Der Kick
Ein Lehrstück über Gewalt
Andres Veiel(Author)
CBT (Publisher)
Published on 1. December 2008
Book
Paperback/Softback
288 pages
978-3-570-30624-6 (ISBN)
Article exhausted; check for reprint
Description
Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis der Jugendjury 2008!
Was bringt junge Leute dazu, andere Menschen zu quälen und zu töten? Wie lässt sich diese Brutalität erklären? Diese Fragen tauchen immer dann auf, wenn von einer neuen Gewalttat in den Medien berichtet wird, wie erst kürzlich wieder im Falle der Hetzjagd auf acht Inder im idyllischen Städtchen Mügeln. Die Tagesjournalisten stürmen den Ort und versuchen, so nah wie möglich dran zu sein, um Antworten zu bekommen. Ahnungslose Passanten werden befragt, und der Bürgermeister muss eine Stellungnahme nach der anderen abgeben. Doch kratzt all das gewöhnlich nur an der Oberfläche. Zu groß ist die Wand des Schweigens der Opfer, der Täter, der Angehörigen oder auch der tatenlosen Zuschauer und zu knapp die Zeit, sich ausführlicher mit möglichen Ursachen auseinanderzusetzen. So verlieren sich viele Zeitungsberichte in Klischees und Stigmatisierungen. Und schon bald zieht der Medienpulk weiter zur nächsten großen Meldung.
Als Andres Veiel im Jahr 2002 die Medienberichte über den brutalen Mord an dem 16-jährigen Marinus Schöberl im uckermärkischen Dorf Potzlow las, wollte er sich damit nicht zufriedengeben. Marinus war von drei Kumpels grausam misshandelt und schließlich mit dem sogenannten "Bordsteinkick" zu Tode getreten worden. Es gab Zeugen und Mitwisser, doch das Dorf schwieg. In der Berichterstattung wurde Potzlow zum Sinnbild für rechtsextreme Gewalt und eine verrohte Gesellschaft, die jungen Täter eindimensional als verabscheuungswürdige Figuren dargestellt. Veiel schaute genauer hin, wo alle wegsehen wollten, immer tiefer bohrte er und näherte sich Schicht für Schicht den Ursachen für den unglaublichen Gewaltausbruch. Monatelang hat der Dokumentarfilmer Veiel zusammen mit der Dramaturgin Gesine Schmidt in Potzlow und Umgebung recherchiert. Es gelang ihm, das Vertrauen der Dorfbewohner, der Angehörigen und der Täter selbst zu gewinnen. Zunächst entstand aus den Interviews in Potzlow ein dokumentarisches Theaterstück, das auch verfilmt wurde. In dem Theaterstück sowie in der Verfilmung ließ Veiel die Aussagen der Potzlower für sich sprechen. Im Buch ergänzt er diese um eine vielschichtige Analyse. Es ist nicht nur die Rekonstruktion einer unfassbaren Tat, sondern die Geschichte eines Ortes und seiner Bewohner - geprägt von Angst, Gewalt, Misstrauen und Orientierungslosigkeit. Andres Veiel bietet keine Lösung für die vielen Probleme, aber seine Erkenntnisse ermöglichen eine fundiertere Diskussion über die Ursachen dieser und ähnlicher Gewaltausbrüche und sind somit die Grundlage für eine zukünftige Gewaltprävention.
* Kompetent, informativ, eindringlich: Eine wichtige Auseinandersetzung mit
der wachsenden Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen.
* Besonders geeignet für den Einsatz in der Schule
* Eine packende Fallstudie über eine entwurzelte Jugend und Rechtsradikalismus
in Deutschland
Was bringt junge Leute dazu, andere Menschen zu quälen und zu töten? Wie lässt sich diese Brutalität erklären? Diese Fragen tauchen immer dann auf, wenn von einer neuen Gewalttat in den Medien berichtet wird, wie erst kürzlich wieder im Falle der Hetzjagd auf acht Inder im idyllischen Städtchen Mügeln. Die Tagesjournalisten stürmen den Ort und versuchen, so nah wie möglich dran zu sein, um Antworten zu bekommen. Ahnungslose Passanten werden befragt, und der Bürgermeister muss eine Stellungnahme nach der anderen abgeben. Doch kratzt all das gewöhnlich nur an der Oberfläche. Zu groß ist die Wand des Schweigens der Opfer, der Täter, der Angehörigen oder auch der tatenlosen Zuschauer und zu knapp die Zeit, sich ausführlicher mit möglichen Ursachen auseinanderzusetzen. So verlieren sich viele Zeitungsberichte in Klischees und Stigmatisierungen. Und schon bald zieht der Medienpulk weiter zur nächsten großen Meldung.
Als Andres Veiel im Jahr 2002 die Medienberichte über den brutalen Mord an dem 16-jährigen Marinus Schöberl im uckermärkischen Dorf Potzlow las, wollte er sich damit nicht zufriedengeben. Marinus war von drei Kumpels grausam misshandelt und schließlich mit dem sogenannten "Bordsteinkick" zu Tode getreten worden. Es gab Zeugen und Mitwisser, doch das Dorf schwieg. In der Berichterstattung wurde Potzlow zum Sinnbild für rechtsextreme Gewalt und eine verrohte Gesellschaft, die jungen Täter eindimensional als verabscheuungswürdige Figuren dargestellt. Veiel schaute genauer hin, wo alle wegsehen wollten, immer tiefer bohrte er und näherte sich Schicht für Schicht den Ursachen für den unglaublichen Gewaltausbruch. Monatelang hat der Dokumentarfilmer Veiel zusammen mit der Dramaturgin Gesine Schmidt in Potzlow und Umgebung recherchiert. Es gelang ihm, das Vertrauen der Dorfbewohner, der Angehörigen und der Täter selbst zu gewinnen. Zunächst entstand aus den Interviews in Potzlow ein dokumentarisches Theaterstück, das auch verfilmt wurde. In dem Theaterstück sowie in der Verfilmung ließ Veiel die Aussagen der Potzlower für sich sprechen. Im Buch ergänzt er diese um eine vielschichtige Analyse. Es ist nicht nur die Rekonstruktion einer unfassbaren Tat, sondern die Geschichte eines Ortes und seiner Bewohner - geprägt von Angst, Gewalt, Misstrauen und Orientierungslosigkeit. Andres Veiel bietet keine Lösung für die vielen Probleme, aber seine Erkenntnisse ermöglichen eine fundiertere Diskussion über die Ursachen dieser und ähnlicher Gewaltausbrüche und sind somit die Grundlage für eine zukünftige Gewaltprävention.
* Kompetent, informativ, eindringlich: Eine wichtige Auseinandersetzung mit
der wachsenden Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen.
* Besonders geeignet für den Einsatz in der Schule
* Eine packende Fallstudie über eine entwurzelte Jugend und Rechtsradikalismus
in Deutschland
More details
Language
German
Dimensions
Height: 18.3 cm
Width: 12.5 cm
ISBN-13
978-3-570-30624-6 (9783570306246)
Schweitzer Classification
Other editions
New editions

Book
09/2008
Goldmann
€7.95
Article is exhausted; no reprint
Person
Andres Veiel, geboren 1959, Psychologiestudium und Regieausbildung u.a. bei Kryzsztof Kieslowski, ist Filmregisseur und Drehbuchautor. Seine Filme wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Für den Dokumentarfilm "Black Box BRD" erhielt Veiel den Europ
Content
Jutta Schonteld: Am Dienstag, da ging es los. Man kennt ja das mit der Zeitung und Fernsehen und plötzlich is man das selbst. RBB, Stern TV, RTL, alle wollten was erfahren, und der Polizist hat gesagt, alles abblocken. Die Nachbarschaft, wenn du raus kommst, denn wird grad noch so gegrüßt, und dann gehen sie wieder los.
Und abends sitzen wir dann hier, kriegen Anrufe, Mörder, Mörder. Denn hört man bloß ein Stöhnen im Hintergrund. Wir hatten so ne Angst gehabt, wir haben Bekannte angerufen, können wir bei Euch unterkommen? Die dann, wir rufen zurück, und dann haben sie zurückgerufen. - Ja, tut uns leid, musst uns verstehen, das geht nich, geh in ein Hotel. - Ich sage: - Aber ein Hotel kost ja aber auch Geld. - Ich hab denn gesagt, man kann nich wegrennen, wir haben nischt gemacht, wir sind keine Mörder. -
Ich wusste, dass was passieren wird. Marco hat mich angerufen und gesagt, dass sie jetzt losziehen, Marcel und er, mit dem Sebastian. Am 12. Juli, in der Nacht. Ich war im Krankenhaus, da war Vollmond. Mir haben se ja Rückenmarkwasser gezogen, und da hab ich gedacht, ich muss nach Hause. Diese Unruhe, war so warm gewesen.
Birgit Schöberl: Am 12. Juli ist Marinus mal wieder nach Potzlow gefahren. Er hatte vorher noch Video geguckt, so ein Trickfilmvideo. Und dann kam er mit seinem
Rucksack, was er immer so drin hat, Badehose, Handtuch, Wechselwäsche, und dann hat er gesagt: Mutti, ich fahr nach Potzlow, ich schlaf da und komm Sonntag wieder. Tschüss, mach's gut. Das war's, was er zu mir gesagt hat. Hat er mir noch ne Kusshand zugeworfen, wie er es immer so machte.
Hat immer zu mir gesagt, wo er hingeht, weil er wusste, ich wollte es wissen. Ich komme um die und die Zeit, oder ich schlafe im Bauwagen. Im Sommer ist das ein kleines Abenteuer.
Er wurde verhätschelt. Er wurde ja von seinen Schwestern geliebt. Er war eben das Küken. Marinus war nicht geplant, gefreut haben wir uns alle. Süßes Baby. Die Mädchen haben ihn manchmal ins Bett mitgenommen. Er durfte jede Nacht bei ner anderen schlafen. Man konnte ihm nicht böse sein, wenn er einen mit seinen dunklen Augen angeguckt hat.
Er hatte wohl Schulschwierigkeiten damals schon, aber, er hat sich Mühe gegeben, was er konnte eben. Ich hab ihn dann runter genommen von der normalen Schule, nach der ersten Klasse. Ich hab ihn nicht ausgeschimpft. Ich hab's versucht mit Reden, Marinus, du möchtest später mal die Fahrerlaubnis machen, da musst du lesen und schreiben können.
Und als er Sonntag nicht kam, da habe ich Montag angerufen. Vielleicht hat er sein Handy nicht geladen, oder er hat es ausgestellt. Oder er hat wieder mal die PIN vergessen. Wenn er kein Geld drauf hatte, dann hat er es mir eigentlich immer gesagt, hat ein fremdes Handy genommen. Na ja, es sind Ferien, wer weiß, wo der ist. Da habe ich mir auch direkt keine Sorgen so gemacht. In Potzlow ist er aufgehoben, da kann ihm nichts passieren.
Als er am Wochenende immer noch nicht da war, da war es mir mulmig. Und da bin ich Montag früh nach Templin gefahren, um ihn als vermisst zu melden. Und dann passierte gar nichts.
Verhörender: Verhör Marcel Schönfeld. Marcel Schönfeld: Ich wurde an dieser Stelle belehrt, dass ich gegen meinen Bruder Marco das Recht der Aussageverweigerung habe. Davon mache ich keinen Gebrauch. Ich will die volle Wahrheit sagen. Verhörender: Familienname. Marcel Schönfeld: Schönfeld. Verhörender: Vorname. Marcel Schönfeld: Marcel. Verhörender: Geburtsort. Marcel Schönfeld: Prenzlau/Uckermark. Verhörender: Beruf. Marcel Schönfeld: ohne, Azubi. Verhörender: Geburtsdatum. Marcel Schönfeld: 30. 3. 1985. Verhörender: Ehrenämter. Marcel Schönfeld: Was? Verhörender: Schule.
Marcel Schönfeld: Abschluss der 8. Klasse der Gesamtschule in Gramzow.
Verhörender: Beschuldigtenvernehmung, 18. 11. 02, 2.45 Uhr.
Marcel Schönfeld: Mit dem Gegenstand meiner heutigen Beschuldigtenvernehmung wurde ich vertraut gemacht. Über meine Rechte als Beschuldigter wurde ich belehrt.
Alle Zitate von Birgit Schöberl stammen aus Interviews, die Gabi Probst vom Fernsehsender RBB 2003 mit ihr führte und die sie uns freundlicherweise zur Verfügung stellte.
Mir wurde zu Beginn meiner Vernehmung mitgeteilt, dass ich im dringenden Verdacht stehe, an der Tötung eines Menschen beteiligt gewesen zu sein. Dazu kann ich folgende Aussage machen: Es ist richtig, dass ich dabei war, als eine Person zu Tode kam. Verhörender: Um wen handelt es sich dabei? Marcel Schönfeld: Es handelt sich hierbei um Marinus Schöberl aus Gerswalde.
Verhörender: Waren Sie an dieser Handlung allein beteiligt?
Marcel Schönfeld: Außer mir waren noch mein Bruder Marco Schönfeld und Sebastian Fink beteiligt. Verhörender: Schildern Sie bitte, was passiert ist. Marcel Schönfeld: Es war der 12. Juli 2002. Nachmittags kam mein Kumpel Sebastian mit dem Zug nach Seehausen. Mein Papa und ich haben ihn abgeholt.
Dann kam mein Bruder Marco auf die Idee, nach Strehlow zu fahren, um dort Achim [Fiebranz] zu besuchen. Mein Bruder war erst neun Tage vorher aus der Haft entlassen worden. Die beiden kannten sich noch aus früheren Zeiten. Wir holten einen Kasten Bier 'Sternburger'. Der wurde dann durch die anwesenden Personen geleert. Nach ca. einer Stunde war der Kasten leer, und wir holten einen zweiten. Kurz zuvor kam Marinus Schöberl mit einem Fahrrad auf den Hof von Achim gefahren.
Achim Fiebranz: Geb ich ehrlich zu, ich hab die dritte Klasse drei Mal nachgemacht. Ich bin nach acht Jahren hier aus der Schule entlassen worden. Die anderen, die schlauer waren wie ich, die sind dann nach Warnitz gegangen. Und als Abschiedsgeschenk hab ich von einer ganz lieben Lehrerin, meiner Geschichtslehrerin, nen Buch gekriegt von damals, aus der Steinzeit, Bogen bauen, Fallen stellen, Vogelfallen stellen, und wat die damals alles gemacht haben und aus Binsen: Boote bauen, immer Binse an Binse. Und dat wollt ich allen beibringen, sind wir zur Muschelstelle gefahren. Weißte, wer am schlausten gewesen ist, am schnellsten kapiert hat? Det war Marinus, und Nancy hat gleich abgekiekt. Na und dann die anderen hinterher. Dann von unten wieder zusammen getüdelt, und dann wurde det richtig so 'n Indianerkahn. Mann, ich hab fast zwanzig Dinger mit de Kinder gebaut in der Woche. Au, die paddeln, die Dinger gehen nich unter und die haben sich gefreut, die Kinder haben sich gefreut, det war ne richtige Kanu-Flotte gewesen bei uns da unten!
Nancy und Marinus, die haben allet zusammen gemacht. Und dann sind sie bei mir öfters gewesen. Da warn se schon so fünfzehn, sechzehn. Wenn ich wusste, die kommen, hab ich mein Ehebett bloß an die Wand geschoben, Decke rüber geschmissen und dann konnten se da drinne machen, was se wollten und ich hab mit Sieglinde meine Wohnstube gehabt, konnt ich Fernseh kieken und was willste denn machen als Arbeitsloser?
Den Marinus hat die Nancy noch nicht überlebt, die waren fast sechs Jahre zusammen als Freunde und dann waren se fast en Jahr verlobt.
Und abends sitzen wir dann hier, kriegen Anrufe, Mörder, Mörder. Denn hört man bloß ein Stöhnen im Hintergrund. Wir hatten so ne Angst gehabt, wir haben Bekannte angerufen, können wir bei Euch unterkommen? Die dann, wir rufen zurück, und dann haben sie zurückgerufen. - Ja, tut uns leid, musst uns verstehen, das geht nich, geh in ein Hotel. - Ich sage: - Aber ein Hotel kost ja aber auch Geld. - Ich hab denn gesagt, man kann nich wegrennen, wir haben nischt gemacht, wir sind keine Mörder. -
Ich wusste, dass was passieren wird. Marco hat mich angerufen und gesagt, dass sie jetzt losziehen, Marcel und er, mit dem Sebastian. Am 12. Juli, in der Nacht. Ich war im Krankenhaus, da war Vollmond. Mir haben se ja Rückenmarkwasser gezogen, und da hab ich gedacht, ich muss nach Hause. Diese Unruhe, war so warm gewesen.
Birgit Schöberl: Am 12. Juli ist Marinus mal wieder nach Potzlow gefahren. Er hatte vorher noch Video geguckt, so ein Trickfilmvideo. Und dann kam er mit seinem
Rucksack, was er immer so drin hat, Badehose, Handtuch, Wechselwäsche, und dann hat er gesagt: Mutti, ich fahr nach Potzlow, ich schlaf da und komm Sonntag wieder. Tschüss, mach's gut. Das war's, was er zu mir gesagt hat. Hat er mir noch ne Kusshand zugeworfen, wie er es immer so machte.
Hat immer zu mir gesagt, wo er hingeht, weil er wusste, ich wollte es wissen. Ich komme um die und die Zeit, oder ich schlafe im Bauwagen. Im Sommer ist das ein kleines Abenteuer.
Er wurde verhätschelt. Er wurde ja von seinen Schwestern geliebt. Er war eben das Küken. Marinus war nicht geplant, gefreut haben wir uns alle. Süßes Baby. Die Mädchen haben ihn manchmal ins Bett mitgenommen. Er durfte jede Nacht bei ner anderen schlafen. Man konnte ihm nicht böse sein, wenn er einen mit seinen dunklen Augen angeguckt hat.
Er hatte wohl Schulschwierigkeiten damals schon, aber, er hat sich Mühe gegeben, was er konnte eben. Ich hab ihn dann runter genommen von der normalen Schule, nach der ersten Klasse. Ich hab ihn nicht ausgeschimpft. Ich hab's versucht mit Reden, Marinus, du möchtest später mal die Fahrerlaubnis machen, da musst du lesen und schreiben können.
Und als er Sonntag nicht kam, da habe ich Montag angerufen. Vielleicht hat er sein Handy nicht geladen, oder er hat es ausgestellt. Oder er hat wieder mal die PIN vergessen. Wenn er kein Geld drauf hatte, dann hat er es mir eigentlich immer gesagt, hat ein fremdes Handy genommen. Na ja, es sind Ferien, wer weiß, wo der ist. Da habe ich mir auch direkt keine Sorgen so gemacht. In Potzlow ist er aufgehoben, da kann ihm nichts passieren.
Als er am Wochenende immer noch nicht da war, da war es mir mulmig. Und da bin ich Montag früh nach Templin gefahren, um ihn als vermisst zu melden. Und dann passierte gar nichts.
Verhörender: Verhör Marcel Schönfeld. Marcel Schönfeld: Ich wurde an dieser Stelle belehrt, dass ich gegen meinen Bruder Marco das Recht der Aussageverweigerung habe. Davon mache ich keinen Gebrauch. Ich will die volle Wahrheit sagen. Verhörender: Familienname. Marcel Schönfeld: Schönfeld. Verhörender: Vorname. Marcel Schönfeld: Marcel. Verhörender: Geburtsort. Marcel Schönfeld: Prenzlau/Uckermark. Verhörender: Beruf. Marcel Schönfeld: ohne, Azubi. Verhörender: Geburtsdatum. Marcel Schönfeld: 30. 3. 1985. Verhörender: Ehrenämter. Marcel Schönfeld: Was? Verhörender: Schule.
Marcel Schönfeld: Abschluss der 8. Klasse der Gesamtschule in Gramzow.
Verhörender: Beschuldigtenvernehmung, 18. 11. 02, 2.45 Uhr.
Marcel Schönfeld: Mit dem Gegenstand meiner heutigen Beschuldigtenvernehmung wurde ich vertraut gemacht. Über meine Rechte als Beschuldigter wurde ich belehrt.
Alle Zitate von Birgit Schöberl stammen aus Interviews, die Gabi Probst vom Fernsehsender RBB 2003 mit ihr führte und die sie uns freundlicherweise zur Verfügung stellte.
Mir wurde zu Beginn meiner Vernehmung mitgeteilt, dass ich im dringenden Verdacht stehe, an der Tötung eines Menschen beteiligt gewesen zu sein. Dazu kann ich folgende Aussage machen: Es ist richtig, dass ich dabei war, als eine Person zu Tode kam. Verhörender: Um wen handelt es sich dabei? Marcel Schönfeld: Es handelt sich hierbei um Marinus Schöberl aus Gerswalde.
Verhörender: Waren Sie an dieser Handlung allein beteiligt?
Marcel Schönfeld: Außer mir waren noch mein Bruder Marco Schönfeld und Sebastian Fink beteiligt. Verhörender: Schildern Sie bitte, was passiert ist. Marcel Schönfeld: Es war der 12. Juli 2002. Nachmittags kam mein Kumpel Sebastian mit dem Zug nach Seehausen. Mein Papa und ich haben ihn abgeholt.
Dann kam mein Bruder Marco auf die Idee, nach Strehlow zu fahren, um dort Achim [Fiebranz] zu besuchen. Mein Bruder war erst neun Tage vorher aus der Haft entlassen worden. Die beiden kannten sich noch aus früheren Zeiten. Wir holten einen Kasten Bier 'Sternburger'. Der wurde dann durch die anwesenden Personen geleert. Nach ca. einer Stunde war der Kasten leer, und wir holten einen zweiten. Kurz zuvor kam Marinus Schöberl mit einem Fahrrad auf den Hof von Achim gefahren.
Achim Fiebranz: Geb ich ehrlich zu, ich hab die dritte Klasse drei Mal nachgemacht. Ich bin nach acht Jahren hier aus der Schule entlassen worden. Die anderen, die schlauer waren wie ich, die sind dann nach Warnitz gegangen. Und als Abschiedsgeschenk hab ich von einer ganz lieben Lehrerin, meiner Geschichtslehrerin, nen Buch gekriegt von damals, aus der Steinzeit, Bogen bauen, Fallen stellen, Vogelfallen stellen, und wat die damals alles gemacht haben und aus Binsen: Boote bauen, immer Binse an Binse. Und dat wollt ich allen beibringen, sind wir zur Muschelstelle gefahren. Weißte, wer am schlausten gewesen ist, am schnellsten kapiert hat? Det war Marinus, und Nancy hat gleich abgekiekt. Na und dann die anderen hinterher. Dann von unten wieder zusammen getüdelt, und dann wurde det richtig so 'n Indianerkahn. Mann, ich hab fast zwanzig Dinger mit de Kinder gebaut in der Woche. Au, die paddeln, die Dinger gehen nich unter und die haben sich gefreut, die Kinder haben sich gefreut, det war ne richtige Kanu-Flotte gewesen bei uns da unten!
Nancy und Marinus, die haben allet zusammen gemacht. Und dann sind sie bei mir öfters gewesen. Da warn se schon so fünfzehn, sechzehn. Wenn ich wusste, die kommen, hab ich mein Ehebett bloß an die Wand geschoben, Decke rüber geschmissen und dann konnten se da drinne machen, was se wollten und ich hab mit Sieglinde meine Wohnstube gehabt, konnt ich Fernseh kieken und was willste denn machen als Arbeitsloser?
Den Marinus hat die Nancy noch nicht überlebt, die waren fast sechs Jahre zusammen als Freunde und dann waren se fast en Jahr verlobt.