Die Berglöwin

 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 28. Januar 2020
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-03820-972-0 (ISBN)
 
Die achtjährige Molly und Ralph, ihr zehnjähriger Bruder, sind unzertrennlich. Gemeinsam setzen sie sich gegen die nervigen Routinen des Schulalltags zur Wehr, gegen ihre überkorrekte Mutter und die zimperlichen älteren Schwestern. Und vielleicht sogar gegen den Rest der Welt. Eines Sommers werden sie aus ihrem vornehmen Vorort von Los Angeles nach Colorado geschickt, wo ihr Onkel eine Ranch besitzt. Dort lernen die Kinder eine hinreißende neue Welt kennen - wild, schön und ungezähmt.
Als ihrer beider Kindheit zu Ende geht, träumt Molly vom Erwachsensein und davon, Schriftstellerin zu werden, während Ralph seine wachsende Männlichkeit verspürt. Kindliche Unschuld und drängende Jugend stürzen unausweichlich auf ein verheerendes Ende zu.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,90 MB
978-3-03820-972-0 (9783038209720)
weitere Ausgaben werden ermittelt
JEAN STAFFORD, geboren 1915 in Covina, Kalifornien, wuchs in ärmlichen Verhältnissen in San Diego und Colorado Springs, Texas auf. Von ihrer Familie früh entfremdet, verbrachte sie als Jugendliche ihre Freizeit in den Bergen und beim Schreiben. Sie studierte Englische Literatur an der Universität Colorado und lebte ein Jahr in Heidelberg. Die Berglöwin erschien 1947 und wurde von der Kritik begeistert aufgenommen. Neben vielen anderen Preisen und Auszeichnungen erhielt sie 1970 den Pulitzer-Preis. Jean Stafford starb 1979.

1

Ralph war zehn und Molly acht, als sie Scharlach bekamen. Ihnen blieb davon eine Art Drüsenstörung, nichts Bösartiges, aber die meiste Zeit waren sie halb vergiftet, und häufig hatten sie schlimmes Nasenbluten, sodass sie von der Schule nach Hause geschickt werden mussten. Fast immer hatten sie gleichzeitig Nasenbluten. Ralph stolperte dann heftig blutend auf den Flur und traf dort auf Molly, die aus dem Drittklässler-Zimmer herausstürzte und ein zerknülltes, blutgetränktes Taschentuch an die Nase presste. Ihre Mutter konnte den Anblick von Blut nicht ertragen, und ihr Kummer, wenn sie beide auf der Zufahrt herantrotten sah, nahm nicht ab, selbst als dieses mittägliche Heimkommen zur Gewohnheit geworden war. Jedes Mal flehte sie die Kinder an, sie doch anzurufen, damit sie Miguel, den Vorarbeiter, mit dem Auto schicken konnte. Aber das taten sie nie, denn sie fanden es gerade schön, nach Hause zu gehen und sich dabei ihren Geschwistern Leah und Rachel wohlig überlegen zu fühlen, die noch in der Schule eingesperrt waren und nichts anderes zu tun hatten, als heimlich Wachs zu kauen.

In dem auf ihre Krankheit folgenden September und an dem Tag, wo Grandpa Kenyon, der Stiefvater ihrer Mutter, zu seinem jährlichen Besuch erwartet wurde, begegneten sie sich mit blutenden Nasen vor dem Lehrmittelraum für Kunst, und als sie durch die offene Tür Miss Holihan mit einem Bogen Manilapapier am Papierschneider sahen, gingen sie auf Zehenspitzen und leise kichernd bis zur Treppe und stürmten dann los. Sobald sie draußen im leeren Schulhof standen, beglückwünschten sie sich; Molly musste keinen Apfel auf Miss Holihans Papier zeichnen und Ralph würde das Schönschreiben und die Singstunde verpassen. Dabei würden sie nicht einmal davon profitieren, ein paar Stunden früher als der Schulbus zu Hause aufzutauchen, da Grandpas Zug erst am späteren Nachmittag in Los Angeles ankam, und dann dauerte es noch eine Stunde, bis Miguel mit ihm im Willys Knight die Zufahrt herauffuhr. Und so trödelten sie noch langsamer als sonst, unsicher, ob sich zu Hause etwas Fesselndes für sie finden ließ, sicher dagegen, dass ihre Mutter, wie immer bei Besuch wuselnd und plappernd, stinksauer sein würde, wenn sie jetzt erschienen.

Es war eine enge, sich windende Landstraße, die sie entlanggingen. Auf der einen Seite liefen kleine klare Wassergräben, die Geräusche machten wie ein Mund. Ab und zu blieben sie stehen und tippten ihre Taschentücher hinein und wischten sich das Blut von Händen und Armen. Zu ihrer Rechten war ein Orangenhain, der zu allen Jahreszeiten einen schweren Duft ausströmte und wo sie manchmal einen Schwarm von so prächtigen, ungewöhnlichen Vögeln sahen, dass sie wohl aus der Südsee oder aus dem Westen, aus Japan hergeflogen sein mussten. Einige der kleinen pyramidenartigen Bäume standen immer in Blüte und einige trugen immer Früchte. Heute war ein Mann auf einer Leiter im Hain, und als er sie kommen hörte, drehte er sich um. Er nahm den Hut ab und fuhr sich mit dem Ärmel seines schwarzen Hemds über die Stirn und rief: »Na, ihr Kleinen«, aber weil er Mexikaner war, antworteten sie nicht und liefen verängstigt weiter, bis sie sein spöttisches Lachen nicht mehr hörten.

Als Nächstes kamen sie an Mr Vogelmans großer blitzsauberer Milchfarm vorbei. Mr Vogelman war ein dicker Deutscher, der einen weißen Arbeitskittel trug und der einmal von einer Gruppe Zweitklässler mit Steinen beworfen worden war, als sie erfuhren, was die Hunnen den Belgiern angetan hatten. Ihre Mütter hatten ihm in ihrer Befürchtung, er könnte sich rächen, indem er die Milch mit Tuberkulosebakterien infizierte, eine Entschuldigung geschrieben. Da die Protestaktion aber an Halloween stattgefunden hatte, hatte Mr Vogelman sie missdeutet und den Brief überhaupt nicht verstanden. Er hatte Guernsey-Kühe, deren Fell in der Sonne metallisch glänzte, nicht so gelb wie Bananen und nicht so bläulich wie Milch, sondern etwas dazwischen. Heute stand da ein Kalb nahe am Zaun, das rehäugige Gesicht zeigte einen Ausdruck melancholischen Erstaunens, als es die starrenden Menschenkinder sah. Seine empörte Mutter muhte sie lautstark an, ihre großen schwarzen Nüstern weit aufgebläht, und sie rannten davon, auch wenn sie ihre Angst vor Kühen nie zugegeben hätten. Sie kannten einen Witz, den sie im The American Boy gelesen hatten, und als sie in sicherer Entfernung von der Weide waren, erzählten sie ihn abwechselnd.

Ralph: »Treffen sich zwei Kühe.«

Molly: »Auf einmal macht die erste: >Muuuuh<.«

Ralph: »Darauf die zweite:«

Molly: »Dass mir auch jeder das Wort klauen muss!«

Sie lachten so heftig, dass sie sich an den Straßenrand setzen mussten und sich den Bauch hielten, und vor Lachen bluteten ihre Nasen doppelt stark, und sie krümmten sich und wischten sich mit den Taschentüchern wie wild das Blut und stöhnten: »Aua! Aua!« Als sie sich endlich eingekriegt hatten, sagte Ralph: »Den Witz, den werde ich Grandpa erzählen«, und Molly darauf: »Ich auch.« In letzter Zeit war Ralph ihr gegenüber oft gereizt: Wenn er einen Witz erzählt hatte oder etwas Interessantes, wiederholte sie es unmittelbar danach, sodass für die anderen keine Zeit blieb, zu lachen oder zu staunen. Und nicht nur das, sie hatte unzählige Male seine Träume erzählt und so getan, als wären es ihre eigenen. Er wollte nicht, dass der Witz mit den Kühen verpuffte, und darum willigte er nach einem Zögern ein, dass sie den Witz gemeinsam mit ihm aufsagen würde, wie gerade eben. Er war nicht so lang wie einer der Sketche über Schwarze, die Leah und Rachel zusammen vortrugen, doch viel lustiger, und sie waren sich sicher, Grandpa müsste lachen in seiner dröhnenden Art und sich aufs Knie schlagen mit den Worten: »Donnerwetter, der ist gut.«

Sie schwelgten weiter in Gedanken an Grandpa und wirbelten fröhlich den weißen Staub der Straße auf, bis ihre Halbschuhe ganz pudrig aussahen, selbst die Schnürsenkel. Neben der Milchfarm war eine tiefe trockene Rinne, die »The Wash« hieß. Sie war durch eine Überschwemmung entstanden, die im Frühling des Jahres, als Leah drei war, gewütet hatte, aber sie hatten die Einzelheiten von den Verwüstungen so oft gehört, dass sie überzeugt waren, ihre Eindrücke entsprangen der Erinnerung und nicht den Erzählungen von ihrer Mutter und deren Freundinnen, die, wenn es nichts Neues zu bereden gab, zu den Nervenkitzeln der Vergangenheit zurückkehrten. Mr Fawcett hatte mit dem Pferd Babe, das schon lange tot war, ein reißendes Flüsschen durchquert, um eine alte Frau zu retten, deren Haus bald darauf weggeschwemmt wurde. Er brachte sie, die quer wie ein Futtersack über seinem Sattel hing, heim und beatmete sie künstlich auf dem Küchenboden. Abertausende von Finken flogen aus dem strömenden Regen heran und ließen sich auf der Veranda nieder; es waren so viele, hatte Vater gesagt, dass es wie in einem richtigen Vogelschutzgebiet aussah; Fuchsia war gerade dabei, einen Kirschkuchen zu backen, und Vater fragte sie, ob sie nicht zwei Dutzend Finken in den Teig kneten wollte. Ein Grapefruitbaum mit Wurzeln und allen Ästen kam direkt aufs Haus zugeschwommen, und Vater pflanzte ihn neben den Sonnentank. Jedes Jahr trug er eine Grapefruit, kleiner als ein Golfball und fast genauso hart.

Auf dem Boden des Wash konnten Ralph und Molly hell glänzende Steine finden, rosafarbene, grüne, gelbe und blaue. Nach heftigem Regen schimmerte in den Lachen manchmal Katzengold. Seltsame, strohige, flachwurzelnde Blumen wuchsen überall auf den steilen Hängen und Malvenbüschel, die eine bittere Milch absonderten. Es gab eine Stelle, wo der Schlamm trocknete und keilförmig wie in Kuchenstücke zerbarst, und als Molly noch sehr klein war, dachte sie, dass hier die Sandwiches lebten. Alles Geheimnisvolle und Böse kam von dem Wash. Diese glatten farbigen Steine, die sie aufsammelten, waren in Wirklichkeit gestohlene Juwelen, und der Dieb war eine kohlschwarze Schreckgestalt namens Skalawag, die tagsüber in Mr Vogelmans Getreidesilo schlief, aber nachts Wache hielt. Sie wagten es nicht, in den Wash hinunterzuklettern, wenn sie Nasenbluten hatten, weil der Skalawag Blut riechen konnte, egal, wie weit entfernt er war, und er würde in null Komma nichts hinter ihnen herjagen. Und so gingen sie rasch und nur aus dem Augenwinkel hinschauend daran vorbei. Im vergangenen Herbst, als sie Grandpa Kenyon zum Wash mitgenommen hatten, hatte er gesagt: »Also, das ist doch mal was. Hier in Kalifornien, da wächst einfach zu viel Grünzeug. Aber das ausgetrocknete alte Flüsschen da unten, das ist immerhin etwas Reales.« Er ließ den Blick aus schwarzen Augen über die Szenerie schweifen und atmete flach, als wenn der süße Duft der Orangenblüten ihn beleidigte, und sagte: »Wenn ich mir vorstelle, dass es hier keinen Winter gibt! Da würde ich hundertmal lieber schnurstracks zur Hölle fahren, als dass ich das erste Schneegestöber nicht mehr erlebe.« Die Kinder waren ein bisschen verärgert und eingeschüchtert, und da er dies spürte, erklärte er ihnen - auch wenn sie nicht verstanden, was er meinte -, dass die hiesige Natur einem Mann keine echte Herausforderung bot. »Zum Beispiel meine Ranch im Panhandle. Nirgendwo auf der Welt ist die Natur widerborstiger als da, aber sie ist eine verflixt verwegene Schönheit.« Als er das Land gekauft hatte, gab es auf dem ganzen fünfundvierzigtausend Morgen großen Land nicht einen Tropfen Wasser, keinen Fluss, keinen Teich. Alle hatten gesagt, er wäre ein Dummkopf, wenn er das kaufte. Aber er stellte sich der Sache und kaufte das Land, und dann nahm er sich einen kleinen gegabelten Zweig von einer Stechpalme und wählte sich einen Platz...

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