
In 40 Tagen um die halbe Welt
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Kapitel 3
Samstag, 25.06.2022
Heute war ein Flugtag, das war gleich von Anfang an klar; wenn auch nicht in meiner Grumman und auch nicht Richtung Amerika.
Schon zur Frühstückszeit war der Fliegerklub voller Leute, wie ich erfreut feststellte, als ich aus meinem Zimmer kam. Zum einen war so viel los, weil natürlich am Wochenende die meisten Piloten nicht ihrer eigentlichen Arbeit nachgehen mussten. Selbst die im Home-Office Arbeitenden waren dann wahrscheinlich froh, mal unter Menschen zu kommen. Dazu war an diesem Tag einfach eine gigantisch tolle Wetterlage wie ja so oft, nachdem ein Tief durchgezogen war. Zum anderen war aber auch viel los, weil genau zum jetzigen Zeitpunkt zwei Mitglieder des Klubs bei einem Wettbewerb mitflogen, der gerade im Sportkanal live übertragen wurde. Es war die Norwegische Meisterschaft im Präzessionsfliegen. Die Regeln waren klar. Ohne elektronisches Navigationsequipment, nur nach Papierkarte und vorher ausgedruckten Luftbildaufnahmen, musste man bestimmte Wegpunkte überfliegen und durfte dabei von einer Art Korridor nicht abweichen.
Ich war begeistert, das war ja genau mein Ding. Unwillkürlich fieberte ich jetzt mit den anderen mit, während ich meinen Kaffee schlürfte, den schon wieder irgendein Heinzelmännchen heimlich gekocht hatte. Als meine Freunde eintrafen, wurden sie herzlich von allen begrüßt und sofort redeten alle wie wild auf Norwegisch durcheinander. Ich konnte nur raten, um was es dabei ging, aber anscheinend wurden die Neuankömmlinge über den aktuellen Stand der Wettkampfteilnehmer unterrichtet. Das war schön, wenn man sah, wie so ein Fliegerklubleben verbindet.
Da ich heute auf einem anderen Platz im Raum saß als an den letzten beiden Tagen - der bequemste Sitz blieb natürlich nicht lang frei - bemerkte ich jetzt erst, dass die Räumlichkeiten des Klubs wie eine Empore direkt über einem Hangar gebaut waren. War die Seite des Eingangs fast ebenerdig, fiel das Gelände zur Rückseite stark ab. Die Fenster zu dieser Seite gingen gar nicht nach draußen, sondern gaben den Blick in eine Art Souterrain frei, wo gerade eine von zwei gleich aussehenden Tomahawks rausgezogen wurde. Es war unglaublich, dass ich so nah neben Fliegern geschlafen hatte, sogar zwei Nächte, und das jetzt erst bemerkte. Und ich fand diese riesige Halle richtig schön, sauber und voller schicker Flieger.
Ich erzählte Erlend voller Erstaunen meine Entdeckung. Daraufhin sagte er, er könne mir noch ganz andere Hangars hier auf dem Flughafen zeigen mit wirklich interessanten Fluggeräten darin. Etwas Zeit hätten wir noch vor unserem Ausflug. Solveig und Knut begleiteten uns und zu meiner Überraschung gingen wir zum Parkplatz. Der Flughafen war so groß, da hätte es ewig gebraucht, bis wir zum anderen Ende gelaufen wären. Aber genau dort wollten wir hin.
Also fuhren wir einmal komplett um das Gelände und passierten am nördlichen Ende ein Tor, zu dem die ansässigen Flugzeugbesitzer einen Schlüssel hatten. Und dann bekam ich meine ganz eigene Führung durch verschiedene Hangars. Das Highlight war eine Halle mit einigen sogar flugfähigen Warbirds, wie eine Mustang, eine Spitfire und sogar einem Fieseler Storch, der mit seiner original historischen Bemalung auf dem Seitenruder in Deutschland gar nicht fliegen dürfte.
Wahrscheinlich war es mir als Deutsche sogar verboten, überhaupt dorthin zu schauen. Aber, weil ich ja vorsätzlich nie sicher sein möchte, machte ich schnell ein Beweisfoto. Das innerliche Schmunzeln galt somit nicht dem Motiv, sondern meiner Ungezogenheit.
Das waren schon richtige Schätze, die hier parkten. Aber schließlich gingen wir in Erlends Hangar und zogen gemeinsam seine Piper Arrow heraus. Die war viel schwerer als meine und da ist dann schonmal Teamwork gefragt. Ein tolles leistungsstarkes Flugzeug hatte er da, mit 200 PS, Einziehfahrwerk und voll IFR ausgestattet. Aber ich fragte mich, ob ich mit einem so schwer zu handelnden Flieger überhaupt unabhängig genug wäre, allein zu reisen. Was, wenn ich sie irgendwo rangieren müsste und gar nicht bewegt bekäme? Aber über diese ungelegten Eier musste ich mir ja jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Ich freute mich einfach, dass die beiden mich auf einen Rundflug mitnehmen wollten. Knut war inzwischen wieder zurück zum Klub gefahren.
Witzigerweise lagen hier im Hangar oder auch im Fliegerklub überall Schwimmwesten und zum Teil auch Trockenanzüge herum. Es ist einfach selbstverständlich, von der ersten Schulstunde an, immer mit dem Notwassern zu rechnen, weil man hier ganz einfach immer über Wasser fliegt, egal in welche Richtung man unterwegs ist. Also würden sie eher blöd gucken, wenn man in Sola ohne Weste einsteigt, obwohl man nicht nur Platzrunden fliegen möchte.
Wir suchten für mich eine passende Weste heraus, bei der nicht mehr viel verstellt werden musste und, als der Außencheck erledigt war, hieß es endlich: Boarding! Solveig stieg ein und setzte sich selbstlos hinten auf die Rücksitzbank. Mir überließ sie großzügig den Copiloten-Platz. Da eine Piper ja nur eine einzige Tür hat, durch die jeder musste, der rein oder raus wollte und die sich über dem Flügel auf der rechten Seite befand, hieß das für mich, als Letzte einzusteigen.
Wir überflogen als Erstes die Stadt Stavanger und ich erkannte all die Plätze wieder, wo wir am Vortag langgelaufen waren. Es ist eine wunderschöne Hafenstadt. Die bunten Häuser am Yachthafen mit den Restaurants waren deutlich zu erkennen. Das Öl-Museum stach einem mit seiner abstrakten Bauweise gleich ins Auge. Ich sah den Fischmarkt und fand sogar das Haus, in dem der Metzger die leckeren Sachen verkaufte. Wir ließen die große Brücke rechts liegen und flogen nach Nordosten auf das Festland zu. Unter uns cruisten Motorboote in die gleiche Richtung, aber bestimmt nicht mit dem gleichen Ziel.
Erlend zeigte mir eine Insel namens Sør-hidle, die bekannt für ihre besondere Botanik war. Wir umkreisten den nördlichen Teil und er ließ mir die Zeit, den Anblick auf mich wirken zu lassen. Ein Paradies aus Wasseranlagen, Palmengärten, Parks mit unglaublicher Struktur, gesäumt von Blumen in allen möglichen Farben, weiße Sandstrände und riesige Gewächshäuser, die wahrscheinlich genauso schön befüllt waren.
Und wieder war ich von einem Anblick überrascht worden, den ich hier niemals erwartet hätte. Verband ich doch Norwegen unbewusst immer automatisch mit den schroffen und kargen Ansichten, so völlig ohne Gewächse, an die ich mich noch aus dem Trip ans Nordkap erinnerte.
Dieser Garten heißt "Flor og Fj?re", was so viel heißt wie "Pflanzen und Feen" oder "Pflanzen und Tiere" oder auch "Flut und Ebbe", wahrscheinlich liegt es jeweils im Auge des Betrachters.
Solveig erzählte mir, dass es dort ein hervorragendes und fast immer ausgebuchtes Restaurant gäbe, das ein sehr beliebtes Ausflugsziel auch per Boot wäre, ganz speziell für Pärchen. Das konnte ich mir sehr gut vorstellen.
Aber schon kurz nach dieser ganzen Romantik, konzentrierte ich mich wieder auf unser eigentliches Ausflugsziel, den berühmten Preikestolen. Hierbei handelt es sich um eine sich völlig von der Umgebung unterscheidende flache Felsplattform mit der Flächengröße einer Turnhalle, jedoch in quadratischer Form. Die Kanzel - die wörtliche Übersetzung lautet: der Predigerstuhl - ist auf natürliche Weise vor circa 10.000 Jahren durch eine Sprengung entstanden, als die Kanten der Gletscher bis oberhalb des Felsens reichten.
In tiefen Rissen war damals Wasser eingedrungen und gefroren. Dann trat eigentlich der gleiche Effekt ein, wie bei einigen missglückten Experimenten in meiner Kindheit, als ich mit acht oder neun Jahren, in einem bitterkalten Winter, befüllte und verschlossene Flaschen über Nacht auf den Balkon stellte, um zu beweisen, dass es nicht stimmte, was meine Erzrivalin im Unterricht erzählt hatte. Damals gab es neben einer Ohrfeige nur zerbrochenes Glas. Hier aber hatte der Gletscher ganze Arbeit geleistet, indem er blockweise Gestein absprengte und mit sich riss. Übrig blieb diese bei Wandertouristen super beliebte "Kanzel". Denn nicht nur ihre einmalige Form war beeindruckend. Von dort aus hatte man einen unbeschreiblichen Blick auf den 40 km langen Fjord und die anderen Berge. Wer sich bis zur vorderen Kante traute, konnte über 600 Meter in die Tiefe bis zur Wasseroberfläche schauen. Natürlich nur, wenn es das Wetter zuließ. Ein paar Verrückte kamen auch bei Nebel dorthin, wahrscheinlich für spektakuläre Fotos.
Aber nicht nur Touristen zog es hierher. Filmemacher waren aufmerksam geworden auf dieses einmalige Motiv. Sei es Tom Cruise in Mission Impossible oder Ragnar Lothbrok in Vikings, diese Kulisse lieferte ihnen das I-Tüpfelchen an Dramatik. Wenn man den Felsen einmal zu Fuß besichtigen wollte, kam man tatsächlich nur über einen gar nicht mal so ungefährlichen zweistündigen Wanderweg dorthin, so weit ist der nächste Parkplatz entfernt. Über teils steile Streckenabschnitte, angelegte Bohlenwege durch morastigen Sumpf, dann durch ein Geröllfeld,...
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