
Henry David Thoreau
Realist und Mystiker
Susanne Schaup(Autor*in)
Göbel, Stefan (Verlag)
Erschienen am 30. März 2021
Buch
Hardcover
280 Seiten
978-3-940203-11-3 (ISBN)
Beschreibung
Inhaltsangabe
Der Werdegang des frappierend zeitgemäßen amerikanischen Klassikers Henry David Thoreau (1817-1862), entfaltet sich auf dem Hintergrund einer politisch bewegten Zeit im Vorfeld des amerikanischen Bürgerkriegs. Die Biographie schildert die Stationen seines Lebens mit einer Fülle von Fakten, die im deutschen Sprachraum noch weithin unbekannt sind.
Aufgewachsen in der puritanisch geprägten Kleinstadt Concord im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts, entdeckte Thoreau früh seine Liebe zur Natur. Ihre Geheimnisse zu erforschen, die Wechselwirkung aller Phänomene und sich selbst im Spannungsfeld zwischen Materie und Geist zu erkennen, machte er zur Aufgabe seines Lebens. Statt nach seinem Studium in Harvard einen einträglichen Beruf zu ergreifen, zog er ein bedürfnisloses, unabhängiges Leben in der Stille vor und widmete sich auf seinen Wanderungen der Beobachtung und akribischen Erforschung der Natur. Sie schärfte ihm den Blick für die zunehmende Zerstörung der Umwelt, für die Entfremdung des Menschen von sich selbst in der modernen Welt und die inneren Widersprüche einer Gesellschaft, deren Wohlstand auf dem Übel der Sklaverei beruhte. Von seinen Mitbürgern als weltfremder Sonderling und Rebell beargwöhnt, wurde Thoreau zum Vordenker der späteren Ökologiebewegung, zum prophetischen Zivilisationskritiker und zum großen existentiellen Schriftsteller. Von seinen Zeitgenossen fast unbemerkt wuchs in der Stille sein Werk, das für unsere Zeit immer mehr an Bedeutung gewinnt.
Die Biographie zeichnet die Entwicklung Thoreaus nach, wie er allmählich aus dem Schatten seines großen Mentors Ralph Waldo Emerson trat und selbst wegweisend wurde. Sie begleitet die Entstehung des vielschichtigen Meisterwerks Walden, in dem "der berühmteste Aussteiger der Literaturgeschichte" Rechenschaft ablegt über sein zweijähriges Lebensexperiment in einer selbsterbauten Hütte. Sie schildert, wie es zu dem flammenden Protest seiner revolutionären Streitschrift Ziviler Ungehorsam kam, deren Sprengkraft bis heute fortwirkt. Sie erschließt das Werk, das auch bedeutende Essays und nicht zuletzt ein vielbändiges, von Kennern als heimliches Hauptwerk geschätztes Tagebuch umfasst, mit eingehenden Werkanalysen und lässt Thoreaus Sprachkunst mit zahlreichen, neu ins Deutsche übertragenen Zitaten zu Wort kommen.
Aus der Darstellung ergibt sich ein differenziertes Bild eines Schriftstellers, der pragmatischer Yankee, Naturforscher, Wanderer aus Leidenschaft und zugleich ein visionärer Denker und Mystiker war. Die Biographie erhellt, wie es zu den Missverständnissen kam, die seinen Nachruhm so lange beschädigten. Sie rückt das Zerrbild des menschenscheuen, misogynen Einzelgängers zurecht und zeigt einen warmherzigen, sich mit allem Lebendigen identifizierenden Menschen, der bis zu seinem frühen Tod ein Leben im Einklang mit der Natur führte. Hinter dem scharfen Kritiker einer erstarrten Dogmenreligion steht ein Frommer, der seine zutiefst lebensbejahende Weltsicht aus den Weisheitstraditionen der Völker und immer wieder aus der Kommunion mit der Natur schöpft.
Seine Botschaft ist zeitlos, ausgedrückt in einer Sprache von unvergänglicher Schönheit jenseits aller literarischen Moden. Mit zahlreichen Übersetzungen präsent, erfreut sich Henry David Thoreau, der lebendigste aller toten Dichter, auch hierzulande einer wachsenden Wertschätzung.
Weitere Details
Sprache
Deutsch
Verlagsort
Leipzig
Deutschland
Zielgruppe
Für Leser ab 14 Jahren mit Interesse für Ökologie, Umweltschutz, Philosophie, amerikanische Geschichte, Natur,
Zivilem Ungehorsam und Neuengland-Transzendentalismus
Editions-Typ
Neue Ausgabe
Illustrationen
11
Liste der Abbildungen
S. 2 Henry David Thoreau (1854)
S. 14 Stadtansicht von Concord
S. 40 Ralph Waldo Emerson
S. 61 Ellen Sewall, verh. Osgood
S. 62 Margaret Fuller, verh. Ossoli
S. 86 Am Waldensee, wo einst die Hu¨tte stand
S. 113 Henry David Thoreau (1856)
S. 140 Titelblatt von Walden (1854)
S. 154 Waldensee, von HDT vermessen (1846)
S. 186 Das Gelbe Haus
S. 205 Erste Seite des Manuskripts von "Walking"
S. 229 Henry David Thoreau (1861)
Maße
Höhe: 17 cm
Breite: 24 cm
Gewicht
720 gr
ISBN-13
978-3-940203-11-3 (9783940203113)
Schweitzer Klassifikation
Person
Autor*in
Literaturwissenschaftlerin
Angaben zur Autorin: Susanne Schaup wurde in Wien geboren und studierte englisch-amerikanische und deutsche Literaturwissenschaft in Wien, USA und in Salzburg, wo sie mit einer Arbeit über W. B. Yeats promovierte. Nach einer Tätigkeit als Lektorin für deutsche Sprache an der Universität London begann sie eine langjährige Karriere in München als Verlagslektorin, später als freischaffende Autorin, Übersetzerin, Lektorin und freie Mitarbeiterin deutscher Rundfunkanstalten. Als Übersetzerin widmete sie sich unter anderem dem Werk des amerikanischen Klassikers Henry David Thoreau. Forschungsreisen führten sie in die Vereinigten Staaten auf den Spuren von H. D. Thoreau, sowie nach Indien und Südamerika. Heute lebt die Autorin wieder in ihrer Heimatstadt Wien. Veröffentlichungen: Diese Kinder können nicht warten. Ein Erlebnisbericht aus Indien. Schwerpunkt: Entwicklungshilfe für Kinder (Kösel Verlag, München 1983) Wo Leben wieder menschliche wird. Alternatives Leben in Amerika (Herderbücherei, Freiburg 1985) Wandel des Weiblichen. Das Bild der Frau in Vergangenheit und Gegenwart. Durchbruch zu einem neuen Selbstverständnis (Herderbücherei, Freiburg 1988) Sophia - das Weibliche in Gott. Eine Studie über den Verlust der Weisheit in der christlichen Kultur (Kösel Verlag, München 1994) Elisabeth Kübler-Ross. Ein Leben für gutes Sterben (Kreuz Verlag, Stuttgart 1996) Noch nie hab ich so gern gelebt. Wandlung durch eine Krebserkrankung. (Kösel, München 1999) Realist und Mystiker. Henry David Thoreau: Leben und Werk. (Stefan Göbel Verlag, Leipzig 2021, i.V.)
ISNI: 0000 0000 3541 5418
Angaben zur Autorin: Susanne Schaup wurde in Wien geboren und studierte englisch-amerikanische und deutsche Literaturwissenschaft in Wien, USA und in Salzburg, wo sie mit einer Arbeit über W. B. Yeats promovierte. Nach einer Tätigkeit als Lektorin für deutsche Sprache an der Universität London begann sie eine langjährige Karriere in München als Verlagslektorin, später als freischaffende Autorin, Übersetzerin, Lektorin und freie Mitarbeiterin deutscher Rundfunkanstalten. Als Übersetzerin widmete sie sich unter anderem dem Werk des amerikanischen Klassikers Henry David Thoreau. Forschungsreisen führten sie in die Vereinigten Staaten auf den Spuren von H. D. Thoreau, sowie nach Indien und Südamerika. Heute lebt die Autorin wieder in ihrer Heimatstadt Wien. Veröffentlichungen: Diese Kinder können nicht warten. Ein Erlebnisbericht aus Indien. Schwerpunkt: Entwicklungshilfe für Kinder (Kösel Verlag, München 1983) Wo Leben wieder menschliche wird. Alternatives Leben in Amerika (Herderbücherei, Freiburg 1985) Wandel des Weiblichen. Das Bild der Frau in Vergangenheit und Gegenwart. Durchbruch zu einem neuen Selbstverständnis (Herderbücherei, Freiburg 1988) Sophia - das Weibliche in Gott. Eine Studie über den Verlust der Weisheit in der christlichen Kultur (Kösel Verlag, München 1994) Elisabeth Kübler-Ross. Ein Leben für gutes Sterben (Kreuz Verlag, Stuttgart 1996) Noch nie hab ich so gern gelebt. Wandlung durch eine Krebserkrankung. (Kösel, München 1999) Realist und Mystiker. Henry David Thoreau: Leben und Werk. (Stefan Göbel Verlag, Leipzig 2021, i.V.)
ISNI: 0000 0000 3541 5418
Inhalt
Inhaltsverzeichnis
Zur Einführung
1. Concord - der würdigste Ort der Welt
- Kurzer historischer Streifzug
- Eine glückliche Kindheit
- Student in Harvard
2. Auf der Suche nach einer Identität
- Versuche als Lehrer
- Ein ereignisreicher Sommer
- Emerson und der Kreis der Transzendentalisten
3. Der steile Weg nach Walden
- Das Handwerk des Schriftstellers
- Faktotum im Hause Emerson
- Der Tod des Bruders
- Staten Island - eine Episode
- Zurück in Concord
4. Das Experiment von Walden
- Der Bau der Hütte
- Das Leben im Wald
- A Week on the Concord and Merrimack Rivers
- Unterbrechungen: Eine Nacht im Gefängnis. Maine
5. Entstehung des Meisterwerks
- Noch einmal im Hause Emerson
- Neuorientierung
- Gehen und Schreiben. Das Tagebuch
6. Walden
7. Neue Horizonte: Naturforscher und Reisender
- Leben nach Walden
- Die Wälder von Maine
- Thoreau und die Indianer
- Exkurs: Die Penobscot, Indian Island und Old Town
- Ein Yankee in Kanada
8. Gegen den Unrechtsstaat
- Amerika und die Sklavenfrage
- Ziviler Ungehorsam
- Die Lage spitzt sich zu
9. Fülle des Lebens
- In der Verantwortung
- Das Große Projekt
- Die Essays
1 0. Letzte Lebensjahre
- Einsatz für John Brown
- Die letzte Reise
- Krankheit und Tod
Epilog: Was bleibt?
Danksagung
Anhang
Anmerkungen
Zeittafel
Literatur
Liste der Abbildungen
Personenverzeichnis
Zur Einführung
Wo deutsch gesprochen wird, ist Henry David Thoreau kein Unbekannter. Schon
wenige Jahrzehnte nach seinem Tod im Jahr 1862 erschien die erste deutsche Übersetzung
von Walden. Es folgten weitere bis in die 1920er-Jahre, und danach riss der
Strom der deutschen Übersetzungen, vor allem des weltberühmten Meisterwerks
Walden, nicht mehr ab. Danach wurde es still um ihn, doch nach Ende des Zweiten
Weltkriegs nahm das Interesse an Henry David Thoreau, der inzwischen zum
amerikanischen Klassiker aufgestiegen war, ständig zu. In den fünfziger Jahren
entstand neben einer Reihe von Übersetzungen sogar eine beträchtliche Anzahl
von Dissertationen an deutschen Universitäten über Thoreau.1 Möglicherweise
hat von diesen Studierenden jemand den Autor während des Studiums an einem
amerikanischen College kennengelernt und nach der ersten Begegnung mit ihm
das Bedürfnis empfunden, sich näher mit ihm zu beschäftigen wie die Verfasserin
dieses Buches. Was immer in dem Seminar des kleinen College im Mittleren
Westen verhandelt wurde, Thoreaus Hauptwerk Walden oder einer seiner großen
Essays, ich war nicht fertig mit ihm. Hier war ein Schriftsteller von unverwechselbarer
Eigenart, ein Amerikaner, bodenständig und dabei so ausgreifend und
welthaltig, so allgemeingültig, dass eine einmalige Lektüre oder eine Seminararbeit
nicht ausreichte, ihm auf den Grund zu gehen.
Als Lektorin und Übersetzerin hatte ich in späteren Jahren die Gelegenheit,
eine kleine Anthologie aus Thoreaus Schriften herauszugeben.2 "Texte zum Nachdenken"
sollten es sein, und das Echo war so nachhaltig, dass das Bändchen zehn
Auflagen erlebte. Als der Verlag sich nach zwanzig Jahren entschloss, die Reihe
einzustellen, wurde Leben aus den Wurzeln als einziger Titel in ein neues Format,
die Spektrum-Reihe bei Herder, übernommen. Die Texte müssen einen Nerv getroffen
haben, sodass man sie dem Lesepublikum auch künftig nicht vorenthalten
wollte. Danach kam eins zum andern: kleinere und größere Rundfunkaufträge,
Vorträge und Anfragen für neue Übersetzungen, und ich ging an jede dieser Aufgaben
mit großer Freude heran. Eine schönere Aufgabe als diesen Dienst am Wort
eines Dichters von Weltrang konnte es nicht geben. Hier war kein verstaubter
Klassiker, sondern jedes Wort, jede leuchtende, aus der Natur gegriffene Metapher
kam aus einer Quelle, die bis heute sprudelt.
Thoreau scheint in der Tat immer aktueller zu werden. Vieles, was er vorausgesehen
hat, ist beklemmende Wirklichkeit geworden. Seine Kritik an Staat und
Gesellschaft, an der modernen Zivilisation und am sogenannten Fortschritt, seine
Religionskritik, die einmal Anstoß erregte oder überh.rt wurde, benennt, was
heute viele bewegt. Die Umweltzerstörung, die er als einer der ersten anprangerte,
hat heute Ausmaße erreicht, die unsre Welt bedrohen. Lange bevor "Ökologie"
zum Begriff wurde, hat Thoreau dargestellt und selbst vorgelebt, wie ein Leben im
Einklang mit der Natur aussehen kann, in Treue zu sich selbst und in Harmonie
mit dem Kosmos, dessen Teil wir sind. Keine Frage, dieser "kosmische Yankee" hat
uns eine Menge zu sagen.
Aus dieser ersten kleinen Anthologie ergab sich der Auftrag, eine Auswahl aus
Thoreaus Tagebüchern herauszugeben,3 und schließlich die Erstübersetzung von
A Week on the Concord and Merrimack Rivers,4 Thoreaus erstem veröffentlichten
Buch, gewissermaßen ein Vorläufer von Walden. Wieder war es einer aus dem
stillen, aber wachsenden Kreis der deutschen Thoreau-Liebhaber, dem es ein
Anliegen war, dieses Buch, das ihn schon als Jugendlichen mit unzureichenden
Englischkenntnissen begeistert hatte, in deutscher Sprache lesen zu können. Ein
solcher Freund Thoreaus meldete sich auch aus Leipzig und beauftragte mich mit
der Übersetzung von drei der schönsten Natur-Essays von Thoreau.5 Wieder hätte
ich mir keine dankbarere Aufgabe wünschen können.
Heutzutage liegen auf dem deutschen Buchmarkt verschiedene Übersetzungen
von Walden in namhaften Verlagen vor sowie die bedeutenden Essays, einschließlich
der Streitschrift Ziviler Ungehorsam, die wie Walden Weltruhm erlangte. Des
200. Geburtstags von Thoreau im Jahr 2017 wurde in deutschen Medien ausführlich
gedacht. Thoreau ist heute präsent als einer der ganz Großen der amerikanischen
Literatur, ein Klassiker von Weltformat.
In seiner Heimat war das nicht immer so. Lange Zeit stand Thoreau im Schatten
von Ralph Waldo Emerson, seinem großen Freund und Mentor, und wurde vor
allem als dessen Schüler wahrgenommen. Seinen Zeitgenossen galt er als Außenseiter
und Sonderling, als kauziger Waldläufer und Rebell. Der Ruhm Emersons,
des gefeierten Dichterphilosophen und Vortragsredners, überstrahlte bei Weitem
den bescheidenen Namen, den Thoreau sich zu Lebzeiten gemacht hatte.
Erst allmählich wendete sich das Blatt. Vom neuenglischen Provinzdichter
zum Vater der amerikanischen Naturschriftstellerei aufgestiegen, trat die Wende
mit dem Erscheinen der zwanzigbändigen Gesamtausgabe seiner Werke im Jahr
1906 ein, die auch die bisher unveröffentlichten Journals enthielt. Eine Chronik
der äußeren Ereignisse seines Lebens darf man sich von diesen Tagebüchern nicht
erwarten, auch kein zeitgeschichtlich aufschlussreiches Dokument. Die wenigen
markanten Ereignisse und dramatischen Einschnitte in Thoreaus Leben werden
darin kaum berührt. Was Thoreau im Lauf von fünfundzwanzig Jahren auf siebentausend
Druckseiten ausbreitet, sind Gedanken, Stimmungen, Seelenzustände
und eine immerwährende, angespannte Gewissenserforschung und Selbstreflexion.
Zugleich sind diese Aufzeichnungen der Niederschlag seiner Wanderungen, seiner
Erfahrungen in Wald und Feld, seiner Beobachtungen über das Leben der Tiere
und Pflanzen und das alltägliche, geheimnisvolle Weben der Natur. Sie würde ihn
nicht so faszinieren, wäre sie für ihn nicht ein Sinnbild des menschlichen Lebens
und würde sich in ihr nicht der Zusammenhang allen Seins offenbaren.
Nirgends wird so deutlich wie in den Tagebüchern, dass die Natur sein ganzes
Denken durchdringt. In der Kommunion mit ihr findet er zu sich selbst. Sie ist
die Quelle von Gesundheit und Lebensfreude, die weise Lehrmeisterin jeder
höheren Tugend. In ihr offenbart sich Gott noch im alltäglichsten Phänomen: "Im
Sonnenschein und im Krähen der Hähne fühle ich eine grenzenlose Heiligkeit." 6
Sie erschloss sich, wenn er selbstvergessen, der reinen Wahrnehmung hingegeben,
durch die Gegend streifte. Im Umgang mit der Natur schärfte sich sein Blick für
das, was falsch lief in der Gesellschaft, was Wahrhaftigkeit und Tugend im eigentlichen
Sinn jenseits von konventioneller Moral bedeuteten. Unabweislich stellte sich
ihm die Frage: Wie soll man leben, wenn man diese ursprüngliche Beziehung in
der modernen Lebenswelt nicht kompromittieren und sich selbst entfremden will?
Als aufmerksamer Beobachter entdeckte er auf seinen Streifzügen Spuren
der Indianer, die vormals hier lebten und von den weißen Siedlern aus ihrem
angestammten Lebensraum verdrängt wurden. Er machte sich Gedanken über
ihr Leben und ihre Kultur - anders als seine Zeitgenossen, die das Verschwinden
der indigenen Bevölkerung mit der "manifesten Bestimmung" der weißen Rasse
legitimierten. Sein Interesse für Indianer und das Bestreben, von ihrem respektvollen
Umgang mit der Natur, von ihren Fähigkeiten und Kenntnissen zu lernen,
begleitete ihn sein Leben lang.
Das Nachdenken über sich selbst, über Gott und die Welt, eingebettet in die
Erfahrungen mit der Natur, geschieht in der Stille. Sie ist das Elixier, in dem die
"Kommunion der bewussten Seele mit sich selbst" stattfindet. Nur wer still geworden
ist, kann Zwiesprache mit der Natur halten. Nur so ist es möglich, die Distanz
von Subjekt und Objekt zu überwinden, eins zu werden mit dem Gegenstand der
Betrachtung. "Ich möchte zur Sonne unmittelbarer in Beziehung treten! ", notiert er
am 10. April 1841 in seinem Tagebuch. Sein Werk, einschließlich der Tagebücher, ist
voll von Beobachtungen, in denen das Verschmelzen mit dem Beobachteten, eine
fast unheimliche Identifizierung mit einem anderen Sein, ob belebt oder unbelebt
oder unfassbar wie die Sonne, eine Sprache findet. Es ist eine Liebesumarmung des
ganzen Universums, die sich hier im Tagebuch als Ergebnis seiner Wanderungen
und seines einsamen Nachdenkens vollzieht.
Thoreau war kein Träumer. Der Wanderer aus Leidenschaft, der das bürgerliche
Leben verweigerte und keinem geregelten Beruf nachging, war alles andere als
ein Faulenzer. Der kosmische Yankee hatte eine ausgesprochen praktische Seite
und übte die unterschiedlichsten Tätigkeiten aus, um seinen Lebensunterhalt zu
bestreiten. Er hatte nie viel Geld, manchmal sogar Schulden, die er jeweils Cent
für Cent abbezahlte. Er verdiente gerade so viel, wie er brauchte, um sich sein unkonventionelles
Leben mit einem "breiten Rand von Muße" leisten zu können. So
arbeitete er zeitweilig als Lehrer, Bleistifthersteller, Schreiner, Zimmermann oder
Klempner, Anstreicher, Tagelöhner, Gärtner, Hausmeister und Kindermädchen,
Hauslehrer und Landvermesser, wie es sich ergab.
Man darf sich Thoreau nicht als einen romantischen Naturschwärmer vorstellen,
der trunken durch die Landschaft taumelte. Er war alles andere als das. Sein
Blick war klar, sein Reden über die Natur bei aller Hingabe und Empathie nie
sentimental. Er strebte nach der ungekünstelten Schlichtheit, der homeliness, die
er an der Natur so liebte, und die einfache Rede des Holzfällers war ihm lieber als
"der unaufrichtige Enthusiasmus des Naturliebhabers". 7
Er sehnte sich nach innerem Wachstum und wusste, dass dieses nicht in einem
Zuwachs an Talenten oder in der Ansammlung von Wissen bestand, sondern
sich dem ganzen Wesen eines Menschen mitteilen musste, seinen Handlungen,
seinen Gesten, seinem Blick. Thoreau blieb zeit seines Lebens ein Strebender, der
rastlos an sich arbeitete, wie man heute sagen würde. Sein Leben selbst sollte ein
Kunstwerk sein.
Thoreau ist kein Klassiker mit Patina, von dem man sich distanzieren kann.
Hundertfünfzig Jahre nach seinem Tod ist seine Sprache so frisch und unverbraucht,
wie sie ihm aus der Feder floss. Thoreau ist unser Zeitgenosse. Er ist
ein Vordenker oder Wegweiser, wie man es halten soll mit dem Leben. Man liest
ihn nicht zum Zeitvertreib, sondern weil er nährt. Das könnte schwere Kost sein,
wäre da nicht seine Anschaulichkeit, gäbe es nicht die unheimlich exakten und
zugleich poetischen Beobachtungen aus dem Reich der Natur, die Unsichtbares
sichtbar, bisher nie Empfundenes fühlbar machen und den Horizont menschlicher
Wahrnehmung erweitern.
Es ging ihm immer ums Ganze, immer um das Überschreiten von Grenzen.
Alles, was er dachte und schrieb, war auf Transzendenz hingeordnet. Worauf läuft
das Leben hinaus? Was macht es lebenswert? Was ist das Göttliche? Worin besteht
das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt, zu sich selbst und seinen Mitmenschen,
zum Staat und zur Obrigkeit? Wie geht er mit der Natur um, und was ist
diese Natur überhaupt? Was ist das Gute? Was ist Wahrheit, Freiheit, Schönheit,
Tugend, Tapferkeit, Freundschaft oder eine Arbeit, die sich lohnt? Der Katalog
der Fragen lässt sich erweitern, je nachdem, welches Anliegen man an Thoreau
heranträgt.
Wenn man sich jahrelang lesend, übersetzend und vermittelnd mit Thoreau
beschäftigt hat, kann er zum Wegbegleiter werden, zum Beistand, zu einem Ruhepol
in dem zentrifugalen Kräftespiel dieser Welt. Es kommt die Zeit, da man
ihn als Ganzes ins Auge fassen und der Frage nachgehen möchte, wie er zu dem
Menschen und Schriftsteller wurde, der er war. Angesichts des stetig wachsenden
Interesses, das sich auch an der großen Zahl seiner ins Deutsche übersetzten
Werke ablesen lässt, ist im deutschen Sprachraum Platz für eine neue Sicht auf
sein Leben und sein Werk. Dieses Buch möchte eine Vorstellung von der Welt
geben, in der Thoreau gelebt hat, von den Einflüssen, die auf ihn gewirkt haben,
von der Familie, in die er hineingeboren wurde, und dem Städtchen Concord, in
dem er fast sein ganzes Leben verbrachte. Es wird von seinem Bildungsweg zu
berichten sein und von dem bedeutenden Freundeskreis, der sein Denken mehr als
Schule und Universität geprägt hat. Wir werden ihn auf seinen Wanderungen und
manchen Reisen begleiten und unter anderem verfolgen, wie er zum berühmtesten
Aussteiger der Weltliteratur wurde, wie er sich allmählich vom Naturdichter zum
Naturforscher wandelte und wie er vom Beobachter und stillen Philosophen zum
politischen Rebell wurde. Die Biographie dieses Einzelgängers und Vordenkers
interessiert vor allem deshalb, weil aus diesem Leben mit seinen spezifischen
Bedingungen ein Werk hervorgegangen ist, das über Raum und Zeit hinweg zu
uns spricht. Dieses Werk soll vorgestellt werden, und Thoreau wird immer wieder
selbst zu Wort kommen.
Wenn diese Monographie zu einer breiteren Rezeption seines Werks beitragen
kann, wäre ihr Zweck erfüllt. Meine Annäherung an Thoreau geht von keiner Theorie
und keinem literarischen Trend aus. Ich habe keine These zu vertreten, noch
der Fachwelt etwas grundsätzlich Neues mitzuteilen. Es kommt mir darauf an, so
unmittelbar und vorurteilsfrei auf Thoreau zu blicken wie bei meiner ersten Begegnung
mit ihm. Die Erfahrungen einer Reise, die ich im Sommer und Herbst 2018
auf den Spuren Henry David Thoreaus in die USA unternommen habe, werden
der Darstellung, wie ich hoffe, zugutekommen. Es drängte mich, Thoreaus engere
Heimat, der ich vor vielen Jahren einen flüchtigen Besuch abgestattet habe, jetzt um
viele Leseerfahrungen reicher, wiederzusehen. Ohne Concord, seine Umgebung
und seine geistige Atmosphäre ist Thoreau nicht zu denken. Es gab historische
Häuser zu besichtigen, wo berühmte Zeitgenossen und Freunde Thoreaus gelebt
und ihre Werke geschrieben haben. Wie mochte der Waldensee, an dessen Ufer
Thoreau seine legendäre Hütte baute, heute aussehen, seit er zum Wallfahrtsort
für eine halbe Million Besucher jährlich geworden ist? Thoreaus Hütte steht bekanntlich
schon lange nicht mehr, aber eine exakte Nachbildung kann in der Nähe
des Besucherzentrums am See und im Garten des Concord Museums besichtigt
werden. Der Blick über den Waldensee ist der gleiche geblieben, idyllisch wie einst.
Wer den See zu Fuß umrundet, wird trotz des Zauns auf beiden Seiten des Weges
noch etwas von dem Zauber spüren, der Thoreau bewegte, sich hierher in die
Einsamkeit des Waldes zurückzuziehen.
Im Stadtkern von Concord hat sich wenig verändert. Concord macht noch
immer den Eindruck einer ländlichen Kleinstadt, mit ihren malerischen kleinen
Läden und Lokalen entlang der Hauptstraße, an deren Ende das Yellow House
steht, wo Thoreau während der letzten zwölf Jahre seines Lebens gewohnt hat.
Dieses Haus, längst in anderweitigem Besitz, stand gerade zum Verkauf. Noch
jetzt bedaure ich, dass ich die Gunst der Stunde nicht genützt, das Maklerbüro
angerufen und um die Erlaubnis einer Hausbesichtigung gebeten habe. Außer
leeren Räumen hätte ich zwar nichts gesehen, aber es wäre schön gewesen, einen
Blick in die Dachkammer zu werfen, die sein Lebensraum war, seine Schreibstube,
seine Bibliothek und der Aufbewahrungsort seiner vielseitigen indianischen und
naturkundlichen Sammlungen.
Täglich überquerte ich eine der Brücken über den Concord River, der noch
immer so träge dahinfließt, wie Thoreau ihn geschildert hat. Die dichtbelaubten
Büsche und Bäume der Ufer neigen sich wie damals über das Wasser, und an einer
seichten Stelle lassen Urlauber an diesen schwülhei.en Tagen eines typisch neuenglischen
Sommers ihre Kajaks ins kühle Nass gleiten und befahren den Fluss
wie einst Thoreau in seinem selbstgezimmerten Boot.
Von allen Exkursionen, die Thoreau unternahm, waren die ins nördliche Maine
von besonderem Interesse, wo er eine rauere Wildnis erlebte als in den heimischen
Wäldern von Massachusetts. Ich wollte ein kleines Stück auf seinen Spuren reisen
und wenigstens Old Town und Indian Island besuchen, da es mir nicht möglich
war, weiter ins Landesinnere zu gelangen und einen Blick auf Katahdin zu werfen,
den Berg, der Thoreau das Fürchten lehrte und heute in einem Naturschutzgebiet
liegt. Indian Island in der Mitte des Penobscot River ist wie zu Thoreaus Zeiten
die Domäne des Stammes der Penobscot-Indianer. Der persönliche Augenschein
dieser Stätten war mir wertvoll. Das Wichtigste jedoch bleibt die Auseinandersetzung
mit dem Werk, und diese ist ein nie zu beendendes "ongoing project", wie es
nicht anders sein kann bei einem Autor, dessen Werk sich einem immer wieder
neu erschließt.
Stadtansicht von Concord nach einem Stich (1839). Links: Gerichtsgebäude,
im Hintergrund daneben die Spitze des alten Stadtfriedhofs (Old Hill Burying Ground),
Mitte rechts: die Unitarische Kirche (First Parish Church) und das Middlesex Hotel.
Mit freundlicher Genehmigung der Concord Free Public Library.
1. Concord - der würdigste Ort der Welt
Kurzer historischer Streifzug
Wer sich der Kleinstadt Concord in Middlesex County im amerikanischen Bundesstaat
Massachusetts nähert, kommt hierher auf der Suche nach dem genius
loci, der diesen Ort zu dem machte, was er einmal war: der geistige Mittelpunkt
Neuenglands, ja, ganz Amerikas, und man wird nicht enttäuscht.
Wir erlauben uns einen kurzen historischen Rückblick. In Neuengland, genauer
gesagt, in der Bucht von Massachusetts, wo die "Pilgerväter" von England auf der
Suche nach freier Ausübung ihres Glaubens 1620 an Land gegangen waren, nahm
die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika ihren Anfang. Aus dem
Zusammenprall zwischen der Alten und der Neuen Welt, aus der schrittweisen
Eroberung des Landes und der Verdrängung seiner Ureinwohner, aus den daraus
sich ergebenden Konflikten und dem zähen Selbstbehauptungswillen der Siedler
entstand die amerikanische Nation und im Laufe von zweihundert Jahren eine
eigene amerikanische Zivilisation und Kultur.
Concord fiel in dieser Geschichte eine Schlüsselrolle zu. Schon 1635, wenige Jahre
nach der Gründung der Massachusetts Bay Colony um die Hafenstadt Boston,
zog eine Handvoll unternehmender Männer aus, um dreißig Kilometer weiter im
Inland eine Siedlung zu gründen, die sie Concord nannten. Dieser Vorstoß in die
Wildnis des Hinterlands, die erste Etappe auf dem steten Zug nach Westen, war
eine Pioniertat. Den Siedlern kam zugute, dass dieses Land am Zusammenfluss
zweier Ströme nahezu entvölkert war. Eine Seuche hatte die Ureinwohner in den
Küstengebieten schon vor der Ankunft der Engländer stark dezimiert. Es dürfte
sich um eingeschleppte Pocken gehandelt haben, denn bevor die Engländer kamen,
waren bereits Franzosen und Holländer da, die mit den Indianern Handel trieben.
Übrigens gilt die Bezeichnung "Indianer" heute nicht mehr als korrekt. Die Einstellung
gegenüber den Ureinwohnern und ihr Bild in der Öffentlichkeit haben sich
verändert, und es haben sich die Bezeichnungen "Native Americans" oder "First
Nation" eingebürgert. Der Einfachheit halber, und weil es im 19. Jahrhundert keine
andere Bezeichnung gab, sofern man sie nicht einfach "Wilde" (savages) nannte, soll
weiterhin von Indianern die Rede sein. So nannte sie natürlich auch Thoreau, der
die Spuren ihrer versunkenen Kultur mit so viel Interesse verfolgte. Damals waren
in Concord noch Indianer anzutreffen, etwa wenn Mitglieder des Stammes der
Penobscot aus dem nördlichen Maine auf den Flüssen nach Massachusetts kamen,
um ihr Kunsthandwerk zu verkaufen.
Dass die Neuankömmlinge an diesem einnehmenden, geographisch begünstigten
Ort bei der Landnahme fast keine Menschen vorfanden, erachtete ihr
puritanischer Glaube als göttliche Vorsehung. Gott hatte sie an diesen Ort geführt
mit dem Auftrag, sich niederzulassen und das Land zu kultivieren. Die Gegend am
Concord River, wo die Flüsse Sudbury und Assabet sich vereinigen, inmitten von
Wiesen, ausgedehnten Wäldern und Feuchtgebieten, die als Weideland genutzt
wurden, war fruchtbar. Das Volk der Algonkin hatte hier seit Tausenden von
Jahren Ackerbau betrieben und ihre Wigwams errichtet - eine Vergangenheit, die
Henry David Thoreaus Fantasie schon in seiner Kindheit beflügelte. Hier hatte der
große Krieger Tahatawan gelebt, und hier fanden sich im Erdboden noch Zeugnisse
des Lebens der Indianer. Henry brauchte sich nur zu bücken, um eine Pfeil- oder
Speerspitze aus einer Ackerfurche zu ziehen.
Eine kleine Schar überlebender Algonkin-Indianer, darunter Tahatawan,
schlossen im Jahre 1637 unter "Jethro's Tree" einen Vertrag mit den Siedlern, laut
dem sie ihnen sechs Quadratmeilen ihres Landes abtraten. Dieser Baum, eine
mächtige Eiche auf dem Hauptplatz von Concord, stand noch zu Thoreaus
Lebzeiten. Heute steht neben der Gedenktafel zur Erinnerung an das historische
Ereignis eine neue Eiche, vielleicht ein Ableger von Jethro's Tree. Als Gegenleistung
übergaben die Engländer den Indianern Geräte wie Beile, Hacken und Messer sowie
Baumwollstoffe, Hemden und "Wampum", die als Tausch- und Zahlungsmittel
üblichen Muschelmünzen, die erste amerikanische Währung.8
Beide Seiten unterlagen bei dieser Transaktion einem fatalen Missverständnis.
Die Europäer handelten im Glauben, dass sie das Land rechtmäßig erworben
hätten, während die Indianer, die Grundbesitz nicht kannten, der Meinung
waren, sie hätten den Siedlern lediglich die Rechte der Nutzung - der Jagd, des
Fischfangs und der Bewirtschaftung des Bodens -, genauer gesagt, dessen Mitbenutzung
übertragen. Dass sich aus einem Vertrag, unter so unterschiedlichen
Voraussetzungen geschlossen, zwangsläufig Konflikte ergeben mussten, liegt auf
der Hand. Die Siedler setzten ihre Ansprüche durch, wie nach und nach auf dem
ganzen Kontinent, und nahmen der indigenen Bevölkerung ihre angestammten
Siedlungsgebiete im Tausch gegen einen Bettel ab.
Die Siedlung mit dem Namen Concord, "Eintracht", konsolidierte sich. Als 1775
die amerikanische Revolution ausbrach, hatte Concord bereits 1400 Einwohner. In
dem von der Landwirtschaft geprägten Leben spielte von Anfang an die puritanisch
strenge reformierte Kirche eine gewichtige Rolle, und der sonntägliche Kirchgang
war für die Gemeinschaft eine selbstverständliche Pflicht. Die Sabbatruhe nicht
einzuhalten, galt als sittenwidrig und konnte mit Gefängnis bestraft werden, wie
Thoreau aus einer alten Chronik zu berichten weiß.9
Den Puritanern war Erziehung und Bildung von Anfang an ein Anliegen. In der
Schule wurden gründliche Bibelkenntnisse vermittelt, zugleich mit einer strengen
Moral, unter fleißigem Einsatz der Zuchtrute. Strebsamen Knaben - Mädchen
waren von höherer Bildung bis ins 19. Jahrhundert ausgeschlossen - stand danach
das Harvard College offen, das bald nach Ankunft der Pilgerväter als Theologisches
Seminar für angehende Geistliche gegründet worden war. Die bodenständige
Bevölkerung, vorwiegend Farmer mit großen Familien, waren gottesfürchtig,
arbeitsam,
aufrecht und wehrhaft. Noch waren sie Untertanen der englischen
Krone, aber durchdrungen von einem Sinn für Freiheit und Gerechtigkeit. Dass
sie sich mit der Bay Colony um die Hauptstadt Boston eines Tages gegen die
Bevormundung durch England auflehnen würden, war nur eine Frage der Zeit. In
den Kolonien gärte es, bevor es zur kriegerischen Auseinandersetzung kam. Es gab
die Partei der "Whigs" oder Republikaner, die auf Loslösung von England drängten,
während die andere Partei, die "Tories" oder Royalisten, an der Zugehörigkeit zu
England festhielten. Der Zwiespalt ging manchmal quer durch ganze Familien.
Die Schicksalsstunde schlug, als am 19. April 1775 englische Truppen anrückten,
um Waffen zu beschlagnahmen, die sicherheitshalber nach Concord verbracht
worden waren. Diesen dramatischen Ereignissen war ein Disput über willkürlich
auferlegte, drückende Steuern vorausgegangen, vor allem eine hohe Besteuerung
von Tee. Die Kolonisten protestierten, indem sie die ganze Schiffsladung einfach
ins Meer kippten. Dieser Akt der Rebellion ist als "Boston Tea Party" in die
Geschichte eingegangen. Die Engländer reagierten mit einer strangulierenden
Hafenblockade und der Besetzung von Boston.
Gewarnt vor dem Marsch auf Concord, erwartete eine Miliz von bewaffneten
Farmern die englischen Soldaten an der Alten Nordbrücke über den Concord River.
Hier fand der Kampf statt, der zum Ruhmesblatt in der Geschichte Concords, ja,
der ganzen Nation wurde. Er machte die Kleinstadt bis auf den heutigen Tag zu
einem nationalen Wallfahrtsort, vergleichbar nur mit Gettysburg in Pennsylvania,
wo 1863 die den amerikanischen Bürgerkrieg entscheidende Schlacht stattfand und
eine Wende vollzog, aus der die Nordstaaten schließlich als Sieger hervorgingen.
In Concord stand eine Schar notdürftig ausgebildeter und bewaffneter Freiwilliger
einer Übermacht von siebenhundert vollausgerüsteten Berufssoldaten
gegenüber. Die Farmer kämpften auf eigenem Grund und Boden und waren
entschlossen, ihre Rechte als freie Siedler mit ihrem Leben zu verteidigen. Man
nannte sie "Minutemen", weil sie auf Signal alles liegen und stehen lassen und sich
in Minutenschnelle bewaffnen konnten. Sie waren schlagkräftig und zum Äußersten
bereit, ohne Uniformen, ohne Flaggen und Fanfaren. Sie hatten Befehl, erst
dann zu schießen, wenn die Engländer den ersten Schuss abgegeben hätten. Das
geschah, und die Minutemen feuerten "den Schuss, der um die ganze Welt gehört
wurde", wie es in Emersons berühmter "Concord-Hymne" heißt.10
Unter denjenigen, die auf eine Loslösung von England drängten, war auch ein
gewisser Pastor William Emerson, der Großvater von Ralph Waldo Emerson,
der im Leben von Thoreau eine so große Rolle spielen sollte. Ein weiterer Vorfahr
hatte als Geistlicher schon die Gründerv.ter nach Concord begleitet. Die
Emersons gehörten demnach zu den ältesten eingesessenen Familien, sozusagen
zur Aristokratie von Concord. William Emerson, "der patriotische Pastor", war
mit in den Kampf gezogen, und seine Frau konnte das Geschehen an der Alten
Nordbrücke vom Fenster ihres Hauses aus beobachten. Das "Old Manse", in
unmittelbarer Nähe der Brücke errichtet, ist eines der meistbesuchten historischen
Häuser von Concord und vielleicht das geschichtsträchtigste. Eine Reihe
bedeutender Persönlichkeiten hat in diesem Haus gelebt, und unter seinem Dach
ist manches große Werk entstanden. Seinem Erbauer William Emerson jedoch
war es nicht vergönnt, nach Hause zurückzukehren. Als Seelsorger begleitete er
die Revolutionäre auch zu anderen Schlachtfeldern und erlag fern von Concord
einem Fieber.
Jahr für Jahr pilgern Abertausende von Touristen zur Alten Nordbrücke, um
der Revolution zu gedenken, die hier begann und der jungen Demokratie den
Weg bereitete. Die Originalbrücke, die noch zu Thoreaus Zeiten stand, wurde
inzwischen schon zum sechsten Mal durch eine neue ersetzt, eine genaue Nachbildung
der alten Konstruktion: eine leicht gewölbte, schlichte Holzbrücke, die
sich auf hölzerne Pfeiler im träge dahinfließenden Concord stützt. Unter der
Alten Nordbrücke fuhren die Brüder John und Henry Thoreau in ihrem selbst
gebauten Boot auf jener Flussfahrt hindurch, die Henry in seinem erstem Buch
A Week on the Concord and Merrimack Rivers geschildert hat.
Von der Brücke genießt man denselben Ausblick wie einst, da die Flussufer
als Teil der Nationalen Gedenkstätte nicht verbaut werden durften - freundliche,
sonnenbeglänzte Auen mit Bäumen und Büschen, deren Zweige weit über das
Wasser hängen, in dem sich die Vegetation und der Himmel spiegeln. Am Ende
der Brücke, wo die wehrhaften Farmer bereitstanden, ihr Häuflein verstärkt durch
Männer, die von den umliegenden Farmen herbeieilten, oft nur mit Dreschflegeln
und Sensen bewaffnet, erhebt sich das Standbild des "Minuteman", ein Meisterwerk
des aus Concord stammenden Bildhauers Daniel Chester French. Es stellt
einen jugendlichen Kämpfer in ländlicher Tracht dar, die Flinte in der Hand. Man
spürt, diese Männer hatten in dem ungleichen Kampf nichts einzusetzen als ein
Gewehr, Muskelkraft, Mut und Heimatliebe, um ihren Anspruch auf ein Leben in
Freiheit nach ihren eigenen Gesetzen zu verteidigen. In den Sockel der Statue ist
Emersons Hymne graviert. Jedes amerikanische Schulkind kennt die Zeilen, den
in Verse gefassten Mythos von Concord.
Auf der anderen Seite der Brücke wurde zum sechzigjährigen Jubiläum anno
1836 ein Obelisk errichtet. Zur feierlichen Einweihung des Denkmals befand sich
unter den dort versammelten Jugendlichen auch der Student Henry David Thoreau
und sang mit ihnen die Concord-Hymne.
Gelegentlich ist am Obelisk ein hochgewachsener, freundlicher Parkwächter
in der schneidigen Uniform eines britischen "Regulars" von damals anzutreffen,
stilecht in weißen Kniehosen, hohen Stiefeln, dem schmucken roten Waffenrock
mit schwarzen Aufschlägen und kreuzweisen Bändern über der Brust. An dieser
Stelle wird das Grab eines gefallenen englischen Soldaten geehrt, der auf dem
Schlachtfeld liegenblieb, nachdem das englische Bataillon sich geschlagen zurückziehen
musste.
Wirft man auf dem Weg zum Besucherzentrum quer durch den Park einen
Blick zurück auf die Alte Nordbrücke, die im Abendlicht so malerisch aus dem
Grün der Landschaft ragt, fühlt man sich in eine andere Zeit versetzt. Die Besucherströme
verebben allmählich. Stille kehrt ein, wie Thoreau sie geliebt und in der
Natur gesucht hat. Die Hitze lässt nach. Die Landschaft erglänzt in den letzten
Strahlen der untergehenden Sonne. Den ganzen Abend lang zirpen die Grillen.
In dem prächtig ausgestatteten Besucherzentrum wird man freundlich empfangen.
Man kann sich einen Film über die historischen Ereignisse vorführen lassen
und Bücher und Andenken erwerben. Das geschulte, bestens informierte Personal
ist sichtlich stolz auf sein nationales Heiligtum.
Doch Concord zehrt nicht nur vom Ruhm seiner revolutionären Vergangenheit.
Hier fand um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine andere, eine geistige Revolution
statt, die mit den Namen von Ralph Waldo Emerson, Henry David Thoreau und
ihren Weggefährten verbunden ist. Von hier breitete sich eine Bewegung aus, die
das kulturelle Leben Amerikas veränderte. Im Jahrhundert davor hatten sich die
Kolonien nach jahrelangen Kämpfen politisch von England gelöst und einen demokratisch
verfassten Staat begründet. Jetzt ging es um die geistige Unabhängigkeit
von Europa, mit anderen Worten, um eine eigenständige amerikanische Kultur.
Concord sollte ihre Wiege werden.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Concord eine attraktive Kleinstadt
von ausgeprägt ländlichem Charakter mit etwa zweitausend Einwohnern. Dass es
gerade hier zu der kulturellen Blüte kam, die als "amerikanische Renaissance" in
die amerikanische Kulturgeschichte einging, hat seine Gründe.11
Als Kreisstadt war Concord das Verwaltungszentrum von Middlesex County.
Gewerbe und Handel blühten, und zwischen Stadt und Land bestand ein reger
Austausch. Einmal in der Woche brachten die Farmer ihre landwirtschaftlichen
Produkte auf den Markt, und der Jahrmarkt im Herbst, auf dem Prämien für die
besten Feldfrüchte und die schönsten Rinder vergeben wurden, war ein beliebtes
Volksfest und zog Menschen aus der ganzen Gegend an. Die Bevölkerung war nicht
arm, aber auch nicht überm..ig wohlhabend. Der aus Landwirtschaft, Handel
und Gewerbe erarbeitete Wohlstand war solide, auf Fleiß und Sparsamkeit und
einen schlichten Lebensstil gegründet, wie es der puritanischen Ethik entsprach.
Die schöne Umgebung lockte die Menschen ins Freie. Die Nähe der Wälder lud
zu Spaziergängen und der nahegelegene Fluss zu Bootfahrten ein. Als Boston, die
Hauptstadt und Handelsmetropole, schon zu unruhig wurde, ging das Leben in
Concord noch einen gemächlichen Gang. Jeder kannte jeden, viele Familien waren
miteinander verschwägert, man sah sich regelmäßig beim Kirchgang und in einer
regen privaten Geselligkeit. Die Zerstreuungen des modernen Lebens gab es noch
nicht. Man war aufeinander angewiesen, auf den Familien- und Freundeskreis, wo
ähnlich wie in Europa die Kunst des Gesprächs und eine feine Briefkultur gepflegt
wurden. Das galt zwar mehr für die gebildete Schicht, aber unter den aufrechten,
selbstbewussten Farmern gab es manchen, der einen Intellektuellen wie Henry
Thoreau mit seinem Mutterwitz und einer kernigen, unverbildeten Sprache anzog.
Die Gesellschaft von Concord war demokratisch durchlässig, und in der öffentlichen
Schule kamen ohnehin alle zusammen.
Auf seine Schulen war Concord mit Recht stolz. Zur städtischen Grundschule
kam als weiterführendes Bildungsinstitut die Concord Academy, die etwa einem
Gymnasium entsprach. Sie war die beste des Landes. Eine neue Errungenschaft
war das sogenannte Lyzeum, eine Art Volkshochschule für alle Schichten der
Bevölkerung.
Hier wurde durch Vorträge und Diskussionen allgemeines Wissen
über eine Vielfalt von Fachgebieten vermittelt. Aktuelle Themen wurden aufgegriffen,
denn die Zeit war reich an Zündstoff und neuen Ideen. Neue Formen
der Gemeinschaft nach dem Vorbild der französischen Frühsozialisten wurden
diskutiert und so brisante Themen wie die Frauenfrage oder die Abschaffung der
Sklaverei. Das Lyzeum wird eine zentrale Rolle im Leben des angehenden Schriftstellers
Henry Thoreau spielen.
Die Einrichtung kam dem Bildungshunger der breiten Bevölkerung entgegen.
In den 1820er-Jahren in England gegründet, verbreitete sich die Lyzeum-Bewegung
rasch in Amerika. Die "Vereinigung für den gemeinsamen Fortschritt und die Verbreitung
nützlichen Wissens" nahm die Sache in die Hand, und bald gab es überall
im Land, auch in kleineren Ortschaften, eine solche informelle Bildungsstätte. In
Massachusetts, wo der Bildungsanspruch traditionell am höchsten war, wurden
die ersten Lyzeen Neuenglands eröffnet. In Concord setzte sich kein Geringerer
als Reverend Ezra Ripley, einer der profiliertesten Bürger, dafür ein, dass die Stadt
bereits 1829 ein Lyzeum bekam.
Der erzkonservative Patriarch bewohnte nach seiner Heirat mit der Witwe des
patriotischen Pastors William Emerson das Old Manse an der Nordbrücke, wo
er hochbetagt starb. Er war der Stiefgroßvater Ralph Waldo Emersons und der
Schwiegervater einer der bemerkenswertesten Frauen von Concord, der gelehrten
Sarah Ripley. Ezra Ripley gehörte zu den Honoratioren der Stadt und war einer
derjenigen Bürger, die sich an die Zeit der Revolution erinnern konnten. Thoreau
sah ihn noch in Kniehosen und Schnallenschuhen gemessenen Schrittes durch
die Straßen wandeln, die "graue Eminenz" der Stadt, im Grunde noch ein Mann
des 18. Jahrhunderts. Geistig waren sie Antipoden, der rebellische junge Mann,
der es wagte, eigene Wege zu gehen, und sich über die verknöcherte Orthodoxie
lustig machte, und der strenggläubige Reverend, der nichts hielt von theologischen
Reformen.
Dieser Mann also war es, der das Lyzeum nach Concord brachte. Für die Bevölkerung
waren die Vorträge und Vorlesungen des Lyzeums eine willkommene
Abwechslung. Sie fanden meistens am Sonntagabend in einem gemieteten Raum
oder im Untergeschoss der Kirche statt, gegen ein geringes Eintrittsgeld, das jeder
sich leisten konnte. Henry Thoreau, bei der Gründung des Lyzeums von Concord
zwölf Jahre alt, war schon in früher Jugend ein eifriger Besucher der Volkshochschule.
Sprecher von auswärts wurden zu Vorträgen eingeladen, aber auch Einheimische,
die Wissenswertes zu berichten hatten, etwa zu Themen der Geschichte,
der Naturkunde oder zu neuen Erkenntnissen der Wissenschaft. Die Vorträge
im Lyzeum waren bekannt für ihr hohes intellektuelles Niveau.12 So wurde auch
von den Pastoren, die zur geistigen Elite zählten, erwartet, dass sie im Lyzeum
gelegentlich eine Rede hielten, die erbaulich, aber etwas weltlicher sein durfte als
die Sonntagspredigt. Kontroverse Themen wie Politik und Religion sollten nach
Möglichkeit vermieden werden, doch je fester das Lyzum sich im Leben von Concord
verankerte, desto öfter wurde dieser Rahmen gesprengt, unter anderen von
Rednern wie Emerson und Thoreau.
Im Lyzeum wurde das "neue Denken" vorgestellt, die Bewegung einer umfassenden
geistigen Erneuerung und Lebensreform, die unter der Bezeichnung
"Transzendentalismus" bekannt wurde. Hier hielt Emerson die bahnbrechenden
Vorträge, die weit über Concord hinaus wirkten. Hier konnten er und Thoreau
ihre Ideen erproben, bevor sie in überarbeiteter Form im Druck erschienen. Das
Lyzeum war ein ideales Podium für freie Geister, die keinem definierten Beruf
nachgingen und keinen regelmäßigen Broterwerb hatten. Auf diese Weise, mit
Vorträgen und deren nachträglicher Veröffentlichung in Buchform, konnte ein
Mann wie Emerson seinen Lebensunterhalt bestreiten. Hier fanden Redner wie
er ein interessiertes und kritisches Publikum. Nach dem Ende des Bürgerkriegs
1865 verblasste die Lyzeum-Bewegung. Das Land nahm Kurs auf eine rasante
industrielle Entwicklung mit einer städtischen Unterhaltungsindustrie und neuen
Bildungseinrichtungen, die das Lyzeum überflüssig machten. Nur Concord hielt
als eine der wenigen Orte an seinem Lyzeum fest.
Ohne Zweifel besaß das Städtchen ein Klima, das geistig interessierte Menschen
anzog. Thoreau wurde hier geboren. Und als Emerson sich 1833 in Concord
niederließ, kamen auch andere: der Romancier Nathaniel Hawthorne, der Philosoph
Amos Bronson Alcott, der Dichter Ellery Channing, der Wandergefährte
und erste Biograph Thoreaus, zeitweilig auch Margaret Fuller, die berühmteste
Intellektuelle ihrer Zeit und erste Journalistin Amerikas, und viele andere.
Es lebte sich gut hier. Topographisch war Concord eine reizvolle Stadt mit ihrem
historischen Stadtkern voll Erinnerungen an eine ruhmreiche Vergangenheit,
mit Bürgerh.usern, Gärten und Alleen unter schattigen Bäumen. Concord besaß
ein Rathaus, einen schmucklosen, kastenförmigen Bau, wie er dem frühen neuenglischen
Stil entsprach, doch später kam ein gefälligeres neues Bauwerk hinzu. Eine
Bezirksstadt, wo Recht gesprochen wird, verfügt natürlich über ein repräsentatives
Gerichtsgebäude und auch über ein Gefängnis, das hier erwähnt werden soll, weil
Henry Thoreau einmal eine folgenreiche Nacht darin verbrachte. Man darf sich
unter dem Gefängnis von Concord keinen schlichten Gemeindekotter vorstellen,
sondern es handelte sich um einen massiven zweistöckigen Bau mit vergitterten
Fenstern und einer Mauer, sozusagen ein Hochsicherheitsgefängnis für Missetäter
jeglicher Art.
Am Mühlendamm, dem Milldam, von dem heute noch ein kleines Stück übrig
ist, siedelte sich das Gewerbe an. Es gab eine Säge- und eine Getreidemühle, und
der Mühlenteich mit seinen Enten und Gänsen war ein beliebter Spielplatz für
Kinder, wo sie im Winter Schlittschuh laufen konnten. Es gab Werkstätten zur
Lederverarbeitung, eine Schusterwerkstatt, auch die kleine Bleistiftmanufaktur
von John Thoreau Senior befand sich hier, als die Familie, die oft umzog, ein
Haus am Milldam direkt im Zentrum bewohnte. Das heutige Colonial Inn, ein
vornehmer Landgasthof mit verwinkelten Räumen, die ihr historisches Ambiente
bewahrt haben, ist ein Teil des ehemaligen Wohnhauses der Familie Thoreau.
Hier pulsierte das Leben der Kleinstadt. Hier herrschte ein Kommen und
Gehen, hier wurden Pferde gewechselt, wenn die Post eintraf. Kutschen und
Fuhrwerke ratterten über die Straßen. Die Main Street war von den Geräuschen
des geschäftigen Treibens erfüllt. Die wohlhabenden Bürger bauten sich prächtige
Residenzen im Kolonialstil mit schlanken, weißen Säulen vor dem Portal und
legten Gärten an für den Anbau von Gemüse, Blumen und Obst. Viele besaßen
ein Waldgrundstück, das ihnen das nötige Holz zum Heizen lieferte. Davon benötigte
man viel, denn es wurde ausschließlich mit Holz geheizt, und die Winter in
Neuengland waren streng.