Frauen dürfen hier nicht träumen

Mein Ausbruch aus Saudi-Arabien, mein Weg in die Freiheit
 
 
Random House ebook (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen im Januar 2018
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-21524-8 (ISBN)
 

»Ich verließ meine Familie und meine Heimat, weil ich nicht mehr an Gott glaube, aber an ein Leben als selbstbestimmte Frau.«
Rana Ahmad

Flirrende Hitze, in der Sonne glitzernde Wolkenkratzer: Saudi-Arabien ist eines der reichsten Länder der Welt. Beherrscht von Scharia und der Religionspolizei. Als Zehnjährige muss Rana sich zum ersten Mal verschleiern. Sie soll die Sonne auf der Haut nicht mehr spüren, darf ohne männliche Begleitung nicht mehr auf die Straße. Rana fehlt die Luft zum Atmen, sie beginnt zu zweifeln: an Gott. Darauf steht in Saudi-Arabien die Todesstrafe. Auch deshalb beschließt sie auszubrechen.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Random House
  • 0,82 MB
978-3-641-21524-8 (9783641215248)
3641215242 (3641215242)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Rana Ahmad, geboren 1985, ist in Riad in Saudi-Arabien aufgewachsen, wo sie sich im Alter von zehn Jahren zum ersten Mal verschleiern muss. Als junge Frau darf sie aufgrund der strengen religiösen Gesetze, die in ihrer Heimat gelten, nicht alleine auf die Straße gehen, nicht Fahrrad oder Auto fahren, nicht selbst darüber entscheiden, ob sie studiert oder arbeitet. Nach einer gescheiterten Ehe kommt sie durch das Internet mit Texten von Friedrich Nietzsche und Charles Darwin in Kontakt, sie zweifelt an ihrem Glauben und wird Atheistin. Darauf steht in Saudi-Arabien die Todesstrafe. Rana Ahmad entscheidet sich deshalb für den Ausbruch. Sie verlässt unter größter Gefahr ihre Heimat, nur mit einem Laptop und einem Flugticket nach Istanbul in der Handtasche. Von der Türkei aus gelangt sie über Griechenland nach Deutschland, wo sie heute lebt. Um von ihrem Bruder und ihrer Familie nicht gefunden zu werden, muss Rana Ahmad ihren Namen ändern. Heute hat sie nur mit ihrem Vater sporadischen Kontakt, der sie trotz ihrer Flucht nicht verstoßen hat. An den Wänden ihrer Wohnung in Köln hängen Bilder ihrer großen Vorbilder: neben Marie Curie eines von Albert Einstein und Isaac Newton. Als Vorbereitung auf ihr Physikstudium ist sie Gasthörerin an der Universität Köln. »Die Sprache der Naturwissenschaften ist universell,« erklärt Rana Ahmad, »wenn ich die Welt ein bisschen besser verstehen möchte, dann muss ich diese Sprache lernen.« Im Frühjahr 2018 wird sie ein Praktikum am CERN in der Schweiz absolvieren.

Die Co-Autorin Sarah Borufka wurde 1983 in Fürth geboren. Studium der Filmwissenschaften in New Orleans, danach Arbeit in New York und Prag. Seit 2012 lebt sie in Berlin, wo sie als Freie Autorin arbeitet.

Prolog

Als ich über die Straße gehe, höre ich Vögel singen, sonst ist es ganz still, mitten in Köln. Mein Nachbar kommt mir auf dem Zebrastreifen entgegen und grüßt mich freundlich. Die Sonne scheint, ich freue mich über die ersten Knospen und zarten hellgrünen Blätter an den Bäumen und Sträuchern, atme die warme Luft ein. Viele Cafés haben Tische und Stühle herausgestellt, mir kommen Männer in kurzen Hosen und Frauen in bunten Sommerkleidern entgegen. Ein Mädchen fährt auf ihrem Fahrrad an mir vorbei, ich schaue ihr nach. Sie lächelt. Ich mag es sehr, wie die Menschen hier in Deutschland den Frühling genießen. Der Tag ist hell und leicht, doch als ich das Schild sehe, das neben Kaltgetränken, Tabakwaren und Süßwaren auch »International Calls and Internet« bewirbt, werde ich, ohne es zu wollen, langsamer. Ich atme noch einmal tief ein, dann trete ich aus dem hellen Tag in den dunklen Laden. Hinter dem Verkaufstresen mit Schokoriegeln, Kaugummis und Gummibärchen sitzt ein Mann, der, wie ich, aussieht, als hätte er keine deutschen Wurzeln. Er blickt mich fragend an. Für einen Moment habe ich vergessen, dass er nicht wissen kann, was ich will. »Einmal telefonieren, bitte«, sage ich schließlich. »Inland oder Ausland?«, fragt der Mann. »Ausland«, sage ich schnell. »Saudi-Arabien«, füge ich vor lauter Aufregung hinzu. Das interessiert ihn nicht. Er zuckt mit den Schultern, deutet auf eine Reihe mit Rechnern, wo schon ein Mann mit Headset sitzt und laut telefoniert. »Oder in die Kabine?«, fragt er. Erleichtert sage ich: »Die Kabine, bitte«, denn ich möchte unter keinen Umständen, dass mich jemand hören kann. Auf dieses Gespräch habe ich monatelang gewartet, ich möchte wirklich nicht gestört werden, dieser Anruf ist zu wichtig. Der Mann nickt und sagt: »Ist freigeschaltet.«

Ich betrete die Telefonkabine, die fast schon absurd klein ist. Das altmodische Telefon wirkt ganz abgenutzt. Es sieht aus wie aus der Zeit gefallen, weil alle Handys haben: Der Telefonkasten hat silberne Tasten aus Metall, in die schwarze Ziffern geprägt sind. Die Tasten Zwei und Fünf sind schon ziemlich abgegriffen. Vom schwarzen Plastikhörer hängt eine silberne Schnur, die aussieht wie ein zu dünner Duschschlauch. Die Wände der Kabine sind dunkel, vielleicht aus lackiertem Sperrholz, ich kann es nicht genau erkennen. Menschen haben mit hellem Filzstift Kritzeleien hinterlassen, die üblichen Schmierereien und albernen Sprüche. Ich krame das Handy aus meiner Tasche, drehe dem Mann am Computer, der völlig in sich versunken auf den Bildschirm starrt, den Rücken zu und bin froh, dass er Kopfhörer trägt. Die Kabine ist nicht schalldicht. Unter der Glastür ist ein kleiner Schlitz, oben ist die Kabine offen. Meine Hände zittern, als ich beginne, die Nummer aus meinem Handy in den alten Telefonapparat zu tippen. Der Anruf darf nicht auf mich zurückgeführt werden, das wäre zu gefährlich. Deshalb bin ich hier. Ich rufe nicht zu Hause auf dem Festnetz an. Ich habe Angst, dass meine Mutter abhebt. Was soll ich dann sagen? Nein, das Risiko ist zu groß. Ich versuche, tief und regelmäßig ein- und auszuatmen. Ich bin so aufgeregt, dass ich mich zweimal vertippe, ehe ich endlich die richtige Nummer wähle. Meine Hände zittern. Es ist nur ein Telefongespräch, Rana, sage ich mir, und versuche, mich zu beruhigen. Ich atme noch einmal tief durch, bevor ich die letzte Ziffer eingebe. Ich hebe den Hörer an mein Ohr. Mir ist ein bisschen schlecht. Es ist viel zu heiß in dem kleinen Raum. Es riecht so, als hätte hier vor sehr langer Zeit jemand Kette geraucht. Ich versuche, weiter langsam und kontrolliert zu atmen, um die Übelkeit wegzuschieben. Einen Augenblick lang scheint die Leitung tot zu sein, obwohl ich mir sicher bin, dass ich die richtige Nummer eingegeben habe. Es scheint ewig zu dauern, ehe das Signal ertönt. Was ich vorhin noch hinauszögern wollte, geht mir jetzt nicht schnell genug. Dann endlich klingelt es. Ein langes Tuten, zwei, drei, vier, fünf . Es klingelt und klingelt, aber niemand hebt ab. Nach dem sechsten oder siebten Ton habe ich die Hoffnung aufgegeben, aber ich drücke den Hörer weiter gegen mein Ohr und starre auf das schäbige Münztelefon. Ich kann nicht auflegen, obwohl klar ist, dass sich niemand melden wird. Ich habe in den letzten Wochen unzählige Szenarien durchgespielt, wie dieser Anruf ablaufen könnte. Dass mein Vater nicht abhebt, war keines davon. Enttäuscht lege ich auf. Ich bin den Tränen nahe. Was soll ich jetzt machen? Ehe ich darüber nachdenken kann, klingelt es. Ich starre den Apparat einige Sekunden einfach nur an, ehe ich begreife. Dann nehme ich den Hörer wieder ab, halte ihn an mein Ohr, alles passiert auf einmal in Zeitlupe. »Papa?«, frage ich. Wie komisch es sich anfühlt, dieses Wort zu sagen. Als ich es ausspreche, merke ich, wie lange ich es nicht mehr gesagt habe. »Rana?«, sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung. Eine Stimme, deren Klang ich fast schon vergessen hatte, und die ich, das merke ich jetzt, trotzdem auch in zehn und in zwanzig Jahren noch unter tausend anderen erkennen werde. Weil sie Gefühle in mir auslöst, die so tief sind, so verankert in meinem Unterbewusstsein, dass ich wehrlos bin, als sie über mich hereinbrechen. Das da, an diesem Telefon in einem Internetcafé in Deutschland, ist mein Vater. Er ist es wirklich. Mir wird schwindlig. Ich kann überhaupt nichts denken. Erst recht nicht sprechen. Auch am anderen Ende der Leitung ist es still, als wären wir beide schon nach den ersten zwei Worten zu erschrocken, um weiterzusprechen. »Lulu, mein Herz!«, höre ich meinen Vater in die Stille der Leitung sagen. Er spricht ruhig, mit Bedacht, wie immer, vielleicht ein bisschen leiser als sonst. Da ist sie auf einmal wieder, die Wärme in seiner tiefen Stimme, deren Klang mich begleitet, seitdem ich lebe. Es ist noch etwas anderes darin, eine tiefe Erleichterung, wie sie sich nur über einen Menschen legen kann, der unendlich erschöpft ist. Lulu. Wie lange mich niemand mehr so genannt hat. Lulu ist mein Kosename. Manchmal hat meine Mutter ihn verwendet. Aber vor allem war es mein Vater, für den ich Lulu war, seine kleine Tochter, auch Jahre, nachdem ich schon volljährig war.

Seine wenigen Worte treffen mich unvermittelt. Meine Knie werden schwach. Ich fühle mich, als würde ich gleich wegsacken. Meine Brust fühlt sich an, als sei darin eine Schnur fest gespannt, die jeden Moment reißen muss. Die Stimme meines Vaters und das Gefühl der Vertrautheit, das mich auf einmal überrollt, erschüttern mich. Meine mühsam antrainierte Selbstbeherrschung, die lange geübte Fähigkeit, meine Sehnsucht und die Erinnerungen an mein früheres Leben ganz weit von mir wegzuschieben, sind mit einem Satz meines Vaters zerbrochen.

Ich habe meinen Vater das letzte Mal vor zwei Jahren gesehen. Ich weiß, dass er mir inzwischen Hunderte Mails geschickt hat, aber ich habe es vermieden, sie alle zu lesen. Vielleicht habe ich geahnt, dass mich dann ein Schwindel erfasst, den ich nicht aushalte, dass die Wunden sich wieder öffnen. Ich habe nicht mehr mit ihm gesprochen, seitdem ich, ohne ein Wort zu sagen, von einem auf den anderen Tag verschwunden bin. »Papa!«, sage ich jetzt noch einmal in den Hörer. Und dann reden wir. Er stellt mir so viele Fragen. Wo ich bin. Ob es mir gut geht. Mit wem ich meine Zeit verbringe. Was ich den ganzen Tag mache. Er klingt unendlich erleichtert darüber, mich zu hören. »Papa, mach dir keine Sorgen«, versichere ich ihm. Und gerate ins Stocken. Wo ich bin und was ich mache, soll er eigentlich nicht wissen. Es wäre zu gefährlich. Als wüsste er, was ich denke, wartet mein Vater nicht auf Antworten. Er fragt einfach weiter. Ob ich Hilfe brauche. Ich versuche, ihn zu beruhigen. »Nein, Papa, mach dir bitte einfach keine Sorgen. Mir geht es gut, ich habe alles, was ich brauche«, sage ich. Zum ersten Mal seit zwei Jahren bin ich meinem Vater wieder nahe, kann ihm einfach nur zuhören. Er sagt mir, wie oft er an mich denken muss, erzählt, wie sein Tag war, ganz normale Dinge, die doch so weit entfernt sind. Und dann erzählt er von früher: »Weißt du noch, Lulu, wie du als kleines Mädchen immer gebettelt hast, dass du mit in den Supermarkt kommen darfst?«, fragt er. Das ist der Moment, in dem mir wirklich die Tränen kommen. »Du wolltest immer nur mitkommen, damit ich dir Süßigkeiten kaufe, weißt du das noch, diese kleinen durchsichtigen Plastikenten, die mit pappsüßen Schokoladenbonbons mit weißer Milchcreme gefüllt waren? Du hast die Bonbons immer alle auf einmal gegessen, die Plastikfiguren gesammelt und in deinem Zimmer auf dem Regal über dem Bett aufgereiht«, sagt er, »weißt du noch?«. Wie könnte ich das jemals vergessen? Wie ich ihn anbettele und er schließlich schmunzelnd nachgibt. Wie er sagt: »Eines Tages bekommst du noch einen Zuckerschock!«, und lachend den Kopf schüttelt. Ich erinnere mich, wie ich mit ihm verhandele und darauf bestehe, dass wir Schokobonbons und Eis kaufen. Oder wie ich aufgeregt ins Wohnzimmer laufe, wo ich ungeduldig warte, bis er endlich die Treppe herunterkommt, wir ins Auto steigen und losfahren. Mein Vater kann mir nie einen Wunsch abschlagen. Er kauft mir manchmal Spielzeug, eine Barbie oder einen braunen Teddybären, dem ich jeden Abend Gute Nacht wünsche. Er nimmt mich mit, wenn er in das große Einkaufszentrum fährt, wo es einen Laden mit Büchern und bunten Papierwaren gibt, vor dem er jedes Mal geduldig wartet, bis ich mir alles angesehen habe. Er kauft mir jedes Buch, das mir gefällt, Stifte, glitzerndes Papier, ein neues Federmäppchen. Wenn ich bei meinem Vater auf dem Beifahrersitz sitze, bin ich glücklich.

Die meiste Zeit verbringen wir in Riad in Einkaufszentren, in klimatisierten Wohnungen oder Büros, und natürlich im Auto. Auf...

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