Im April

Roman
 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. Februar 2020
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-03820-974-4 (ISBN)
 
Auf derselben Wiese, auf der im 15. Jahrhundert Holzstangen den Ort verschiedener Untaten markieren, steht Anfang des 21. Jahrhunderts das Mietshaus, in dem Heinz und Selena die kühle Endphase ihrer Beziehung erleben. In den zwanziger Jahren befindet sich auf ebendieser Wiese das Bauernhaus der Familie Schacher, aus dem der junge Schacher davonläuft und mit Bruns Ein-Mann-Varieté auf Wanderschaft geht. In den sechziger Jahren wohnen die neunjährige Mari und ihr Vater in dem Mietshaus, auch sie ein seltsames Paar: Mari ist in ständiger Angst vor Krieg und Geheimpolizei, aber auch vor der neugierigen Nachbarin, und Vater Ferenc fasst im neuen Land nicht Fuß.
Auf vier Zeitebenen über sechs Jahrhunderte hinweg zeichnet Im April die Geschichte ein und desselben Ortes und seiner einander ablösenden Bewohner nach.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,64 MB
978-3-03820-974-4 (9783038209744)
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CHRISTINA VIRAGH, geboren 1953 in Budapest, kam mit sieben Jahren nach Luzern. Nach dem Studium der Philosophie und Literatur ist sie seit den 1980er-Jahren als Schriftstellerin und Übersetzerin tätig. Nach zahlreichen Publikationen erschien zuletzt der Roman Eine dieser Nächte (2018). Christina Viragh übersetzte u.a. Marcel Proust, Imre Kertész, Sándor Márai und Péter Nádas. Für ihre Übersetzung von Nádas' Parallelgeschichten erhielt sie 2012 den Preis der Buchmesse Leipzig. Für ihren Roman Eine dieser Nächte war sie 2018 für den Deutschen Buchpreis nominiert und erhielt 2019 sowohl den Schweizer Literaturpreis als auch den Kunst- und Kulturpreis der Stadt Luzern. Sie lebt in Rom.

I


Es ist ein Aprilabend Anfang der Sechzigerjahre, erstaunlich warm, das Wohnzimmerfenster steht offen, hin und wieder blähen sich die Nylonvorhänge herein, die Luft riecht nach dem schwelenden Feuer hinter dem Haus, weiß Gott, was die da angezündet haben, der Blumenduft, wie nicht reiner Mandelhonig, kommt von den weißen Zweigen in einer Vase, Spirea, die in diesem April auch schon blüht. Halb acht, es ist nicht dunkel, die Blüten des hinter dem Haus stehenden Kirschbaums treten in der dichter werdenden Dämmerung deutlicher hervor. Da und dort schweben Blütenblätter zur Erde, auch das sieht man deutlich und ist an den Schnee erinnert, der noch vorletzte Woche fiel, kurz bevor es ungewöhnlich warm wurde. Der Rauch vom kleinen Feuer riecht immer mehr nach angesengtem Haar, da ist wahrscheinlich etwas drin, das nicht richtig brennt.

Derselbe Aprilabend Anfang der Zwanzigerjahre, auf der Höhe des Wohnzimmers ist nur Luft, feuchte Luft von dem Nieselregen, der hier auf eine links und rechts von je einem Mietshaus eingegrenzte Wiese fällt. Die Blüten des Löwenzahns auf der Wiese sind geschlossen und bräunlich. Der Kirschbaum besteht aus einem etwa meterhohen, gegabelten Zweig, der von einem Stock gestützt wird. Die Luft riecht nach Schnee.

Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts befinden sich im Wohnzimmer noch zwei Gegenstände, die in den Sechzigerjahren beim Einzug in den Neubau hier platziert worden sind, nämlich ein Kerzenhalter aus Zinn und außen am Fenster ein Thermometer, das an diesem Aprilabend fünfzehn Grad anzeigt. Das Wetter ist nicht so schlecht, bedeckt, aber trocken. Das Fenster steht einen Spaltbreit offen, die hereinströmende Luft hat einen metallischen Beigeschmack. Im Zimmer ist auf der niedrigsten Stufe geheizt. In einer Vase stehen nicht Frühlingsblumen, sondern Astern.

An diesem Aprilabend des Jahres 1415 macht eine laubgeschmückte Reitergesellschaft auf der Wiese hier Rast. Das Buchenlaub steckt seitlich am Stirnband des Zaumzeugs der Pferde, an den Kopfbedeckungen der Reiterinnen und der Reiter und auch zu Kränzen gewunden auf ihrem Haar oder um ihren Hals. Eine Trompete gibt das Zeichen zum Absteigen, die Pferde werden zu einer Gruppe zusammengenommen und auf der Höhe des späteren Zwischenraums zwischen Lift und Treppenhausgeländer nebeneinander aufgestellt. Einige werden an der Brust rückwärts gestoßen, damit die Reihe gleichmäßig steht.

An diesem Aprilabend Anfang der Sechzigerjahre lässt die Straßenbahn, die im Sechsminutentakt an der Vorderfront des Hauses hält und anfährt, den Spireazweig in der Vase kaum merklich zittern. Kleine runde weiße Blütenblätter fallen auf den sechseckigen Couchtisch aus hellbrauner Esche.

Die Astern des einundzwanzigsten Jahrhunderts stehen neben dem Sofa, auf einem niedrigen Glastisch mit Rädern. Ein graugelb vertrocknetes, an seinem ausgezackten Rand eingekrümmtes Blatt liegt auf der Glasplatte, die anderen, ebenfalls weitgehend vertrockneten Blätter sitzen noch an den Stielen, die dunkelroten Blüten sehen frisch aus.

Der Haargeruch vom schwelenden Feuer ist im Sechzigerjahrewohnzimmer im hinteren Teil mit dem Esstisch, ebenfalls aus Esche, stärker zu riechen als beim Fenster, wo die hereinströmende Luft die Gerüche verdünnt. Riecht wirklich komisch, denn jetzt mischt sich noch etwas Herbsüßes hinein, wie von Holz, das mit Duftöl durchtränkt ist. Zwischendurch riecht es von den Stummeln im Aschenbecher auf dem Tisch.

Im einundzwanzigsten Jahrhundert steht ein Aschenbecher auf dem Fenstersims. Er ist aus türkisblauem Steingut und stammt aus einem nordamerikanischen Indianerreservat. Auch er ist voller Stummel.

Zwanzigerjahre, scheußlich, dieser Aprilabend, keinen Hund würde man bei dem kalten Nieselwetter hinausjagen. Tatsächlich liegt er in seiner Hütte. Das Nieseln sieht wie dünner Nebel aus. Es ist trotz des bedeckten Himmels immer noch hell. Die Wiese ist dunkelgrün vor Nässe, das Gras steht nicht hoch, das Mähen kann man noch eine gute Weile vergessen. Die rostigen Sensen und Rechen sind in einem Schuppen neben der Hundehütte untergebracht, daneben steht ein einstöckiges Bauernhaus auf der Wiese, unten verputzter Stein, oben rot bemaltes Fachwerk.

Aus diesem oberen Stock des Bauernhauses kommt heute Abend in den Sechzigerjahren von Zeit zu Zeit ein Dröhnen, das von den hinten um die ehemalige Wiese stehenden Vierzigerjahremietshäusern widerhallt, sodass man jeden Schlag doppelt hört. Es klingt, als versuchte jemand den Holzboden des oberen Stockwerks durchzuschlagen. Vom Kirschbaum fallen Blütenblätter, vielleicht wegen der Schallwellen, die drei Birnbäume vor dem Haus blühen noch nicht. In einem der hinteren Mietshäuser wird ein Fenster zugeworfen, wahrscheinlich aus Protest gegen den Lärm. Vom großen Nussbaum, der ebenso wie der Kirschbaum ins Hintergärtchen des Neubaus integriert ist, fliegt mit kurzgehackten Rufen eine Amsel auf.

Es ist still, man hört zwei Amseln, die in dem Wäldchen, das sich vom hinteren Rand der Wiese den Hang hinaufzieht, einander antworten, und man hört auch das Kauen der Pferde an den Trensen. Eins hat den Buchenlaubschmuck des Nebenpferdes erwischt, aber der Zweig wird ihm von einem Burschen aus dem Maul gezogen. Die Instrumente, die den heutigen Ausritt, Frühjahr 1415, begleitet haben, liegen nebeneinander auf einer roten Decke. Auch das den ganzen Tag wiederholte Rezitieren von Frühlingsgedichten hat aufgehört.

Das dröhnende Klopfen im oberen Stock des Bauernhauses ist im Moment, jetzt in den Sechzigerjahren, nicht zu hören, in einem der Vierzigerjahremietshäuser wird ein Fenster, wahrscheinlich dasselbe wie vorhin, wieder aufgerissen. Wie gesagt, diese älteren Mietshäuser stehen hinten auf dem Grundstück, an den Hang gebaut, während der Neubau an der Straße steht und das Grundstück nach vorn abschließt. Das erwähnte Wohnzimmer geht nach hinten, also auf das Grundstück hinaus, und das wieder einsetzende Dröhnen ist hier deutlich zu hören. In den straßenseitigen Wohnungen des Neubaus hingegen hört man es nur dumpf, dafür lässt hier die Straßenbahn von Zeit zu Zeit die Scheiben vibrieren.

Dass die immer etwas zu lärmen haben müssen. Auch jetzt, an diesem Aprilabend in den Zwanzigerjahren, kracht es aus dem Bauernhaus, als wäre etwas Schweres, Kompaktes umgefallen, zum Beispiel eine Nähmaschine mitsamt ihrem schmiedeeisernen Fuß. Erschreckt fliegt von einem der Birnbäume eine Meise auf. Jetzt kommt aus dem Haus Kindergeheul. Jetzt bricht es ab. Jetzt, ebenfalls von Kinderstimmen, ein Psalmodieren: Regen, Regen, Segen, Segen, Regen, Regen, Segen, Segen. Auch das bricht ab. Auf der Asphaltstraße vorn fährt ein Automobil stadtwärts, in der Villa jenseits der Straße geht ein Fenster auf und gleich wieder zu. Jetzt wird unter dem Dachgiebel ein kleines Fenster geöffnet, und das Ende eines Fernrohrs erscheint. Es stellt sich auf die Höhe ein, auf der im Sechzigerjahreschlafzimmer die Nachttischlampe mit ihrem plissierten Schirm die Sicht versperren würde. Jetzt, da sich auf dieser Höhe nur Nieselregenluft befindet, kommt der Schuppen in Sicht. Davor eine Pfütze, in der zusammengeknüllte Lumpen liegen. Das Fernrohr im Giebelfenster wird wieder zurückgezogen, das Fenster zugemacht.

Jetzt steht das Giebelfenster der Villa wieder offen, wir haben den Aprilabend Anfang der Sechzigerjahre, das Ende des Fernrohrs ragt unbewegt heraus. An der Straßenfront des Neubaus sind die Vorhänge zugezogen, da und dort die Lamellen-Rollläden heruntergelassen. Im Wohnzimmer an der Rückseite des Hauses kommt durch den bewegten Vorhang wieder ein Schwaden von dem komisch riechenden Feuer. Was zum Teufel verbrennen die da? Auf der Straße vorn fährt die Straßenbahn an, der Spireazweig in der blauweißen Porzellanvase zittert ein wenig, ein paar der Blütenblätter fallen ab, auch vom Kirschbaum draußen schneit es Blütenblätter. Jetzt ist es still, keine Autos auf der Straße, auch kein Dröhnen aus dem ehemaligen Bauernhaus. Ein schöner, erstaunlich warmer Aprilabend. Der Mann, der auf einen der Esstisch-Stühle gestützt hinten im Wohnzimmer steht, muss kurz lachen.

An der Stelle, wo er steht, befindet sich im einundzwanzigsten Jahrhundert nur ein heller, gesprenkelte Spannteppich, sonst kein Mobiliar. Auf Kopfhöhe hängt ein pseudoantiker Spiegel an der rauverputzten Wand, spiegelt das nur von zwei Baumwollvorhängen umrahmte Fenster und dahinter die undeutliche Masse des größeren, höheren Baus, der seit 1965 an Stelle des Bauernhauses in der Mitte des Grundstücks steht. Der grünliche Fleck im Spiegel gibt den Topfbambus auf einem der Balkone wieder. Erstaunlich, dass er den Winter und die Stürme des Vorfrühlings überlebt hat.

Gestürmt hat's, das kann man wohl sagen, ein genauso stürmischer Sechzigerjahre-Vorfrühling. Nächtelang hat das Wellblechdach des halbverfallenen Schuppens geklappert. Dann hat es geschneit, und niemand hätte gedacht, dass so bald darauf die Kirschbäume blühen würden. Sie blühen besonders schön, ohne Blätter, die plötzliche Wärme hat die Knospen an den dunkelbraunen Zweigen auf einmal geöffnet. Sie blühen besonders schön, sagt der im Wohnzimmer stehende Mann zu sich selbst. Könnte sich ja eigentlich ans offene Fenster stellen, um den Kirschbaum besser zu sehen. Er steht hinten im Zimmer auf die Lehne des Esstisch-Stuhls gestützt, betrachtet die sich blähenden Vorhänge, spielt mit einem geschlossenen Taschenmesser in der anderen Hand.

Nachdem die Frühlingslieder und -gedichte dieses Ausflugs vom Frühjahr 1415 verstummt sind, bleibt es bei den Rufen der sich antwortenden Amseln, dem Kaugeräusch der Pferde, dem metallischen Klicken, wenn sie sich so nahe...

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