
Buch der Gesichter
Beschreibung
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Belgrad 1942: Der Tag, an dem das okkupierte Serbien für "judenfrei" erklärt wird, ist der Tag, an dem Isak Ras seinen vielleicht letzten Streifzug durch die Stadt wagt. Er ist auf der Suche nach den Überresten seiner verschütteten Vergangenheit: Was ist vor 21 Jahren geschehen, als Isaks Mutter spurlos verschwand? Hatten die Anarchisten Rosa und Milan damit zu tun? Oder die mysteriösen Doppelgänger, die in der Stadt herumliefen?
Acht Kapitel, acht unterschiedliche Perspektiven ergeben am Ende dieses großen Romans die Lösung eines gewieften Rätsels. Marko Dinic ist ein beeindruckender Text gelungen, eine Geschichte Serbiens und Europas im zwanzigsten Jahrhundert. Sein "Buch der Gesichter" ist Erinnerungsliteratur in moderner Form.
Rezensionen / Stimmen
"Die Menschen, über die Marko Dinic schreibt, verlieren sich in den Schrecken der Historie eben nicht. Ihre Hoffnungen, ihre Kämpfe werden sichtbar durch die Kraft der Literatur." Clemens Meyer
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Person
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Inhalt
Der Winter zwischen 1915 und 1916 war ein äußerst kalter gewesen. In Zimony fuhren Ende November Lastkarren durch die Gassen und lasen auf ihrem Weg erfrorene Landstreicher und Tierkadaver auf. Der Postbote, ein gewisser Szabó Kálmán, verfolgte mit Unbehagen das Schreien der Krähen, die zu Tausenden in den kahlen Baumkronen am Kai nisteten. Die Donau lag von Ufer zu Ufer unter einer dicken Eisfläche. Darauf standen mehrere Frauen in Wintermänteln und stierten auf ein Loch, das sie vorher in das Eis geschlagen hatten. In Händen hielten sie selbstgeschnitzte Angelruten und flehten eine Mahlzeit für ihre Kinder herbei. Soldaten schlenderten gemütlich die Promenade entlang, als sei diesseits des Flusses die Welt in bester Ordnung.
Im Oktober war Beograd gefallen. Die fortdauernden Straßenkämpfe hatten Feuer angefacht, die bis in den Dezember hinein brannten. Ein Rußnebel verhängte den Himmel wie ein Leichentuch, hinter dem sich blass die Sonne abzeichnete. Die Menschen in den Straßen husteten fürchterlich. Oder sie bekreuzigten sich an jedem gottverlassenen Kirchenvorplatz, in der Hoffnung, den Tod betend zu überlisten. Ihre Gemüter waren grau wie das Federkleid junger Tauben. Tauben wurden gejagt, um gegessen zu werden.
Der folgende Jänner war ein Hungermonat gewesen.
Im Februar meldeten Zeitungen, dass sich die serbische Armee auf Korfu zurückgezogen habe. Daraufhin ließen die pravoslavischen Kirchen ihre Glocken läuten - dem Verbot der königlich-kaiserlichen Behörden zuwiderhandelnd. Die Schenken waren allabendlich gefüllt mit Ungarn, die auf einen raschen Sieg der Deutschen in Verdun anstießen. Gegenüber saßen Serben, die fahlen Antlitzes die Bläschen in ihrem Bierschaum zählten. Im Keller der Avra - in vier Reihen zusammengedrängt - zeichneten Kinder die Lippenlage des Vorbeters nach, der langsam und deutlich das Sma vorsang. Zur selben Zeit war am Hauptplatz das Pferd eines Schwaben vor Kälte eingeknickt und verendet. Bis zum Abend war das Fleisch des Tieres unter den Schaulustigen verteilt worden, was Olga Ras, die das Geschehen von weitem beobachtet hatte, allenfalls ein Schmunzeln abrang.
Olga war zu stolz für Almosen. Vielmehr vertraute sie auf die Kniffe, die der Krieg ihr beigebracht hatte: Dem Erdstreifen vor ihrem Haus rang sie mageres Gemüse ab. Mit sachte aus ihren Röcken gerupften Fäden stopfte sie Socken und sonstigen Mottenfraß. Ihre Schuhe polierte sie mit Zwiebelhälften, bevor die Knollen in der Suppe landeten, und weil im Krieg alle Suppen dünn waren, rührte Olga etwas Mehl unter, das sie neben dem Herd in einer Blechdose aufbewahrte. Wenn die Nachbarn schliefen, molk sie heimlich die Ziege von Hermann Stadler; den Hühnern in seinem Hof stahl sie das ein oder andere Ei. Gelegentlich sang sie - dem Elend etwas Tröstendes entgegenhaltend - ein aus dem Stegreif ersonnenes Lied, das nach Heimweh klingen sollte.
Olga war zäh, aber zerrüttet. Die Einsamkeit, die sie bisweilen verspürte, schmeckte bitter wie der Schimmel auf dem Brot, das sie fraß. Überhaupt war sie mit ihrem einzigen Sohn Isak auf Verderb alleingelassen worden. Aber das war nur eine Geschichte, die sie in den ersten Kriegsjahren der Tapete an ihrer Wand erzählt hatte. Das stille, bald heitere Gemüt des Kindes schaffte es nicht, Olga das Warten auf die Rückkehr ihres Ehemannes von der Front zu erleichtern. An diese glaubte sie inzwischen genauso wenig wie an das Versprechen von Geza Ras, im Schützengraben nicht zum Dünger eines französischen Bauern zermahlen zu werden.
Damals war Isak gerade sechs Jahre alt geworden. Zarte dunkle Augenbrauen schmückten seine Stirnpartie, mit der er das Antlitz seiner Mutter stets bei sich trug. Seine Nase suchte noch nach einem Schnitt, und mit den kleinen dichten schwarzen Locken war er ganz des Vaters Vater. Nur im unbeholfenen Gang des Kindes glaubte Olga ihr Erbe mit dem von Geza Ras vereint. Doch sie hatte keinen Nerv, sich mit derartigen Gleichnissen aufzuhalten. Früher hätte sie in den Bewegungen ihres Sohnes oder in den Halbwörtern, die er brabbelte, Hinweise auf seine keimende Persönlichkeit gesucht. Nun aber zwang sie der Hunger, wie eingegraben vor dem Herd zu stehen und Bohnen zu zählen. Außer der Arbeit gab es wenig, was den Krieg hätte vergessen machen können. Ihre Ehe mit dem Schuhmacher Geza Ras verfluchte Olga mittlerweile in aller Öffentlichkeit!
Die Vermählung mit dem zwei Jahre älteren Sohn eines Fleischers war aus einer Not geboren worden, in der sich Olga nach dem frühen Tod ihres Vaters, Jozef Kon, unverschuldet wiederfand. Weil die Bank den seit vier Generationen geführten Eisenwarenladen der Familie Kon gepfändet hatte, sah Mutter Melanija, deren Geschäftssinn über den eigenen Teller nicht hinausreichte, keinen anderen Ausweg aus ihrer prekären wirtschaftlichen Lage als den Ausverkauf der gesamten Besitztümer, von denen ihr eine Mansarde und wenige Kronen Erspartes übrigblieben. Ihre drei Töchter hatte sie zur Heirat feilgeboten, als seien sie Tücher auf einem Markt.
Anfangs hegte Olga Sympathien für Geza Ras; kurz nach der Hochzeit jedoch sollten diese in Argwohn umschlagen: Der Sonderling aus einer streng religiösen Familie war weit entfernt von jenem Idealbild eines Gatten, das Olga sich aufgrund ihrer bürgerlichen Herkunft zurechtgezimmert hatte. Geza trug eine böse Ironie auf der Zunge, die unablässig Olgas Schwächen suchte. Er schmatzte laut zu Tisch, wenn er gerade nicht in der Nase herumbohrte, und seine Popel aß er in der falschen Hoffnung, von Olga nicht gesehen worden zu sein. Oft bedachte er seine Ehefrau mit einem Kompliment, das schief war wie ein von ungeschickter Hand gehängtes Bild. Seltener wusste Geza ohne Vorwarnung einen hasidischen Gassenhauer anzustimmen, über dem Olga ihre Geduld vergaß. Und einmal verleitete sie seine dürftige Körperpflege dazu, sich bei ihrer Mutter nachdrücklich zu beschweren. Aber Mutter Melanija tat ihre Beschwerden als Nebensächlichkeiten ab. Für sie war Geza ein Jude aus traditionellem Hause, der Olga durchfüttern konnte; mehr brauchte sie nicht zu wissen. Was die Leute aus der Gemeinde sagten, erschien ihr wichtiger als das Wohlbefinden ihrer Tochter, die ausgerechnet das Gebot der Ehe anzweifelte! Olga wiederum hatte niemanden, an den sie ihre Klagen richten konnte. Sie glaubte nicht an Gott, aber an die Tradition. Ihre beiden Schwestern waren zu diesem Zeitpunkt bereits zwischen Rhein und Alpen verheiratet worden. Ihr blieb nichts anderes übrig, als anstelle der Liebe Vernunft walten zu lassen, und die Ehe der beiden, von der es in der Gemeinde hieß, sie sei die Vereinigung zwischen Jestira und einer Vogelscheuche, pendelte sich in den ersten Jahren zwischen Absprache und Zugeständnis ein.
Das Haus der Familie Ras war ein umgebauter Schuppen gewesen. Es lag in der Nähe des Friedhofs von Zimony - einige Straßen abseits des jüdischen Viertels in der Dubrovacka-Straße, in der Olgas Mutter lebte. Isak Ras war laut Geburtenregister der ehemaligen Kreisverwaltung in diesem Haus am 6. Jänner 1910 zur Welt gekommen. Geza Ras, der seiner schwangeren Frau zuliebe die Pejse abgelegt hatte, war nach einer Meinungsverschiedenheit bei seinen Eltern in Ungnade gefallen. Das hatte den sofortigen Auszug aus dem gemeinsamen Haushalt zur Folge. Der Entschluss, den Beruf des Schuhmachers zu erlernen, fiel mit dem Kauf des Schuppens, der bis dahin dem angrenzenden Hof der Familie Stadler als Viehstall gedient hatte. Hermann Stadler hatte Geza den Verschlag weniger aus Anteilnahme denn aus Geldnot verkauft. Kurz darauf zog er einen Zaun zwischen den beiden Grundstücken hoch, um, wie er lauthals zu verstehen gab, seine Familie vor dem Einfluss der Judenbrut zu schützen.
Nicht sonderlich geräumig, aber auch nicht dürftig, bot der Schuppen genug Platz für den Herd, die Werkbank des Vaters, das gemeinsame Bett und einen in der Mitte der Wohnstube aufgestellten Tisch. Durch das einzige, ostwärts ausgerichtete Fenster ergoss sich in den späten Morgenstunden ein Licht von der Klarheit stehender Gewässer. Mittags, wenn die Sonne ihren Zenit überschritt, war aus dem Fenster ein Okular geworden. Dann schälten sich die Farben aus ihrem weichen morgendlichen Kokon, und die Umgebung bekam Kontur: Rechts verlief ein mit Kopfsteinen ausgelegtes Gässchen, das hinauf zum Friedhof und weiter zum Turm von Gardos führte. Linker Hand wucherte Gestrüpp bis hinunter zur Donau, an deren sandigen Ufern Viehbauern ihre Schweine hinter Holzverzäunungen...
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