Laurus

 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. Februar 2016
  • |
  • 500 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-03820-927-0 (ISBN)
 
Der Tod seiner großen Liebe, die er nicht zu retten vermag, treibt einen jungen kräuterkundigen Heiler fort aus seinem Dorf, um Vergessen und Vergebung zu finden. Auf seiner Wanderung durch das pestverseuchte Europa des 15. Jahrhunderts bietet er seine Heilkünste an, wo immer sie gebraucht werden.

Auf seiner Reise durch Welten und Zeiten begleiten ihn die unterschiedlichsten Weggefährten, und er muss zahlreiche Gefahren bestehen: Er wird von Wegelagerern überfallen, auf dem Balkan gelyncht, geht auf hoher See über Bord und erreicht schließlich Jerusalem. Doch die größte Herausforderung erwartet ihn noch.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 1,20 MB
978-3-03820-927-0 (9783038209270)
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EVGENIJ VODOLAZKIN, 1964 in Kiew geboren, arbeitet seit 1990 in der Abteilung für Altrussische Literatur im Puschkinhaus (Institut für russische Literatur) in St. Petersburg. Er hat zahlreiche akademische Werke und Artikel publiziert. Aufgrund von Forschungsstipendien der Alfred Toepfer- und der Alexander von Humboldt-Stiftung verbrachte er mehrere Jahre in Deutschland. Sein zweiter Roman Laurus ist ein inter- nationaler Erfolg, der in 17 Ländern erscheint. Evgenij Vodolazkin lebt mit seiner Familie in St. Petersburg.

Aber Arseni war nicht geschmolzen. Als man ihn in Christofors Haus suchte, war er schon zehn Werst entfernt. Zwei Tage war es her, dass er seinen Leinensack geschultert und den Weiler verlassen hatte.

In den Sack hatte er einige wenige Arzneien und medizinische Instrumente gepackt. Den übrigen Platz nahmen Christofors Birkenrinden ein. Ein unbedeutender Teil davon, genauer gesagt, denn der handschriftliche Nachlass des Verstorbenen war so umfangreich, dass er nicht einmal in einen sehr großen Beutel gepasst hätte. Und Arsenis Beutel war nicht groß. Viele wertvolle Aufzeichnungen musste er mit Bedauern zurücklassen.

Er verließ das Haus und wandte sich Richtung Kostschewo. Von Kostschewo ging er weiter nach Pawlowo, von Pawlowo nach Pankowo. Seine Füße rutschten über nassen Lehm, er trat in tiefe Pfützen, und seine Stiefel waren bald voll Wasser. Arsenis Route verlief nicht gerade, denn er hatte kein klares geografisches Ziel. Er hatte es auch nicht eilig. Wenn er in ein Dorf kam, fragte er, ob sie dort die Pest hatten. In den ersten Dörfern auf seinem Weg hatten sie sie nicht. Hier kannte man Arseni noch, man ließ ihn ins Haus und gab ihm sogar zu essen.

Da es schon früh dunkel wurde, musste Arseni über Nacht in Pankowo bleiben. Am nächsten Morgen machte er sich wieder auf den Weg und ging nach Nikolskoje, aber dort wies man ihn ab. Niemand wurde nach Nikolskoje gelassen, damit nicht irgendwer die Seuche einschleppte. Auch nach Kusnezowoje, das eine Werst weiter lag, ließ man Arseni nicht. Er ging nach Maloje Sakosje, aber dort war die Ortseinfahrt mit Baumstämmen versperrt. Er wollte nach Bolschoje Sakosje, dort sah es genauso aus.

Das nächste Dorf auf Arsenis Weg war Welikoje. Welikoje war frei zugänglich, doch das Unheil, das über dem Ort schwebte, war auf Anhieb zu sehen.

Hier riecht es nach Unglück, sagte Arseni zu Ustina. Dieses Dorf braucht unsere Hilfe.

Es war das erste Mal seit Ustinas Tod, dass er sich an sie wandte, und er empfand große Scheu. Er bat sie nicht um Vergebung, weil er auf Vergebung kein Recht zu haben glaubte. Er bat sie nur, Anteil zu nehmen an einer wichtigen Sache, und hoffte, dass sie ihm das nicht abschlagen würde. Doch Ustina schwieg. Ihr Schweigen schien Zweifel auszudrücken.

Glaub mir, mein Herz, ich suche nicht den Tod, sagte Arseni. Im Gegenteil: mein Leben ist unser beider Hoffnung. Wie könnte ich da den Tod suchen?

Im ersten Haus machte ihm niemand auf. Die Pest sei im Dorf, sagte man ihm. Arseni fragte, wo die Kranken lagen, und man schickte ihn zum Haus von Jegor, dem Schmied. Er klopfte an. Es kam keine Antwort. Arseni nahm ein Stück Leinen aus seinem Beutel, band es sich über Mund und Nase. Er bekreuzigte sich und trat ein.

Der Schmied Jegor lag auf der Bank. Sein riesiger Arm hing über den Rand nach unten. Ab und zu ballte seine Hand sich zur Faust, und daran sah man, dass er noch lebte. Arseni fasste ihn am Handgelenk, um herauszufinden, wie stark das Blut sich in ihm bewegte. Es war kaum zu spüren. Unter Arsenis Berührung schlug Jegor plötzlich die Augen auf.

Durst.

Es war kein Wasser im Haus. Auf dem Boden, dicht neben Jegors Hand, lag ein umgeworfener Schöpfbecher, unter dem es feucht glänzte. Offensichtlich hatte Jegor den Becher fallen gelassen, und um neues Wasser vom Brunnen zu holen, hatte seine Kraft nicht mehr gereicht.

Arseni trat aus dem Haus und ging zum Ziehbrunnen. Der Brunnen sah aus wie ein trauriger Kranich. Sein hölzerner Hals, der mit einem Eisenbügel am Rumpf befestigt war, schaukelte quietschend im Wind. Arseni ließ den Eimer in den Brunnenschacht hinunter. Das Grundwasser, vom Frost nicht gebunden, stand hoch. Arseni sah sein Spiegelbild darin und erkannte sich nicht. Sein Gesicht hatte sich verändert.

Mein Gesicht ist anders geworden, sagte er zu Ustina. Die Veränderung ist schwer zu beschreiben, mein Herz, aber sie ist nicht zu übersehen.

Er ging zurück ins Haus und gab dem Schmied Jegor zu trinken. Er stützte ihm den Kopf, und Jegor trank blindlings. Er verschluckte sich. Das Wasser floss ihm über den Bart und unters Hemd. Er konnte nicht genug bekommen. Er hielt sich an Arsenis Hand fest, und Arseni konnte das Gewicht seines Arms kaum tragen. Wie stark dieser Mensch war, dachte er, und wie schwach er jetzt ist. Ein paar Tage Krankheit haben einen kraftlosen Berg Fleisch aus ihm gemacht. Noch ein paar Tage mehr, dann wird er anfangen zu verwesen. Arseni spürte, dass kein Leben mehr in diesem Körper war.

Auf einmal öffnete Jegor die Augen.

Bistu mein todes engel?

Nein, sagte Arseni.

Sage mir was mein geschick ist, engel.

Arseni sah zu, wie Jegors Lider sich langsam schlossen.

Du wirst bald sterben, sagte er leise, doch Jegor hörte ihn schon nicht mehr.

Er atmete schwer, und Schweißtropfen rollten ihm über die Stirn in das dichte Haar. Während er neben ihm saß, erinnerte Arseni sich daran, wie er manchmal die schlafende Ustina betrachtet hatte. Ihre Brust hob und senkte sich kaum merklich unter der Decke. Manchmal sog Ustina geräuschvoll Luft durch die Nase und drehte sich auf die andere Seite. Rieb sich die Wange. Bewegte die Lippen. Auch Arseni bewegte die Lippen. Er sprach ein Sterbegebet. Sein Blick stellte sich langsam wieder scharf, und hinter Ustinas Zügen sah er Jegor. Er war tot.

Arseni ging in die Nachbarhäuser. Dort lagen Lebende und Tote. Er schleppte die Toten ins Freie und deckte sie mit Leintüchern und Reisig zu. In einem der Körper bemerkte er Anzeichen von Leben. Er spürte, dass daran noch eine Seele hing. Es war der Körper einer jungen Frau.

Ich habe das Gefühl, sagte er zu Ustina, dass hier nicht alle Hoffnung verloren ist.

Arseni trug die Frau zurück ins Haus. Dort war es warm, denn die Besitzer waren am Morgen noch auf den Beinen gewesen und hatten den Ofen geheizt. Arseni legte die Kranke auf den Bauch und untersuchte ihren Hals, um den eine dicke graurote Perlenschnur von geschwollenen Drüsen lag. Arseni fachte die Glut im Ofen an und legte Holz nach. Er nahm seine Instrumente aus dem Beutel und legte sie auf die Bank. Er überlegte kurz, griff zu einer kleinen Lanzette und ging damit ans Feuer. Als sie glühte, trat er zu der Kranken. Mit der freien Hand tastete er die geschwollenen Drüsen ab. Er suchte die größte und weichste aus, stach mit der Spitze hinein und drückte sie mit zwei Fingern aus. Aus der Geschwulst rann eine trübe, übelriechende Brühe. Arseni spürte, wie sie zäh über seine Finger floss, aber er ekelte sich nicht. Mit dem Eiter, der über den Hals der Frau strömte, schien die Krankheit aus ihrem Körper auszutreten. Er empfand Freude. Knoten um Knoten ertasteten seine Fingerspitzen, er quetschte die Pest aus der Kranken heraus.

Vom Hals ging er zu den Achselhöhlen über, von den Achselhöhlen zu den Leisten. Neben dem Eiter nahm er hier auch andere Gerüche wahr, und sie machten ihn unruhig. Wie viel Tierisches ich doch in mir habe, dachte Arseni. Wie viel. Nach der Behandlung der Geschwüre wollte er an den Stellen, wo die meisten Knoten saßen, die Adern öffnen. Das verdorbene Blut musste abfließen. Als Arseni in die erste Ader stach, kam die Frau zu sich und stöhnte.

Halte aus, weib, flüsterte Arseni ihr zu, und sie verlor wieder das Bewusstsein.

Er öffnete ihr an verschiedenen Stellen die Adern, und jedes Mal stöhnte sie, ließ die Augen aber geschlossen. Nachdem er fertig war, deckte Arseni sie mit einer Decke zu.

Jetzt sollst du lange schlafen und dich erholen. Und wenn du erwachst, dann nicht zum Tod, sondern zum Leben. Deine Prognose ist gut.

Mit diesen Worten trat Arseni aus der Tür. Bis zum Abend kam er noch in mehrere andere Häuser, er traf auf Lebende und auf Tote, und er sah, wie aus Lebenden Tote wurden. In einem Haus fiel ihm auf, dass er seinen Mundschutz verloren hatte. Einen neuen zu suchen war keine Zeit, deshalb betete er, sein Schutzengel, der zu seiner Rechten stand, möge die Ansteckung mit den Flügeln verscheuchen. Von Zeit zu Zeit spürte Arseni den Engelshauch, und das beruhigte ihn. So konnte er sich ganz auf die Kranken konzentrieren.

Er fasste sie am Handgelenk und spürte der Bewegung ihres Blutes nach. Manchmal strich er ihnen mit der Hand über Brust oder Scheitel. So erahnte er, welcher Weg dem Kranken vorgezeichnet war. Wenn er genesen sollte, lächelte Arseni und küsste ihn auf die Stirn. Wenn er sterben musste, weinte Arseni lautlos. Manchmal war der Weg nicht zu erkennen, dann betete Arseni inbrünstig für den Kranken. Er hielt ihm die Hand und übertrug ihm Lebenskraft. Und er ließ die Hand erst los, wenn er spürte, dass im Kampf zwischen Leben und Tod das Leben gewann.

An jenem Tag kostete ihn das viel Kraft, denn noch nie hatten so viele Menschen zugleich seine Hilfe gebraucht. Im letzten Haus, das er besuchte, schlief Arseni neben einem Kranken ein. Er schlief und träumte von seinem Schutzengel, der die Ansteckung verscheuchte. Nicht einmal nachts ließ er seine Schwingen ruhen. Arseni wunderte sich über die unerschöpflichen Kräfte des Engels und fragte ihn, wie es komme, dass er nicht müde wurde.

Engel werden nicht müde, antwortete der Engel, weil sie nicht mit ihren Kräften haushalten. Wenn du nicht mehr daran denkst, dass deine Kraft zu Ende gehen könnte, wirst auch du nicht müde werden. Wisse, Arsenije: Nur wer keine Angst hat, zu ertrinken, kann auf dem Wasser wandeln.

Am nächsten Morgen erwachten Arseni und der Kranke gleichzeitig. Und der Kranke spürte, dass er gesund war.

Im Dorf Welikoje blieb Arseni zwei Wochen. Er behandelte und wusch die Kranken. Er...

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