
Vorbild Hannah Arendt
Beschreibung
Besonders interessant ist dabei Hannah Arendts Grundannahme, dass gesellschaftliche Einsamkeit/Verlassenheit eine wichtige Voraussetzung für die Bereitschaft von Menschen ist, bei nicht-demokratischen Parteien Zuflucht zu suchen. Wenn Hannah Arendt mit dieser Hypothese Recht hat, muss das Konsequenzen für die aktuelle Politik auch bei uns haben. Aktuelle Studien zu Einsamkeit und Rechtsextremismus bilden dafür aktuell eine empirische Grundlage.
Ulrich Gierse befragt Hannah Arendt zu den Ursprüngen totalitären Denkens und verarbeitet ihre Überlegungen zu einer politiischen Handlungsweise.
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1. Loneliness13 (Verlassenheit)
Hannah Arendt ist der Überzeugung, dass menschliches Handeln immer auf Grunderfahrungen des Menschen fußt. Jede Möglichkeit zum Handeln, zu einer gemeinsamen Aktion soll im "Ein Volk! - Ein Führer!"- Regime verhindert werden. Das geht nicht von heute auf morgen. Historisch herrscht in der Anfangsphase oder der Aufstiegsphase totaler Herrschaft in der Regel eine Einparteiendiktatur, deren Hauptanliegen es ist, die Menschen voneinander, Arendt schreibt gegeneinander, politisch zu isolieren, um sie besser beherrschen zu können. Ziel der totalen Herrschaft ist totale Kontrolle. Dazu müssen Menschen von ihrer Verschiedenheit "gesäubert" werden und zu einer homogenen Einheit, zu einer Totalität, zusammengezwungen werden. "This isolation is, as it were, pretotalitarian; its hallmark is impotence insofar as power always comes from men acting together, acting in concert" (Burke); isolated men are powerless by definition."14 15
In einer Diktatur verlieren Menschen aus Furcht ihre politische Handlungsmöglichkeiten, dazu reicht es, dass ihre Kontakte abgebrochen werden. Aber nicht alle Kontakte werden in der Diktatur abgebrochen, sondern nur die politischen. Es bleibt noch eine Privatsphäre mit der Fähigkeit zum "Erleben, Erfinden und Denken" (the capacities for experience, fabrication and thought) intakt. Die totale Herrschaft will aber mehr, sie will alle Menschen in ihrem Einflussbereich zu Menschen machen, die verlassen sind, denn das ist die Voraussetzung, um sie total beherrschen zu können. Erst in der Verlassenheit sind Menschen wirklich allein, nämlich verlassen nicht nur von anderen Menschen und der Welt (Politik), sondern auch von dem Selbst, der eigenen Identität, die von anderen nicht mehr bestätigt wird. In dieser Verlassenheit gehen Selbst und Welt, und das heißt echte Denkfähigkeit und echte Erfahrungsfähigkeit, zugleich zugrunde.
Die Verlassenheit ist nicht ein von den Totalitären erfundenes Phänomen, sondern "ist eng mit der Entwurzelung und der Überflüssigkeit verbunden, die seit Beginn der industriellen Revolution der Fluch der modernen Massen sind und sich mit dem Aufstieg des Imperialismus am Ende des letzten Jahrhunderts und dem Zusammenbruch der politischen Institutionen und sozialen Traditionen in unserer Zeit verschärft haben."16 Entwurzelt zu sein ist dabei die Erfahrung, wenn man keinen Platz mehr in der Welt hat, der von anderen anerkannt wird. Überflüssig zu sein bedeutet, überhaupt nicht zur Welt zu gehören, nicht zu existieren. Das können Erfahrungen der Erwerbslosigkeit, Arbeitslosigkeit oder von Staatenlosigkeit und Flucht sein oder deren Antizipation.
Verlassenheit bedeutet dabei, nicht nur den Verlust der materiellen Absicherung, sondern den Verlust der Erfahrung, diese materielle und sinnliche Welt mit anderen Menschen zu teilen, denn dazu muss man mit anderen Menschen in Kontakt sein, also nicht verlassen zu sein. "Das Einzige, was in der Verlassenheit als scheinbar unantastbar sicher verbleibt, sind die Elementargesetze des zwingend Evidenten, die Tautologie des Satzes: zweimal zwei ist vier. Damit erfährt das zwingend Einsehbare für den Verlassenen eine eigentümliche Gewichtsverschiebung: es ist nicht mehr die selbstverständliche Regelung menschlichen Denkens, ein Mittel des Verstandes, um Widersprüche zu vermeiden; sondern es wird aus sich heraus gleichsam produktiv, beginnt Denkreihen zu entfalten, Prozesse zu entwickeln, »folgert eins aus dem anderen und denkt alles zum ärgsten«. (EU 1006)
Verlassenheit, die nicht existente Beziehung zur Welt und zur Politik, ist nach Arendts Überzeugung ein wesentlicher Baustein für die Faszination totalitärer Ideologie. Aber nicht nur für die Homogenisierung des Denkens in Schablonen, sondern auch für die Organisation der Gesellschaft selbst.
Die totale Herrschaft hat das Ziel, alle Menschen zu einer undifferenzierten Einheit (Volksgemeinschaft) zu formen. Das kann nur gelingen, wenn das Defizit einer Diktatur, privat noch handlungsfähig zu sein, also "the capacities for experience, fabrication and thought" zu haben, zerstört wird. Da das jedoch Grundfertigkeiten des Menschen sind, die seine Entwicklung wesentlich befördert haben, braucht es den Zwang von Ideologie und Terror, der den Menschen verspricht ihnen Halt zu geben, sie aber tatsächlich in ihrem Menschsein zerstört. Das eiserne Band des Terrors wirkt wie ein Schraubstock, so eingezwängt wird jeder Raum zwischen den Menschen zerstört und die Menschen gegeneinander gepresst und alle produktiven Möglichkeiten, die es im Stadium der Isolation noch gab, vernichtet.
Die totale Herrschaft ist die Herrschaft einer Ideologie, die das Denken beherrscht und den "Verlassenen" durch den Glauben an die alles erklärende Ideologie einen Halt verspricht. Es kommt also zweierlei zusammen: die Sehnsucht nach einer Welt- und Geschichtserklärung (2+2=4), die Halt gibt und eine Verlassenheit, die diesen Halt benötigt. "Die tödlichen Konsequenzen, die sich aus den Ideologien ergeben, können nur von Verlassenen, denen die ihre Freunde und die, die sie lieben, bereits verlassen haben, exekutiert werden."17
Will man aktiv etwas gegen totalitäre Tendenzen tun, dann muss man auch das Problem der Verlassenheit ins Zentrum der Gegenstrategien rücken.18
Begriffsklärungen
Hannah Arendt benutzt für das Wortfeld "Verlassenheit" im englischen Original die Begriffe: "isolation" und "loneliness", im Deutschen neben "isoliert sein", "Verlassenheit" und "Entwurzelung".
Mit Isolation bezeichnet sie den Zustand, in der politischen Sphäre nicht mehr handlungsfähig zu sein, weil es verunmöglicht wird, sich zusammenzuschließen, das ist auch die Erfahrung in einer Diktatur.
In der totalen Herrschaft kommt zu dieser politischen Isolierung eine in der privaten Sphäre dazu. Arendt wählt dafür im Englischen das Wort "loneliness", im Deutschen "Verlassenheit". Man fragt sich, warum diese unterschiedliche Wortwahl? Die meistens verwendete deutsche Übersetzung von "loneliness" ist "Einsamkeit". Das deutsche Wort "Einsamkeit" entspricht aber eher dem englischen solitude", das sich direkt aus dem lateinischen Original "solitudo" erschließt.
Das deutsche Wort "Einsamkeit" ist ein Lehnwort des lateinischen "solitudo", eine wortwörtliche Übertragung in "Einsamkeit". Verlassenheit ist aber nicht zu verwechseln mit Alleinsein (solitudo), noch mit Einsamkeit". Das erläutert Arendt am römischen Philosophen Epiktet: "Nach Epiktet (Dissertationes, Buch 3, Kap. 13) ist der einsame Mensch (eremos) von anderen umgeben, mit denen er keinen Kontakt aufnehmen kann oder deren Feindseligkeit er ausgesetzt ist. Der alleinseiende (solitary) Mensch hingegen ist allein und kann daher "mit sich selbst zusammen sein", denn der Mensch hat die Fähigkeit, "mit sich selbst zu reden". (.) Was (dagegen) die Einsamkeit/ Verlassenheit so unerträglich macht, ist der Verlust des eigenen Ichs, das sich in dem Alleinsein zwar verwirklichen kann, aber nur durch die vertrauensvolle Begleitung von meinesgleichen in seiner Identität bestätigt wird. In dieser Situation verliert der Mensch das Vertrauen in sich selbst als Partner seiner Gedanken und jenes Urvertrauen in die Welt, das notwendig ist, um überhaupt Erfahrungen zu machen. Selbst und Welt, Denk- und Erlebnisfähigkeit gehen gleichzeitig verloren." 19
Der Mensch fühlt sich allein gelassen, wisse aber, dass er allein weder handeln noch leben kann. Im Deutschen kann man "loneliness" auch wortwörtlich mit Alleingelassensein (intransitiv) übersetzen, das entsprechende Synonym dazu ist Verlassenheit.
Einsamkeit wird in der Psychologie als eine wahrgenommene Distanz zwischen den gewünschten und den tatsächlichen sozialen Beziehungen definiert. Verlassenheit ist dagegen ein Begriff, der sich gut in die existentialistische Auffassung einfügt, dass der moderne Mensch Schwierigkeiten hat, seinen Ort in der Welt zu finden, der Mensch der modernen Massengesellschaft wurzellos geworden sei. Verlassenheit entsteht, wenn aus gleich welchen personalen Gründen ein Mensch aus dieser Welt hinausgestoßen wird oder wenn aus gleich welchen geschichtlich-politischen Gründen diese gemeinsam bewohnte Welt auseinanderbricht und die miteinander verbundenen Menschen plötzlich auf sich selbst zurückwirft. Mensch fühlt sich verlassen von Gott und der Welt ( Regierung, Staat etc.)und verhält sich als sei man von allen guten Geistern verlassen.
Allen gemeinsam ist, man sieht sich in der Opferrolle. In der oben zitierten norwegischen Studie verwenden die Autor*innen den Begriff "soziale Entfremdung", um den größeren Zusammenhang in dem Einsamkeit steht begrifflich zu fassen. "Verlassenheit" meint also ein...
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