
Hydorgol - Exil
Beschreibung
Das Überleben auf dem gewaltigen Gasplaneten ist nur innerhalb des Konglomerates aus den notdürftig zusammen gezimmerten Überresten der großen Schlacht von Epsilon Eridani möglich. Der Wille zu Überleben vereint die ehemaligen Gegner und so hat sich in den Jahren des Exils eine ganz eigene Gesellschaft herausgebildet. Ob in den paradiesischen virtuellen Welten des Inneren oder den rostigen Maschinenstädten des Perimeters, jeder hat seine Nische gefunden.
Jeder, bis auf Alofan Haragieri. Es ist nicht die Art der ehemaligen "Bluttrinkenden Geißel" von Lotus, sich an Gegebenes zu halten. Er will nach Hause, zu seiner Frau und zu seinen Kindern.
Der Weg nach Hause liegt nicht in den paradiesischen Welten des Inneren, er muss in die äußeren Welten, in den Perimeter und vielleicht noch viel weiter. Hinter den Schutzschild in die Welt der Hünen. Jene Hünen, die die Verheerung ihrer Welt durch die "Verursacher" noch nicht vergessen haben.
Nichts, was den Assassinen von Chamina aufhalten würde.
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Inhalt
1. Schach mit einem Gott
Düsternis umhüllte das Nichts. Alofan Haragieri fühlte gleichermaßen nackte Panik und unbändigen Stolz. Der ehemalige Assassine vom Planeten Chamina aus dem Alpha-Centauri-System hatte seine Beute gestellt. Und nicht etwa irgendeine Beute, nein: Einen Gott! Für Götter hielten sich mittlerweile viele Menschen in den virtuellen Welten der Inneren Lande, aber dieses Wesen war kein Mensch. Es war ein echter Gott. Ein Vishnui, der in der Gestalt eines Zwerges seine Späße mit den Menschen trieb.
Dieser selbstgestellte Auftrag war das letzte echte Abenteuer, das Alofan Haragieri in der schier endlosen Vielfältigkeit seines Exils geblieben war. Der Tod hatte in der virtuellen Welt seinen Schrecken verloren. Wenn man nach einem Tod in der eigenen oder einer neuen virtuellen Welt wieder auferstand, nahm das der Jagd die Spitze. Alofan brauchte das echte Spiel auf Leben und Tod, um sich wahrhaft lebendig zu fühlen.
Wenn die Gralshüter der Inneren Lande Alofan bei diesen Unterfangen erwischen würden, dann stand ihm mehr als nur ein bisschen Ärger bevor. Er selbst hätte sich anstelle der Verantwortlichen für diese Welt umgehend endgültig aus den Gleichungen des Konstrukts entfernt. Aber die Gedanken an das große Ganze lenkten ab. Dieser Kampf fand auf der Spitze des Messers statt. Das Konglomerat mit seinen Inneren Landen und dem kargen äußeren Land war jetzt, in diesem Moment, nicht wichtig. Ebenso unwichtig wie die endlosen Weiten des Gasplaneten, in dem der empfindliche Luftballon mit dem gewichtigen Namen "Das Konglomerat" ziellos umhertrieb. Alofan hatte einen Termin bei einem wahren Gott.
Der ehemalige Assassine trat noch einen Schritt vor und fand sich plötzlich im hellen Scheinwerferlicht wieder.
"So kurz vor dem Ziel gescheitert, Assassine Alofan Haragieri. Ärgerst du dich oder wirst du dich in das Unvermeidliche fügen?"
"Weshalb gescheitert? Ein Gott spricht wahrhaftig mit mir. Mehr wollte ich nicht erreichen."
Die für seine Größe erstaunlich tiefe Stimme des Zwerges antwortete mit einem lauten und etwas spöttischen Lachen.
"Du wolltest Gott treffen, Mensch? Dann bist du noch sehr weit von deinem Ziel entfernt. Ich bin kein Gott. Ich bin der Schatten eines Gottes. Eines sehr kleinen und unbedeutenden Gottes in einem gewaltigen Misthaufen unzählbarer Götter. Wobei, 'unzählbar' stimmt nicht ganz, aber die Anzahl ist für ein einfaches Gemüt nahe genug daran. Doch ich will kein schlechter Gastgeber sein. Komm näher, Mensch! Ich werde dir den Unterschied zwischen einer Sache und dem Schatten einer Sache erklären."
Das grelle Scheinwerferlicht dimmte herunter und damit wurden zwei gemütliche Sessel und ein niedriger Holo-Spieltisch erkennbar. Der Zwerg saß in einer der Sitzgelegenheiten, sehr breitschultrig und deutlich über vier Fuß groß. Seine Gestalt war nicht die eines kleinwüchsigen Menschen, er glich mehr einer Sagenfigur. In einem teuer aussehenden grünkarierten Anzug mit einem Seidenschal um den Hals gewandet, wirkten sein wildes Haupthaar und sein zu Zöpfen geflochtener Wikingerbart fehl am Platz. Wie ein Wolf im Schafspelz. Der Zwerg grinste auch wie ein Wolf, so als ob er die Gedanken des Menschen gelesen hätte.
"Nun setz dich schon, ich bekomme einen steifen Nacken, wenn ich die ganze Zeit zu dir hochstarren muss."
Alofan nickte und nahm im freien Sessel Platz.
"Wie soll ich dich anreden?"
"Zwerg wäre eine passende Bezeichnung."
"Ich würde dich gerne mit deinem richtigen Namen anreden, das wäre höflicher."
"Sagte der Drache zu seinem Opfer. Wahre Namen haben große Macht. Netter Versuch, Mensch. Wir sind hier nur zu zweit, da reichen 'Mensch' und 'Zwerg' vollkommen. Mein wahrer Name ist ohnehin nicht in die Vorstellungswelt eines Menschen transferierbar. Und selbst wenn doch, dann wäre es nicht mehr der Wahre Name, sondern der Schatten des Namens. Ding und Schatten des Dings."
"Wenn du der Schatten eines Vishnui bist, dann wäre doch der Schatten des Namens eines Vishnui angemessen, oder nicht?"
"Ah, gut aufgepasst. Analogien hinken immer etwas. Auf Lotus kennt man mich als Vamana. Benannt nach einer der Inkarnationen des Gottes Vishnu. Nun, kein schlechter Name, mehr ist für die dortige Aufgabe nicht notwendig. Du hingegen hattest dort einen passenden, aber nicht sonderlich schmeichelnden Namen. Die bluttrinkende Geißel von Lotus. Ein Schatten deines Wahren Namens, Alofan Haragieri vom Planeten Chamina, aus dem Sonnensystem Alpha Centauri an einer bestimmten, aber flüchtigen Stelle der Raum-Zeit-Varianz. Einer von unendlich vielen gleichzeitig möglichen Alofans im Modell der Paralleluniversen."
"Können die Vishnui zwischen diesen Paralleluniversen wechseln?"
"Können die Abbilder zwischen den einzelnen Welten der Inneren Lande wechseln? Genauso wenig wie die auf Eis liegenden, realen physikalischen Körper der Menschen. Nur der Geist geht in die jeweilige virtuelle Welt. Der Vergleich ist gar nicht schlecht. Diese Analogie mag ich. Die Außendienstklone der Wächter sind eine weitere Analogie. Das Modell ist auch nicht schlecht. Ich schweife ab. Nun, was ist das Universum und wie funktioniert es? Eine Frage, die auch die Vishnui nicht in letzter Instanz beantwortet haben. Sie wissen viel und können auch in den Fluss des Universums eingreifen. Die Frage ist nur: Warum? Der Beobachter verändert alleine mit seiner Anwesenheit das Geschehen. Je weniger Beobachter, desto weniger Veränderung. Aber Veränderung tritt immer auf. Das Raum-Zeit-Fluidum ist nicht statisch. Es ist ein wildes Gewächs, in dem alle Zustände vorhanden sind. Ist Schrödingers Katze tot oder lebt sie?"
"Ratsherr Schrödingers Katze?"
Der Zwerg stutzte für einen kurzen Augenblick. Alofans Einwurf hatte ihn aus dem Konzept gebracht, dann kicherte er, was sich zu einem lauten Lachen steigerte. Alofan erlaubte sich ein freundliches Lächeln. Etwas weniger ernst fuhr der Zwerg fort.
"Du hast Humor, das gefällt mir. Wichtig ist - ja, die Vishnui können einen Schatten an jede Stelle des Raum-Zeit-Fluidums entsenden. Aber der Beobachter spaltet einen neuen Zweig alleine durch seine Anwesenheit ab."
"Mehr Wildwuchs im Baum der Universen?"
"So schlimm ist es auch wieder nicht. Wenn man behutsam vorgeht, nähern sich die Stränge einander wieder an und können sogar verschmelzen. Ein Weg entsteht dadurch, indem man ihn geht. Was meinst du, Mensch, hättest du Lust auf ein Abenteuer?"
"Ein Spiel mit einem unendlich hohen Einsatz, Vamana?"
"Bleiben wir bei Zwerg, bitte. Das ist ein anderer Schatten. Selbes Ding, andere Lichtquelle. Kaum am Spieltisch, entwickelt der Mensch Größenwahn. Wir spielen um die Teilnahme. Gewinnst du einen Teil der Partie, dann wirst du den Beobachter wissend ein kleines Stück des Weges begleiten."
"Kannst du die Erinnerung an diesen Augenblick wieder entfernen, auch wenn sich ein neuer Zweig gebildet hat?"
"Das können selbst die Menschen. Auf etwas brutale Art und Weise, aber es funktioniert. Ein Zwerg, der etwas auf sich hält, hat natürlich eine Tarnkappe. Die Umgebung sieht nur das, was der Beobachter die Umgebung sehen lassen will. Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters. Und auch die lässt sich einfach wieder verwischen, bis sie sich unmerklich in ein stimmiges Bild ohne Beobachter fügt. Gib also nichts auf mein Äußeres, jeder sieht, was am besten in sein Weltbild passt."
"Was würde ich für einen Preis gewinnen?"
"Gehe in dich und wünsche dir, was du wirklich und wahrhaft aus tiefstem Herzen begehrst."
"Ich ..."
"Nicht so hastig. Alles verändert etwas. Spielen wir, bis du gewinnst, und dann machen wir zusammen einen Plan."
"Bis ich gewinne? Das hört sich einfach an, Zwerg. Das muss also eine Falle sein."
"Ha, in diese Falle tappen sie alle! Na ja, fast. Schau dir die Überreste der Narren an, die vorher an Altersschwäche gestorben sind. Einige haben es aber auch geschafft, die liegen natürlich nicht als Überrest hier herum."
Der Zwerg ließ das Licht mit einer Handbewegung aufflammen und aus der kleinen Insel mit zwei Stühlen und einem Tisch wurde ein unendliches Gräberfeld. Die Temperatur fiel schlagartig und Alofan konnte fühlen, wie die Kälte in seinen Körper kroch. Auf den Inschriften der Gräber, die er entziffern konnte, stand sein eigener Name. Ein feiner Nebel zog über die Gräber und verwaschenen Hologrammen gleich entstiegen Geister dem Boden. Bald hatten der Zwerg und Alofan ein Publikum aus Gespenstern. Unverlangte Ratschläge prasselten lauthals auf Alofan ein, bis der Zwerg Ruhe gebot. Einige der verblichenen Vorinstanzen Alofans ließen es sich aber trotzdem nicht nehmen, Ratschläge, Ermutigungen und spöttische Bemerkungen zu wispern. Das machte die Szenerie noch unheimlicher als...
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