Was ist Nietzsches Zarathustra?

Eine philosophische Auseinandersetzung
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 3. Februar 2017
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  • 238 Seiten
 
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978-3-406-70795-7 (ISBN)
 
Also sprach Zarathustra ist das berühmteste und das rätselhafteste Werk Nietzsches. Der Philosoph nahm für sich in Anspruch, der Menschheit mit seiner Dichtung das tiefste Buch gegeben zu haben. Um Klarheit über seine "Gabe", eine Parodie der Bibel, zu gewinnen, lautet die entscheidende Frage: Was ist Nietzsches Zarathustra? Ein Erkennender oder ein Gesetzgeber? Ein Versucher oder ein Religionsstifter? Ein Philosoph oder ein Prophet? Heinrich Meiers Buch versucht am Leitfaden der Frage, ob Zarathustra ein Philosoph oder ein Prophet ist, zum Kern des Dramas vorzustoßen. Es begreift Nietzsches Buch für Alle und Keinen als ein Unternehmen der Klärung und der Scheidung, der Selbstverständigung und der Selbstvergewisserung. Es versteht Zarathustra weder als bloßes Gefäß einer Lehre noch als schlichtes Sprachrohr seines Schöpfers. Es bezieht den Gang der Handlung und die Ereignisse ausdrücklich in die philosophische Auseinandersetzung ein und schenkt dem inneren Dialog und der Rolle der Adressaten, der Charakterisierung der Figuren und Situationen nicht minder Beachtung als den Doktrinen. Das Ergebnis der eindringlichen Auslegung von Also sprach Zarathustra ist ein neues Verständnis von Nietzsche und der vielerörterten Lehren des Übermenschen, des Willens zur Macht und der Ewigen Wiederkunft.
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
  • 4,23 MB
978-3-406-70795-7 (9783406707957)
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Heinrich Meier leitet die Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München und lehrt als Honorarprofessor für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie als ständiger Gastprofessor am Committee on Social Thought der University of Chicago.

Vorwort

Was ist Nietzsches Zarathustra?

Erster Teil

Zweiter Teil

Dritter Teil

Vierter und letzter Teil

Namenverzeichnis

Auch an der Einsamkeit leiden ist ein Einwand.

Friedrich Nietzsche: Ecce homo

I


Die Tragödie beginnt mit der ersten Rede Zarathustras. Sie ist an die Sonne gerichtet und geht der Rede auf dem Markt voraus, «welche man» nach dem Zeugnis des neuen Evangelisten «auch heisst».[9] Wir können ihr entnehmen, was es mit der Verwandlung auf sich hat, die Zarathustra bestimmt, das Gebirge zu verlassen, in dem er «zehn Jahre nicht müde» wurde, «seines Geistes und seiner Einsamkeit» zu genießen. Offenbar glaubt er, der Weisheit mehr als genug zu haben, und sehnt sich nach Abnehmern für seinen vermeintlichen Überfluß: «Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die des Honigs zu viel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich ausstrecken.» Seine Weisheit ist ihm, genauer besehen, nicht genug, weil er sich selbst nicht genug ist. Er trachtet danach zu geben, zu schenken, zu schaffen und hofft auf die Empfänglichkeit, die Liebe, das Mitschaffen derer, zu denen er hinabsteigen will. Die eigene Bedürftigkeit spiegelt er in der vorgestellten Bedürftigkeit der Sonne, zu der Zarathustra, wie der Erzähler berichtet, «also sprach»: «Du grosses Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht Die hättest, welchen du leuchtest!/Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Höhle: du würdest deines Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler und meine Schlange./Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen Überfluss ab und segneten dich dafür.» Zarathustra verbindet sein Glück, so scheint es, mit seinem Sein für andere, mit seiner Wirkung auf ihr Geschick. Um eines zukünftigen Glücks willen ist er bereit, sich in die Abhängigkeit der Menschen zu begeben, ein Unterfangen, für das er sich eines ungeteilten kosmischen Rückhalts versichert. Nicht nur für das erhoffte Glück beruft er sich auf den Stern, der am hellsten leuchtet, auch seine Tat soll im Einklang mit der Sonne stehen und ihrem Vorbild folgen: «Ich muss, gleich dir, untergehen, wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab will.» Schließlich erbittet er für sein Handeln, mit dem er sich anschickt, den «Abglanz» der Wonne des großen Gestirns «überallhin» zu tragen, ausdrücklich den höchsten Segen. Dabei ist er sich gewiß, die Bitte an ein «ruhiges Auge» zu richten, «das ohne Neid auch ein allzugrosses Glück sehen kann». Zarathustra wird nicht im Namen und im Auftrag eines eifrigen Gottes zu den Menschen sprechen. Aber die Abhängigkeit, die er eingeht, um seine Mission zu erfüllen, ist im Unterschied zur imaginären Abhängigkeit des Adressaten der Rede höchst real. Und der Untergang, der ihm bevorsteht, ist anders als der alltägliche Untergang der Sonne kein Naturereignis. Zarathustra wird nicht als einundderselbe seine immergleiche Bahn ziehen, hinab- und wieder hinaufsteigen. Wenn der Erzähler im zwölften Vers von «Zarathustra's Untergang» spricht, spricht er von einem geschichtlichen Ereignis. Ihm liegt die weitreichende Sinnesänderung zugrunde, auf die der erste Vers verweist und die Zarathustra am Ende in die Worte faßt: «Zarathustra will wieder Mensch werden.» Die Rede, in der Zarathustra sich an die Sonne wendet und sich mit sich selbst verständigt, zeigt uns die Wandlung zum Propheten.[10]

Der inneren Wandlung folgt das äußere Bekenntnis. Es findet sich in drei Sätzen ausgesprochen: Ich liebe die Menschen. Ich bringe ihnen ein Geschenk. Ich lehre sie den Übermenschen. «Ich liebe die Menschen» ist der erste Satz, den Zarathustra an einen Menschen richtet. Zarathustra antwortet auf die Frage eines Greises, der seinen Weg nach unten kreuzt, weshalb Zarathustra seine Einsamkeit aufgeben will. Er erkennt in Zarathustra einen anderen Prometheus, der sein Feuer zu Tale trägt: «Fürchtest du nicht des Brandstifters Strafen?» Die Erwiderung des Heiligen im Wald, daß er jetzt Gott, nicht mehr die Menschen liebe, da der Mensch ihm «eine zu unvollkommene Sache» sei, veranlaßt Zarathustra zu erklären: «Was sprach ich von Liebe! Ich bringe den Menschen ein Geschenk.» Zarathustra liebt die Menschen nicht als das, was sie sind, sondern als Empfänger seines Geschenks, als das, was sie durch ihn werden können. Der dritte Satz schließlich bestimmt das Geschenk als eine Forderung. «Ich lehre euch den Übermenschen» beginnt Zarathustra, als er die seiner Höhle am nächsten gelegene Stadt erreicht hat, unvermittelt, ohne sich vor seinen Zuhörern auszuweisen oder sie auf seine Lehre vorzubereiten, die berühmte Rede auf dem Markt. Er fährt fort: «Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?» Der Prophet liebt, verheißt und fordert. Seine Liebe geht auf die Veränderung des Menschen. Seine Forderung gilt der Überwindung des Bestehenden. Sein Geschenk ist eine Lehre, die der Menschheit ein Ziel setzen, dem Leben der Menschen einen Sinn geben, dem Menschen einen Ort im Ganzen zuweisen soll. In der Lehre vom Übermenschen, die die Rede zum Volk umreißt, werden wir des «Überflusses» an Weisheit ansichtig, den Zarathustra als Schenkender austeilen oder mit dem er als Schaffender einen Versuch unternehmen will. An die Spitze der in drei Stücken vorgetragenen, dreimal ansetzenden Rede stellt Zarathustra den Aufruf, daß der Mensch sich ins Ganze einfüge, indem er das Übersichhinausschaffen zum Gegenstand seines Willens mache. «Alle Wesen bisher schufen Etwas über sich hinaus». Wenn die Menschheit nicht hinter den anderen Spezies zurückbleiben oder aus der Entwicklungsgeschichte herausfallen will, darf sie sich nicht als ein Ende betrachten. «Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgend ein Affe.» Die Lehre vom Übermenschen entspricht, so gibt Zarathustra zu verstehen, den Erfordernissen des Lebens selbst und bringt den Menschen in Übereinstimmung mit dessen Grundprinzip. Doch sie macht nicht bei einer allgemeinen Einordnung Halt. Vielmehr spricht sie dem Menschen einen besonderen, ihn vor allen anderen auszeichnenden Zweck zu. Denn sie betraut ihn mit nichts Geringerem als dem natur- und weltgeschichtlichen Auftrag, den Sinn der Erde hervorzubringen. Zarathustra verkündet im siebten Vers der Rede: «Der Übermensch ist der Sinn der Erde.» Und da kein Sinn ist, der nicht als Sinn bejaht wird, doppelt er die Aussage im selben Vers durch die Aufforderung: «Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde!» Diese Wendung macht den Sinn, an dem alles auszurichten und von dem her alles zu begreifen sein soll, was für den Menschen von Gewicht ist, zu einer Sache der Zukunft. Aus dem Zweck der radikal futuristischen Sinngebung bestimmt sich eine neue Ordnung von Wertschätzungen, von Verehrungen und Verachtungen, von Geboten und Verboten. Zarathustra verankert den verheißenen Höhepunkt in entschiedener Diesseitigkeit, bietet irdische Verpflichtungen gegen überirdische Hoffnungen auf, erklärt, da «Gott starb», «jetzt» den Frevel an der Erde zum «Furchtbarsten» und setzt den Affekt des Ekels gegen alles ein, was geeignet ist, den Menschen in einem «erbärmlichen Behagen» festzuhalten. Gegen das Herabsinken des Glücks, der Vernunft und der Tugend in ein solches «erbärmliches Behagen» stellt er ein Glück, das «das Dasein selber» zu «rechtfertigen» hat, eine Vernunft, die «nach Wissen wie der Löwe nach seiner Nahrung» begehrt, und eine Tugend, die «rasen» macht. Die Lehre vom Übermenschen als Lehre des Aufbruchs, der Überschreitung, der höchsten Aspiration hat die Überwindung des «erbärmlichen Behagens» zum ersten Ziel, da sie im «erbärmlichen Behagen» das erste Hindernis auf dem Weg zur Größe wie auf dem Weg zur Vortrefflichkeit sieht. «Nicht eure Sünde - eure Genügsamkeit schreit gen Himmel». Gegen die Selbstzufriedenheit und Anspruchslosigkeit beschwört Zarathustra die dionysische und platonische Mania: «Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden müsstet?/Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, der ist dieser Wahnsinn!» Zarathustra spricht nicht nur als ein Prophet, er spricht auch wie ein Prophet.[11]

Da Zarathustra bei der Menge, die sich auf dem Markt eingefunden hat, um sich am Schauspiel eines Seiltänzers zu ergötzen, mit seiner Rede nur Gelächter erntet, wählt er für den zweiten Teil einen anderen Ansatz: «Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch, - ein Seil über einem Abgrunde.» Mit dem Bild des Seiles geht Zarathustra einen...

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