Der Wächter von Pankow

 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. August 2015
  • |
  • 237 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-406-68187-5 (ISBN)
 
"Ich würde ja gerne", sagt der Erzähler in Jochen Schmidts Titelgeschichte, "die letzten 30 Jahre meines Lebens damit verbringen, mir die ersten 30 Jahre als Film anzusehen", auch weil seine erste Freundin immer meinte, mit 30 bereits tot sein und niemals Kinder haben zu wollen. Jetzt hat sie ein Kind und wundert sich, dass sie sich bei der Wiederbegegnung nach 13 Jahren umarmen, weil das doch immer die Wessis machen. Aber der Ich-Erzähler möchte nicht tot sein, sondern endlich eine Duschkabine besitzen. Und er möchte ein richtiges Schriftstellerleben führen, wenn er nur wüsste, wie das geht - es gibt ja so viele Vorbilder. In ihrer Genauigkeit, Gegenstandsverliebtheit, Anhänglichkeit und Komik liefern die neuen Geschichten von Jochen Schmidt so etwas wie diesen Film der ersten 30 Jahre, retten, was verloren gegangen ist, und verheddern sich in nicht enden wollender, komischer Grübelsucht - nicht nur in Fragen eines richtigen Schriftstellerdaseins. Dasjenige von Jochen Schmidt kann jedenfalls so falsch nicht sein, wenn dabei immer wieder so wunderbar eigensinnige Geschichten entstehen.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
mit 13 Abbildungen
  • 3,50 MB
978-3-406-68187-5 (9783406681875)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jochen Schmidt ist 1970 in Berlin geboren und lebt dort. Er liest jede Woche in der Chaussee der Enthusiasten, hat bei C.H.Beck die Erzählbände "Triumphgemüse" (2000) und "Meine wichtigsten Körperfunktionen" (2007) sowie die Romane "Müller haut uns raus" (2002) und "Schneckenmühle" (2013) und, gemeinsam mit Line Hoven, u. a. "Schmythologie" (2013) veröffentlicht.
  • Intro
  • Titel
  • Über das Buch
  • Über den Autor
  • Inhalt
  • Der Wächter von Pankow
  • Briefmarken aus Israel
  • Dallmayr Prodomo
  • Proust-Hörbuch
  • Mir passiert immer etwas
  • Refugium der Erfolglosen
  • Gebrauchsspuren
  • Doppelfenster
  • Der Tag, an dem ich älter werde
  • Love in Beijing, love in China!
  • Toccata d-moll
  • Manche Mädchen haben keine Medienkompetenz
  • Im Wiener Naturhistorischen Museum
  • Karen Duve
  • Männerjahre
  • Der Schmerz in den Dingen
  • Rumänien, Hunger nach der Totalität
  • Deutsches Literaturarchiv Marbach
  • Drei Jahre FAZ
  • Momentaufnahme, 11.5.08, Berlin, Prenzlauer-Berg
  • Mein linker, linker Platz ist leer
  • Das hast du mir schon mal erzählt
  • Läuterungsberg
  • Die wütende und tobende Freundin
  • Gesetzesbrecher
  • Mich fragt ja keiner
  • Ulysses
  • Kurzbiographie
  • Gentrifizierung meiner Wohnung
  • Verweichlichung wider Willen
  • Mein 9. November
  • Gespräche mit Fritzchen
  • Die Schönheit der uns zugewandten Seite
  • Wunder
  • Vom Sinn unseres Lebens
  • Impressum

BRIEFMARKEN AUS ISRAEL


Einmal im Monat bekamen wir Post aus einem Land, aus dem wohl kaum jemand sonst in unserem Neubauviertel am Berliner Stadtrand Post erhielt. Brieffreundschaften mit sowjetischen Kindern pflegten viele, und Verwandte in Westdeutschland waren nichts Besonderes, aber wir bekamen Briefe aus Israel, die die neuesten israelischen Briefmarken enthielten. Briefmarkensammeln, das war für mich wie Schatzsuche, phantasielose Menschen erklärten den Sammler mit seiner fehlgeleiteten männlichen Zärtlichkeit für verrückt, aber es gab immer wieder den Fall, daß Kenner von allen übersehene Kostbarkeiten entdeckten und plötzlich reich waren, und die theoretische Möglichkeit, sein Leben so in ein Märchen zu verwandeln, war allemal besser, als sich darauf zu freuen, was man zum Rentenbeginn bestenfalls gespart haben würde. Man mußte dem Glück eine Tür offenhalten. Da Zeit, Kriege und Moden ein ständiges Vernichtungswerk führten, reichte es schon, scheinbar wertlose Dinge lange genug aufzuheben, um sie in Museumsstücke zu verwandeln.

Ich machte also mit bei diesem Hobby, das man lernen mußte wie einen Beruf: Briefmarken ausschneiden und in der Badewanne ablösen, danach in einem Löschpapierblock pressen, sie mit der Lupe betrachten, ob vielleicht der winzige Aufdruck «faux» auf eine Fälschung hinwies - was mich allerdings noch mehr begeistert hätte als eine echte Marke -, und in einem Album sorgfältig hinter Pergamentpapierstreifen stecken, um sie von nun an immer wieder neu zu sortieren. Vielleicht war ja doch durch Zufall in einem Umschlag mit scheinbar wertloser Kiloware eine Blaue Mauritius dabei? Und die ganze Welt suchte verzweifelt danach?

Im Überfluß hatte ich Marken der Walter-Ulbricht-Dauerserie, die immer noch gültig waren, obwohl er schon lange nicht mehr lebte. Ich fand es seltsam, daß es vor Erich Honecker, unserem unantastbaren Staatschef, den ich seit meiner frühesten Kindheit kannte und dem ich bei den Mai-Demonstrationen zuwinkte, schon einen anderen Staatschef gegeben haben sollte. Postbeamten hatte es immer eine Genugtuung verschafft, dem Bild von Ulbricht mit dem Stempel Hiebe zu verpassen. Noch früher hatte es eine ganz ähnliche Dauerserie mit Hitler gegeben, mein Freund Roberto besaß einige Marken davon, die mußte man sich vorsichtig ansehen, damit man sich nicht «ansteckte» bei diesem Mann. «Verderber der Deutschen» hatte man die Marke nach dem Krieg überstempelt und noch eine Weile weiterbenutzt. Hätten doch mehr Deutsche damals Thälmann gewählt, dann wäre das alles nicht passiert! So lernte ich es in der Schule.

Der Stolz meiner Sammlung waren die Marken meines russischen Brieffreunds Sergej, die er jedem Brief an mich beilegte. Dafür bekam er von mir Westfilzstifte geschickt, für die er sich sehr bedankte, weil er damit in seinem Klassenraum die «Rote Ecke» gestalten konnte. Seine Marken hatten einen viel prächtigeren Charakter als unsere, die fremdartige, veschnörkelte Schrift, kühne perspektivische Effekte, viel Rot und Gold, das sowjetische Wappen, das man mit dem Finger fühlen konnte, weil es sich reliefartig abhob. Zwei Themen herrschten vor: Lenin und Raumfahrt. Immer wieder derselbe kahle Kopf und die listigen Augen. Sicher wäre Lenin, dieser hervorragendste aller Menschen irgendwann als erster Mensch ins Weltall geflogen, wenn er nicht an den Folgen eines gemeinen Attentats gestorben wäre. Juri Gagarin hatte ihn dort vertreten. Wenn man auch sonst nicht viel von russischen Produkten und Unterhaltungsangeboten hielt, Briefmarken konnten sie. Man spottete bei uns ja immer über unseren mächtigen Verbündeten, der auch Geräte für den täglichen Bedarf so groß und klobig herstellte, als seien sie mit Atomkraft betrieben, besonders die Armbanduhren. Immerhin schafften sie es, Briefmarken herzustellen, die nicht dick wie Pappe waren.

Da der Handel in unserem Land nicht nach marktwirtschaftlichen Gesetzen funktionierte, gab es Geschäfte, die fast nie jemand betrat, die aber trotzdem nicht aus dem überhaupt sehr unveränderlichen Straßenbild verschwanden, und es fehlte nirgends an Briefmarkenläden. Wir standen staunend vor dem Schaufenster, zählten unser Geld und überlegten, ob wir uns eine lose Sammlung «verschiedene Sportmotive» leisten sollten, mit einem Rennauto aus der Mongolei, Volleyballspielern aus Grenada oder Eiskunstläufern aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Je kleiner die Länder waren, um so mehr Mühe gaben sie sich mit ihren Marken. Manchmal kam in dem Moment ein alter Mann mit Schiebermütze aus dem Laden und sah uns mißtrauisch an. Diese Männer rochen nach billigem Tabak und hatten abgenutzte Ledertaschen in der Hand, in denen sie Butterbrote für die Mittagspause herumtrugen. Die Marken, die uns interessierten, verachteten sie, weil es ihnen nicht um bunte Motive ging, sondern um Postgeschichte - ein seltener Stempel, eine ungewöhnliche Gummierung, ein spiegelverkehrtes Wasserzeichen, ein abweichender Farbton, Plattenfehler -, während ich es für das Ziel der Philatelie hielt, einen Satz zusammenzubekommen, die in alle Welt verstreuten Mitglieder einer Markenfamilie durch Tauschen wieder zu vereinen. Das Tauschen war ein seltener Fall im menschlichen Verkehr, eine wundersame Vermehrung von Zufriedenheit, da ja beide Seiten sich für den Profiteur des Vorgangs halten durften. Die Philatelisten lebten den Traum vom ewigen Frieden vor, indem sie über Grenzen hinweg ihre Leidenschaft teilten und über lange Jahre Kontakte pflegten. In unserem Land war der Frieden die offizielle Staatsreligion, obwohl wir von klein auf militarisiert wurden, weil der Frieden angeblich bewaffnet sein mußte, da wir ja von Feinden umgeben waren und immer alarmbereit sein mußten. Warum waren wir den Kapitalisten ein Dorn im Auge? Weil sie am Krieg am meisten verdienten und unser System für sie eine Gefahr darstellte, da seine friedliche Botschaft irgendwann so erfolgreich sein würde wie das Christentum.

Das Sammeln und Sortieren der Briefmarken war eine würdevolle Beschäftigung von alten Männern, wie Skatspielen, Angeln, Pferdewetten und Taubenzüchten. Es gab Spezialwerkzeuge, für die ich immer eine Schwäche hatte, z.B. das Odontometer, mit dem man die Zähnung der Marken bestimmte und dessen Zweck Außenstehende gar nicht erraten hätten. Durch ein Spezialwerkzeug wurde jede Arbeit zum Spiel. Man mußte sich der Philatelie aber als würdig erweisen, man mußte lernen, die bunten Papierschnipsel vorsichtig zu behandeln wie lebende Schmetterlinge, auf keinen Fall durfte ein Zähnchen fehlen, sonst war die schönste Marke wertlos. Selbst ein Fingerabdruck auf der Gummierung war schon zuviel. Und natürlich durften neue Marken nicht benutzt werden, sie waren dazu verdammt, nie ihre Bestimmung zu erfüllen, einem Brief den Weg zu seinem Empfänger zu bahnen. Ich legte ein Album an, in dem ich von jedem Land der Welt wenigstens eine Marke sammeln wollte. Ich beschriftete die Abschnitte für alle Länder, leider blieben fast sämtliche Seiten frei. Aber irgendwann würde ich ja die Marken aus Israel erben.

Die Marken aus Israel schickte meinem Vater Herr Jacoby junior, vorher hatte dessen Vater meinem Großvater Marken geschickt, so daß wir die israelischen Marken seit der Gründung des Staates Israel vollständig besaßen. Der Bruder von Herrn Jacoby senior war ein mit meinem Großvater befreundeter Buchhändler im ostpreußischen Insterburg gewesen. Mein Großvater hatte ihm geholfen, sich ein Visum und eine Fahrkarte nach Wladiwostok zu beschaffen, über Japan kam er nach New York, wo er bald darauf starb. Sein Bruder hatte meinem Großvater aus Dankbarkeit nach dem Krieg Marken aus Israel geschickt, dafür bekam er die aus der DDR. In seinen Briefen erläuterte er die Motive, mein Großvater notierte diese Informationen in Sütterlin neben den Marken. Briefmarken waren die Universität des kleinen Mannes.

Mein Großvater stammte von den Salzburger Protestanten ab, die im 18. Jahrhundert nach Ostpreußen ausgewandert waren, weil sie in Österreich wegen ihrer Religion verfolgt wurden. Ich konnte nicht verstehen, warum man wegen einer Religion sein Land verließ, was war so schlimm daran, zu einem anderen Gottesdienst zu gehen oder zu behaupten, an einen Gott zu glauben, an den man in Wirklichkeit nicht glaubte? Es konnte einem ja keiner in den Kopf sehen. Ich glaubte ja auch nicht an unseren Staat und sprach trotzdem alle Gelöbnisse mit. Die Salzburger hatten oft untereinander geheiratet, und deshalb waren viele Familienmitglieder ein bißchen seltsam im Kopf. Eine Nichte meines Großvaters weinte, weil er darauf bestand, daß Hitler keine blonden Haare habe, sie wollte das einfach nicht wahrhaben. Abends kniete sie vor einem auf ihrem Nachttisch stehenden Hitlerbild und betete: «Hittelchen, mein Hittelchen .»

Meine Großmutter war für mich die Frau, die einmal im Jahr zu Besuch kam, uns Süßigkeiten aus dem Westen schenkte und sich abends Schaumgummistücke zwischen die Zehen klemmte, weil die von den engen Schuhen, die sie auch im Alter trug, so krumm waren. Sie haute einem auf die Finger, wenn man beim Patience-Spielen nach der falschen Karte griff. Als ich einmal im weißen...

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