Das Reich im Mittelalter

Kleine deutsche Geschichte von 500 bis 1500
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 3. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. Juli 2018
  • |
  • 320 Seiten
 
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978-3-406-72398-8 (ISBN)
 
Stefan Weinfurter entwirft in seinem lebendig geschriebenen Buch anhand der wichtigsten historischen Weg- und Wendemarken ein eindrucksvolles Bild des Reiches in der Zeit von 500 bis 1500.
Der Autor nimmt uns mit auf eine faszinierende Zeitreise durch das Mittelalter und schildert Schlüsselsituationen der Reichsgeschichte: So erläutert er die Bedeutung der Taufe des Frankenkönigs Chlodwig, erhellt die christliche Gestaltung des Reiches unter Karolingern und Ottonen und zeigt, wie im 11. Jahrhundert dem Kaiser im Papst ein selbstbewusster Herausforderer erwächst. Er erklärt, wie seit dem 12. Jahrhundert das Reich selbst «heilig» wird und den Nimbus unantastbarer Größe erwirbt. Als weiteren Markstein der Entwicklung beschreibt er, wie sich im 13. Jahrhundert das lateinisch geprägte Reich - auch durch die zunehmende Akzeptanz der Volkssprache - zum Deutschen Reich wandelt. Dieses Reich ist zwar im ausgehenden Mittelalter in punkto Kunst und Wissenschaft im Vergleich zu Italien und Frankreich noch weit im Hintertreffen, doch bietet es eine staunenswerte Vielfalt, die in den kommenden Jahrhunderten im Herzen Europas eine Kulturnation entstehen lässt.
  • Deutsch
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  • Deutschland
mit 7 Abbildungen, 8 Karten und 8 Stammbäumen
  • 6,42 MB
978-3-406-72398-8 (9783406723988)
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Stefan Weinfurter ist Senior Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg und dort Direktor der Forschungsstelle Geschichte und kulturelles Erbe. Von ihm sind bei C.H.Beck lieferbar: «Canossa. Die Entzauberung der Welt» (2007) und (hrsg. zusammen mit Bernd Schneidmüller) «Die deutschen Herrscher des Mittelalters» (2018).

Einleitung

1. Das Reich der Franken Die fränkische Reichsgründung Menschen im Reich der Franken Kaiser Karl und seine Erben

2. Die Entfaltung des römischen Kaisertums Die Sachsenkönige und die Liebe zu Italien Lebensordnungen in ottonischer Zeit Das römische Kaisertum um die Jahrtausendwende

3. Neuformierungen von Kaisertum, Königtum und Reich Auf dem Wege nach «Canossa» Neue Moral und Wahlkönigtum Ein «deutsches Reich» um 1100?

4. Das Heilige Reich Friedrich Barbarossa und das Scheitern seiner Konzeption Die Anfänge einer «neuen Welt» um 1200 Heinrich VI. und Friedrich II.: Das Kaisertum löst sich vom Reich

5. Die deutsche Nation Der lange Weg zur Goldenen Bulle von 1356 Lebenswelten und «deutsche Länder» im späten Mittelalter Reformen in Kirche und Reich des 15. Jahrhunderts Schlussgedanken: «Deutsche» Werte zum Ausklang des Mittelalters

Anhang Die fränkischen und deutschen Herrscher des Mittelalters Karten und Stammtafeln Quellenverzeichnis Literaturverzeichnis Register Bildnachweis

2. DIE ENTFALTUNG DES RÖMISCHEN KAISERTUMS IM MITTELALTER


Die Sachsenkönige und die Liebe zu Italien


Um 900 war das einst so stolze Reich der Franken in existenzielle Not geraten. Die inneren Konflikte hatten die Kräfte zermürbt, und der Schlaganfall, der den ostfränkisch-karolingischen Kaiser Arnulf (887-899) 896 ereilt hatte, wirkte geradezu zeichenhaft für diese Situation. Intrigen am Hof leiteten den weiteren Niedergang ein, und nachdem Arnulf gestorben war, brachen 900 die Ungarn ins Reich ein. Die wilden Steppenkrieger hatten bereits die Fürstentümer in Pannonien in Besitz genommen, nun machten sie Beute im Westen. «Sie leben nicht nach Art von Menschen», so äußerte sich der Chronist Regino von Prüm, «sondern wie das Vieh. Sie nähren sich nämlich, so hört man, von rohem Fleisch, trinken Blut, verschlingen als Heilmittel die in Stücke zerteilten Herzen ihrer Gefangenen, lassen sich durch kein Gejammer erweichen, durch keine Regung des Mitleids rühren. Das Haar schneiden sie sich bis auf die Haut mit dem Messer ab.» Tag und Nacht würden sie auf ihren Pferden reiten, und ihre Kinder müssten früh schon das Reiten lernen, vor allem das Bogenschießen vom Pferderücken aus. Daher würden sie mit solcher Kunst Pfeile abschießen, dass man sich vor ihren Schüssen gar nicht schützen könne.

In der Tat waren die Bogen der Ungarn ganz ungewöhnliche Waffen. Sie bestanden nicht einfach aus biegsamen Holzstangen, sondern wurden kunstvoll Schicht um Schicht durch das Verleimen verschiedener Hölzer und Hornstränge aufgebaut - eine Arbeit, die Jahre dauerte. So entstand der «Reflexbogen», der ungeheure Durchschlagskraft besaß. Die ungarischen Krieger wirkten auf die Menschen im Reich wie die wilden Horden der Apokalypse. Eine fremde Welt brach in Europa ein. Hoffnungslos sah man sich ihr ausgeliefert. Der Chronist Widukind von Corvey sah in den Ungarn Nachkommen der Hunnen und führte ihre Abstammung auf gotische Hexen zurück; aus den mäotischen Sümpfen hätten sie sich nun über die Erde ergossen.

Der ungarischen Kriegstaktik mit Pfeilhagel, Scheinfluchten, raschem Ortswechsel und überfallartigen Angriffen standen die fränkischen Panzerreiter zunächst ratlos gegenüber. Bevor man nahe genug herangekommen war, um zum gewohnten Zweikampf überzugehen, hatte man schon einen Pfeil im Leib. Wer sollte diese Feinde aufhalten? Kaiser Arnulf hatte nur einen siebenjährigen Sohn, Ludwig das Kind (900-911), der damals auf den Thron gesetzt wurde. Die militärische Abwehr jedoch mussten andere übernehmen, vor allem die Anführer der sich neu formierenden Stammesverbände der Bayern, Alemannen, Franken und Sachsen. Markgraf Liutpold von Bayern ging sogar in die Offensive und zog 907 mit einem großen bayerischen Heer bis vor Pressburg. Dort freilich wurde er mit seinen Männern auf dem Marchfeld in einer furchtbaren Schlacht niedergemetzelt. Liutpold fiel, ebenso der Erzbischof von Salzburg, die Bischöfe von Freising und Säben, aber auch viele Grafen.

Zur ungarischen Gefahr kam diejenige hinzu, die von den Wikingern ausging. Und schließlich erschütterten heftige Fehden im Innern das Reich, als die Konradiner, die ihren Machtschwerpunkt im Lahngau, in der Wetterau und am Mittelrhein besaßen, und die Babenberger, die Herren im östlichen Franken, um die Führung stritten. Die Konradiner setzten sich durch und stellten mit Konrad I. (911-918) den nächsten König im Ostreich - den ersten Nichtkarolinger, aber immerhin einen Franken. Auch dessen Herrschaft war nicht vom Glück gesegnet. Er verlor Lothringen an das Westreich und rieb sich auf in den Kämpfen gegen die Liudolfinger, das führende Adelshaus der Sachsen, und gegen die bayerischen Liutpoldinger. Das ostfränkische Reich drohte, sich vollends aufzulösen.

Die Wende kam mit Heinrich I. (919-936), dem Mann, «den die ganze Welt benötigte» (Widukind I, 17). Er stammte aus der Familie der Liudolfinger, die ihre Machtzentren in der Gegend von Gandersheim, von Hildesheim und in Quedlinburg hatten. Später kam noch Magdeburg hinzu.

Die Zäsur, die mit seinem Eintritt in die Geschichte verbunden ist, hat durchaus epochale Bedeutung: Das alte Karolingerreich war damit an sein Ende gekommen, denn nun übernahm ein Sachsenfürst die Leitung des maroden Ostreichs. Das war das Signal für die endgültige Abtrennung vom Westreich, ein Prozess, der durch den Bonner Vertrag von 921 weiter gefördert wurde. Auf einem Boot mitten im Rhein legten die beiden Könige die Grenze ihrer Reiche fest. Heinrich, ein glänzender Kriegsführer, hatte seine sächsischen Krieger in ausgezeichnete Verfassung gebracht. Die fränkische Elite war daher bereit, sich ihm zu unterwerfen, Franken und Sachsen verschmolzen zu einem Volk: populus Francorum atque Saxonum - welch ein Wechsel der Verhältnisse, wenn man an die Niederwerfung der Sachsen durch Karl den Großen ein Jahrhundert zuvor denkt! Aus der «sächsischen Magd» wurde eine Herrin. So sah das auch der Chronist Widukind von Corvey.

Wie die Erhebung Heinrichs ablief, wissen wir nicht, aber es scheint, als hätten ihm die Mächtigen unter den Franken, an ihrer Spitze Eberhard, der Bruder des verstorbenen Konrad I., das Königtum angetragen. Die Geschichte von «Heinrich am Vogelherd» - die noch ins Mittelalter zurückgeht und die Carl Loewe (1796-1869), der große Balladenkomponist der Romantik, in deutschnationaler Hochstimmung zum Klingen gebracht hat - dürfte noch ein gewisser Reflex auf diese Situation sein. Die Nachricht, dass Heinrich dabei auf die Königssalbung, die ihn über die anderen Großen der beiden Völker emporgehoben hätte, verzichtet haben soll, wird man nicht so leicht abtun dürfen. Sie passt in das Konzept einer Legitimation, die sich den König eher als einen «Primus inter pares» denn als einen hervorgehobenen Monarchen vorstellen wollte. In der Chronik des Flodoard von Reims heißt es ohne weitere Begründung: «Heinrich begann zu herrschen». Freilich war sein Radius anfangs noch begrenzt, denn die Bayern hatten sich mit dem Liutpoldinger Arnulf einen eigenen König gewählt. Zunächst eher ein König der Sachsen und Franken, schob Heinrich allmählich sein Königtum in die Räume der Alemannen und Bayern vor. Dabei verfuhr er im Vergleich zu seinem Vorgänger auf ganz neuartige Weise: Nach anfänglichen militärischen Drohgebärden kamen rasch Einigungen zustande, die 920 und 921 in Freundschaftsverträge mit den dortigen Anführern (duces) mündeten. Diese wurden als «Herzöge» in ihren Herrschaftsbereichen anerkannt und erlangten sogar mehr oder weniger die Hoheit über Bischöfe und Klöster. Für Arnulf von Bayern ist jedenfalls ausdrücklich überliefert, dass er beim Tod eines Bischofs den Nachfolger bestimmen durfte. Damit konnten diese Herzöge ihre Stellung in ihren Herzogtümern erheblich festigen und geradezu königsgleichen Rang erlangen.

In der Folgezeit wurde das Reich mit einem dichten Netz von Freundschaftsbündnissen überzogen. Damit entstanden gleichsam künstliche Verwandtschaften, die meist noch durch eine Gebetsverbrüderung verstärkt wurden. Dies bedeutete eine Verbindung und Verpflichtung über den Tod hinaus, denn die Mitglieder beteten für das Seelenheil der Verstorbenen. Sprunghaft nahm das Gebetsgedenken in den Reichsklöstern zu, wie die Einträge zahlreicher größerer und kleinerer Personengruppen in den Memorialbüchern von St. Gallen, des Klosters auf der Reichenau, des Vogesenklosters Remiremont oder des Klosters Fulda noch heute erkennen lassen. Immer wieder, und zwar in wechselnden Konstellationen mit Vertretern des Adels, findet sich darunter auch König Heinrich I. mit seiner Familie. Herrschaftliche Rangunterschiede wurden in solchen Zusammenschlüssen überbrückt, denn die Gleichheit der Freunde überdeckte die Ungleichheit von Amt und Macht.

Auch in den Außenbeziehungen diente der Freundschaftsbund zur Festigung des neuen Reichs. König Rudolf II. von Burgund (gest. 937) bietet ein Beispiel dafür. Ihm schenkte Heinrich I. obendrein noch die Stadt Basel, um von Rudolf eine ungewöhnliche Gegengabe zu erhalten: die Heilige Lanze, eine kostbare Reliquie, die heute im Kunsthistorischen Museum in Wien aufbewahrt wird. In ihr Lanzenblatt ist ein Nagel eingearbeitet, von dem man der Meinung war, dass er vom Kreuz Christi stammte. Diese Reliquie wurde bald zur wichtigsten Herrscherinsignie des 10. Jahrhunderts. In der Ungarnschlacht von 955 und auch in anderen Kämpfen trug man sie dem Heer voran.

Über ein Freundschaftsbündnis gewann Heinrich I. schließlich 925 auch das Herzogtum Lothringen für das ostfränkische Reich zurück. Herzog Giselbert unterstellte sich auf diese Weise dem sächsischen König und konnte damit seine Machtposition in Lothringen stärken, ja eigentlich erstmals ein geeintes Herzogtum in diesem Raum aufbauen. Mit Lothringen war eine kulturell führende Region in Europa mit einer reichen Stadt- und Bildungstradition in das Reich Heinrichs integriert worden. Die...

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