Frau Nu und die surrealistischen Geheimräte

Günther Anders, das Glück & die Rettung der Welt
 
 
Edition Art & Science (Verlag)
  • erschienen im September 2003
 
  • Sonstiges
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  • unbek. Medienform
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  • 120 Seiten
978-3-902157-08-9 (ISBN)
 
Für den Philosophen Günther Anders ist alles komisch, "was, ohne katastrophal zu sein, ist". Die Einsicht in die Kontingenz des Seins ist Voraussetzung für Moral. Gerade aus der Einsicht, dass unsere Kontingenz und Endlichkeit, unsere Einzigartigkeit unter lauter Einzigartigen, jeden von uns zum Mit-Menschen, zum Gleichen unter Gleichen macht, steckt das Potential, die eigene Fähigkeit zur Empathie, zur Nächstenliebe, zur Solidarität, zum Widerstand gegen das allumfassende, drohende "Nichts" zu kultivieren.

---- >>> "Auf die komische Seite der von Anders analysierten Kontingenz menschlicher Existenz verweist der Hamburger Sozialwissenschaftler Dirk Röpcke anhand der 'Kosmologischen Humoreske'. In der Belletristik zeigt Anders einen ausgeprägten Humor. Anders radikale Philosophie sei so stets von einem großen Lachen durchströmt." Reinhard Ellernsohn, DIE PRESSE, Wien >>Abstract: --

In der Erzählung Kosmologische Humoreske treten die wichtigsten Elemente des Andersschen Denkens auf. Sie zeigt das Komische und zugleich Tragische, aber auch das moralische Potential der kontingenten menschlichen Existenz. Biographisch verortbare Einsichten Anders' lassen sich im Brennglas dieser Erzählung fokussieren. Bezüge finden wir in A:s' Biographie im Verhältnis zu und in der Auseinandersetzung mit seinem Vater. Wie der Gott Bamba ins Sein kommt, ist unerklärlich. Eigentlich dürfte es ihn gar nicht geben. Als einzig Seiendes, das zugleich ein Verstoß gegen die Regel des Nichts ist, reizt er Frau Nu, die Göttin des Nichts, zu Hohngelächter ob seiner willkürlichen Existenz. Das
S E I N ist für A. ziemlich komisch; man müsse ihm mit Humor begegnen. Diese Haltung mußte er sich hart erarbeiten nach seinem "ontologischen Erkenntnisschock" im Alter von drei Jahren, als er angesichts seines Geburtshauses begriff, dass ihm "die Welt zuvorgekommen" war. Frau Nu und Gott Bamba zeugen ein endliches, kontingentes Wesen. Dies verfällt - wie A. als Kleinkind - dem "ontologischen Vorurteil", immer schon dagewesen zu sein und gar nicht anders als sein zu können. Nu und Bamba fühlen sich gekränkt, sollte ihre schöpferische Anstrengung doch der Bestätigung dienen, das wahre Absolute zu sein. Es kommt zu einem Zwist, in dem Gott Bamba auf seinen ursprünglichen "minderen Seinsgrad", auf seine eigene Kontingenz verwiesen wird, denn Sein sei immer nichtig, apriorisch das Nichts allein. Genau diese Zufälligkeit und Endlichkeit der Wesen weckt in Gott Bamba Mit-Leid, Empathie. Für A. ist alles komisch, "was, ohne katastrophal zu sein, ist'. Aber die Einsicht in die Kontingenz des Seins ist auch Voraussetzung für Moral. Gerade aus der Einsicht, dass unsere Kontingenz und Endlichkeit, unsere Einzigartigkeit unter lauter Einzigartigen, jeden von uns zum Mit-Menschen, zum Gleichen unter Gleichen macht, steckt das Potential, die eigene Fähigkeit zur Empathie, zur Nächstenliebe, zur Solidarität, zum Widerstand gegen das allumfassende, drohende "Nichts" zu kultivieren. Alle "kritischen" Denker, die nicht konsequent ihre Kraft in den Widerstand gegen den technokratischen Vernichtungswillen stellen, könnten aus A:s' Sicht "surrealistische Geheimräte" gewesen sein: Kritische Theorie ohne Praxis habe etwas von einem Leben als "surrealistischer Geheimrat", schrieb er 1963 in einem Brief an Adorno, dem er mangelndes Engagement gegen die atomare Bedrohung vorwarf. Diese Sicht hatte A. im Laufe seines Lebens in graduell unterschiedliche Weise auf Vertreter der Frankfurter Schule und deren Umfeld. "Surrealistische Geheimräte" können ganz schnell zu "passiven Eichmännern" werden, die mit ihrer Haltung an der Vernichtung der Welt mitwirken. A:s' Briefwechsel mit dem Kommandanten des Wetterflugzeuges vom Atombombenabwurf über Hiroshima zeigt, dass gerade die nicht-unmittelbare, die indirekte Beteiligung an der Zerstörung eben typisch ist für den Grad unserer heutigen arbeitsteiligen Destruktionsprozesse. A. zeichnet eine phänomenologische Anthropologie, die sich im Kantschen Sinne als Kritik an menschlicher Urteilskraft und funktioneller Vernunft versteht. Er erkennt, dass quer durch alle ideologischen Lager die Technokratie, die Herrschaft der Technik, die "Sachzwänge" schafft, die A. als totalitäre Herrschaft entlarvt. Die Totalität der Technokratie strebt für ihren reibungslos funktionierenden Gesamtapparat als "Erlösung" ihre "Endlösung" an: das wahre Ende der Geschichte. Angesichts dieser Entwicklung denkt A. am Ende seines Lebens über Notwehr nach, die vor Gewalt gegen Menschen nicht zurückscheut.
  • Deutsch
  • Höhe: 21 cm
  • |
  • Breite: 12.5 cm
978-3-902157-08-9 (9783902157089)

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