Die Reise

 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Mai 2017
  • |
  • 200 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-03820-942-3 (ISBN)
 
Frank Delages Ziel ist Wien, die Stadt, die er mit seinem Flügel im Sturm zu erobern hofft. Delage ist Australier, und er hat mit einer revolutionären Erfindung dem Klang des Instrumentes zu einer ungekannten Klarheit, einer einzigartigen Brillanz verholfen. Und wo, wenn nicht in Wien, der Stadt von Mozart und Mahler, wird man das Ausmaß seiner Erfindung begreifen und zu würdigen wissen, so die Hoffnung des Manns von Down Under.
Doch weit gefehlt - die Wiener Gesellschaft dreht sich um sich selbst, frönt dem dekadenten Wohlleben in Salons und Caféhäusern. Am Ende reist Frank auf dem Containerschiff Romance nach Hause, die junge Adlige Elisabeth von Schalla im Gepäck.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,66 MB
978-3-03820-942-3 (9783038209423)
weitere Ausgaben werden ermittelt
MURRAY BAIL, geboren 1941 in Adelaide, »ist einer von Australiens besten Schriftstellern und Die Reise sein bislang bestes Buch«, New York Times. Murray Bail wurde mit dem Commonwealth Writers' Prize und dem Miles Franklin Literary Award ausgezeichnet. Er lebt in Sydney.

Die Romance lag relativ weit vorne in der Schlange der wartenden Schiffe vor Anker, Delage, Elisabeth und der Holländer standen an der Reling, das englische Ehepaar, auf Plastikstühlen, fächelte sich Luft zu, sie alle warteten, während die Schiffe in Reihe aus dem Kanal kamen, in entgegengesetzter Richtung, eine langsame und gleichförmige Prozession, Containerschiffe, fast so groß wie ihres, andere nur ein Viertel so groß, grün, grau, schwarz, Frachtschiffe aus Nordafrika und dem Mittleren Osten, voller Roststreifen, nach frischer Farbe lechzend. »Sie pflegen ihre Sachen nicht. Sie kratzen eine Existenz aus dem Boden, ihren Lebensunterhalt, und lassen die Dinge schleifen. Persönlich können sie durchaus sauber sein, sie waschen sich die Hände vor dem Essen, sie säubern sich die Zähne, wofür sie manchmal spezielle Zweigstückchen benutzen. Und dann werfen sie ihren Müll und Dreck aus dem Fenster, oder ins Meer. Ohne entsprechende Unterweisung haben sie keinerlei Kenntnis von Hygiene«, sagte der Holländer. »Und sie wundern sich, warum andere sie mit Füßen treten. Weil wir ein sauberes und ordentliches Volk sind«, fuhr der Holländer fort, »wir haben die Welt beherrscht.« Elisabeth kniff Delage in die Seite, sie wollte, dass er etwas sagte. Dann wandte sie sich ab, als würde sie nicht zuhören, wie ihre Mutter es zu tun pflegte, in seiner Kammer, als die Sonne auf ihre bloßen Schultern fiel, sah er die feinen blonden Härchen an ihrem Kinn, die normalerweise unsichtbar waren. Er hatte den Ellbogen auf die Reling gestützt, das Schiff fuhr unter seinen Füßen, was ihm das Gefühl gab, dass er nicht von der Stelle kam, während das Schiff und alles andere sich nach vorne bewegte. Am Vormittag liefen sie in den Kanal ein, sie folgten drei fetten Schiffen, sie fuhren so langsam, dass kein Fahrtwind zu spüren war. Der schnurgerade Kanal war von einer Unkompliziertheit, die das Fahren dicht hintereinander erlaubte. Sein Leben war ein Durcheinander gewesen, es fiel ihm schwer, seine Ansichten zu formulieren, geschweige denn, an ihnen festzuhalten, Information und Korrekturen kamen aus allen Richtungen. Nichts war einfach geradeaus, noch nicht einmal die Vorteile des Delage-Pianos, es genügte nicht, dass sie für ihn auf der Hand lagen. Jeder hatte etwas zu sagen, niemand ist entspannt, zu viele Dinge in der Welt scheinen falsch zu sein, jeden Tag ist irgendwas, die Enttäuschungen sind von ganz gewöhnlicher Art; die Menschen in seiner Nähe erweisen sich letztendlich als Enttäuschungen. Das ist zu erwarten, Menschen passen nie exakt zueinander, sie fallen einander auf wegen ihrer Verschiedenartigkeit, eine praktische Toleranz tritt in Kraft, eine soziale Notwendigkeit, jeder hat seine Meinungen, freilich ohne die genauen Einzelheiten zu kennen, alles wird missverstanden oder nicht ganz richtig verstanden, und da sie in der Regel ein bisschen falsch- oder ein bisschen richtigliegen, haben die meisten nicht den Nerv, sich offen zu erklären, anders der Holländer, der, eine Zeitlang, wo immer er hinsah, nur Probleme und Fehler ohne Lösungen wahrgenommen habe, wie er sagte. Die eine Seite des Kanals war grün respektive grün gefleckt, auf der anderen Seite nur Sand von der Farbe zerknitterter Zeltplane, in bestimmten Abständen eine Blech- oder Bretterhütte, in der ein junger Soldat hockte. Vor sich hin rostende Wrackteile von einem Krieg, Panzerspuren, Stacheldraht, Wachposten, zerbeulte und ausgeschlachtete Geschütztürme, für die sich Elisabeth weit weniger interessierte als der Holländer und Delage, zu denen sich der Engländer gesellte. Kaum einer wäre seiner Meinung, würde ihm zustimmen, zuhören, die Dinge mit seinen Augen sehen. Und was habe ich zuwege gebracht? Seine und Elisabeths Hüften berührten sich, obwohl an der Reling neben dem Holländer jede Menge Platz war, eine klares Zeichen von Absicht, Elisabeth, sie war da, wo sie sein wollte, er konnte nicht verstehen warum. Sie war mindestens zehn Jahre jünger als er, vermutlich war seine größere Welterfahrung bisweilen durchaus wahrnehmbar. Ihre Wärme übertrug sich auf ihn, er verspürte Geborgenheit, das war eine Tatsache, nicht bloß Vertrautheit. Gleichzeitig hatte er das Gefühl, dass alles außerhalb seiner Reichweite sei. Er beschloss, sie anzustupsen: »Du wirst endlos viele von den Dingern sehen, da wo du hinkommst, du wirst sie satt haben. Schon das Wort wird dich runterziehen. Da, schon wieder einer. Schau nur, sie sind überall.« Entlang des Suezkanals waren in Abständen Eukalyptusbäume gepflanzt. »Die Leute in Europa sagen, sie sehen trist aus.« Das weckte ihr Interesse. »Ich finde, sie sehen nicht gesund aus.« - »Sie können überall wachsen«, erklärte Delage. »Sie sind anpassungsfähig - sehr. Sie erinnern mich an dich, wie du dich anpasst.« Da war sie nun, an Bord eines Schiffes auf dem Weg nach Sydney, am anderen Ende der Welt. »Danke vielmals. Jetzt bin ich also ein Baum.« Unterhalb ihres Ohrs entlang ihres sonnebeschienenen Kinns ergoss sich ein Strom feinster Härchen, alle in eine Richtung, bleiches windgepeitschtes Gras, ein Nachmittag südlich von Canberra (goldenes Licht); und plötzlich empfand er Sympathie - für Elisabeth, mit ihrer ungewöhnlichen Anpassungsfähigkeit. Die Schwestern aus Melbourne waren unter Deck geblieben, versäumten den gesamten Suez Kanal, die jüngere hatte nie geheiratet, die notwendigen Signale hatten sie nicht erreicht, es hatte an Verehrern gemangelt, niemand konnte sich erinnern, sie je mit einem Mann sprechen gesehen zu haben, meine Schwester, Delage konnte nicht anders als an sie zu denken, sie hatte sich ganz der Versorgung ihrer weltlicheren Schwester gewidmet, die ein Vermögen für Handtaschen, Schuhe und Schals ausgab, ihr Leben lang hatte sie die Gesellschaft von Männern der von Frauen vorgezogen, hatte sich angezogen gefühlt von deren am wenigsten nachvollziehbaren Charaktereigenschaften, ein Thema, das sie stundenlang mit anderen Frauen analysieren konnte, sie war eine anerkannte Expertin, was ihren langjährigen Ehemann nicht daran gehindert hatte, sich zu sagen, »Es reicht!«, oder sich wahrscheinlich überhaupt nichts zu sagen, sondern in Highgate, London, aus der Tür zu marschieren, vor gerade mal ein paar Monaten, und eine maschinengeschriebene Nachricht zu hinterlassen, eine Überraschung für alle, die sie beide kannten; und jetzt, nachdem es hoffnungsvolle Anzeichen gegeben hatte, dass sie über das Schlimmste hinweg war, so wie Seeluft, Sonne und Seemöwen den Appetit eines Kranken anzuregen vermögen, war sie bei der Einfahrt in den Kanal erneut zusammengebrochen, das sprichwörtliche Häufchen Elend. Sie konnte sich unter keinen Umständen den anderen Passagieren zeigen, ihr war unwohl. Indem die jüngere Schwester sich um sie kümmerte, nahm sie keinerlei Rücksicht auf sich selbst; eine selbstlose Frau, die sich für ihr Äußeres nicht weiter interessierte, solange es sauber und ordentlich war. Im Laufe der Reise sahen sie immer weniger wie gewöhnliche Schwestern, immer mehr wie eineiige Zwillinge aus, der Verlust an Ausstrahlung der einen wurde wettgemacht durch den Zuwachs an Energie und Ausstrahlung bei der Jüngeren, sie glichen sich in ihrer Nachlässigkeit, was Benehmen, Bewegung, Kleidung, Gespräche ohne den Anflug eines Lächelns betraf. Die schnurgerade Linie des Kanals wirkte deplatziert im Sand: ein Eingriff des Menschen, eine Veränderung. Die Natur bevorzugt es, den Gegebenheiten zu folgen. Der Holländer sagte zu Delage: »Ich komme aus einem horizontalen Land. Die kleinste Bewegung wird sofort wahrgenommen. Wir sehen die Dinge klar und deutlich. Wenn es in Holland Berge und Täler gäbe, hätte meine Frau mich nicht verlassen.« Elisabeth flüsterte Delage ins Ohr, sie käme aus einem Land mit Bergen, in ganz Österreich gibt es kaum ebene Flächen, flüsterte sie, sie habe nicht die Absicht wegzulaufen, und der warme Hauch in seinem Ohr schien das zu bestätigen. Sie war am Morgen in einem der Familien-Mercedes mit Chauffeur zum Hotel gekommen, um ihn zu einer Spazierfahrt durch die Stadt abzuholen. »Meine Mutter fand wohl, Sie bräuchten ein wenig Nachhilfe«, sah ihn eindringlich an. »Sie hat mich überredet. Das war wahrlich nicht nötig.« Ein plötzliches Lächeln. Für Delage sah sie nach Problemen aus, eine verstörte junge Frau. »Spricht Ihre Mutter noch mit mir?« - »Und warum sollte sie nicht?« In dem Moment fand Delage, dass ihre Mutter, Amalia, in seinen Gedanken eine zu große Rolle spielte, und er dachte, sie zeigt sich in Begleitung ihres Gatten, während ihre Tochter eine wohlproportionierte, unbekümmerte Attraktivität an den Tag legte und ihn in jedes Komponistenhaus schleppte, das ihr in den Sinn kam, besonders wenn dort ein altes Piano stand, was ausnahmslos der Fall war, sowie die obligatorische blattgoldgefasste Harfe auf ihrem Ständer in der Zimmerecke, angefangen mit dem Mozarthaus hinter dem düsteren Dom, der Ausflug nahm den ganzen Vormittag in Anspruch, viele der bedeutendsten Komponisten hatten zu irgendeiner Zeit in Wien gelebt und gearbeitet, und sie waren häufig umgezogen. Sie hatte an alles gedacht, was für sich sprach. In einem feinen Restaurant war ein Ecktisch reserviert. »Meine Mutter hat vorgeschlagen, dass wir hier zu Mittag essen. Sie ist sehr besorgt um Sie.« Und um mit den Wirkkräften ihrer Mutter gleichzuziehen oder sie gar zu übertreffen, lehnte sich Elisabeth von Schalla vor und lockte Delage hinab zu dem, was in den Tiefen ihres Kleides wartete, die Position ihrer Stühle machte es Delage schwer, den Einblick zu meiden. Delage besann sich gewisser vertrauter Zustände, die leicht zu überwinden waren, wie er wusste. Sie tranken eine Flasche Mosel. »Ich muss die Runde machen bei den Piano-Leuten. Nicht dass irgendjemand auch nur das geringste Interesse gezeigt hätte an dem, was ich zu...

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