Das andere Achtundsechzig

Gesellschaftsgeschichte einer Revolte
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Februar 2018
  • |
  • 250 Seiten
 
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978-3-406-71972-1 (ISBN)
 
50 Jahre nach "1968" ist es Zeit für einen frischen Blick auf die Ereignisse, die bis heute die Republik spalten. Anhand von erstmals ausgewerteten neuen Quellen erschüttert Christina von Hodenberg die alten Gewissheiten und zeigt das andere Achtundsechzig jenseits der immer wieder erzählten Legenden. In unserer Erinnerung ist Achtundsechzig eine Angelegenheit junger männlicher Studenten in Großstädten wie Berlin und Frankfurt. Im Hintergrund wirkt ein Generationenkonflikt, der sich aus dem Streit um die NS-Vergangenheit speist. Rudi Dutschke, der SDS und die Berliner Kommune I stehen im Mittelpunkt der Darstellung. Doch war das wirklich alles? In ihrem glänzend geschriebenen Buch zeigt Christina von Hodenberg, was an diesem Bild nicht stimmt und was es auslässt. Achtundsechzig war auch weiblich, es spielte ebenso abseits der großen Metropolen, die NS-Vergangenheit war nicht die zentrale Antriebskraft und die Eltern hatten viel mehr Verständnis für die Anliegen ihrer Kinder, als es im Rückblick scheint. Indem es das in den Blick nimmt, was sonst meist ausgeblendet wird, liefert dieses Buch die erste wahre Gesellschaftsgeschichte der Revolte von 1968.
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
mit 20 Abbildungen
  • 6,03 MB
978-3-406-71972-1 (9783406719721)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Christina von Hodenberg ist Professorin für Europäische Geschichte an der Queen Mary University in London.
1 - Cover [Seite 1]
2 - Titel [Seite 3]
3 - Zum Buch [Seite 251]
4 - Über die Autorin [Seite 251]
5 - Impressum [Seite 4]
6 - Inhalt [Seite 5]
7 - 1 Einleitung: Stimmen aus dem Jenseits [Seite 7]
8 - 2 Der Schah-Besuch in Bonn und Berlin [Seite 19]
9 - 3 Von Kriegskindern und Nazieltern [Seite 45]
10 - 4 Trau keinem über 60? Die Rolle der Alten [Seite 77]
11 - 5 Achtundsechzig war weiblich [Seite 103]
12 - 6 Wer zweimal mit derselben pennt: Varianten sexueller Befreiung [Seite 151]
13 - 7 Epilog: Was bleibt von Achtundsechzig? [Seite 187]
14 - Dank [Seite 195]
15 - Nachtrag zur Quellengrundlage [Seite 197]
16 - Anmerkungen [Seite 199]
17 - Literaturverzeichnis [Seite 229]
18 - Abkürzungsverzeichnis [Seite 243]
19 - Abbildungsverzeichnis [Seite 245]
20 - Personenregister [Seite 247]

1  Einleitung: Stimmen aus dem Jenseits


Es war an einem Tag im Februar, in Halle an der Saale, als ich Stimmen zu hören begann. Eine junge, weibliche Stimme sagte: «Was meinen Sie, wodurch unterscheidet sich die Jugend heute von der Jugend zu Ihrer Zeit damals?» Eine ältere Frauenstimme antwortete emphatisch: «Die sind nicht schlechter wie wir, die sind wirklich nicht schlechter wie wir waren! Nur wir Älteren müssten uns Mühe geben, die Jugend zu verstehen, und daran hapert es . Wir haben doch freie Meinungsäußerung, auch die Jugendlichen.» Ich hörte Schritte, ein Fenster wurde geöffnet, ein Bus fuhr lärmend vorbei. Dann begann die alte Stimme von ihrer Jugendzeit zu erzählen. Sie sei 1919 geboren und habe mit dem BDM Heimabende und Fahrten erlebt. «Da musste man drin sein, und das war ja eine staatliche gelenkte Jugend, wie sie jetzt drüben auch ist . Na ja, nun, es gab eben ein gewisses Stillschweigen . über Politik konnten Sie gar nicht sprechen, wenn Sie da anderer Meinung waren, da war schon Ebbe.» Dass die jungen Leute sich heutzutage für Politik interessierten, sei doch wunderbar. Ausführlich und hörbar erregt beschrieb die alte Stimme dann, wie erst ihr Vater und dann der Krieg ihre Berufswünsche vereitelt hätten. Sie habe Friseuse werden wollen oder Krankenschwester, und länger die Schule besuchen wollen. Stattdessen habe sie als Telefonistin anlernen müssen. Eine solche Bevormundung dürfe es heute nicht mehr geben! Ihr Sohn solle alle Chancen haben, «dass er eben einen ordentlichen Beruf lernt - kein Gammeln und kein Hippie, das auf keinen Fall». Zwar habe sie ihren Sohn schon mal wegen der «langen Mähne . ein bisschen ins Gebet genommen», damit er «ein bisschen manierlicher» ausschaue. Aber «wenn er morgen käme und sagen würde, ich bin Kommunist, ich finde das gut - ja, ich kann es doch nicht ändern, und ich glaube, das wird heute ein bisschen verkehrt gemacht.» Auch bei ihrer Tochter würde sie politisches Engagement sehr begrüßen: «Ich meine, es sind viel zu wenig Frauen in der Politik.»

Nun mischte sich die jüngere Stimme wieder ein und versuchte, das Gespräch auf Einstellungen zur Jugend zurückzulenken. Doch die ältere Stimme erklärte, fester als zuvor: «Wir haben ja genug mitgemacht im Leben, die Jahre 33 bis 45 - und wenn möglich, sollte man das der Jugend ja ersparen. Wir sind ja wohl - unser Volk hat viele Fehler gemacht und die sollten nie wieder passieren . und ich möchte nicht, dass unsere Jugend das einmal durchmacht, was mit den Juden geschehen ist. Sind doch auch Menschen, dass sie geschäftstüchtig sind, ist doch kein Fehler.»

Ich wunderte mich. Dass eine Hausfrau um die 50 Vorurteile gegen Juden hegte und lange Haare ablehnte, passte in mein Bild von Achtundsechzig - nicht aber die Selbstverständlichkeit, mit der sie die Studentenproteste und sogar Kommunisten verteidigte. Die Tür ging auf und meine zehnjährige Tochter steckte den Kopf herein. «Mama, mit wem redest Du denn da?» Ich drückte den Knopf am Tonbandgerät, einem acht Kilo schweren, antiken Brocken. Er sprang mit einem Knacken heraus und die Stimmen verstummten. Ich erklärte ihr, dass die Magnetspulen vor 50 Jahren mit Gesprächen bespielt worden seien. Dies hier seien die damals 49-jährige Frau Hahn und ihre junge Interviewerin, eine Studentin der Psychologie. Aber es gebe da noch mehr als 600 andere Tonbänder, ich hätte also noch viel zu tun. Damit vertröstete ich meine Tochter auf weitere Einzelheiten beim Abendessen. Frau Hahns Stimme kam zurück und erzählte, mit der eigenen Mutter, einer begeisterten Nationalsozialistin, sei sie politisch über Kreuz gewesen. «Aber einer hat es dem anderen nicht vorgeworfen. Einer hat den anderen akzeptiert.» Ich wechselte das Band und hörte als Nächstes die Stimmen zweier Männer, die sich aufgeregt über die Studentenproteste nach dem Schah-Besuch im Juni 1967 austauschten. Sie schienen sich weitgehend einig in ihrer Deutung der Geschehnisse. Die ältere Stimme sagte: «Aber diese Gewalttätigkeit, diese Demonstrationen, die man oft sieht von Studentenseite, die machen - also da sehe ich nicht klar - die machen mir etwas Kopfzerbrechen.» Auch die jüngere Stimme vermutete «eine gewisse Gefahr darin. Es sind einige doch ziemlich radikale darunter, teilweise auch hochintelligente Leute.» Der Alte betonte, «dass diese radikalen Gruppen den anderen immer weit überlegen sind . Mit einem Mut, mit einer Verbissenheit tun die diskutieren, und in ihrer Fanatik gehen sie von dem, was sie haben, nicht ab . Die geben nichts nach. Wie im Nationalsozialismus: nichts nachgeben.» Ja, pflichtete der Jüngere bei, «die wollen also tatsächlich provozieren . Ich sehe da eine ziemlich große Gefahr.» Wieder war ich von den Socken. Dass der alte Herr Jäger, ein 1905 geborener Handwerker, die Proteste ablehnen würde, hatte ich erwartet. Aber sein junger, gerade mal 27-jähriger Gesprächspartner?

Die Stimmen, die ich hörte, erschütterten mein Bild von Achtundsechzig. Ich begann, systematisch Interviews zu sammeln. Immer wieder lief das alte Tonbandgerät, Marke UHER Universal 5000, so heiß, dass ich es zwischendurch länger abschalten musste. Gespräche mit ehemaligen Schülern und Studenten der Zeit bescherten mir neue Überraschungen. Da war zum Beispiel der schüchterne 20-Jährige, der alles Militärische hasste und lange Haare verteidigte, zugleich aber vor allem am Geldverdienen interessiert war. Oder die Stimme von Ulrich Rosenbaum, 1968 Chefredakteur der Bonner Studentenzeitung akut. Auf sein Elternhaus angesprochen, berichtete er sofort, «dass auch meine Eltern eine Nazivergangenheit hatten». Aber dann fuhr er fort: «Also, das war für mich kein so großes Thema, obwohl ich auch Geschichte studiert habe. Ich habe das halt so akzeptiert, das Elternhaus, wie es war, und habe damit auch keine Probleme gehabt. Ich habe nur gesehen, dass ich meinen eigenen Weg gegangen bin. Und das Interessante ist, dass dann eben auch meine Eltern im Grunde, als ich 1969 in die SPD gegangen bin, plötzlich dann auch zu SPD-Wählern wurden. Insofern hat man dann auch auf diese Weise was bewirkt.» Auch diese Aussage schien mir im Widerspruch zu allem zu stehen, was ich über den Generationenkonflikt der späten Sechziger zu wissen glaubte. Warum nahm der junge Student einfach so hin, dass die Eltern Nazis gewesen waren? Und warum folgten ihm die Eltern auf seinem Weg nach links?[1]

Die Stimmen, die ich hörte, kamen aus dem Jenseits meiner vermeintlich gesicherten Kenntnisse von Achtundsechzig. Weder der junge Psychologe, der die linken Aktivisten kritisierte, noch der Student Ulrich Rosenbaum schienen umstandslos in die Kategorie der «Achtundsechziger» zu passen. Und konnte man Frau Hahn und Herrn Jäger zum Establishment zählen? Je mehr Stimmen ich hörte, desto mehr gewann ich den Eindruck, dass unsere Wahrnehmung von Achtundsechzig größtenteils auf visuellen Quellen beruht, auf Bildern und Filmen, die uns irreführen. Denn die Ikonen der Revolte sind dem Publikum eingebrannt: junge Männer mit wehendem Haar, untergehakt, im Dauerlauf, Plakate und Banner schwenkend. Rudi Dutschke, heftig gestikulierend, auf dem Podium eines überfüllten Hörsaals. Nackte Bewohner einer Berliner Kommune posieren im Wohnzimmer mit dem Rücken zum Fotografen. Die Aktionen eines kleinen Kerns einer jugendlichen, männlichen, intellektuellen, großstädtischen Elite sind in den Medien millionenfach, plakativ vervielfältigt worden. Ist es möglich, dass die immer wieder neu aufgelegten Fotos von damals uns zu liebgewonnenen Missverständnissen verleiten? Dass sie nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt dessen zeigen, was die Revolte ausmachte - und zwar nur denjenigen Teil der Akteure, der die Massenmedien für sich gewann?

Diese Frage war der Anstoß, dieses Buch zu schreiben. Ich wollte meinen Ohren stärker trauen als meinen Augen und meinen Tonbändern mehr als den visuellen Ikonen der Revolte. Denn in den magnetisch gespeicherten Gesprächen der späten sechziger Jahre, die mein altes Gerät wieder zum Leben erweckte, äußern sich Leute aus allen Schichten der Gesellschaft. Die meisten sind wenig gebildet, und jeder zweite Befragte ist eine Frau. Zu mehr als 200 über 60-Jährigen kommen 89 Interviews mit Leuten im besten Alter zwischen Mitte 30 und Ende 50. Dazu treten neue und alte Gespräche mit 22 ehemaligen Studenten und Doktoranden. Meine Stimmen vom Band fangen damit die Haltungen dreier Generationen ein (der jungen, der mittleren und der alten), die die protestbewegte Zeit der späten Sechziger erlebten. Und während die Interviewten stets über Politik und ihre Einstellung zu den anderen Generationen sprachen, redeten sie mindestens ebenso viel über ihre ...

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