
Stress am Arbeitsplatz
Description
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Immer mehr psychisch erkrankte Menschen klagen über berufliche Überlastungsreaktionen oder Erschöpfungszustände bis hin zum Burnout. PeBaS bietet hierfür einen & auch im akuten stationären Sektor bewährten & sinnvollen Baustein in der transdiagnostischen modularen Psychotherapie im Gruppensetting. Dieses Psychoedukationsprogramm zur Stressregulation berücksichtigt sowohl die krankheitsverursachenden als auch die krankheitsbedingten Probleme in der prägenden Lebenswelt Arbeit. Ziel ist es, die sinnstiftende Form der Arbeit als protektive Ressource im salutogenetischen Sinne nutzen zu können.
Der Band bietet neben der inhaltlichen und didaktischen Anleitung durch fünf Kernmodule störungsspezifische Zusatzmodule zu Sucht am Arbeitsplatz und ADHS, ein Modul für Patienten mit Migrationshintergrund sowie vertiefende Exkurse zu Stresstheorien, Selbstmanagement, Betrieblichem Gesundheitsmanagement wie auch zu Homeoffice
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Persons
Dr. Matthias Bender, Ärztlicher Direktor des Vitos Klinikums Kurhessen
PD Dr. Peter M. Wehmeier, stellv. Klinikdirektor des Vitos Waldkrankenhauses Köppern, Vitos Hochtaunus
Maja Illig, Diplompädagogin im Kreisklinikum Siegen
Adriane Helfrich, Dipl.-Sozialarbeiterin in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Hadamar
Content
1 Stress am Arbeitsplatz
In einer Arbeitswelt, die sich durch Beschleunigung und zunehmende Arbeitsverdichtung in den letzten Jahren verändert hat, sind arbeitsplatzbezogener Stress und die daraus resultierenden psychischen Erschöpfungserscheinungen zu einem immer häufiger beklagten und vieldiskutierten Phänomen geworden (Rosa 2005; BGFF 2010; Rosa 2012; Berger et al. 2012; Siegrist 2015). Steigende Krankenstände aufgrund psychischer Erkrankungen sind ein Beleg für diese Entwicklung, die sowohl von der Wirtschaft als auch vom Gesundheitswesen mit Sorge betrachtet werden ( Kasten 1.1).
Kasten 1.1: Veränderungen in der modernen Arbeitswelt
Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft
Beschleunigung und Verdichtung der Arbeitsabläufe
Mangelnde Gratifikation von Normalleistungen, Anerkennung zunehmend nur für besondere Erfolge oder außerordentliche Leistungen (»genug ist nicht genug«)
Subjektivierung und Entgrenzung der Arbeit
Zunehmende Bedeutung von »Soft Skills«
Technischer Fortschritt, gerade in der Telekommunikation
Digitalisierung als Kulturprozess mit veränderten professionellen Identitäten
Telearbeit (»Homeoffice«), Wegfall der integrierenden, persönlichen Teaminteraktion
Globalisierung: räumliche und zeitliche Grenzen lösen sich auf
Veränderte Beschäftigungsverhältnisse (z. B. Zeitarbeit)
Diskontinuität der Arbeit: Intensivierung, Flexibilisierung, Individualisierung
Verschiebung des Belastungsspektrums: körperliche Belastung psychosoziale Belastung
Sowohl in den Medien als auch in der Fachliteratur hat das Thema arbeitsplatzbezogener Stress auch vor dem Hintergrund der Diskussion um das »Burnout-Syndrom« eine enorme Aufwertung erfahren (Maslach et al. 1996; Stark und Sandmeyer 2001; Meichenbaum 2003; Kaschka 2011; Schaarschmidt 2012). Die weite Verbreitung dieser Bezeichnung für etwas, das nichts anderes ist als eine Depression (Bianchi et al. 2016), hat erheblich zur Sensibilisierung für das Thema Depression sowie zur Entstigmatisierung dieser Erkrankung beigetragen (z. B. das Deutsche Bündnis gegen Depression e. V.). Viele Betriebe haben arbeitsmedizinische Maßnahmen entwickelt, die Ausfällen von Mitarbeitern wegen psychischer Erkrankungen im Sinne der Prävention zuvorkommen sollen. In diesem Zusammenhang soll auch die Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung (GB psych) erwähnt werden ( Kasten 1.2). Die GB psych ist inzwischen ein vieldiskutiertes Thema im Bereich von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit (DGUV 2013) und zeigt, dass immer mehr Betriebe sich dieses Themas annehmen, nicht zuletzt weil die GB psych seit 2013 in Deutschland durch das Arbeitsschutzgesetz vorgeschrieben ist. Viele Betriebe haben im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) Mindeststandards in Bezug auf Angebote zur Bewältigung von arbeitsplatzbezogenem Stress eingeführt, nicht zuletzt wegen zunehmender Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen (Badura et al. 2017). Die staatlich geförderte »Initiative Neue Qualität der Arbeit« (INQA) bietet ebenfalls Hilfestellungen zur Vermeidung von Stress bei der Arbeit an (www.inqa.de). Viele Menschen finden nicht selten über das Thema »Stress am Arbeitsplatz« erstmals den Weg zur Behandlung ihrer seelischen Erkrankung und viele Erschöpfte versuchen ihre Ressourcen zu stärken und ihre Selbstmanagementkompetenz zu verbessern (Kahl und Winter 2017; Kawohl und Rössler 2018).
Kasten 1.2: Top 12 Stressoren bei 1.200 Befragten in Deutschland (TK-Stressstudie, Techniker Krankenkasse 2016)
Arbeit
Arbeitsweg
ständige Erreichbarkeit
Teilnahme am Straßenverkehr
Finanzen
Haushalt
hoher Selbstanspruch
Kinder
zu viele Termine und Verpflichtungen in der Freizeit
Konflikte mit Angehörigen
Betreuung eines pflegebedürftigen Angehörigen
schwere Krankheit eines Nahestehenden
Stressoren, die heute im Bereich der Arbeit eine Rolle spielen, haben in den letzten Jahren zugenommen und nehmen auch weiter zu (Lohmann-Haislah 2012; Unger 2014). Dabei spielen soziale Konflikte am Arbeitsplatz (z. B. mit Kollegen oder mit Vorgesetzten), Angst vor Ausgrenzung, Über- bzw. Unterforderung, befristete Arbeitsverträge, Leiharbeit, drohende Arbeitslosigkeit als Stressoren eine wichtige Rolle. Aber nicht nur zu viel Arbeit bedeutet Stress. Auch zu wenig Arbeit oder gar keine Arbeit zu haben, bedeutet ebenfalls in den meisten Fällen Stress für die Betroffenen. Auch diese Art von Stress kann zu psychischer Erschöpfung bzw. bei entsprechender Vulnerabilität zur Krankheitsmanifestation führen ( Kasten 1.3).
Kasten 1.3: Beeinträchtigende Folgen der modernen Arbeitswelt für den Einzelnen
Überforderung durch immer raschere Veränderung
Arbeitsplatzunsicherheit
schlechte Arbeitsbedingungen
Arbeit trotz Krankheit (»Präsentismus«)
zunehmende Fehlzeiten
verlängerte Dauer der Arbeitsunfähigkeit
höheres Risiko für psychische Erkrankungen
Verlust der Arbeitsstelle
Das Thema arbeitsplatzbezogener Stress bzw. psychische Gesundheit am Arbeitsplatz hat inzwischen internationale Bedeutung erhalten ( Kasten 1.4), so dass sich auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit diesem Themenkomplex befasst (Baumann und Muijen 2010) und die psychiatrische bzw. ergotherapeutische Forschung sich dieses Themas angenommen hat (Hees et al. 2013).
Kasten 1.4: Typische Stressoren im Arbeitskontext
Psychische Belastungen
neue Anforderungen, ständige Veränderung, Beschleunigung, Zeitdruck, häufige Unterbrechungen, geringe Entscheidungsmöglichkeiten, emotional belastende Tätigkeiten, wenig Kontrolle, geringe Belohnung, unklare persönliche Ziele, hohes Engagement bei wenig Anerkennung, Wertkonflikte, Verausgabung
Soziale Belastungen
wenig Unterstützung durch das soziale Umfeld, schlechte Kommunikation, unklare Anweisungen, unklare Rollenzuweisungen, mangelnde Einbeziehung oder Beteiligung, wenig Fairness, zwischenmenschliche Konflikte, Belästigung, Zusammenbruch des Gemeinschaftsgefühls
Belastungen durch Arbeitsplatz und Organisation
anderen Menschen helfende Tätigkeiten, hohe Arbeitsbelastung, hohe Anforderungen, monotone Arbeit, unzureichende Information, unklare Ziele in der Organisation, betriebliche Umstrukturierung, unsichere Arbeitsstelle, unfreundliches Betriebsklima, Drangsalierung, Gewalt
1.1 Was ist Stress?
Aber was ist Stress eigentlich? Letztendlich besteht sowohl in der Alltagssprache als auch in der Wissenschaftssprache keine genaue Definition dessen, was mit dem Wort »Stress« gemeint ist. Mit diesem Wort bezeichnen wir oft die auslösenden Bedingungen von Stress, beispielsweise Zeit- oder Leistungsdruck. Oft meinen wir aber auch unsere Reaktion auf diese auslösenden Bedingungen, beispielsweise das Gefühl, angespannt zu sein oder unter Druck zu stehen. Während gute Definitionen von Begriffen wie »Stress« manchmal schwer zu finden sind, kann man getrost davon ausgehen, dass so gut wie jeder Mensch recht genau weiß, was Stress für sie oder ihn bedeutet und was für unangenehme Gefühle mit Stress einhergehen ( Tab. 1.1).
Tab. 1.1: Vier Ebenen der Stressreaktion
Einen Zugang zu einem besseren Verständnis von dem, was Stress eigentlich ist, bietet das sogenannte Belastungs-Beanspruchungs-Konzept (Zapf und Dormann 2006). Dabei sind psychische Belastungen diejenigen Einflüsse, die von außen auf den Einzelnen zukommen und psychisch auf ihn ein wirken. Die psychische Beanspruchung hingegen ist die individuelle, unmittelbare Auswirkung der psychischen Belastung des Einzelnen, abhängig von seinen eigenen Voraussetzungen und seinem gegenwärtigen Zustand. Für Menschen, die in einem Arbeitskontext stehen, bedeutet dies, dass die Beanspruchung einerseits von der Belastung und andererseits von den...
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