Der lange Weg nach Westen - Deutsche Geschichte I

Vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. März 2014
  • |
  • VII, 652 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-406-66140-2 (ISBN)
 
Heinrich August Winkler hat eine dramatische, spannend zu lesende deutsche Geschichte vorgelegt. Er greift auf die Quellen zurück, um die Beweggründe der Handelnden freizulegen und die Geschichtsbilder nachzuzeichnen, von denen sie sich leiten ließen. Entstanden ist eine deutsche Geschichte, wie es sie so noch nicht gab: auf das Wesentliche ausgerichtet, anschaulich, entschieden im Urteil - und so verständlich geschrieben, daß nicht nur die Fachleute, sondern alle gefesselt sein werden, die wissen wollen, wie Deutschland wurde, was es heute ist.
"Ein großes Werk, das wissenschaftliche Präzision mit hervorragender Sprache und Verständlichkeit verbindet. Der erhellende historische Überblick und die scharfsinnige, unabhängige Urteilskraft des Autors regen zum kritischen Denken an und machen die Lektüre damit zum bleibenden Gewinn."
Richard von Weizsäcker
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 3,44 MB
978-3-406-66140-2 (9783406661402)
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Heinrich August Winkler ist emeritierter Professor für Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.
  • Intro
  • Titel
  • Zum Buch
  • Über den Autor
  • Widmung
  • Inhalt
  • Einleitung
  • 1. Prägungen: Das Erbe eines Jahrtausends
  • 2. Der Fortschritt als Fessel: 1789-1830
  • 3. Der überforderte Liberalismus: 1830-1850
  • 4. Einheit vor Freiheit: 1850-1871
  • 5. Die Wandlung des Nationalismus: 1871-1890
  • 6. Weltpolitik und Weltkrieg: 1890-1918
  • 7. Die vorbelastete Republik: 1918-1933
  • Ausblick
  • ANHANG
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Anmerkungen
  • Personenregister
  • Impressum

2.

Der Fortschritt als Fessel 1789–1830


Einen «herrlichen Sonnenaufgang» hat Hegel in seinen Berliner Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte die Französische Revolution genannt. «Alle denkenden Wesen haben diese Epoche mitgefeiert. Eine erhabene Rührung hat in jener Zeit geherrscht, ein Enthusiasmus des Geistes hat die Welt durchschauert, als sei es zur wirklichen Versöhnung des Göttlichen mit der Welt nun erst gekommen.»

Im letzten Jahrzehnt seines Lebens rief Hegel damit seinen Zuhörern ins Bewußtsein, was er und seine Freunde Hölderlin und Schelling als Studenten am Tübinger Stift empfunden hatten, als sie von der Erstürmung der Bastille, dem großen Ereignis des 14. Juli 1789, erfuhren. «Im Gedanken des Rechts ist also jetzt eine Verfassung errichtet worden, und auf diesem Grunde sollte nunmehr alles basiert sein. Solange die Sonne am Firmament steht und die Planeten um sie herum kreisen, war das nicht gesehen worden, daß der Mensch sich auf den Kopf, das ist auf den Gedanken stellt, und die Wirklichkeit nach diesem erbaut. Anaxagoras hatte zuerst gesagt, daß der νους (nus: Geist, Gedanke, Vernunft; H. A. W.) die Welt regiert; nun aber erst ist der Mensch dazu gekommen zu erkennen, daß der Gedanke die geistige Wirklichkeit regieren solle.»[1]

Die Gedanken, die in Frankreich an die Macht gelangten, waren in Deutschland wohlbekannt. Montesquieu und Rousseau gehörten zu den am meisten gelesenen und gefeierten Autoren im Deutschland der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Wer aufgeklärt war, haßte den Despotismus und schwor auf die Teilung der Gewalten und die Lehre vom Gesellschaftsvertrag, auf dem alle Staatsgewalt beruhe. Weil im Frankreich des Ancien régime nach gängiger Meinung ein unaufgeklärter Absolutismus, also der Despotismus, herrschte, war das Land im Recht, als es sich auflehnte. Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte durch die französische Nationalversammlung am 26. August 1789 fand in Deutschland wie fast überall in Europa begeisterte Zustimmung. Doch als ein Vorbild für das, was rechts des Rheins geschehen sollte, wurden die französischen Ereignisse von den wenigsten deutschen Beobachtern gewertet. Dazu war in den wichtigsten Staaten Deutschlands der Absolutismus zu aufgeklärt, als daß es einer gewaltsamen Volkserhebung bedurft hätte, um Besserung zu bewirken. Der Weg der friedlichen Reform (oder, wie es oft hieß, der «Reformation») galt als der deutsche Weg zur Erreichung der Ziele, die die Franzosen durch eine Revolution zu verwirklichen trachteten.[2]

Für die Reform sprach in den Augen aufgeklärter Deutscher aber auch der Verlauf, den die Französische Revolution nahm. Lange bevor die Jakobiner ihre Schreckensherrschaft errichteten, schwenkte die öffentliche Meinung Deutschlands um: Die Bewunderung des westlichen Nachbarn wich der Kritik an der Art und Weise, wie er den politischen Fortschritt erzwingen wollte. Christoph Martin Wieland, einer der scharfsinnigsten und einflußreichsten Publizisten der Zeit und ein früher Sympathisant der Revolution, rügte schon im Oktober 1789 die Entmachtung des Königs, weil sie mit dem gehörigen Gleichgewicht der gesetzgebenden, der richterlichen und der vollziehenden Gewalt nicht vereinbar sei.

Wieland stellte sich und seinen Lesern eine Frage, von der er meinte, daß ihr nur die Zeit die wahre Antwort geben könne: «Wird die neue Ordnung, die aus diesem Chaos – wenn endlich einmal Deus et melior Natura (Gott und die bessere Natur, H. A. W.) die Oberhand gewinnen – entspringen wird, die unzähligen Wunden, welche der demokratische Kakodämon (vom griechischen Wort für schlecht und übel: kakós, H. A. W.) der freiheitstrunknen Nation geschlagen hat, bald und gründlich genug heilen können, um als eine Vergütung so vielen Übels angesehen zu werden?»

Im Mai 1790 sah Wieland dann Anlaß zu der Feststellung, daß in ganz Deutschland die Anzahl derjenigen immer größer werde, die glaubten, die französische Nationalversammlung «gehe in ihren Anmaßungen viel zu weit, verfahre ungerecht und tyrannisch, setze einen demokratischen Despotismus an die Stelle des aristokratischen und monarchischen, reize durch übereilte und unweise Dekrete auf der einen und durch faktiöse (vom Parteigeist geprägte, H. A. W.) Aufhetzungen auf der anderen Seite das verblendete und aus dem Taumelkelch der Freiheit berauschte Volk zu den entsetzlichsten Ausschweifungen …»

Als die Nationalversammlung in Paris im Juni 1790 den erblichen Adel samt allen Titeln und Vorrechten abschaffte, legte Wieland öffentlich Protest ein. Zwar nenne er noch immer die «unternommene Befreiung einer großen Nation von dem eisernen Despotismus einer in die unerträglichste Aristokratie ausgearteten monarchischen Regierung» die «ruhmwürdigste aller Unternehmungen». Aber so werde er nie das Unternehmen nennen, «statt einer (nach dem Beispiel der englischen Konstitution) durch hinlänglich sicher gestellte Rechte des Volkes in ihre wahren Grenzen eingeschränkten Monarchie eine ungeheure, unendlich verwickelte, unbehülfliche und unsichere Demokratie aufzustellen …» Dieser Versuch erschien dem Autor schon deswegen verwerflich, weil er überzeugt war, daß ein anderer Weg auch in Frankreich gangbar gewesen wäre: «Unstreitig hätte mit dem Adel, so gut als mit dem Hofe und der Klerisei, diejenige Reformation vorgenommen werden sollen, die zum allgemeinen Besten unumgänglich nötig war.»

Im Januar 1793 – es war der Monat, in dem der Nationalkonvent Ludwig XVI. mit einer Stimme Mehrheit zum Tode verurteilte und auf die Guillotine schickte – waren für Wieland die letzten Zweifel beseitigt. «Auch ich sehe so gut als ein anderer, daß weder in Deutschland noch in dem übrigen Europa alles so ist und so geht, wie es sein und wie es gehen sollte; und ich bin sehr überzeugt, daß den Übeln, worüber man zu klagen Ursache hat, nur durch eine gründliche Reformation der Gesetzgebung und der dermaligen Konstitution geholfen werden könne; aber ich behaupte, daß das nicht durch die neue Theorie der französischen Demagogen, nicht durch Insurrektionen und Umstürzung der bestehenden Ordnung der Dinge geschehen könne noch versucht werden solle. Was in Frankreich geschehen ist, kann und soll uns nicht zum Muster, sondern Fürsten zur Warnung dienen.»[3]

Wie Wieland dachten große Teile des akademisch gebildeten Deutschland. Sie begrüßten die Revolution in Frankreich zunächst als Akt der Befreiung, wandten sich aber in dem Maß von ihr ab, in dem radikale politische Kräfte und mit ihnen die städtischen Unterschichten an Einfluß gewannen und das Land in einem blutigen Bürgerkrieg zu versinken drohte. Herder, auch er ein glühender Verteidiger des Aufbruchs von 1789, meinte drei Jahre später, er kenne nichts Abscheulicheres «als ein aufgebrachtes, wahnsinniges Volk und eines wahnsinnigen Volkes Herrschaft». Was habe Frankreich durch seine Revolution erlangt, «da es in der fürchterlichsten Unordnung der Dinge schwebet»? Wie könne man eine bessere Erziehung von einer Revolution erhoffen, «die Szenen der Unmenschlichkeit, des Betrugs, der Unordnung veranlaßt, durch deren Eindrücke vielleicht auf mehrere Generationen hin alle Spuren der Humanität aus den Gemütern der Menschen vertilgt werden? Was kann, was muß dieser Schwindelgeist der Freiheit und der wahrscheinlich daher entstehenden blutigen Kriege auf Völker und Regenten, vorzüglich aber auf die Organe der Humanität, Wissenschaften und Künste, für Wirkungen hervorbringen?» Den Deutschen verblieb nur, aus der französischen Erfahrung zu lernen. «Wir können der französischen Revolution wie einem Schiffbruch auf offenem Meer vom sichern Ufer herab zusehen, falls unser böser Genius uns nicht selbst wider Willen ins Meer stürzte.»[4]

Nur eine kleine Minderheit deutscher Publizisten brachte den Jakobinern ein gewisses Verständnis entgegen. Aber selbst unter den (mit fragwürdigem Recht so genannten) «deutschen Jakobinern» lehnten es die meisten ausdrücklich ab, dem revolutionären Frankreich nachzueifern. Der Forschungsreisende und Schriftsteller Johann Georg Forster, 1792 Mitglied des Klubs deutscher Freiheitsfreunde im französisch besetzten Mainz, sah 1793 Deutschland durch «seine physischen, sittlichen und politischen Verhältnisse» auf den Weg einer «langsamen, stufenweisen Vervollkommnung und Reife» verwiesen. Es sollte durch «die Fehler und Leiden seiner Nachbarn klug werden und vielleicht von oben herab eine Freiheit allmählich nachgelassen bekommen, die andere von unten gewaltsam und auf einmal an sich reißen müssen». Der radikale Schriftsteller Georg Friedrich Rebmann bekannte 1796, er habe nie «an eine deutsche Revoluzion (sic!), nach dem Muster der französischen, im Ernste gedacht. In protestantischen Ländern ist sie durchaus unmöglich, und in unseren katholischen fast ebensosehr.»

Die geistliche Reformation als Unterpfand dafür, daß es in Deutschland eine politische Revolution nicht geben müsse: das war ein...

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