Eskimoland

Ein Bericht aus der Arktis
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Juli 2019
  • |
  • 240 Seiten
 
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978-3-406-74172-2 (ISBN)
 
Der Verhaltensforscher Niko Tinbergen verbrachte 1932/33 vierzehn Monate bei den grönländischen Inuit, die damals noch als Jäger und Sammler lebten. Sein faszinierender Bericht, der 2017 wiederentdeckt wurde, fesselt bis heute durch die genaue Beobachtung von Menschen und Tieren in einer lebensfeindlichen Umgebung und ist zugleich ein Lehrstück über die Beschränktheit des modernen Europäers.

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
mit 67 Abbildungen
  • 10,76 MB
978-3-406-74172-2 (9783406741722)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Niko Tinbergen (1907 - 1988) war einer der wichtigsten Verhaltensforscher des 20. Jahrhunderts. Er erhielt 1973 gemeinsam mit Konrad Lorenz und Karl von Frisch den Nobelpreis und war als Professor in Oxford der Lehrer von Richard Dawkins.

INHALT

Ein Wort vorab
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV

Nachwort
Editorische Nachbemerkung

I


14. Juli 1932. Endlich war es so weit. Wir standen zu sechst an der Reling der Gertrud Rask, die sich langsam vom Grönlandske Handels Plads entfernte, und ließen die letzten Eindrücke von Kopenhagen auf uns wirken. Der Kai mit den zehn Leuten, die uns zum Abschied zuwinkten, wurde immer kleiner, wir ließen die Häfen von Kopenhagen hinter uns, die Küsten Schwedens und Dänemarks wichen zurück. Zum letzten Mal festen Boden unter den Füßen: Helsingör, wo die Freunde und Verwandten der Passagiere unwiderruflich an Land gesetzt wurden. Dann waren wir allein mit der kleinen Truppe, die mit dieser einzigen Schiffsverbindung des Jahres nach Ostgrönland gebracht wurde.

Die Gertrud Rask, ein 800-Tonnen-Schiff, ausgestattet mit Dampf- und Segelkapazität, ist eines der Schiffe, mit denen die dänische Regierung die reguläre Verbindung zu ihren grönländischen Kolonien unterhält. Die meisten dieser Schiffe fahren an der Westküste, einmal im Jahr nimmt eines der größten Kurs auf die beiden Kolonien an der Ostküste, Angmagssalik und Scoresbysund. Grönland ist ein abgeschlossenes Land, Privatleute erhalten nur ausnahmsweise Zutritt, und ansonsten ausschließlich Personen, die sich zu wissenschaftlichen und kulturellen Zwecken dort aufhalten. So ist dem Fremdenverkehr in Grönland schon von vornherein eine starke Beschränkung auferlegt. Jeder, der hierherkommt, muss möglichst mit einem Schiff der dänischen Regierung befördert werden und sich vorher einer strengen medizinischen Untersuchung unterziehen. Diese wurde uns übrigens erspart, doch das war wohl ein Versehen von höherer Stelle.

Viel Platz gab es an Bord der Gertrud Rask nicht. Siebzehn Passagiere mussten mit fünf Kajüten in der Größe von gut zwei Quadratmetern vorliebnehmen, aber die Stimmung litt darunter selbst an den stürmischsten Tagen nicht. Für uns war es ein glückliches Zusammentreffen mehrerer Umstände, dass wir mit einer Expedition unter der Leitung von Gino Watkins reisten, der im Anschluss an seine «British Arctic Air Route Expedition» von 1930 bis 1931 mit drei der ehemaligen Teilnehmer wieder nach Angmagssalik fuhr. Das Ziel der neuen wie auch schon der vorangegangenen Reise war es, die Möglichkeiten einer arktischen Amerika-Europa-Flugroute über Grönland und Island hinweg zu erkunden. Watkins und seine Kameraden hatten bei ihrem letzten Aufenthalt in Angmagssalik nicht nur einen großen Teil der Küste genauer kartiert, als es bis dato geschehen war, sondern außerdem ein Jahr lang meteorologische Messungen vorgenommen, und zwar in ihrer an der Küste gelegenen Basis wie auch in einer eigens dafür gebauten Beobachtungsstation auf einem zentralen Punkt der ausgedehnten Eiskappe, die nahezu ganz Grönland bedeckt. Zudem war es ihnen gelungen, die von Vilhjálmur Stefánsson auf dem kanadisch-arktischen Archipel erprobte Praxis anzuwenden, von dem zu leben, was das Land hergibt, auch unter den Bedingungen Ostgrönlands, und dafür hatten sie sich unter anderem die Kunst angeeignet, im Kajak Robben zu jagen - eine schwierige und heikle Jagdmethode, die große Behändigkeit und Ausdauer erfordert. Um nicht zu riskieren, bei einem Jagdunfall auf den von verstreutem Polareis bedeckten Fjorden mit dem Kajak umzuschlagen und dann, wie so viele Eskimojäger, ein jämmerliches Ende zu finden, hatten sie in kurzer Zeit die sogenannte Eskimorolle erlernt, bei der man sich mithilfe des Paddels nach einem eventuellen Kentern wieder aufrichtet. Wie uns selbst später klar werden sollte, ist das beim Kentern, das nur allzu schnell passiert, die einzige Rettung.

Chapman mit zwei Süßwasserlachsen in Qinqorssuaq.

Es versteht sich, dass uns diese Leute, obwohl nicht älter als wir, an Erfahrung weit voraus waren und wir im Laufe der Reise viel von ihnen lernen konnten. Vor allem vom Anführer Watkins und von Frederick Spencer Chapman erfuhren wir vieles, was sich bei unserem Aufenthalt in Grönland als sehr nützlich erwies. Völlig unvorstellbar war damals, dass dieser beherzte, bescheidene, selbstsichere Watkins schon so bald nach unserer Ankunft in dem Land, dem er sein Leben widmen wollte, auf so tragische Weise sein Leben verlieren sollte. Wer mehr über seine Arbeit in Grönland wissen möchte, lese den Bericht Chapmans über die größte unter seiner Leitung durchgeführte Expedition, Northern Lights.

Der erste Tag der Reise verlief ruhig, aber kaum hatten wir den Atlantischen Ozean erreicht, verschlechterte sich das Wetter, und in den darauffolgenden Tagen herrschte schwerer Seegang. Das kleine Schiff stampfte und schlingerte, dass es eine Lust war, aber wer an der Seekrankheit litt, hatte nicht viel zu lachen. Umso mehr dagegen die Seetüchtigen. Die Stimmung auf dem kleinen, knarrenden Schiff, das auf dem düsteren, weiten, stark wogenden Ozean Tag für Tag stetig seinem Kurs folgte und von merkwürdig dickköpfigen Eissturmvögeln umschwärmt wurde, hat sich tief in unser Gedächtnis eingegraben. Es gab unter uns aber nur einen, der sich bester Gesundheit erfreute und Schräglagen von dreißig Grad ablesen konnte. Doch auch die weniger Seetüchtigen gewöhnten sich allmählich an das Geschaukel, und als der Sturm vorüber war, hatten die meisten ihre Abscheu vor allem, was durch den Mund nach innen befördert wurde, überwunden, zumindest, solange sie an Deck waren.

Der Sturm brachte uns erheblich vom Kurs ab, und so kam es, dass wir, statt direkt auf den Nordosten Islands zuzusteuern, die einmalige Gelegenheit bekamen, dicht an den Shetland- und Färöer-Inseln vorüberzufahren. Bei den Shetland-Inseln wurden wir auf große Mengen von Seevögeln aufmerksam, die hier brüteten; sie flogen in großen Schwärmen dem Schiff hinterher: die schlanke, kleine Mantelmöwe, die etwas plumpere Silbermöwe und die äußerst plumpe Große Raubmöwe. Solange wir im Schutz einer Inselgruppe fuhren, lag das Schiff relativ ruhig im Wasser, doch sobald wir wieder hinauskamen, begann die Schaukelei aufs Neue. Von den Färöer-Inseln fuhren wir direkt Seydisfjordur im Nordosten Islands an, wo wir Kohle bunkern mussten. Angesichts der großen Vorräte, die die immer weiter wachsenden Kolonien an der Ostküste Grönlands jedes Jahr anfordern, kann das Schiff nie ausreichend Kohle für die gesamte Reise mitnehmen und muss entweder vor oder hinter Scoresbysund beim Stopp auf Island bunkern. Den Nachmittag auf Island haben wir genutzt, um mit diesem arktischen Land Bekanntschaft zu schließen. Das Wetter war trübe und regnerisch, die Regenwolken hingen tief und verhüllten die Gipfel aller Berge. Islandwetter! All unsere neuen Eindrücke von Menschen, Pflanzen und Tieren auf dieser bemerkenswerten Insel traten jedoch sofort in den Hintergrund, als wir gegen Abend wieder ablegten, nun in Richtung Grönland! Als wir durch den schmalen Fjord hinausfuhren, begegneten wir großen Walen. Wir hörten an Bord das «Blasen» und sahen die graublauen Rücken der Wale in ihrer ganzen Riesenhaftigkeit das Wasser durchpflügen. Der erste Steuermann, ein alter Walfänger, stand mit einem begierigen Kennerblick da. Auf unsere Frage, zu welcher Art diese Wale gehörten, kam die prompte Antwort: «Finn Whales.» Meine unschuldige Wissbegier ließ mich fragen, wie das denn so schnell zu erkennen sei. Auf diese wahrscheinlich ziemlich dumme Frage sah mich der Steuermann lange an und sagte dann nur: «I know they are!»

Große Raubmöwen und kleine Mantelmöwen bei den Shetland-Inseln.

Hinter Island entwickelte sich die Reise mehr oder weniger sensationell. Wir wussten, dass wir schon bald das erste Polareis, das schwere Storis (Dänisch für «großes Eis»; nach Süden wanderndes Treibeis), zu erwarten hatten, und während der nächsten Tage suchten wir voller Spannung immer wieder den Horizont ab. Wir waren denn auch bereits unzählige Male unverrichteter Dinge von einem etwas höheren Standort wieder zurückgekommen, als wir plötzlich während des Essens eine auffällige Veränderung in den uns vertrauten Schiffsgeräuschen bemerkten: Das Steuer wurde in einem fort bewegt. Wir stürmten hinauf, sobald der Kapitän die ersten Anstalten gemacht hatte, die Mahlzeit zu beenden, und sahen uns erstaunt um. Das Storis! Was wir hier sahen, übertraf unsere kühnsten Erwartungen. Keine Abbildung kann die reiche Farbenpracht und die gewaltigen Formen der Schollen wiedergeben. Wohin unsere Blicke auch schweiften, trieben die meterdicken Eisbrocken auf der trägen Dünung; trotz der trüben Nebelstimmung funkelten die Schollen in tiefblauen und grünen Farbtönen. Winzige Alkenvögel saßen in kleinen Gruppen darauf oder schwammen zwischen den Schollen und tauchten ab, wenn das Schiff in die Nähe kam. Jetzt wurde es für die Gertrud...

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