
Internationale Verständigung am Beispiel der deutsch-französischen und europäischen Jugendbegegnung
Beschreibung
Maria Borchert, 1965 in Siegen geboren, ist körperbehindert und studierte Pädagogik und Romanistik. Sie kennt die positive Dynamik interkultureller Begegnungen im deutsch-französischen und europäischen Jugendaustausch aus eigener Erfahrung. Sie lebt heute in Bonn und arbeitet als freie Mitarbeiterin bei einer Zeitschriftenredaktion.
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2 Thematische Schwerpunkte:
2.1 Deutschland und Frankreich:
2.1.1 Die historische Nachbarschaft: Über den Umgang mit Grenzen
Da in diesem Rahmen eine umfassende Geschichtsdarstellung114 nicht denkbar ist, soll eine gewisse Zusammenfassung unter dem Stichwort »Grenze« 115 versucht werden. Der mit diesem Begriff verbundene Themenkomplex ist vielleicht besonders für das Verhältnis der beiden Nachbarländer Deutschland und Frankreich
Das herkömmliche Reich des germanischen Stammes der Franken umfasste bereits im Jahr 527 n. Chr. das Gebiet des heutigen Frankreichs bis zum Rhein unter Einschluss Kölns (lateinisch damals Agrippina). Die Alamannen (von deren Namen sich der französische Begriff für »Deutschland« ableitet) siedelten im heutigen süddeutschen Raum. Weiter östlich begann das weiträumige Gebiet der slawischen Völker.116 Unter der Regierung König Pippins (751-768) festigte sich das Reich der Franken, das bis zum Ende der Regierungszeit Karl des Großen (814) auch einen Streifen Nordspaniens, Ober- und Mittelitalien und Teile des Balkans umfasste. Das Reich ließ sich nicht halten, und in der Folgezeit wurde das mittlere, das am weitesten entwickelte, jedoch innerlich instabile Reich zum
Der hier thematisierte Begriff des »Rivalen« (z. B. in einer Rivalitätsstreitigkeit) geht auf den lateinischen Wortzusammenhang zwischen «rivus« = »Wasserlauf«, »Fluß« und dem substantivierten Adjektiv (=»rivale«) zur Bezeichnung des dort Wohnenden zurück, mit dem man sich um das Wohn- und Nutzungsrecht des Wassers auseinandersetzen muss. In diesem Zusammenhang erinnert Günter Ullrich daran, dass »Deutschland und Frankreich (.) stets Rivalen118 im Doppelsinn dieses Wortes gewesen (seien) - zwei Völker, die sich rechts und links des Rheines nacheinander zu Flächen- und Nationalstaaten entwickelten (.)«.119 Das Gebiet Elsass-Lothringen (Teil des vormaligen Mittelreiches Lotharingien) stellt ein deutliches Beispiel dafür dar, wie die Landesgrenze (durch den Rhein) von Deutschen und Franzosen gehandhabt wurde und wie mit der sprachlichen Verschiedenheit umgegangen wurde. Traditionsgemäß gehören das Elsass und Ost-Lothringen zum deutschen Sprachraum und waren auch politisch bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges (bis 1681) Teil des »Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation«. Infolge der wechselnden Staatszugehörigkeit nach den Kriegen der folgenden Jahrhunderte (ab 1871 deutsch, 1919 wieder französisch, 1940-45 von Hitler okkupiert, dann wieder französisch), wuchs sich die Sprachenfrage im Elsass nicht nur zu einer Rivalität zwischen Hochsprache und Dialekten aus, sondern wurde auch zu einer Entscheidungsfrage zwischen den Hochsprachen Deutsch und Französisch, verbunden mit einem jeweils anderen Kulturleben.120 Mit dem Entstehen der Nationalstaaten in Europa wird die Sprachenfrage allgemein mehr oder weniger zu einem Politikum, zu einem Kennzeichen staatlicher Abgrenzung. Das heißt, dass im deutschen Staat deutsch gesprochen werden sollte und im französischen französisch. In der Sprache drückt sich auch die Identität einer Volksgemeinschaft aus. Auf das Elsass bezogen kommt Eugène Philipps daher zu dem Schluss, dass »(der) Fortbestand des Dialektes während ihrer gesamten Geschichte (dazu führte), dass dieser die einzige Sprache wurde, mit der sich die Elsässer vollkommen identifizieren«.121 Seine Zukunft ist ungewiss.122
Sprachenverbote sind hintergründige oder im Hintergrund eines Nationalitätenverhältnisses stehende Details. Jedenfalls wird dadurch nicht unbedingt offene Feindschaft ausgedrückt, wohl aber eine manifeste Abgrenzung mit der indirekten Abwertung der anderen Nation. Der elsässischen Dialekt verdankt seine heutige ideelle Bedeutung weitgehend den in der Geschichte wirksamen politischen Einflüssen: Das Elsässische ist als Kulturerbe ein sprachlicher Fremdkörper in einer offiziell französischen Region. Seine Anerkennung wäre (und ist) gleichzusetzen mit der Anerkennung der historisch-kulturellen Entwicklung123 des Elsass´.
Demgegenüber war die Anerkennung der deutschen Nation nach allem Leiden, das der Krieg mit sich gebracht hatte, eine große Aufgabe und ein großer in der Realität vollzogener Schritt des Entgegenkommens Frankreichs. Da Politik ist immer auch auf das Wirken einzelner zurückzuführen ist, seien zwei gesellschaftlich und in diesem Versöhnungsprozess engagierte Persönlichkeiten stellvertretend hier zitiert.
Joseph Rovan aus München (geboren 1918), der 1933 nach Frankreich emigrieren musste, dort auf französischer Seite Kriegsdienst leistete und Mitglied der Résistance war, wurde Februar 1944 verhaftet und war (mit Zwischenstationen) bis April 1945 Insasse im Konzentrationslager Dachau. Bereits am 1. Oktober 1945 veröffentlichte Rovan in der Monatszeitschrift Esprit einen Artikel zu der Frage, wie mit Deutschland nach dem Krieg verfahren werden solle und wie die Franzosen mit ihrem Nachbarland umgehen sollten. Darin ist von einem humanistischen Prinzip die Rede, von der grundsätzlichen Achtbarkeit der Menschen, die manchmal verdeckt wird und dennoch gesucht werden sollte: »Je mehr unsere Feinde die Züge des menschlichen Gesichts ausgelöscht haben, um so mehr müssen wir diese in ihnen selbst respektieren, ja sogar verschönern. (.) Die Gewissensfrage, vor die uns das faschistische und Hitlerische Deutschland stellte, stellt sich aufs neue, immer noch, für immer. Jeder Franzose, in dem Maße, in dem er der Mann seines kleinen Gartens bleibt, seines kleinen Realismus, seines kleinen Sieges, des kleinen Frankreichs, trägt in sich dieselbe Zustimmung zu der herrschenden Macht, zu der herrschenden Ungerechtigkeit, die einst den deutschen Geist ruiniert hat und die Grundlage des Faschismus bildet.«124 Außer der Mitarbeit in den ersten Jahren des DFJW/OFAJ und anderer Aktivitäten im Bildungsbereich und bei den Medien, war Joseph Rovan ab 1968 Professor für deutsche Geschichte und Politik an der Sorbonne in Paris. Er ist auch Präsident des »Bureau International de Liaison et de Documentation (= B.I.L.D.).125
Auf die Notwendigkeit eines für beide Seiten schwierigen Neuanfangs wies bereits Ende 1947 der französische Soziologe und Journalist Raymond Aron (1905-83) in einer Rede vor Münchener Studenten hin: « On discutera indéfiniment sur la responsabilité des vainqueurs et celle des vaincus á l´égard de leur commun avenir (.). Même si les vainqueurs faisaient tout ce qui est en leur pouvoir, ils n´arriveraient pas à épargner aux vaincus des années de dures privations. Par conséquent, il faudra aussi que les Allemands surmontent les tentations de l´amertume et du ressentiment et préfèrent, aux appels de la catastrophe, l´éffort de construction quotidien, ingrat, tragiquement lent. (.) Ma conviction profonde, c´est qu´au-delà des tombes, des ruines et des crimes, Français, Allemands, Italiens, Anglais - Européens -, n´ont qu´un avenir commun. Mais cet avenir commun ne nous est pas donné: à nous de le forger ».126 -
Jene (vielleicht
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