
Tsunamigott, address unknown
Beschreibung
Erfasst vom Rausch ständiger Perspektivwechsel und verblockt mit dem Irrwitz einer wundersamen Tierfabel, fördert dieses dystopische Theater beständig bittere Wahrheiten zu Tage: Gesa hat einst abgetrieben und postuliert das Nichtmuttersein noch im Alter als feministischen Akt, Fenya hingegen erschafft sich den Sohn fortwährend als ikonische Vorspiegelung, um den Schmerz über die eigene Unfruchtbarkeit wachzuhalten. Der Zwist der Frauen und die unterschwellig dampfende Potenz der Ehemänner entwickeln am paradiesischen Alterswohnsitz von Tuvanaro ein viriles Eigenleben, das zwischen bleierner Lethargie und ausschweifendem Libertinismus mäandert.
Glasiert wird das disruptive Setting von der neobarocken Dekadenz eines selbsternannten Tsunamigottes, der als autokratisch-verpeilter Alt-Hippie über eine von Idioten und Umweltfrevlern bevölkerte Insel wacht, die ihren elysischen Garten Eden zum toxischen Ort pimpen: Je weiter die Menschen sich dort von ihren Ängsten entfernen, umso drastischer treten Tod und Vergänglichkeit an sie heran.
Der verstörend-mitleidlose Sprachduktus dekodiert das Drama insbesondere in seiner lakonischen Überhöhung als hochtourigen Zeitkommentar, als düstere Vorstudie zur zechenden, spätkapitalistischen Selbstdressur, die den Nahkampf aus monströser Vergangenheits- und aktueller Krisenbewältigung gegen sich selbst und aus sich selbst heraus führt. Hier folgen beiläufige Beschreibungen extremer Brutalität und Gewalt der Definition freudscher Triebabfuhr, wonach gelacht werden darf, wenn das Blut fließt. Herget hat seine episodisch gewirkte Groteske als Feldversuch angelegt, der die alles entscheidende Frage aufwirft, ob vollkommene Gefühllosigkeit in der Denkweise eines Anders Breivik möglicherweise doch reproduzierbar sei, wenn schon nicht real, dann bei der Inszenierung verworrener Grausamkeiten.
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Person
Inhalt
Vorspiel zur Dressur: Haltungsübungen und die alles verzehrende Sehnsucht nach Michael
ÄRZTIN Werde ich noch gebraucht?
ERZÄHLER Für die Rolle, meinen Sie?
ÄRZTIN Für später. Als Ärztin gewissermaßen.
ERZÄHLER Kommt drauf an, wo es einen hinzieht am Abend. Das Publikum.
ÄRZTIN Also, ich geh dann mal, Sie wissen ja, wo Sie mich finden. Aber dass er tot ist, haben Sie mitbekommen?
ERZÄHLER Michael? Traurige Geschichte. Wir reden später drüber, solche Schicksale bleiben gemeinhin auf der Strecke, wenn es am Vorabend nicht gezogen hat.
ÄRZTIN Wo spielen wir morgen?
ERZÄHLER Auf dem Land. An der Grenze zu Polen. In einer Scheune.
ÄRZTIN Vielleicht lässt sich dem Tod dort ein Schnippchen schlagen.
ERZÄHLER Jeder Heuboden ist willkommen. Besser als Stadttheater. Grässlicher Brutalismus. Lässt sich nicht mehr beheizen.
ÄRZTIN Mir ist kalt.
ERZÄHLER Scheiß Siebziger. Aber die Bürgermeister sind zu feige, ihre scheußlichen Mehrzweckhallen in die Luft zu jagen. Ständig stehen ihnen Erben von irgendwelchen dänischen Stararchitekten auf den Füßen. Hinterher explodiert nur der Gaspreis, wenn alles unter Denkmalschutz gestellt wird.
ÄRZTIN Ich glaub, ich brüte eine Scheiß-Siebzigerjahre-Kälte-Phobie aus.
ERZÄHLER Sogar die Klimakleber drücken sich vor dem Beton.
ÄRZTIN Spielen die denn Theater?
ERZÄHLER Nö. Die meinen es ernst.
ÄRZTIN Ist der Witz in Tüten!
ERZÄHLER besorgt Sie frieren doch nicht wirklich?
ÄRZTIN alarmiert Hier! Schon stellen sich erste Härchen! Sie präsentiert sie dem Erzähler, der ihren nackten Unterarm begutachtet, woraufhin der Ärztin aus dem Publikum heraus eine Pferdedecke angereicht wird, die sie sich dankbar über die Schulter wirft.
ERZÄHLER Wir müssen sparen. Eisern. Gewöhnen Sie sich an den Gedanken.
ÄRZTIN Wie könnt ich's negieren, wenn noch beim Schlussapplaus die Zähne klappern!
ERZÄHLER Bleiben Sie meinetwegen bei der Kunst, aber machen Sie sich keine Illusionen. Sie werden künftig einem missmutigen Sparbrötchen die Stirn bieten müssen. Ich will ja nicht rumkritteln, aber mein Nuscheln wird immer schlimmer. Ich meine, ich habe kein Wort verstanden von dem, was ich eben gesagt habe, bei jeder skandalträchtigen Neuerung verschlägt's einem die lallende Sprache. Hinter jedem Dichter steht eine mächtige Muse. Nicht, dass ich nichts zu sagen hätte, aber jede ästhetische Reduktion hinterlässt eine schwere Zunge und verletzte Eitelkeiten. Sagen Sie frei raus, was aus mir geworden ist!
ÄRZTIN Ein Finanzbuchhalter, gefangen im Körper eines Narren. Wenn ich sie wäre, würde ich an dieser schlaffen Oberlippe arbeiten.
ERZÄHLER Sie wissen, ich schätze konstruktive Kritik. Selbst, wenn alle Züge abgefahren sind.
ÄRZTIN Ach, was soll's. Sie haben eben keine Antenne für die postmoderne Leere und ihr gebrochenes Bewusstsein.
ERZÄHLER Zu lang.
ÄRZTIN Sie sind tatsächlich infiziert, innerhalb der Grenzen des guten Geschmacks.
ERZÄHLER Muss gekürzt werden. Kürzer, kürzer, kürzer!
ÄRZTIN Mistkerl! Nehmen Sie's nicht persönlich.
ERZÄHLER Mistkerle fliegen ebenfalls raus.
ÄRZTIN An diesem Mistkerl habe ich das ganze Wochenende über bis morgens um fünf gearbeitet.
ERZÄHLER Der Mistkerl eben war der beste Kackstiefel, von dem ich je gehört habe. Bei Gott! Stärkt das ihr angeknackstes Ego?
ÄRZTIN Geht das nicht zu weit?
ERZÄHLER Was würden Sie tun, um sich aus der Schlinge eines postmodernen Traumas zu befreien?
ÄRZTIN Klassische Anspielungen.
ERZÄHLER Zweideutigkeiten?
ÄRZTIN Dialektische Sprünge.
ERZÄHLER Wie die frühe Virginia Woolf?
ÄRZTIN Der späte Ionesco.
ERZÄHLER Der mittlere Sartre, okay?
ÄRZTIN Gut möglich, dass ich den Mistkerl ins Zentrum eines abendfüllenden Bilderrätsels stelle. Der erste Akt würde - nichts wird gesagt. Der zweite könnte - nichts wird gesagt und der letzte leuchtet einfach die Unendlichkeit des Raums aus.
ERZÄHLER Zwischen Orient und Okzident?
ÄRZTIN Zwischen uns.
ERZÄHLER Gestrichen!
ÄRZTIN Keine Ergüsse zu nachtschlafender Zeit, soll mir recht sein. Aber merken Sie sich eines: Talent lässt sich nicht unterdrücken!
ERZÄHLER Ich mache in den hellen Momenten meiner erbarmungswürdigen Existenz den Eindruck eines altruistischen Märchenonkels auf Sie? Wenn man romantisch veranlagt ist, sind letzte Eindrücke oft trügerisch.
ÄRZTIN Uh-huh, ich krieg garantiert keine Gänsehaut. Bilden Sie sich nichts drauf ein, nur weil ich am ganzen Körper schlottere.
ERZÄHLER erwägend Denken Sie wirklich, wir könnten sterbetechnisch einen Neustart wagen? Jetzt, wo Michael gegangen ist und alle Welt nach gemütvollen Proletarier-Komödien lechzt?
ÄRZTIN Ich habe große Lust, Leben zu schenken. Deswegen hat man doch Medizin studiert. Ich ertrage es nicht, Leute krepieren zu sehen, vor, auf und neben der Bühne. Wer hat uns eigentlich gebucht?
ERZÄHLER blättert in einer Kladde. Ein Paradiesvogel, so steht's geschrieben.
ÄRZTIN Sie schenken den Unterlagen Glauben? Gut. Tiere gehen immer.
ERZÄHLER Seine Kumpel bereiten mir Kopfzerbrechen. Abstoßende Kreaturen mit toten Augen, Stacheln und gepanzertem Chitin. Je weniger Zaster die armen Teufel haben, desto ekelhaftere Fantasien entwickeln sie.
ÄRZTIN Können Sie sich noch an die Lotto-Tippgemeinschaft erinnern? Heiliger Bimbam, den Mob hatten wir erst im Frühjahr.
ERZÄHLER Sind die im Anschluss nicht rüber in den Polacken-Puff?
ÄRZTIN Alter Schwede, die haben's vielleicht krachen lassen. Bis über die Oder hat man die Einschläge gehört.
ERZÄHLER Wir können uns die Auftraggeber nicht aussuchen, wir sind bankrott. Sackpleite. Ich werde dem Techniker kündigen müssen, dem Fahrer fürs Bühnenbild ebenfalls. Allen, die nicht an der Rampe stehen. Morgen. Nächste Woche. Ach, ich weiß nicht. Sie haben im Sprinter sicher Platz für die Kulissen?
ÄRZTIN Im Doppelbett?
ERZÄHLER Sie schlafen in einem Doppelbett?
ÄRZTIN Ist mir als Luxus geblieben. Was ist, soll ich mich entschuldigen? Sie wollen mir doch nicht den Duke unterjubeln? Nee, oder?
ERZÄHLER Den kriegt der Tierschutz. Harte Entscheidung, trotz zweifelhafter Papiere. Mir bricht's das Herz, keine Frage, aber die Töle entwickelt einen derart gesunden Appetit auf Biofleisch, dass einem schwindelig wird.
ÄRZTIN Vielleicht findet sich ein Plätzchen an meinen Füßen.
ERZÄHLER Haben Sie ihn neulich nicht gefüttert? Dass er um Dosenware einen Bogen macht, müsste Ihnen doch aufgefallen sein?
ÄRZTIN Mit freilaufenden Angus-Rindern und Geflügel aus Gruppenhaltung locke ich den Duke an jeden Napf der Welt.
ERZÄHLER Der Bursche frisst uns langsam die Haare vom Kopf.
ÄRZTIN Es sind nicht mehr viele von uns übrig.
ERZÄHLER Pelé ist tot.
ÄRZTIN Wusste nicht, dass er krank war.
ERZÄHLER Der Tod ist ein Massaker. Beckenbauer ist auch schon in Ungnade gefallen.
ÄRZTIN Heutzutage sterben Leute, die früher nicht gestorben sind.
ERZÄHLER Einige Überlebende fühlen sich schuldig, weil sie überlebt haben. Er greift sich an die Seite. Mir ist komisch.
ÄRZTIN Ich versteh Sie kaum, wenn Sie nuscheln. Hatten Sie nen Schlaganfall? Strecken Sie die Zange raus. Erzähler tut es. Ziemlich kurz. Immerhin ist sie nicht gespalten. Er zieht die Zunge zurück.
ERZÄHLER Schon beim Aufwachen war dieser Schwindel. Vor Sonnenaufgang fiel der Buchfink tot vom Ast. Als ich aus dem Fenster sah, parkte die Müllabfuhr in zweiter Reihe vor dem Haus gegenüber. Ehemalige Fußballer hatten sich als Totengräber verkleidet, sie trugen Pelé auf einer Bahre nach draußen und kickten ihm zu Ehren auf dem Fahrweg. Während sie sich in einen blinden Rausch spielten, verspeiste der Duke den toten Pelé und streifte sich dessen Trikot mit der Nummer zehn über. Inzwischen hatten sich die Müllmänner die Straße hinaufgearbeitet. Unter den Protesten der Spieler fingen sie das in den brasilianischen Nationalfarben gewandete Tier ein und warfen es in den Häcksler.
ÄRZTIN Sie haben sich einen Virus eingefangen. Neben der Kürzeritis.
ERZÄHLER Ich möchte auf See bestattet werden, versprechen Sie's mir?
ÄRZTIN Wenn wir ihn nicht relaunchen, brauchen wir den Paradiesvögeln unseren Michael gar nicht erst unter die Nase zu reiben. Weder tot noch...
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