
Hunger
Über Magersucht und weibliches Begehren
Caroline Knapp(Autor*in)
Fischer Taschenbuch (Verlag)
1. Auflage
Erschienen im Oktober 2006
Buch
Softcover
304 Seiten
978-3-596-17120-0 (ISBN)
Artikel ist vergriffen; keine Neuauflage
Beschreibung
Warum fällt es Frauen so schwer, auch nach Jahrzehnten des Geschlechterkampfs ihre Wünsche, ihre wahren Bedürfnisse anzuerkennen und ohne Schuldgefühle zu leben? Einen ungeschminkten Blick auf das weibliche Begehren richtet Caroline Knapp mit diesem brillant geschriebenen, aufrüttelnden Buch. Am Beispiel ihres eigenen dramatischen Schicksals - ihrer Magersucht - zeigt sie auf, in welch starkem Maß der weibliche Hunger nach Essen, Liebe, Sinnlichkeit und Selbstverwirklichung kulturellen Begrenzungen und Kontrollen unterworfen ist. Es ist ist eine scharfsinnige kulturkritische Analyse und eine sehr persönliche, bewegende Darstellung ihrer eigenen beinahe tödlich endenden Krankheit, die Frauen dazu animiert, sich endgültig von überhöhtem Perfektionismus, Schönheitskult, Masochismus sowie Fremdbestimmung zu verabschieden.
Weitere Details
Reihe
17120
Auflage
1., Aufl.
Sprache
Deutsch
ISBN-13
978-3-596-17120-0 (9783596171200)
Schweitzer Klassifikation
Person
Caroline Knapp ist Autorin von »Warum Frauen große Handtaschen brauchen«; »Das Tagebuch der Alice K.« und »Alkohol - meine gefährliche Liebe«. Sie lebte in Cambridge/Massachusetts und starb im Jni 2002 im Alter von 41 Jahren.
Inhalt
Seit vielen Jahren hatte ich davon geträumt, einmal loszuwandern und für eine Zeit frei und unabhängig zu sein. Zumindest für eine Weile wollte ich die Bequemlichkeiten meines notorisch sesshaften Lebens hinter mir lassen und die Welt aus der ungewohnten Sicht des Fußgängers betrachten. Statt eingebunden zu sein in einen geregelten Alltag und ein Netz von Familie, Freunden und Bekannten, möchte ich mich ab heute allein und mit leichtem Gepäck durch das Land treiben lassen.
Trotz meines Geizens um jedes Gramm ist das Gepäck schwerer als geplant geworden. Denn obwohl ich sogar den Stiel meiner Zahnbürste um ein paar Zentimeter gekürzt habe um Gewicht zu sparen, wiegt der Rucksack 14 Kilo. Aber immerhin habe ich es geschafft, mich loszureißen. Alle Bedenken, eigene und die der anderen, sind überwunden. Ich bin endlich unterwegs.
Von der Fassade der Unibibliothek blickt der dem Reisen selbst wenig zugeneigte Immanuel Kant streng auf mich herab. In den vergangenen Jahren habe ich mich intensiv mit philosophischen Schriften beschäftigt und mich gerade in den letzten Monaten redlich bemüht, Kants »Kritik der reinen Vernunft« zu verstehen. Nun werde ich vorläufig keine Weisheit mehr aus Büchern saugen. Die Seiten des einzigen Buches, das ich bei mir trage sind noch weiß. Ich möchte sie mit Notizen darüber füllen, was ich auf meiner Wanderung sehen und erfahren werde.
Der Hang des Österbergs, an dem wir mit den Kindern zum Drachensteigen und Schlittenfahren waren, glitzert schneebedeckt in der Sonne. Von einer Anhöhe schaue ich noch ein letztes Mal auf das Schloss, dann bin ich im Wald. Der Schnee dämpft jedes Geräusch, und das alltägliche Rauschen der Stadt liegt hinter mir. Nur mein gleichmäßiger Schritt klingt wie ein leiser, beruhigender Trommelschlag. In den nächsten Stunden treffe ich keinen Menschen. Beim Gehen wird mir trotz der winterlichen Temperaturen angenehm warm.
Der Beginn meiner Wanderung ist genau so, wie ich ihn mir erträumt hatte. Ganz bewusst hatte ich mich dafür entschieden, im Februar loszugehen. Wahrscheinlich hat mich die Schubertsche »Winterreise« auf diese Idee gebracht, denn mit diesen Liedern habe ich mich seit meiner Jugend immer wieder identifiziert. In vergangenen Krisenzeiten spiegelten Schuberts Beschreibungen der kalten Winterlandschaft meine Gefühle von Verlassensein und Trauer wider und vermittelten mir gleichzeitig Trost. Jetzt folge ich den Spuren dieser sentimentalen Erinnerungen nach. Ein wenig schaudert es mich, gleichzeitig kann ich mich nicht satt sehen an den Schwarz-Weiß-Schattierungen, den klaren Konturen und der Weite des verschneiten und unbelaubten Waldes.
Ich laufe fast den ganzen Tag, ohne in die Nähe einer Ortschaft zu kommen. Obwohl ich für die heutige Strecke keine Karte dabei habe, kann ich mich mit Kompass und ungefährer Ortskenntnis in den Wäldern des Schönbuchs gut orientieren. Nur der Rucksack wird mir mit der Zeit immer schwerer. Habe ich doch zu viel mitgenommen? Was trage ich an Überflüssigem mit mir herum? Andererseits muss ich bei der ersten Rast mit Tee, Käse und Wurst feststellen, dass ich ausgerechnet Brot vergessen habe.
Als ich nach sieben Stunden den ersten Vorort von Stuttgart erreiche, bin ich ziemlich erschöpft und noch fast 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Immer häufiger muss ich den Rucksack absetzen. In meiner Begeisterung hatte ich mir für den ersten Wandertag zu viel vorgenommen. Einen Augenblick lang überlege ich, die letzten Kilometer mit der S-Bahn zu fahren. Aber ich würde mir wahrscheinlich nicht verzeihen, meinen eigenen Vorsätzen schon jetzt untreu geworden zu sein. Also gehe ich zu Fuß weiter.
Nach mehr als zehn Stunden komme ich in unserem mittlerweile von meinem Bruder bewohnten Elternhaus an. Vor 30 Jahren bin ich, allerdings ohne Gepäck, von hier aus zu meinem Studienort Tübingen gewandert. Der erste Tag meiner Wanderung war auch ein Weg zurück zu meinem alten Zuhause.
Trotz meines Geizens um jedes Gramm ist das Gepäck schwerer als geplant geworden. Denn obwohl ich sogar den Stiel meiner Zahnbürste um ein paar Zentimeter gekürzt habe um Gewicht zu sparen, wiegt der Rucksack 14 Kilo. Aber immerhin habe ich es geschafft, mich loszureißen. Alle Bedenken, eigene und die der anderen, sind überwunden. Ich bin endlich unterwegs.
Von der Fassade der Unibibliothek blickt der dem Reisen selbst wenig zugeneigte Immanuel Kant streng auf mich herab. In den vergangenen Jahren habe ich mich intensiv mit philosophischen Schriften beschäftigt und mich gerade in den letzten Monaten redlich bemüht, Kants »Kritik der reinen Vernunft« zu verstehen. Nun werde ich vorläufig keine Weisheit mehr aus Büchern saugen. Die Seiten des einzigen Buches, das ich bei mir trage sind noch weiß. Ich möchte sie mit Notizen darüber füllen, was ich auf meiner Wanderung sehen und erfahren werde.
Der Hang des Österbergs, an dem wir mit den Kindern zum Drachensteigen und Schlittenfahren waren, glitzert schneebedeckt in der Sonne. Von einer Anhöhe schaue ich noch ein letztes Mal auf das Schloss, dann bin ich im Wald. Der Schnee dämpft jedes Geräusch, und das alltägliche Rauschen der Stadt liegt hinter mir. Nur mein gleichmäßiger Schritt klingt wie ein leiser, beruhigender Trommelschlag. In den nächsten Stunden treffe ich keinen Menschen. Beim Gehen wird mir trotz der winterlichen Temperaturen angenehm warm.
Der Beginn meiner Wanderung ist genau so, wie ich ihn mir erträumt hatte. Ganz bewusst hatte ich mich dafür entschieden, im Februar loszugehen. Wahrscheinlich hat mich die Schubertsche »Winterreise« auf diese Idee gebracht, denn mit diesen Liedern habe ich mich seit meiner Jugend immer wieder identifiziert. In vergangenen Krisenzeiten spiegelten Schuberts Beschreibungen der kalten Winterlandschaft meine Gefühle von Verlassensein und Trauer wider und vermittelten mir gleichzeitig Trost. Jetzt folge ich den Spuren dieser sentimentalen Erinnerungen nach. Ein wenig schaudert es mich, gleichzeitig kann ich mich nicht satt sehen an den Schwarz-Weiß-Schattierungen, den klaren Konturen und der Weite des verschneiten und unbelaubten Waldes.
Ich laufe fast den ganzen Tag, ohne in die Nähe einer Ortschaft zu kommen. Obwohl ich für die heutige Strecke keine Karte dabei habe, kann ich mich mit Kompass und ungefährer Ortskenntnis in den Wäldern des Schönbuchs gut orientieren. Nur der Rucksack wird mir mit der Zeit immer schwerer. Habe ich doch zu viel mitgenommen? Was trage ich an Überflüssigem mit mir herum? Andererseits muss ich bei der ersten Rast mit Tee, Käse und Wurst feststellen, dass ich ausgerechnet Brot vergessen habe.
Als ich nach sieben Stunden den ersten Vorort von Stuttgart erreiche, bin ich ziemlich erschöpft und noch fast 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Immer häufiger muss ich den Rucksack absetzen. In meiner Begeisterung hatte ich mir für den ersten Wandertag zu viel vorgenommen. Einen Augenblick lang überlege ich, die letzten Kilometer mit der S-Bahn zu fahren. Aber ich würde mir wahrscheinlich nicht verzeihen, meinen eigenen Vorsätzen schon jetzt untreu geworden zu sein. Also gehe ich zu Fuß weiter.
Nach mehr als zehn Stunden komme ich in unserem mittlerweile von meinem Bruder bewohnten Elternhaus an. Vor 30 Jahren bin ich, allerdings ohne Gepäck, von hier aus zu meinem Studienort Tübingen gewandert. Der erste Tag meiner Wanderung war auch ein Weg zurück zu meinem alten Zuhause.