaf! Bisharaf! Bisharaf! Gewissenlos! Gewissenlos! Gewissenlos!«
Plötzlich löst sich eine Stimme aus dem Chor. Eine Frau ruft, »Ich bin mit nichts anderem bewaffnet als mit meinem Körper. Es ist mein Schicksal, mit meinem Körper für die Zukunft zu kämpfen. Eine Zukunft in Freiheit.«
Ein Strom Persisch überflutet mich. Mein Herz wird zu Wasser, meine Tränen überrollen mich. Ich bin nicht darauf vorbereitet, auf Instagram Persisch zu hören, aus fremden Mündern, die allein durch die Sprache vertraut klingen.
Wieder erhebt sich in meiner Hand der Chor, wie eine Welle, ich halte mein Telefon fest, als könnte die Welle es mir entreißen. Tausende Münder wiederholen immer nur dieses eine Wort, »Bisharaf! Bisharaf! Bisharaf! Gewissenlos! Gewissenlos! Gewissenlos!«
Eine zweite Stimme löst sich aus dem Chor, eine Frau singt, »Jin, Jîyan, Azadî«, der Chor stimmt ein, »Jin, Jîyan, Azadî«, die ersten zwei Wörter verstehe ich nicht, ich kenne nur Azadî, Freiheit, nun singt der Chor, »Zan, Zendegi, Azadi, Frau, Leben, Freiheit.«
Mein Instagram-Feed aktualisiert sich. Ich sehe den leblosen Körper eines jungen Mädchens. Sie liegt in einem Bett. Die Farben einer Intensivstation, blasses Blau, Türkisgrün, Eisgrau. An ihrem Ohr klebt Blut. Instagram verschleiert nichts. Egal wie viele Filter über die Bilder gelegt werden, wer will, kann erbarmungslose Realität sehen. Ich lese, Jina Mahsa Amini wurde in Teheran von der Sittenpolizei mit einem Baton ins Koma geprügelt. Jetzt ist sie tot! Ich lese nochmal ihren Namen Jina, Jina mit Jot. Ich habe noch nie von jemandem gehört, der meinen Namen trägt.
Die Kälte ihres Körpers strahlt durch das Telefon in meiner Hand in meine Knochen. Ich sitze wie eingefroren in meinem Arbeitszimmer hinter meinem Schreibtisch, sehe die Tote in meiner Hand, lese wieder und wieder ihren Namen, Jina mit Jot. Der tote Körper trägt meinen Namen. Ich dachte, mein Name sei erfunden. Ich dachte, meine Mutter habe meinen Namen erfunden. Ich dachte, weil meine Mutter bis zuletzt überzeugt war, dass ich ein Junge werde, hatte sie sich keinen Mädchennamen überlegt, und als dann doch ein Mädchen aus ihr herauskam, gab sie mir schnell ihren Namen und änderte nur einen Buchstaben, n statt l, also Jina statt Jila.
Ich schaue auf das Mädchen, das meinen Namen trug, und frage mich, warum ich in sechsundvierzig Jahren noch nie von jemandem gehört habe, der so heißt wie ich.
Mein Instagram-Feed aktualisiert sich. Ich lese, Jina Mahsa Amini, Kurdin, war mit ihrer Familie zu Besuch in Teheran, als die Sittenpolizei sie auf der Straße aufgriff und ihrem Bruder entriss. Der Bruder flehte die Wächter an, sie sollen seine Schwester loslassen, sie seien Fremde in der Stadt, nur zu Besuch, sie trage doch ihr Kopftuch, sie wisse nicht, dass in Teheran strenge Regeln gelten, man würde doch gar kein Haar sehen. Die Sittenpolizei blieb gnadenlos, zerrte Jina in einen Transporter und fuhr mit ihr davon.
Ich lese, Jina ist ein kurdischer Name und bedeutet »Die, die Leben gibt«.
Ich lese, Die, die Leben gibt, ist tot.
Ich lese, Die, die Leben gibt, wäre in fünf Tagen dreiundzwanzig geworden.
Ich habe Sehnsucht nach meiner Mutter. Ich schalte mein Telefon ab, öffne meinen Computer und versuche, sie über Facetime zu erreichen. Meine Mutter geht sofort ran. Sie liegt schon im Bett, kein Licht, außer dem Schwarzblau ihres Telefonbildschirms, was sie dramatisch aussehen lässt, wie sie da liegt, ihre Haare wie eine Krone über dem Kopfkissen ausgebreitet.
»Du siehst aus wie Kleopatra, Maman«, sage ich.
»Ich bin Kleopatra«, antwortet meine Mutter und spitzt ihre granatapfelroten Lippen, die durch den Lipliner, den sie sich vor Jahren hat tätowieren lassen, immer frisch geschminkt aussehen. Sie dreht ihren Kopf ins Profil, nimmt die aristokratischste Pose ein, die sie draufhat, und klimpert mit den Wimpern.
»Hab ich dich geweckt?«
»Nein, meine Tochter.« Meine Mutter richtet sich auf und schiebt sich zwei Kissen in den Rücken, um höher zu liegen, bis ich nur noch ihr Kinn sehe.
»Ich sehe nur dein Kinn«, sage ich. »Wo ist dein Telefonständer?«
»Jetzt besser?« Meine Mutter wirbelt mit ihrem Telefon herum. »Mit dem Ständer kann ich im Bett nichts anfangen. Der ist nur gut, wenn ich am Tisch sitze.«
»Warum hast du kein Licht an?«, frage ich.
»Der Mond scheint ins Zimmer. Das ist doch Licht«, sagt meine Mutter und dreht das Telefon zum Fenster. »Kannst du den Mond sehen?«
»Nein, Maman, wie soll ich denn deinen Mond sehen, der hängt doch nicht im Fenster.«
»Zeig mir deinen Mond«, bittet mich meine Mutter. Ich drehe mein Notebook herum, stehe vom Schreibtisch auf, öffne das Fenster und halte es hinaus in den Abend, hoch zum Mond.
»As mahi ta mah dusset doram«, sagt meine Mutter, »ich liebe dich vom Fisch bis zum Mond.«
»Vom Fisch bis zum Mond«, wiederhole ich. Ich mag diesen Ausdruck. Lange bevor es Götter gab und sich die Menschen noch vor der Natur verbeugten, sagten Zoroastrier vom Fisch bis zum Mond und meinten das ganze Universum, vom tiefsten Punkt, dem Meeresgrund, bis zum höchsten Punkt, dem Mond, und wenn sie eine Bitte überbrachten, richteten sie ihre Bitte vom Fisch bis zum Mond . »vom Fisch bis zum Mond«, flüstere ich noch einmal leise in mich hinein, bevor ich meine Mutter frage, ob sie die Nachrichten gesehen hat.
»Nachrichten deprimieren mich«, sagt meine Mutter und schüttelt ihr Telefon heftig hin und her, als wollte sie die Nachrichten vom Telefon abschütteln. Als sie endlich stillhält, sehe ich nur ihre Zimmerdecke.
»Maman, ich sehe nur deine Zimmerdecke«, sage ich, während ich mich mit meinem Notebook in der Hand wieder hinter meinen Schreibtisch setze.
»Besser?« Meine Mutter hält sich jetzt das Telefon so nah vors Gesicht, dass ich denke, gleich stößt sie mit ihrer Nase durch meinen Bildschirm in mein Zimmer. Ich sage nichts, sonst verliert sie die Geduld und legt ihr Telefon auf dem Nachttisch ab. Ich weiß nicht, wie ich sie fragen soll, ob sie von dem Mädchen gehört hat, das sie umgebracht haben, ohne sofort in Tränen auszubrechen. Schon allein bei dem Gedanken zittert meine Unterlippe, wie sie immer zittert, wenn ich vor Kummer nicht weiß, wie ich mich ausdrücken soll. Hilflos schaue ich über den Computer hinweg aus dem Fenster hinauf zum Mond.
»Hast du von dem Mädchen gehört, dass sie umgebracht haben?«, frage ich schließlich. Meine Mutter nickt mir stumm zu. Ich kann spüren, wie sich meine Augen mit Tränen füllen, und hänge meine Augen an den Mond.
»Wusstest du .«, meine Stimme bricht weg, ich versuche dem Mond ein bisschen Kraft zu entziehen und sie in meine Stimme zu legen, »wusstest du, dass mein Name kurdischen Ursprungs ist?«
»Nein«, sagt meine Mutter, »das wusste ich nicht.« Ich kann hören, dass es sie Mühe kostet, ihre Stimme unter Kontrolle zu halten. Ich kann hören, wie auch sie versucht, ihre Tränen zu unterdrücken.
»Weinst du?«, frage ich.
Meine Mutter holt tief Luft und wackelt wieder mit ihrem Telefon herum, bis die Kamera ihr Gesicht zerteilt.
»Maman, ich sehe nur dein halbes Gesicht.«
»Jetzt gut?«
»Jetzt gut«, sage ich, als meine Mutter das Telefon wieder still vor ihr Gesicht hält, und frage sie, warum wir noch nie von jemandem gehört haben, der so heißt wie ich.
»Weil sie den Kurden auch...
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