Lady Barbarina

Erzählung
 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. September 2017
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-03820-946-1 (ISBN)
 
Der Arzt Jackson Lemon verliert in London sein Herz an Lady Barbarina. Aber sie zu heiraten ist nicht ganz einfach: Ein neureicher Amerikaner in der britischen Aristokratie? Und die englische Lady im modernen New York?
Dann ist es so weit: Jackson kehrt mit Ehefrau und Schwägerin Agatha in seine Heimat zurück. Aber wohl fühlt sich Lady Barbarina dort nicht. Ganz anders ihre Schwester: Agatha verliebt sich in einen Landarbeiter aus Kalifornien.
Scharfzüngig erzählt Henry James von einer brisanten transatlantischen Eheschließung, von unfreien Frauen und
von Frauen, die sich die Freiheit nehmen. Eine zeitlose Gesellschaftssatire.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,75 MB
978-3-03820-946-1 (9783038209461)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Henry James, 1843 in New York geboren, lebte lange Jahre als Amerikaner in Europa. In seinen "internationalen Romanen" setzte er sich intensiv mit den Gegensätzen zwischen der Alten und der Neuen Welt auseinander und gilt heute als einer der einflussreichsten Schriftsteller der amerikanischen Literatur. Er starb 1916 in London.

I

Es ist wohlbekannt1, dass es auf der Welt kaum einen prachtvolleren Anblick gibt als die Hauptalleen des Hyde Park an einem schönen Juninachmittag. Just dieser Meinung waren auch zwei Personen, die es sich an einem herrlichen Tag zu Beginn jenes Monats vor vier Jahren unter den gewaltigen Bäumen auf zwei Eisenstühlen bequem gemacht hatten - den großen mit den Armlehnen, für die man, wenn ich nicht irre, zwei Pence bezahlt - und dort mit der langsamen Prozession des Drive im Rücken saßen und mit dem Gesicht zu dem lebhafteren Treiben auf der Row. In der Menge der reinen Beobachter verschwindend, zählten sie, zumindest auf den ersten Blick, zu jener Klasse von Menschen, die, wo immer sie sich auch befinden, eher zu den Zuschauern gehören als zum Schauspiel. Es waren ruhige einfache ältere Leute, vom Äußeren her ziemlich neutral; Sie hätten sie höchst sympathisch gefunden, sie jedoch kaum bemerkt. Doch diesen beiden, in jenen glanzvollen Scharen versteckten, müssen wir unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Worin ich den Leser bitte mir zu vertrauen; es wird von ihm nicht ohne Grund verlangt. In den Gesichtern unserer Freunde war auf anrührende Weise zu erkennen, dass sie zusammen alt wurden und an der Gesellschaft des anderen Gefallen genug fanden, um selbst dies - da nun einmal die Bedingung - klaglos hinzunehmen. Der Leser hat wohl schon erraten, dass die beiden Mann und Frau waren; und wenn er einmal dabei ist, so vielleicht auch, dass sie jener Nation angehörten, für die der Hyde Park auf dem Höhepunkt der Saison die vollkommene Illustration ist. Sie waren sozusagen eingeborene Fremde, und bei Leuten, die Eingeweihte und Außenstehende zugleich waren, konnte es sich nur um Amerikaner handeln. Auf diesen Gedanken wäre man allerdings nicht sofort gekommen; denn man muss zugeben, dass sie durchaus nicht von jenen modernen Zeichen strotzten, die in der Tradition der alten einheimischen Federn und Kriegsbemalung stehen. Sie dachten wie Amerikaner, aber nur ganz im Geheimen; und dem äußeren Eindruck nach wären sie Ihnen - hätten Sie sich dafür interessiert - entweder durch und durch britisch oder wie aus einem fremderen Land vorgekommen. Es war, als wären sie um ihres eigenen Vorteils willen darauf bedacht, äußerlich farblos zu sein; das Farbige an ihnen lag ganz in ihrem Gespräch. Sie waren beileibe nicht mehr grün; sie waren eher grau, eintönig grau. Wenn sie sich für die Reiter, die Pferde, die Spaziergänger, die ganze große Zurschaustellung von Wohlleben und Wohlstand, Gesundheit und Schönheit der Engländer interessierten, so deshalb, weil all dies sich anderen Eindrücken zuordnen ließ, weil sie den Schlüssel zu nahezu allem besaßen, was nach einer Antwort verlangte - kurz, weil sie sich imstande sahen zu vergleichen. Sie waren nicht frisch angekommen, sie waren nur zurückgekehrt; und ihre ruhigen Augen drückten eher ein Wiedererkennen als Überraschung aus. Mit einem Wort, Dexter Freer2 und seine Frau gehörten zu jenem großen Kreis von Amerikanern, die ständig »auf der Durchreise« in London sind. Glückliche Besitzer eines Vermögens, dessen Grenzen, aus jedem Blickwinkel, klar zu erkennen waren, konnten sie sich die gewöhnlichste Form von Bequemlichkeit nicht leisten: die Bequemlichkeit eines Lebens daheim. Sie fanden es sehr viel leichter, in Florenz oder Dresden hauszuhalten als in Buffalo oder Minneapolis. Man konnte dort mehr sparen und das mit weniger Mühe. Von Dresden, von Florenz aus unternahmen sie zudem beständig Ausflüge, die bei einem Übermaß an Land unmöglich gewesen wären; und es ist zu befürchten, dass ihre Sparsamkeit manch seltsame Blüten trieb. Sie kamen nach London, um ihre Handkoffer, ihre Zahnbürsten, ihr Schreibpapier zu kaufen; ja manchmal überquerten sie sogar den Atlantik in Richtung Westen, um sich zu überzeugen, dass sich die Preise im Westen nicht verändert hatten. Sie waren ein äußerst geselliges Paar; sie interessierten sich vor allem für Menschen. Ja ihre Neugier galt auf so anstoßerregende Weise den Menschen, dass man sie für allzusehr dem Klatsch verfallen hielt, und sie gaben sich ohne Zweifel alle Mühe, mit den Angelegenheiten anderer vertraut zu sein. Sie hatten in jedem Land, in jeder Stadt Freunde; und sie konnten schließlich nichts dafür, wenn die Leute ihnen ihre Geheimnisse verrieten. Dexter Freer war ein großer hagerer Mann mit interessiertem Blick und einer Nase, die eher herabhing als aufstrebte und dabei doch hervorstach. Er bürstete sein Haar, durch das sich weiße Strähnen zogen, über den Ohren nach vorn zu jenen Locken, die man von den Porträts glatt rasierter Herren kennt, welche vor fünfzig Jahren erfolgreich waren, und trug ein altmodisches Halstuch und Gamaschen. Seine Frau, eine kleine pummelige Person, die eher aufpoliert wirkte als natürlich frisch, mit weißem Gesicht und noch gleichmäßig schwarzem Haar, lächelte unentwegt, hatte jedoch seit dem Tod ihres Sohnes, den sie zehn Jahre nach ihrer Heirat verloren hatte, nicht mehr gelacht. Ihr Gatte dagegen, ein für gewöhnlich durchaus ernster Mann, gab sich bei besonderen Gelegenheiten schallender Heiterkeit hin. Die Leute schenkten ihr weniger Vertrauen als ihm, doch machte ihr das nicht viel aus, denn ihr eigenes Vertrauen in sich war groß. Ihre Kleider, stets schwarz oder dunkelgrau, zeigten eine so harmonische Schlichtheit, dass man sehen konnte, wie gern sie sie trug; nie waren sie aus Versehen oder aus Angst modern. Sie hegte immer die allervernünftigsten Absichten, und obwohl sie ständig in der Welt herumfuhr, wirkte sie stets, als warte sie, um erst alle anderen vorbeizulassen. Sie war berühmt dafür, wie umgehend sie ihr Wohnzimmer in irgendeinem Gasthof, in dem sie vielleicht ein oder zwei Nächte blieb, aussehen ließ wie einen wahren Tempel der Erinnerung. Mit Büchern, Blumen, Fotografien, Behängen, eilends im Raum verteilt - meist schaffte sie es sogar, dass auch ein Klavier nicht fehlte -, wirkte das Ganze fast wie ererbt. Das Paar war gerade aus Amerika zurückgekehrt, wo es drei Monate verbracht hatte, und war nun in der Lage, der Welt ein wenig mit dem Hochgefühl von Menschen zu begegnen, die sich in einer felsenfesten Meinung bestätigt sehen. Ihr Heimatland hatte sich als wahrhaft ruinös erwiesen.

»Da ist er wieder!«, sagte Mr. Freer und folgte mit den Augen einem jungen Mann, der auf der Row langsam vor ihnen vorbeiritt. »Das ist ein schönes Vollblut!«

Mrs. Freer stellte nur dann müßige Fragen, wenn sie Zeit haben wollte zum Nachdenken. Jetzt brauchte sie bloß hinzuschauen, um zu sehen, von wem ihr Mann sprach. »Das Pferd ist zu groß«, bemerkte sie prompt.

»Du meinst, der Reiter ist zu klein«, gab ihr Ehemann zurück. »Er sitzt auf seinen Millionen.«

»Sind es wirklich Millionen?«

»Sieben oder acht, habe ich gehört.«

»Wie abscheulich!« Dies war die Art, wie Mrs. Freer von den großen Vermögen jener Zeit redete. »Ich wünschte, er würde uns sehen«, fügte sie hinzu.

»Er sieht uns wohl, aber er will nicht herschauen. Er ist sich seiner Lage allzu bewusst. Er ist nicht unbefangen.«

»Du meinst seines Pferdes?«

»Ja, und seines großen Vermögens. Es ist ihm geradezu peinlich.«

»Ein seltsamer Ort, um sich zu schämen«, sagte Mrs. Freer.

»Da bin ich mir nicht so sicher. Hier wird er Leute finden, die noch reicher sind als er, und jede Menge andere große Pferde, das wird ihm helfen. Vielleicht sucht er auch dieses Mädchen.«

»Die, von der wir gehört haben? So dumm kann er doch nicht sein.«

»Er ist nicht dumm«, sagte Dexter Freer. »Wenn er an sie denkt, wird er einen guten Grund haben.«

»Ich frage mich, was Mary Lemon dazu sagen würde«, setzte seine Frau hinzu.

»Sie würde sagen, wenn er es tut, wird es schon recht sein. Sie denkt, er kann nichts Falsches tun. Er hat sie ungeheuer gern.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher«, sagte Mrs. Freer, »wenn die Frau, die er heimbringt, sie verachten wird.«

»Warum sollte das Mädchen das tun? Sie ist doch eine reizende Frau.«

»Das wird das Mädchen gar nicht bemerken - und wenn doch, würde es auch nichts ändern: Sie wird einfach alles verachten.«

»Das glaube ich nicht, meine Liebe; manches wird ihr sehr gut gefallen. Die Leute werden alle sehr nett zu ihr sein.«

»Umso mehr wird sie sie verachten. Aber wir reden, als wäre alles schon ausgemacht. Ich glaube überhaupt nicht daran«, sagte Mrs. Freer.

»Nun, etwas in der Art - in diesem Fall oder in einem anderen - wird früher oder später sicher geschehen«, erwiderte ihr Gatte, womit er sich ein wenig nach der Stelle umdrehte, wo sich, nicht weit vom Eingang des Parks, durch den Zusammenfluss der großen Achsen von Drive und Row eine Art Stauwasser bildete.

Unsere Freunde hatten, wie bereits erwähnt, der feierlichen Rotation der Räder und der dicht gedrängten Masse derer, die sich für diesen Teil des Schauspiels interessierten, den Rücken zugekehrt. Jetzt ergriff eine allgemeine Erregung von dieser Menge Besitz: Das Zurückschieben von Stühlen, das Scharren von Füßen, das Rascheln von Kleidern und das anschwellende Gemurmel drückten sie hinlänglich aus. Eine königliche Hoheit näherte sich - fuhr vorbei - und verschwand. Mr. Freer drehte ein wenig den Kopf und das Ohr, änderte an seiner Haltung sonst jedoch nichts, und seine Frau nahm von der ganzen Aufregung keine Notiz. Sie hatten in ganz Europa Hoheiten kommen und wieder verschwinden sehen und wussten, sie verschwanden sehr schnell. Manchmal kehrten sie wieder; manchmal auch nicht; mehr als einmal...

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