Die chinesische Kulturrevolution

1966-1976
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 31. März 2016
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  • 128 Seiten
 
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978-3-406-68840-9 (ISBN)
 
Die "Große Proletarische Kulturrevolution" zählt zu den prägendsten Ereignissen der neueren chinesischen Geschichte. Die Auswirkungen dieses Kontinuitätsbruchs prägen die Kommunistische Partei Chinas und die chinesische Gesellschaft bis heute. Gegen die noch immer andauernde Mystifizierung der Kulturrevolution setzt Daniel Leese auf eine umfassende Historisierung. Anschaulich informiert er über Ursachen, Verlauf und Folgen. Im Fokus steht nicht nur die Rolle Mao Zedongs, sondern auch gesellschaftliche Entwicklungen und regionale Unterschiede.
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978-3-406-68840-9 (9783406688409)
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Daniel Leese lehrt Sinologie mit dem Schwerpunkt "Geschichte und Politik des Modernen China" an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

I. Vexierbild Kulturrevolution Kontroversen und staatliche Zensur Chronologien II. Ursachen und ideologische Grundlagen Machtpolitische Ursachen Ideologische Ursachen Gesellschaftliche Ursachen III. Historische Allegorien und der Sturz des Parteiestablishments Gezielte Putsche Aufruhr an Schulen und Universitäten Großes Chaos unter dem Himmel IV. Kulturrevolution Führerkult und Roter Terror Rotgardisten und die Frage des Klassenhintergrunds Die Shanghai-Kommune und die ersten Revolutionskomitees Wuhan-Zwischenfall Gewaltsame Konflikte in den Regionen Der große strategische Plan und das Ende der Massenbewegung V. Staatliche Repression und Militärdominanz Säuberungskampagnen und Opferzahlen Neunter Parteitag und Kriegsszenarien Die Lin-Biao- Affäre VI. Nachfolgekämpfe und gesellschaftlicher Wandel Innenpolitische Konsolidierung und außenpolitische Wende Kulturrevolution und Wirtschaft Gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen Nachfolgekonflikte und der Tod Mao Zedongs Schluss Abkehr und offizielle Bewertung Jenseits von Nostalgie und politischer Instrumentalisierung Wichtige Akteure der Kulturrevolution Literaturempfehlungen Personen- und Ortsregister

II. Ursachen und ideologische Grundlagen


Trotz aller berechtigten Kritik an einer einzig auf die Taten «großer Männer» fixierten Geschichtsschreibung: Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass ohne Mao Zedong die Kulturrevolution nicht stattgefunden hätte. Aber gleichermaßen gilt, dass ohne die Existenz fundamentaler Konflikte in der chinesischen Gesellschaft die Bewegung niemals eine solche Dynamik, Gewalttätigkeit und Breitenwirkung entfaltet hätte. Die Ursachen der Kulturrevolution sind komplex und lassen sich ohne ein Verständnis der innerchinesischen wie internationalen Entwicklungen, insbesondere seit Mitte der 1950er Jahre, nicht nachvollziehen. Die Kommunisten verdankten ihren Erfolg im Bürgerkrieg (1946-49) gegen die Guomindang, der von Sun Yat-sen gegründeten Nationalen Volkspartei Chinas, nicht zuletzt der Geschlossenheit ihrer Führungsspitze und einer einheitlichen Zukunftsvision. Beinahe bis an die Jahrtausendwende prägten Teile dieses Führungskollektivs die Politik der Volksrepublik. Die Kommunistische Partei hatte sich im Gefolge des mythisch überhöhten Langen Marsches in Yan'an, einer ärmlichen, abgelegenen Region am Mittellauf des Gelben Flusses in der Provinz Shaanxi, konsolidiert. Auch während der Kriegsjahre blieben die Kommunisten vergleichsweise geschützt vor den Angriffen japanischer Truppen, die Chinas Ostküste besetzt und etwa in Nanjing furchtbare Massaker verübt hatten. Trotz dieser peripheren geographischen Lage avancierte die Kommunistische Partei durch eine kluge Medienstrategie zum Sprachrohr des antiimperialistischen Widerstands und gewann hierdurch Rückhalt in der Bevölkerung.

In Yan'an erfolgte auch Mao Zedongs Durchsetzung zum unumstrittenen Führer der Partei, die auf dem Siebten Parteitag im Frühsommer 1945 formal bestätigt wurde. Mao forcierte mit Hilfe politischer Unterstützer den Aufbau eines Personenkults, der sowohl vom stalinistischen Vorbild als auch von der konkurrierenden Propagierung Chiang Kai-sheks als Führer der chinesischen Nation beeinflusst wurde. Seine Schriften bildeten den Kern der sogenannten Ausrichtungskampagne in den Jahren 1942-44. Ziel dieser Kampagne war die machtgestützte Vermittlung einer einheitlichen Weltsicht und Terminologie für die rapide gewachsene Anzahl an Parteimitgliedern. Innerhalb der Yan'an-Dekade stieg deren Zahl von etwa 40.000 auf über 1,2 Millionen an. Die Vermittlung einer geteilten Vision für die Zukunft, basierend auf den «sinisierten» Lehren des Marxismus-Leninismus, sollte sich als zentral für die Sicherung der Parteieinheit erweisen. Überdies erhob die Kampagne Maos Schriften und Konterfei zu den zentralen Symbolen der kommunistischen Bewegung. Parallel fand eine unter dem Namen «Rettungsbewegung» firmierende Säuberungsaktion statt, die Kritiker Maos, wie den Dichter Wang Shiwei oder den vormaligen Parteiführer Wang Ming, gewaltsam ausschaltete. Nach Konsolidierung seiner Macht innerhalb der Partei wuchs Mao Zedongs öffentliches Ansehen durch den Sieg im Bürgerkrieg erheblich, so dass die Situation an der Parteispitze in den frühen 1950er Jahren mit «Hofpolitik» verglichen worden ist. Innerparteiliche Rankünen, etwa die Affäre um die Putschpläne der Parteikader Gao Gang und Rao Shushi, verwiesen auf schwelende Konflikte zwischen unterschiedlichen regionalen Gruppierungen innerhalb der Partei. Entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg einzelner Strömungen blieb jedoch die Unterstützung durch Mao Zedong, der trotz des formalen Primats kollektiver Führung seine Kollegen an Macht und öffentlichem Ansehen weit überragte.

Mit der Gründung der Volksrepublik China im Oktober 1949 veränderte sich die Rolle der Partei fundamental. Sie herrschte nicht länger über kleinteilige Sowjetgebiete, sondern etablierte eine landesweite Diktatur mit Hilfe eines umfangreichen bürokratischen Apparats. Die Anzahl der Funktionäre, auch Kader genannt, verdreifachte sich allein zwischen 1949 und 1957 beinahe, von rund 3 Millionen auf über 8 Millionen. Mao Zedong beobachtete die Gefahren einer Routinisierung und Bürokratisierung der revolutionären Bewegung von Anfang an mit Argwohn und veranlasste persönlich eine Abfolge von Massenkampagnen, um die Dynamik der Revolution zu wahren. Die Kampagnen richteten sich gegen vormalige Eliten, gegen Korruption in Wirtschaft und Verwaltung sowie gegen vermutete Gegner innerhalb der Partei. Die gewaltsamen und stets exzessiven Massenkampagnen blieben ein zentrales Element der chinesischen Politik, obgleich sich die Parteiführung ansonsten in den ersten Jahren nach der Staatsgründung politisch und wirtschaftlich verstärkt am Vorbild der Sowjetunion ausrichtete. Mit dem Tod Stalins im Jahr 1953 wurden zunehmende Spannungen im Verhältnis zur Führungsnation des sozialistischen Lagers deutlich. Greifbar wurde der Konflikt im Gefolge der Geheimrede Nikita Chruschtschows auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Jahr 1956. Chruschtschow kritisierte den stalinistischen Personenkult und die Terrorherrschaft des ehemaligen Parteiführers scharf. Die chinesische Seite war über die Rede im Voraus nicht informiert worden. Sie hielt weder die Faktenlage noch den Bewertungsmaßstab für angemessen und artikulierte dies auch öffentlich. Nicht zuletzt warf die Rede die Frage nach einer Übertragbarkeit der Kritik auf die chinesische Situation auf. Doch anders als in vielen Staaten Osteuropas, die erst durch den Ausgang des Zweiten Weltkriegs zu Satelliten der Sowjetunion gemacht worden waren, konnte sich die Kommunistische Partei Chinas zu diesem Zeitpunkt als Führungsorganisation einer nationalen Befreiungsbewegung auf weitgehenden Rückhalt in der Bevölkerung verlassen. Dennoch bestärkten die Folgen der Entstalinisierungspolitik für die Einheit des sozialistischen Lagers in Osteuropa, insbesondere in Polen und Ungarn, die chinesische Parteiführung in einer kritischen Analyse des sowjetischen Vorbilds und der Suche nach einem eigenen sozialistischen Entwicklungspfad. Mao Zedong wandte sich hierbei insbesondere gegen die dogmatische Auslegung fremder Vorbilder und setzte wie bereits in Yan'an auf eine flexible Reaktion hinsichtlich der sich stets neu präsentierenden Widersprüche und Probleme in der chinesischen Gesellschaft. Der von Mao persönlich forcierte Versuch, Unzulänglichkeiten der Parteidiktatur im Rahmen der «Hundert-Blumen-Bewegung» (1956/57) durch Kritik von Nicht-Parteimitgliedern, insbesondere von Intellektuellen, aufzeigen zu lassen, wurde von Teilen der Parteiführung als gravierender Fehler betrachtet, da er die Führungsrolle der Partei unterminierte. Als kritische Äußerungen einzelner Individuen an der Allmacht der Parteibürokratie wie auch an ihrem Vorsitzenden zu zirkulieren begannen, änderte Mao seine Position, stellte sich schützend vor den Parteiapparat und rechtfertigte seine Maßnahme als taktische Finte, um versteckte Kritiker zu entlarven. Anstelle der ursprünglich avisierten etwa 4000 Parteigegner wurden über 550.000 Personen als «Rechtsabweichler» gebrandmarkt und zur ideologischen Umerziehung auf das Land geschickt.

Zum offenen Bruch mit der Sowjetunion führten jedoch erst die politischen Entwicklungen im Umfeld des Großen Sprungs nach vorne (1958-61). Unzufrieden mit dem Tempo der sozialistischen Transformation der Volksrepublik China, hatte Mao 1958 die Kollektivierung der Landwirtschaft, die Aufhebung traditioneller Familienstrukturen sowie die Industrialisierung des ländlichen Raumes angeordnet. Unter der tatkräftigen Leitung des Parteisekretärs Deng Xiaoping wurde die Kampagne landesweit umgesetzt und lokale Parteifunktionäre zur Umsetzung von Höchstleistungen in der Produktion angespornt. In einem von innerparteilichen Abhängigkeitsverhältnissen geprägten Umfeld meldeten die Regionen zunehmend unrealistische Erträge sowohl im Agrar- wie Industriesektor an die zentralen Planungsbehörden, die auf Basis dieser Kalkulationen viel zu hohe Getreidemengen requirierten, nicht zuletzt für den Export und die Begleichung internationaler Kredite. Über Fehlentwicklungen informiert, agierte Mao zunächst mit moderaten Anpassungen. Persönlich geäußerte Kritik des Verteidigungsministers Peng Dehuai an der Politik des Großen Sprungs auf der Lushan-Konferenz im Spätsommer 1959 verstand Mao indessen als Angriff auf seine Führungsautorität und als Aufkündigung der Loyalität durch die Militärspitze. Nicht zuletzt vermutete er sowjetischen Einfluss hinter der Kritik, da sich Chruschtschow mehrfach abschätzig über den Großen Sprung geäußert hatte und Peng unmittelbar zuvor von einer Reise in die Sowjetunion zurückgekehrt war. Mao verschärfte die desaströsen wirtschaftlichen Maßnahmen des Großen Sprungs erneut und er trägt damit die historische Verantwortung für die größte Hungersnot der Weltgeschichte. Aktuelle Schätzungen gehen von...

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