Prolog
»Nicht die Schatten, sondern die Dunkelheit ist es, vor der man sich fürchten sollte.«
Vorwort, Chroniken von Wallivien
Vor einhundert Jahren
Der weiße Hirsch, mit dem silbrig glänzendem Geweih, wandte sich an Dessandra. »Von diesem Tage
an wirst du dein Dasein in Verbannung fristen«, sagte er mit ruhiger, aber bestimmter Stimme. »Willst
du etwas zu deiner Verteidigung sagen?«
Ein Murmeln ging durch die Menge der versammelten Hüter und alle Blicke richteten sich auf die
Hirschkuh, die etwas abseits der Gruppe stand.
Sie schnaubte. »Was wird mir denn vorgeworfen, Ältester?«
Der weiße Hirsch hielt einen Moment inne. Ein kalter Wind heulte durch die Bäume des Sacred Forest
und schob derweil die dunklen Wolken über den am Himmel prangenden Mond.
»Verrat«, spuckte er aus und erneut hoben sich die Stimmen in der Menge. »Dessandra Malefinka, du
wirst beschuldigt, das Geheimnis unseres Blutes an die Menschen weitergegeben zu haben. Mit voller
Absicht und bei klarem Verstand. Du hast deine Art verraten und uns in größte Gefahr gebracht. Der
Rat hat gesprochen. Deine Strafe ist die lebenslange Verbannung.« Der Älteste ging ein paar Schritte
auf die Hirschkuh zu. Die anderen machten den Weg frei und blickten dem weißen Hirsch ehrfürchtig
nach.
Dessandra rührte sie nicht von der Stelle. »Ihr habt euch das selbst zuzuschreiben«, murmelte die
Hirschkuh kaum hörbar.
»Deine Lügen kannst du jemand anderem erzählen«, sagte er und richtete sein Geweih gen Himmel.
Die anderen weißen Hirsche taten es ihm gleich. Gemeinsam warteten sie auf den Moment, in dem die
Wolken das Licht des Mondes preisgeben würden.
Dessandra stand wie angewurzelt da. Sie verzog das Gesicht zu einem gequälten Grinsen, doch der
weiße Hirsch, der eben noch gesprochen hatte, ließ sich davon nicht ablenken.
Der Moment zog sich zäh wie Gummi in die Länge.
Ein kurzer Aufschrei zerriss die Stille des Waldes und scheuchte einige Vögel auf, als das Mondlicht
seine Schatten auf die Lichtung warf.
Es war Dessandra, die schmerzerfüllt auf den Boden sank. Ihr weißes Fell flimmerte und verschwamm
immer weiter, bis die Umrisse der Hirschkuh kaum mehr erkenntlich waren. Ein grelles Licht umfing
ihre Gestalt und gab einen Moment später die Sicht auf eine alte Frau frei.
Der Älteste senkte seinen Blick. »Und nun geh. Du bist im Sacred Forest nicht länger willkommen.«