Die Odyssee

Homer und die Kunst des Erzählens
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 23. März 2017
  • |
  • 329 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
E-Book | PDF mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-406-70818-3 (ISBN)
 
Die Odyssee zählt zum überzeitlichen Schatz der Weltliteratur. Bis heute begeistern uns die Abenteuer des ebenso tapferen wie listenreichen Odysseus, der sich allen Widrigkeiten zum Trotz die Rückkehr in die Heimat erkämpft. Doch worin liegt der Zauber dieses uralten Werkes, der auch nach 2800 Jahren noch anhält, und worin die Meisterschaft des Dichters, die wir bis heute bewundern?
Es ist die vollendete Erzählkunst Homers, der es in unvergleichlicher Weise versteht, die Lust des Lesers stets wachzuhalten. Er weckt in uns das brennende Verlangen, die Auflösung der vielfältigen dramatischen Ereignisse zu erfahren, in die sein Held verstrickt wird. Und so folgen wir Odysseus atemlos durch zahllose Prüfungen, teilen seine Verzweiflung und fürchten um ihn angesichts der Winkelzüge seiner menschlichen und mitunter übermenschlichen Feinde. Seine Geschichte spielt zwar in einer fremden Welt - und doch ist sie nicht so fremd, dass wir uns darin nicht in unseren Hoffnungen und Ängsten wiederfinden würden. Jonas Grethlein, bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen zur Erzählkunst in der Antike, ist ein kundiger Führer durch die Welt des Odysseus und hat ein ebenso spannendes wie kluges Buch über sie geschrieben.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
mit 19 Abbildungen und 1 Karte
  • 7,26 MB
978-3-406-70818-3 (9783406708183)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jonas Grethlein ist ein international renommierter Gelehrter auf dem Gebiet der Griechischen Literaturwissenschaft und lehrt als Professor an der Universität Heidelberg. Im Verlag C.H.Beck gibt er gemeinsam mit Martin Korenjak (Innsbruck) und Hans-Ulrich Wiemer (Erlangen) die Reihe ZETEMATA heraus.

1. Einleitung

2. Die Telemachie: Erzählungen vom Vater

3. Vom Zuhörer zum Erzähler: Odysseus bei den Phaiaken

4. Polyphem: Erzählung, Kunst und Geschichte

5. Rückkehr, Wiedererkennung und Erzählung

6. Ethik und Erzählung

7. Das Ende erzählen

8. Epilog: Reflexivität und Erfahrung

Anhang

Anmerkungen

Bibliographie

Bildnachweis

Stellenregister

Namenregister

Register der geographischen Begriffe

Sachregister

2

DIE TELEMACHIE: ERZÄHLUNGEN VOM VATER


Es ist durchaus möglich, sogar wahrscheinlich, daß im archaischen Griechenland eine UrOdyssee kursierte, die ohne Telemachie auskam.[1] Erst später wären dann der «eigentlichen» Odyssee die uns heute bekannten ersten vier Bücher hinzugefügt worden. Die Handlung der Telemachie mag sogar aus einem eigenständigen Telemach-Epos geschöpft sein. Welche Verse von Homer, welche vom «Redaktor» stammten, darauf verwandten die sogenannten Analytiker, bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts die wichtigste Homerschule, viel Scharfsinn. Es verwundert nicht, daß die Telemachie die Analytiker mehr als das restliche Gedicht beschäftigte, erzählt sie doch einen Nebenstrang, dessen die Haupthandlung auf den ersten Blick nicht bedarf: Auf Aufforderung Athenes reist Telemach nach Pylos und Sparta, um von den Veteranen des Trojanischen Krieges Neuigkeiten über den Verbleib seines Vaters zu erfahren. Der Held des Epos, Odysseus, betritt die Bühne des Geschehens erst im 5. Buch. Die Uneinigkeit, ja die erbitterten Polemiken darüber, wo das philologische Seziermesser anzusetzen sei, führen jedoch eindrücklich vor Augen, wie problematisch der Versuch ist, die Genese der Odyssee aus dem uns überlieferten Text abzulesen. Vor allem aber hat der analytische Ansatz den Blick auf die vielfältigen erzählerischen Funktionen der Telemachie am Beginn der Odyssee verstellt. Wie auch immer die Telemachie entstanden ist, sie ist ein fester Bestandteil des uns vorliegenden Textes.

Deswegen sei zuerst der Platz der Telemachie in der Architektur der Odyssee skizziert. Neben anderen Aspekten werden wir dabei auf eine Form der Spannung stoßen, die antike Erzählungen von vielen modernen Romanen unterscheidet. Dann wollen wir uns den mannigfaltigen Geschichten in den ersten vier Büchern zuwenden, die in die Telemachie eine Reflexion über das Erzählen, vor allem seine Wirkung auf Zuhörer und Leser, einbetten. Abschließend soll die Frage gestellt werden, ob man die Telemachie, wie die Mehrheit der modernen Homerforscher meint, als einen Bildungsroman lesen kann. Die anfangs erörterte Spannung wird sich als Teil eines umfassenderen Charakteristikums antiker Erzählungen erweisen, das mit einem spezifisch antiken Verständnis von Persönlichkeit verknüpft ist.

Der Platz der Telemachie in der Odyssee


Das erste und zweite Buch der Odyssee bieten ein eindrückliches Bild von Ithaka zwanzig Jahre nach Odysseus' Aufbruch in den Trojanischen Krieg. Sein Hof ist zu einem Tummelplatz für die jeunesse dorée nicht nur Ithakas, sondern auch der benachbarten Inseln geworden. Seit mehreren Jahren buhlen 108 Freier um Penelopes Gunst. Während Odysseus' Vater, Laertes, sich auf das Land zurückgezogen hat, lassen die Freier es sich auf Kosten des abwesenden Hausherren gutgehen. In einem endlosen Gelage verzehren sie sein Hab und Gut, verbringen die Tage mit Spiel und Sport, vergnügen sich schamlos mit den Dienerinnen des Hauses. Penelope konnte sich bislang vor ihren Nachstellungen schützen: Erst wenn sie das Leichentuch für ihren Schwiegervater gewoben habe, sei sie bereit für eine neue Hochzeit. Doch treulose Dienerinnen haben ihre List, das tagsüber gewobene Tuch nachts wieder aufzutrennen, den Freiern verraten. Zudem ist Telemach an der Schwelle zur Mannbarkeit angelangt und damit der Zeitpunkt erreicht, an dem Penelope, so Odysseus bei seinem Abschied vor zwanzig Jahren, sich neu vermählen solle.

Mit der Darstellung der ithakesischen Verhältnisse schafft Homer einen Horizont, in dem die Rückkehr des Odysseus erst ihre rechte Schärfe gewinnt.[2] Er führt dem Leser das Ziel der Irrfahrten des Odysseus vor Augen. Wenn wir später von Odysseus' Abenteuern lesen, seinen Begegnungen mit Kirke und Kalypso, der Fahrt in die Unterwelt, der Grotte des Kyklopen, so haben wir schon ein Bild davon, wohin die Reise führen soll. Odysseus' unstillbares Verlangen nach Heimkehr treibt die Handlung an, durch die Telemachie erhält es für den Leser Kontur. Zudem gibt die Telemachie der Odyssee einen geographischen Rahmen: Die Handlung beginnt und endet auf Ithaka.

Jetzt, während der Lektüre der Telemachie, drängt sich die Frage auf, wie es Odysseus gelingen wird, seinen alten Hof zurückzugewinnen, auf dem sich mehr als hundert Freier breit gemacht haben. Vor allem aber: Wie kann Odysseus rechtzeitig zurückkehren, bevor die Freier den nun erwachsenen Telemach aus dem Weg geräumt und Penelope zur Hochzeit genötigt haben? Die Zeit drängt . Noch vor dem Eintritt des Odysseus in die Handlung erzeugt die Schilderung der Situation auf Ithaka Spannung.

Dabei handelt es sich um eine besondere Form der Spannung. Weil sie für antikes Erzählen charakteristisch ist und zum Nachdenken über Zeit und Erzählung im allgemeinen anregt, sei sie genauer beschrieben, bevor wir weitere Funktionen der Telemachie kennenlernen. Dem heutigen Leser dürfte ebenso wie den antiken Zuhörern das Ende der Odyssee bekannt sein: Allen Hindernissen zum Trotz gelingt es Odysseus, nach Ithaka zurückzukehren und seinen Platz neben Penelope wieder einzunehmen. Dieses Ende ist nicht nur durch die Bekanntheit des Mythos verbürgt, es wird auch in der Odyssee immer wieder vorweggenommen. Gleich am Anfang sichert Zeus Athene zu, er werde Odysseus gegen den Widerstand des Poseidon eine - wenn auch mühevolle - Heimkehr gewähren. In der Volksversammlung des zweiten Buches weissagt der greise Zeichendeuter Halitherses nach einem auffälligen Vogelflug, daß Odysseus in Kürze auftauchen und furchtbare Rache nehmen werde. Für die Figuren sind derartige Vorhersagen keineswegs verbindlich. So ficht der Freier Eurymachos die Worte des Halitherses an (2.180-2): «Doch dieses hier weiß ich viel besser als du auszulegen! Vögel kommen und gehen viele unter den Strahlen der Sonne, sind aber nicht alle von Vorbedeutung!» Er unterstellt Halitherses sogar, er schiele nur auf ein Geschenk von Telemach. Anders der Leser: In Kenntnis der Handlung und als Zeuge der Gespräche zwischen den Göttern weiß er um die Verläßlichkeit der Prophezeiung ebenso wie um die Relevanz anderer Zeichen.

Kann aber Spannung entstehen, wenn das Ende bekannt ist? Ist dafür nicht ein offener Ausgang unabdingbar? So mag man zuerst denken, aber die Odyssee zeigt, daß gerade die Bekanntheit des Endes hier für Spannung sorgt. Sie läßt den Leser nämlich fragen, auf welchem Weg die Handlung das erwartete Ende erreichen werde. Die Spannung richtet sich weniger auf das was als auf das wie. Die Spannung auf das was bauen Vorhersagen und auktoriale Vorwegnahmen in der Tat ab, dafür können sie eine auf das wie gerichtete Spannung erhöhen. Die Vorwegnahmen in der Odyssee, seien sie in die Handlung eingebettet oder nur dem Leser zugänglich, sind vage und stacheln die Phantasie des Lesers an. Wie, so fragt man sich etwa nach der Prophezeiung des Halitherses, wird Odysseus es fertigbringen, von Ogygia, der Insel der Kalypso, nach Ithaka zu gelangen und, einmal dort angekommen, die über hundert Freier auszuschalten?

Die Spannung auf das wie ist charakteristisch für antike Literatur. Viele Genres bedienen sich aus der Schatzkammer des Mythos und greifen damit auf bekannte Sujets zurück - neben dem Epos zum Beispiel die Tragödie. Die Zuschauer des euripideischen Orest hatten keinen Zweifel daran, daß der Titelheld ungeschoren davonkommen werde. In den Bann schlug sie aber die Frage, wie Euripides die Handlung zu diesem von der mythischen Tradition diktierten Ende führt. Anders als Aischylos setzt er kein Gericht ein, das den Muttermörder freispricht. Orest wird zum Tode verurteilt und nimmt die Tochter des Menelaos, der ihm die Unterstützung verweigert hat, als Geisel. Nur die Intervention des Gottes Apollon vermag das erwartete Ende herbeizuführen. Nicht die Frage nach dem Ausgang, sondern die sich immer weiter öffnende Kluft zwischen dem Verlauf der Handlung und dem erwarteten Ende raubte den Zuschauern im Dionysostheater den Atem.

Auch Gattungen mit nichtmythischen Handlungen bedienen sich der Spannung auf das wie. Im griechischen Roman etwa erfüllen die Konventionen des Genres eine ähnliche Funktion wie der vertraute Mythos. Der Leser erwartet, daß das strahlende Paar nach zahlreichen Abenteuern und Proben alle Hindernisse überwinden und am Ende seine Liebe vollziehen wird. In vielen Fällen nehmen auch hier Zeichen und Orakel das Ende vorweg. In Heliodors Aithiopika, dem Roman...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Dateiformat: PDF
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie zum Lesen die kostenlose Software Adobe Reader, Adobe Digital Editions oder einen anderen PDF-Viewer Ihrer Wahl (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie die kostenlose App Adobe Digital Editions oder eine andere Lese-App für E-Books (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nur bedingt: Kindle)

Das Dateiformat PDF zeigt auf jeder Hardware eine Buchseite stets identisch an. Daher ist eine PDF auch für ein komplexes Layout geeignet, wie es bei Lehr- und Fachbüchern verwendet wird (Bilder, Tabellen, Spalten, Fußnoten). Bei kleinen Displays von E-Readern oder Smartphones sind PDF leider eher nervig, weil zu viel Scrollen notwendig ist. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

21,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
PDF mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
Hinweis: Die Auswahl des von Ihnen gewünschten Dateiformats und des Kopierschutzes erfolgt erst im System des E-Book Anbieters
E-Book bestellen