Einsame Klasse

Das Leben der Marlene Dietrich
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. Mai 2017
  • |
  • 576 Seiten
 
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978-3-406-70570-0 (ISBN)
 
Vamp, Diva, Legende: Es sind immer dieselben Begriffe, die mit Marlene Dietrich verbunden werden und den Blick auf sie verstellen. Diese Ausnahmeperson war widersprüchlicher, moderner und kompromissloser als jeder andere Hollywoodstar. Doch was diese Frau so außergewöhnlich machte, zeigt sich erst, wenn sie in ihrer Zeit gesehen wird.
Marlene Dietrich zog Hosen an, als Frauen dafür auf offener Straße Prügel ernteten. Sie holte ihr Kind nach Hollywood, als Muttersein das Aus für einen erotischen Filmstar bedeutete. Sie widerstand den Lockrufen Hitlers, als viele ihrer Kollegen umfielen. Und sie begann in einem Alter eine zweite Bühnenkarriere, in dem andere für immer abtraten. Eva Gesine Baur hat sich auf die Fährte einer Persönlichkeit begeben, die sich systematisch dem Zugriff entzog und immer noch Rätsel aufgibt: Wie konnte eine Frau, deren Liebhaber Erich Maria Remarque, Gary Cooper, Jean Gabin, John F. Kennedy und Yul Brynner hießen, sich als nicht schön bezeichnen? Warum zweifelte sie an ihren schauspielerischen Fähigkeiten? Wie kam es, dass diese umschwärmte Diva ein Leben lang über Einsamkeit klagte? Und was war der Grund dafür, dass der Mensch, den Marlene Dietrich am meisten liebte, ihre Liebe nicht zu erwidern imstande war - das einzige Kind?
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
mit 40 Abbildungen
  • 5,44 MB
978-3-406-70570-0 (9783406705700)
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Eva Gesine Baur ist promovierte Kunsthistorikerin und hat zudem Literatur- und Musikwissenschaft, Psychologie und Gesang studiert. Sie hat zahlreiche Bücher über kulturgeschichtliche Themen und unter dem Namen Lea Singer mehrere Romane veröffentlicht. 2010 wurde ihr der Hannelore-Greve-Literaturpreis für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der deutschsprachigen Literatur verliehen. 2016 erhielt sie den Schwabinger Kunstpreis.

I Die Außenseiterin: Eine Kindheit in Berlin 1901 bis 1914 II. Eine Schwärmerin: Teenager in Berlin und Dessau 1915 bis 1918 III. Die Haltlose: Studentin in Weimar und Berlin 1919 bis Mai 1923 IV. Die Suchende: Theatererfahrungen in Berlin Mitte 1923 bis Mitte 1927 V. Ein Arbeitstier: Filmchancen in Wien und Berlin Herbst 1927 bis März 1930 VI. Die Aufbrecherin: Karriere in Hollywood, Familie in Berlin April 1930 bis Mai 1933 VII. Die Rastlose: Star zwischen Paris, New York und Los Angeles Mai 1933 bis Sommer 1937 VIII. Die Jägerin: Liebe und Leere Juni 1937 bis Anfang September 1939 IX. Die Amerikanerin: Einsatz für die neue Heimat Mitte September 1939 bis Ende 1943 X. Die Soldatin: An der Front und erste Nachkriegszeit 1944 bis 1947 XI. Eine Frau um die Fünfzig: Krise und Neubeginn 1948 bis 1953 XII. Die Einsame: Showstar weltweit 1954 bis 1959 XIII. Die Heimkehrerin: Bewunderung und Hass 1960 bis 1963 XIV. Das Phänomen: Eine Alterskarriere 1964 bis 1969 XV. Die Unbelehrbare: Verdunkelung und Absturz 1970 bis 1976 XVI. Der Mythos und sein Preis: Vereinsamung im Herzen von Paris 1977 bis 1992 Epilog Anmerkungen Bibliographie Bildnachweis Register

I. DIE AUSSENSEITERIN: EINE KINDHEIT IN BERLIN


1901 bis 1914


Sie sitzt auf einer der hinteren Bänke in dem großen Klassenzimmer der Auguste-Viktoria-Schule in der Nürnberger Straße 63. Eine der typischen Schulkasernen der Kaiserzeit mit schweren Türen, vier Meter hohen Räumen und langen, dunklen Fluren, die Kinder einschüchtern. Reine Mädchenschule selbstverständlich, eröffnet 1901, im Jahr ihrer Geburt, in Charlottenburg bei Berlin.

Das Mädchen auf einer der hinteren Bänke heißt Marie Magdalene Dietrich, nicht Maria Magdalena; sie ist etwas Besonderes, sagt dieser Name. Ganz aufrecht sitzt sie da, die glänzend polierten weißen Stiefeletten eng geschnürt, das Kleid mit gestärktem weißem Kragen frisch gebügelt, auf dem Kopf eine große Taftschleife. Ein Fleck auf der Kleidung oder gar ein Loch irgendwo wäre in den Augen ihrer Mutter eine öffentliche Blamage.

Eigentlich müsste Marie Magdalene von allen gemocht werden. Von den Lehrerinnen, weil ihre Leistungen gut sind, vor allem in Englisch, Französisch und Musik, und weil sie beste Manieren hat. Von den Mitschülerinnen, weil sie jede abschreiben lässt und keine verpetzt, die sie ärgert. Sie müsste sich auch selbst mögen. Ihre Haut ist weiß, ungewöhnlich leuchtend weiß und glatt. Ihre dunkelblonden Locken schimmern rötlich, ihr Gesicht ist zum Nachmessen symmetrisch, die Stirn hoch und rund, ihre Stimme angenehm. Ihre Arme und Hände sind weich und rundlich, die Augen tiefblau. Sie kann sich gut bewegen, auf Haltung wird daheim geachtet, und seit sie fünf Jahre alt ist, bekommt sie private Turnstunden. Ihre Mutter macht keinen Hehl daraus, dass ihr die jüngere ihrer beiden Töchter mehr bedeutet, schon weil die dem Vater Louis Dietrich ähnlicher sieht, und den hat sie mit einundzwanzig geheiratet, weil er ihr gefiel, nur deswegen.

Josephine Dietrichs zweite Tochter wäre gern ein Sohn, auch wenn sie Schleifen und Rüschen liebt; ihre Mutter geht darauf ein. Sie bringt ihr zwar bei, was nur Mädchen lernen müssen, damit sie später ihre Dienstboten beaufsichtigen können: Nähen, Stoffservietten richtig falten, die Perserteppiche mit Schwarztee reinigen, Gugelhupf backen, Tisch decken, alltags mit dem Hutschenreuther, feiertags mit dem Meißener Porzellan, Silber putzen, die Kristallgläser polieren, die Bücher in der Bibliothek mit einem weichen Pinsel abstauben. Aber sie lässt zu, dass Marie Magdalene mit den älteren Jungen aus dem Haus spielt, Karl Mays Winnetou-Romane verschlingt, dass sie Indianer sein und Paul genannt werden will. Manchmal spricht die Mutter den Namen französisch aus, deshalb schreibt sie ihn Pol oder Polchen.

Josephine Dietrich will perfekt sein, und auch ihr Haushalt ist tadellos. Da gibt es eine Gouvernante und ein Dienstmädchen und regelmäßig Einladungen für Gäste. Ihren Töchtern finanziert sie Französisch-, Englisch- und Musikunterricht. Marie Magdalene übt Klavier und Geige und hatte schon vor der Schule lesen und schreiben gelernt. Nicht mit irgendeiner Fibel, sondern mithilfe eines Gedichts von Ferdinand Freiligrath, das gerahmt und verglast im Salon hängt. Grammatik und Logik hält Josephine Dietrich für so unverzichtbar wie Abhärtung mit kalten Bädern.

Der Tagesablauf der beiden Töchter ist lückenlos durchgeplant von morgens früh bis abends. Marie Magdalene hat ihn sich aufgeschrieben, obwohl sie ihn auswendig weiß:

8.00-13.00 Schule

13.30-14.00 Mittagessen

14.00-15.00 Schularbeiten

15.00-18.30 Spazierengehen, Musik, Turnen

18.30-19.30 Schularbeiten

19.30-20.00 Abendbrot

20.30 Bettzeit

Aber irgendetwas stimmt nicht. Marie Magdalene hat keine Freundinnen, nicht eine einzige. Sie fühlt sich wie in einer für sie reservierten Zelle und behauptet, es komme daher, dass sie die Jüngste in der Klasse ist; sie war erst sechs Jahre und drei Monate alt, als sie nach Ostern eingeschult wurde. Doch sie weiß, dass das alleine nicht der Grund ist. Jungen, die für sie schwärmen, gibt es genug. Die Schwester Elisabeth, fast zwei Jahre vor Marie Magdalene geboren, ist als Freundin ungeeignet; ihr traut Marie Magdalene nicht. Elisabeth, Liesel gerufen, ist die Zukurzgekommene und spürt das. Klaglos räumt sie hinter der Kleinen drein und nennt sie Pussycat.

Josephine Dietrich ist streng und hat längst bemerkt, dass sie ein Auge auf die jüngere Tochter haben muss. Ihre ältere hat sie zur Aufpasserin ernannt und erwartet, dass die ihr Bericht erstattet. Beide Töchter haben Angst vor dieser Mutter mit ihrer dröhnenden Stimme und ihren eisernen Prinzipien. Als Freundin scheidet die Mutter also ebenfalls aus. Tante Valeska, Vally genannt, ist anscheinend aufgefallen, dass Marie Magdalene jemanden braucht, dem sie ihre Geheimnisse anvertrauen kann. Valeska von Losch, keine fünfzehn Jahre älter als Marie Magdalene, ist streng genommen keine Tante. Sie ist die jüngste Schwester von Louis Dietrichs bestem Freund Eduard von Losch, acht Jahre jünger als Louis, aber schnell avanciert beim Militär. Die dritte Schwester des Hauptmanns von Losch ist für Marie Magdalene der Inbegriff mondäner Eleganz, jeder Besuch von ihr ein Fest und jedes Geschenk ein Schatz. Zu Ostern 1912 schenkt sie der jüngeren Dietrich-Tochter ein kleines abschließbares Tagebuch, in rotes marokkanisches Leder gebunden. Marie Magdalene gibt ihm einen Namen: Rotchen. Sie spricht mit ihm wie mit der besten Freundin. Dass es die nicht gibt, macht ihr die Mutter zum Vorwurf. Marie Magdalene findet das ungerecht. [.] ma maman hat mir natürlich 'ne Rede gehalten über Freundinnen. Was kann ich dafür, dass ich keine Freundinnen habe. [.] Also mit den Freundinnen in der Klasse, ich sitz doch nu bei den Juden u. maman sagt, ich soll mir einen isolierten Platz geben lassen.

Es leben 130.000 Juden im Großraum Berlin, die ärmsten dicht gedrängt im Scheunenviertel, die vermögenden in Charlottenburg oder in der Nähe des Tiergartens. Aber für Josephine Dietrich gehören sie dennoch zu einer anderen Gesellschaft. Unter ihren Freunden und Bekannten gibt es keine Juden. Sie teilt die Menschen so strikt ein wie den Alltag ihrer Töchter.

Es sind die Mädchen, die Marie Magdalene nicht mögen. Die Jungen schwärmen schon für sie, seit sie zehn ist. Auf der Eisbahn war es sehr schön. Ich bin hingefallen, da kamen gleich 'ne Menge Bengels an. Adieu fürs Erste, süßes Rotchen. Viele Küsse [.]. Da war sie gerade zwölf. Marie Magdalene genießt es, begehrt zu werden, was die Schwester nicht mitbekommen darf. Liesel ist immer so furchtbar anständig. Manche der Verehrer sind offenbar übergriffig. Aber Marie Magdalene scheint das nicht unangenehm zu sein. Nachdem sie mit einem gewissen Herrn Schultz einen Ausflug an die Ostsee gemacht hat, in den Saatwinkel, vertraut sie ihrem Tagebuch an: Ich habe auf seinem Schoß gesessen. Liebes Rotchen, du kannst dir nicht denken, wie wunderbar es war. Am 17. Januar 1914 offenbart Marie Magdalene, gerade erst dreizehn geworden, der stummen Freundin: Auf der Eisbahn spielen sie jetzt immer: «Die Männer sind alle Verbrecher», stimmt, ausgenommen gewisse Leute (Losch, Papa, Onkel Willy) u. denn vielleicht noch jemand mit F. S.? Na, ich will jetzt nicht ausschreiben, es könnte mal jemand aufschließen.

Sie ist ungewöhnlich misstrauisch und vorsichtig für ein Kind, das geliebt, von manchen Tanten vergöttert und von der reichen Großmutter Felsing verwöhnt wird. Früh hat sie gelernt zu verschweigen und zu verheimlichen, was die Mutter nicht duldet. Das ist aus deren Sicht bereits eine Form der Lüge. Marie Magdalene weiß, dass sie anders ist als Liesel, als die Klassenkameradinnen, als die übrigen Mädchen auf der Straße, auf der Eisbahn. Von denen wird sie geärgert, auch provoziert. Heute hat mir Steffi Berliner mindestens sechsmal die Mütze heruntergerissen, na, und ich bin böse. Ich hab' nun schon einen Tadel und fünf Rügen, ich hoffe stark, noch gut zu bringen in Betragen [.]

Wie jedes Kind verunsichert es Marie Magdalene, dass sie ausgestoßen ist, nicht angenommen wird. Aber sie ist überzeugt, dass ihr Verhalten nicht der Grund dafür ist. Es muss daran liegen, dass die Normalen das Besondere nicht mögen. Sie zieht sich anders an, sie benimmt sich distanziert. Also wird sie jedem zeigen, dass sie gerne anders und besonders ist. Während die Lehrerin über Goethes Iphigenie auf Tauris spricht, Iphigenie, die gegen die Konventionen verstößt und damit Größe zeigt, macht sich Marie Magdalene dazu mit dem Füller Notizen in ihrem Schulheft. Aber es...

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