Aufzeichnungen aus dem Abseits

 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. August 2016
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-03820-932-4 (ISBN)
 
Erst seit dem frühen 20. Jahrhundert gelten Die Aufzeichnungen aus dem Abseits als ein Hauptwerk nicht nur Fjodor Dostojewskijs, sondern der russischen Erzählkunst insgesamt. Für das Verständnis der großen Romane Dosto jewskijs sind sie ein Schlüsseltext.



Die Aufzeichnungen aus dem Abseits - sie erschienen erstmals 1864 - sind in zwei Teile gegliedert. Entgegen der Chronologie bietet Teil I (»Das Abseits«) den kommentieren den Nachtrag zu dem autobiographischen Bericht, der in Teil II (»Bei nassem Schnee«) erstattet wird, faktisch und zeitlich dem Kommentar jedoch vorgeordnet ist. Der Erzähler erläutert, analysiert und rechtfertigt also seine Lebensgeschichte, noch bevor er sie dem Leser dargeboten hat. Dass der »abseitige Mensch«, der alles daransetzt, seine unverwechselbare Eigenart gegenüber der mehrheitlichen Gleichmacherei und Anpassung zu behaupten, auf solche Weise typisiert und gleichsam als Modell vorgeführt wird, ist eins der zahlreichen Paradoxa, die das Faszinosum wie auch die Provokation der Aufzeichnungen ausmachen.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 1,07 MB
978-3-03820-932-4 (9783038209324)
3038209325 (3038209325)
weitere Ausgaben werden ermittelt
FJODOR DOSTOJEWSKIJ, geboren am 21. November 1821, war ursprünglich Leutnant in St. Petersburg. Er quittierte seinen Dienst 1844, um freier Schriftsteller zu werden. Berühmt ist er insbesondere für seine fünf großen Romane Verbrechen und Strafe, Der Idiot, Böse Geister und Die Brüder Karamasow. Er verstarb am 9. Februar 1881 in St. Petersburg.

Das Abseits*

I

Ich bin ein kranker Mann . Ich bin ein bösartiger Mensch. Ein unansehnlicher Mensch bin ich. Ich kranke wohl an meiner Leber. Allerdings verschwende ich an meine Krankheit keinen Gedanken, und ich weiß nicht einmal, was mir eigentlich wehtut. Ich lasse mich nicht behandeln, habe mich nie behandeln lassen, obwohl ich die Medizin und die Ärzte respektiere. Dazu kommt, dass ich äußerst abergläubisch bin; nun, ich bin's jedenfalls so sehr, dass ich die Medizin durchaus respektieren kann. (Meiner Bildung nach sollte ich eigentlich nicht abergläubisch sein, doch ich bin abergläubisch.) Nein, mit Verlaub, ich will mich aus Bosheit nicht behandeln lassen. Das freilich werden Sie gewiss nicht begreifen wollen. Nun, mit Verlaub, ich begreife es wohl. Ich werde Ihnen, versteht sich, nicht erklären können, wen genau ich in diesem Fall meine Bosheit spüren lasse; mir ist natürlich völlig klar, dass ich auch den Ärzten nicht »eins auswischen« kann dadurch, dass ich mich von ihnen nicht behandeln lasse; besser als alle andern weiß ich doch, dass ich mit alledem einzig mir selbst schade, und niemandem sonst. Wie auch immer - wenn ich mich nicht behandeln lasse, dann einzig aus Bosheit. Meine Leber tut weh, sei's drum, mag sie mir noch mehr wehtun!

Ich lebe schon lange so - an die zwanzig Jahre. Nun bin ich vierzig. Ich war einst im Dienst, nun diene ich nicht mehr. Ich war ein bösartiger Bürokrat. Ich war ein Grobian und fand Gefallen daran. Bestechen ließ ich mich nie, wenigstens das wollte ich mir zugutehalten. (Ein übler Scherz; doch ich streiche ihn nicht durch. Hab es so hingeschrieben, weil ich dachte, es sollte so richtig scharfsinnig sein; doch nun seh ich selbst ein, dass es mir in meiner Niedertracht nur ums Forcieren ging - also streiche ich ihn erst recht nicht durch!) Wenn einst Bittsteller mit ihren Anliegen zu dem Tisch traten, an dem ich saß, begrüßte ich sie mit einem Zähneknirschen, und ich empfand eine unbezwingbare Wollust, wenn ich es schaffte, jemanden zu kränken. Fast immer gelang es mir. Größtenteils handelte es sich um scheue Leute: wie Bittsteller eben sind. Unter den Vorwitzigen aber mochte ich einen Offizier überhaupt nicht leiden. Der wollte in keiner Weise parieren und rasselte wüst mit dem Säbel. Mit ihm führte ich wegen dieser Rasselei anderthalb Jahre lang Krieg. Schließlich gewann ich die Oberhand. Er gab das Rasseln auf. Das geschah übrigens noch in meinen frühen Jahren. Wissen Sie denn aber, meine Herrschaften, worin der springende Punkt für meine Bösartigkeit bestand? Die Sache war nämlich die, und meine größte Verkommenheit bestand darin, dass mir in jedem Augenblick, auch im Augenblick äußerster Galligkeit, schamhaft bewusst war, dass ich nicht nur kein bösartiger, sondern nicht mal ein erboster Mensch bin, dass ich bloß auf Spatzen schieße und darin mein Vergnügen finde. Ich schäume vor Wut, aber man präsentiere mir irgendein Püppchen, man offeriere mir ein Teechen mit Zückerchen, und gleich, mit Verlaub, werde ich mich beruhigen. Das Herz wird mir dabei übergehn, auch wenn ich danach gegen mich selbst mit den Zähnen knirsche und vor lauter Scham monatelang unter Schlaflosigkeit leide. So ist das nun mal bei mir.

Gerade eben habe ich mich lügnerisch als einen bösartigen Bürokraten bezeichnet. Ich habe aus Bosheit gelogen. Ich hatte nur einfach mein Mütchen gekühlt, an den Bittstellern ebenso wie an jenem Offizier, aber eigentlich war ich unfähig zur Bosheit. In jedem Augenblick verspürte ich in mir eine Unmenge von völlig entgegengesetzten Elementen. Ich fühlte, wie all diese entgegengesetzten Elemente in mir wimmelten. Ich wusste, sie hatten zeitlebens in mir gewimmelt und drängten unentwegt aus mir heraus, doch ich gab nicht nach, ließ sie nicht frei, absichtlich ließ ich sie nicht nach draußen. Sie quälten und beschämten mich; sie trieben mich zu Krämpfen, und schließlich war ich ihrer überdrüssig - und wie! Haben Sie nicht vielleicht schon den Eindruck, meine Herrschaften, dass ich mich nun vor Ihnen reuig zeige, dass ich bei Ihnen für irgendetwas um Verzeihung bitte? Sicherlich wähnen Sie das . im Übrigen, ich versichere es Ihnen, ist es mir einerlei, wenn dem so sein sollte .

Weder einen Bösewicht noch sonst irgendetwas vermochte ich aus mir zu machen: ich bin nicht böse und nicht gut, bin kein Schurke und auch kein Ehrenmann, kein Held und kein Insekt. Nun lebe ich in meinem Winkel dahin, mache mich selbst zum Gespött mit dem bösartigen und völlig untauglichen Trost, dass auch ein geistreicher Mensch tatsächlich nichts aus sich machen kann und dass nur ein Schwachkopf überhaupt etwas aus sich zu machen versucht. Ja, mit Verlaub, ein Geistesmensch des neunzehnten Jahrhunderts muss ein überwiegend charakterloses Subjekt sein und ist dazu moralisch sogar verpflichtet; derweil ein Charaktermensch, ein Mann der Tat, ein überwiegend beschränktes Subjekt ist. Das ist seit vierzig Jahren meine feste Überzeugung. Ich bin vierzig, und vierzig Jahre - das ist ein ganzes Leben; das ist tiefstes Altertum. Mehr als vierzig Jahre zu leben, ist ungehörig, trivial, amoralisch! Wer bleibt schon länger als vierzig Jahre am Leben - antworten Sie aufrichtig, ehrlich! Ich sag's Ihnen, wer länger lebt: länger leben nur Schwachköpfe und Taugenichtse. All den Alten sag ich's ins Gesicht, all diesen ehrwürdigen Greisen, all diesen grauhaarigen und wohlriechenden Greisen! Der ganzen Welt sag ich's ins Gesicht! Ich nehme mir das Recht, so zu reden, weil ich selbst bis sechzig überleben werde. Bis siebzig werd ich überleben! Bis achtzig werde ich leben! . Doch halt! Lassen Sie mich durchatmen .

Sicherlich denken Sie nun, meine Herrschaften, ich wollte Sie belustigen damit? Auch darin irren Sie sich. Ich bin keineswegs ein aufheiternder Mensch, wie Sie annehmen oder wie Sie wohl annehmen könnten; falls Sie übrigens von meinem Gerede irritiert sind (und ich spüre es doch - Sie sind's) und falls Sie mich deshalb fragen wollten: wer ich denn eigentlich sei? - dann gebe ich Ihnen zur Antwort: ich bin ein Kollegienassessor, sonst nichts. Ich versah meinen Dienst, damit ich zu essen hatte (und zwar einzig deshalb), und als mir im vergangenen Jahr ein entfernter Verwandter sechstausend Rubel vermachte, trat ich sofort in den Ruhestand und richtete mich hier in meinem Winkel ein. Schon zuvor hatte ich in diesem Winkel gelebt, doch nun richtete ich mich darin ein. Es ist ein abgerissenes, widerwärtiges Zimmer am Stadtrand. Ich habe eine Haushälterin - eine alte Frau vom Land, bösartig vor lauter Dummheit, und außerdem verströmt sie einen widerwärtigen Geruch. Man sagt mir, das Petersburger Klima werde mir schaden und für meine kümmerlichen Mittel sei das Leben in Petersburg zu teuer. Das alles weiß ich selbst ja auch, weiß es besser als all diese erfahrenen und überklugen Ratgeber und Gutmenschen. Dennoch bleibe ich in Petersburg; ich werde Petersburg nicht verlassen! Werde die Stadt deshalb nicht verlassen, weil . Eh! ist ja vollkommen gleichgültig - ob ich sie verlasse oder nicht verlasse.

Und übrigens: worüber wird ein ordentlicher Mensch mit dem allergrößten Vergnügen reden wollen?

Antwort: über sich selbst.

Sei's drum, auch ich werde über mich selbst reden.

II

Nun will ich Ihnen, meine Herrschaften, berichten, ob Sie es hören wollen oder nicht, weshalb ich es nicht einmal geschafft habe, ein Insekt zu werden. Ich sage Ihnen hochgemut, dass ich des Öftern ein Insekt werden wollte. Doch nicht einmal diese Würde wurde mir zuteil. Ich schwöre Ihnen, meine Herrschaften, dass ein zu viel an Bewusstsein eine Krankheit ist, eine wahrhaftige, ausgeprägte Krankheit. Für den menschlichen Umgang wäre das gewöhnliche menschliche Bewusstsein mehr als genug, das heißt, es bliebe um die Hälfte, um ein Viertel hinter dem Quantum zurück, das ein gebildeter Mensch unseres unseligen neunzehnten Jahrhunderts in sich vereinigt, einer, der außerdem das einschlägige Ungemach hat, in Petersburg zu wohnen, der am meisten abgehobenen und gekünstelten Stadt auf dem ganzen Erdball. (Es gibt nämlich gekünstelte und ungekünstelte Städte.) Vollkommen ausreichend wäre zum Beispiel das Bewusstsein, mit dem alle sogenannt spontanen Leute und Tatmenschen leben. Ich gehe jede Wette ein, dass Sie nun denken, ich schreibe das alles aus Wichtigtuerei so hin, um mich über die Tatmenschen lustig zu machen und um in schlechtem Stil wichtigtuerisch mit dem Säbel zu rasseln, so wie mein Offizier. Wer aber, meine Herrschaften, kann sich schon seiner Krankheiten rühmen, sich hervortun damit?

Übrigens, was soll's? - alle machen das; rühmen sich ihrer Krankheiten, und ich tu's, mit Verlaub, am allermeisten. Kein Grund zum Streiten also; mein Einwand war ungehörig. Und doch bin ich fest davon überzeugt, dass nicht nur übermäßiges Bewusstsein, sondern das Bewusstsein schlechthin eine Krankheit ist. Daran halte ich fest. Lassen wir auch das für eine Weile auf sich beruhn. Sagen Sie mir eins: wie konnte es sein, dass ich, wie aus Absicht, in denselben, ja, genau denselben Momenten, in denen ich am besten in der Lage war, mir sämtliche Finessen >alles Schönen und Erhabenen<, wie man das einst bei uns nannte, bewusst zu machen, dass es mir eben dann widerfuhr, dass mir solch unziemliches Handeln nicht nur nicht bewusst wurde, dass ich es vielmehr selbst ausführte, eine Handlungsweise, die . na ja, mit einem Wort, deren sich, mit Verlaub, so gut wie alle befleißigen, die sich jedoch bei mir, wie aus Absicht, gerade dann einstellte, wenn mir besonders bewusst wurde, dass ich sie...

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