Talleyrand

Virtuose der Macht 1754-1838
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Februar 2013
  • |
  • 384 Seiten
 
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978-3-406-65066-6 (ISBN)
 
«Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen» - so ließ der wohl berühmteste Diplomat der Weltgeschichte einmal den spanischen Gesandten wissen, als dieser ihn an ein nicht eingehaltenes Versprechen erinnerte. Johannes Willms geht in seinem neuen Buch dem rätselhaften Genie jenes Mannes nach, der es mit unnachahmlicher Geschmeidigkeit verstand, in sechs verschiedenen Regimen sechsmal eine führende Rolle einzunehmen und das vollständig besiegte Frankreich ohne die geringste Gebietsabtretung durch den Wiener Kongress zu lotsen.

Talleyrands Opportunismus mit seinen geradezu mythischen Dimensionen hat ihm bis heute bei den Historikern eine schlechte Presse und heftige moralische Verurteilungen eingetragen. Anders als das gängige Bild vom skrupellosen Verräter portraitiert Willms' neue Biographie Talleyrand erstmals jenseits aller Klischees als Phänotyp seiner Zeit - einer Epoche gewaltiger sozialer und politischer Umbrüche, von der seine hochadlige Gesellschaftsschicht besonders stark betroffen war.
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
mit 24 Abbildungen
  • 5,98 MB
978-3-406-65066-6 (9783406650666)
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Johannes Willms ist Historiker und Leitender Redakteur der «Süddeutschen Zeitung». Er hat vielbeachtete Werke vor allem zur französischen Geschichte vorgelegt, darunter Biographien Napoleons, Balzacs und Stendhals.
1 - Cover [Seite 1]
2 - Titel [Seite 2]
3 - Zum Buch [Seite 3]
4 - Über den Autor [Seite 3]
5 - Impressum [Seite 4]
6 - Widmung [Seite 5]
7 - Inhalt [Seite 6]
8 - Vorwort [Seite 8]
9 - Erstes Buch: Im Dienst von Kirche und Revolution [Seite 12]
9.1 - Erstes Kapitel: Der Klumpfuß ist das Schicksal [Seite 14]
9.2 - Zweites Kapitel: Der Bischof als Revolutionär [Seite 44]
9.3 - Drittes Kapitel: Ein neuer Himmel, eine neue Erde [Seite 74]
9.4 - Viertes Kapitel: Der Charakterdarsteller als Statist [Seite 96]
10 - Zweites Buch: Vom Mentor zum Widersacher Napoleons [Seite 124]
10.1 - Fünftes Kapitel: «Ich habe Napoleon geliebt» [Seite 126]
10.2 - Sechstes Kapitel: Für Frankreich und gegen Napoleon [Seite 154]
10.3 - Siebtes Kapitel: «Der Anfang vom Ende» [Seite 180]
11 - Drittes Buch: Enttäuschte Illusionen [Seite 204]
11.1 - Achtes Kapitel: Im Kreis der Sieger [Seite 206]
11.2 - Neuntes Kapitel: Waterloo [Seite 234]
11.3 - Zehntes Kapitel: Le style c'est l'homme [Seite 256]
11.4 - Elftes Kapitel: Letzte Botschaften [Seite 288]
12 - Anhang [Seite 316]
12.1 - Anmerkungen [Seite 318]
12.2 - Abbildungsnachweis [Seite 376]
12.3 - Personenregister [Seite 378]

Erstes Kapitel


Der Klumpfuß ist das Schicksal


Das Porträt Talleyrands, das Benjamin Constant im Januar 1815 entwarf, beginnt mit der Feststellung: «Was den Charakter von M. de Talleyrand entschied, waren seine Füße. Sobald seine Eltern erkannten, dass er hinkte, fassten sie den Entschluss, ihn für den geistlichen Stand zu bestimmen, während sein (jüngerer) Bruder der künftige Chef der Familie sein sollte. Verletzt, aber in sein Schicksal ergeben, nahm M. de Talleyrand das Priestergewand wie eine Rüstung an und warf sich auf diese Laufbahn, um daraus irgend einen Gewinn für sich herauszuschlagen.»[1]

Benjamin Constant übernahm damit eine Deutung, die grundlegend ist für die Legende, mit der Talleyrand zeitlebens seine Kindheit umgab. Talleyrand war davon überzeugt, dass die in den ersten Jahren gemachten Erlebnisse einen unauslöschlichen Einfluss auf sein weiteres Leben ausgeübt hatten, wie er Claire de Rémusat gegenüber bemerkte. «Verriete ich Ihnen, wie meine Jugend verlief, würden Sie sich weit weniger über viele Dinge wundern.»[2] Schon vor der Darstellung in seinen Memoiren, mit deren Aufzeichnung er im Sommer 1812 begann,[3] hatte er wiederholt Vertrauten vom Unglück seiner frühen Jugend erzählt. So etwa Etienne Dumont, dem Sekretär Mirabeaus, mit dem er während seines Aufenthalts in London 1792 Umgang pflegte.[4] Damals wie später stufte Talleyrand die Verkrüppelung seines rechten Fußes als das schicksalhafte Verhängnis ein, das sein Leben wie nichts sonst beeinflusst habe. Diese Behinderung sei die Ursache dafür gewesen, dass die Eltern ihm als Kind nur mit Gefühlskälte und Ablehnung begegneten, ihn seiner Vorrechte als Erstgeborener beraubt und für die Priesterlaufbahn bestimmt hätten, für die er keinerlei Berufung empfunden habe.

Seine Schilderung einer von Lieblosigkeit gekennzeichneten Kindheit schloss Talleyrand mit einem Eingeständnis, das an die Empathie appellierte und das eine plausible Deutung seiner charakterlichen Entwicklung liefern sollte. «Sie sehen, dass ich in dieser Situation nur die Wahl hatte, entweder vor Kummer zu sterben oder mich derart zu betäuben, dass ich kein Empfinden mehr dafür hatte, was mir vorenthalten wurde. Ich entschied mich also für die Betäubung, aber ich will Ihnen gerne zugeben, dass ich mich damit irrte. Vielleicht wäre es besser gewesen, zu leiden und mir damit meine Fähigkeiten zu empfinden, zu bewahren. Tatsächlich hat mich diese seelische Unbekümmertheit, die Sie mir vorwerfen, selbst oft angewidert. Ich habe die anderen nicht wirklich geliebt. Aber das gilt auch für mich selber, denn ich habe niemals ein ausgeprägtes Interesse für mich empfunden.»[5]

In den Memoiren beschied sich Talleyrand bei der Schilderung seiner Kindheit damit, diese geradezu lakonisch abzuhandeln. Vor allem das verschaffte der Legende seines von Lieblosigkeit bestimmten Aufwachsens den Anschein einer Stimmigkeit, die fast alle Biographen für bare Münze nahmen. Sie wähnten, darin den Schlüssel für das Rätsel dieses höchst widersprüchlichen und wechselvollen Lebens zu erkennen. Das dürfte den Absichten Talleyrands entsprochen haben. Im Juli 1830, als die von ihm maßgeblich initiierte bourbonische Restauration in Agonie lag, eröffnete er einem Besucher, dem Baron Vitrolles, den bislang verschwiegenen Plan, seine Memoiren vorzulegen, wobei er ihm die Frage stellte: «Ist Ihnen, wenn Sie die unterschiedlichen Epochen durchmustern, aufgefallen, dass man immer auf einen Mann trifft, der, dank einer besonderen Übereinstimmung zwischen seinem Charakter und dem seiner Zeit, der Typus und damit gleichsam der Repräsentant seines Jahrhunderts wird?»[6]

Das war das Bild, das er von sich selber entwarf, denn er diente in seinem langen Leben fünf sehr unterschiedlichen Regimen in wichtiger Funktion. Alle waren mit mehr oder minder heftigen Konvulsionen untergegangen, ohne dass er daran Schaden genommen hatte. Ein solches Ende kündigte sich im Juli 1830 wieder an, aber erneut konnte er sich in der Gewissheit wiegen, auch von dem neuen, dem sechsten Regime gebraucht zu werden. Diese erstaunliche Fähigkeit, alle Regimewechsel nicht nur politisch zu überleben – Talleyrand legte in seinem Leben vierzehn Loyalitätsschwüre und Gelöbnisse ab, die er alle brach –, verschaffte ihm den Ruf eines skrupellosen Verräters und zynischen Opportunisten. So urteilten häufig Zeitgenossen, von denen die wenigsten ihm allerdings etwas vorwerfen konnten, was nicht auch auf sie selber zutraf, denn viele von ihnen hatten auch mehrere Eide geschworen und gebrochen. Vor allem in den Anfängen delirierte die Revolution in einer wahren Orgie von Eidleistungen, was Talleyrand in einem Schreiben an seine Freundin Adélaïde de Flahaut Ende November 1790 zu der Äußerung veranlasste: «Nach all den Schwüren, die wir geleistet und wieder gebrochen haben, nachdem wir so oft unsere Treue zur Verfassung, zur Nation, zum Gesetz und für den König beeidet haben, lauter Dinge, die nur Begriffe sind, welche Bedeutung kann dann ein weiterer Schwur wirklich noch haben?»[7]

Wie Talleyrand zogen viele andere aus der Revolution und dem napoleonischen Empire Vorteile, die sie später erfolgreich zu behaupten suchten. Vor allem sah er sich als Zielscheibe selbstgerechter Empörung, die stets einher ging mit neiderfüllter Bewunderung, denn wie kein anderer verstand es Talleyrand, allen politischen Wechselfällen zum Trotz, den eigenen Ruf und Reichtum zu mehren. Die Befähigung zu solchem Geschick habe er, so lautete der Vorwurf, der jeweils eingenommenen Stellung wie den daraus gewonnen Einsichten zu verdanken. Deshalb sei es ihm möglich gewesen, jede Wendung des politischen Konjunkturverlaufs unter Berücksichtigung seiner Interessen zu beeinflussen.

Um solch anhaltenden Erfolg im Leben zu haben, braucht es jedoch nicht nur eine gehörige Portion Glück und Intelligenz, sondern vor allem auch einen Charakter, der, von k einen Skrupeln geplagt, das avisierte Ziel verfolgt. Über dieses Ziel, das Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord bei seiner Geburt am 2. Februar 1754 in Paris gleichsam in die Wiege gelegt wurde, gibt es angesichts seiner Abkunft k einen Zweifel. Seine zwar nicht sonderlich wohlhabende, aber ausgeprägt adelsstolze Familie, die dem Glauben anhing, ihre Aszendenz über mehr als tausend Jahre zurückverfolgen zu können, erhob Anspruch darauf, als eine der vornehmsten im Frankreich der alten Monarchie zu gelten. Diese Behauptung war in sozialer Hinsicht wichtiger als der Besitz großen Reichtums, um dem Träger des Namens Talleyrand-Périgord eine glanzvolle Karriere zu garantieren. Die Gewähr dafür bot die Stellung der Eltern am Hof Louis XV in Versailles.[8] Der Vater, Charles-Daniel (1734–1788), diente bei der Geburt von Charles-Maurice im Rang eines Obersten im Regiment der «Grenadiers de France» der königlichen Armee und war seit 1759 auch einer der dem Dauphin und künftigen Louis XVI attachierten Edelleute. Bei dessen Krönung 1775 in Reims fungierte er als einer der vier Wächter des Gefäßes mit dem heiligen Öl. Die Mutter war eine geborene Alexandrine de Damas d'Antigny (1728–1809) und seit 1751 dame d'honneur von Maria-Josepha von Sachsen, der Mutter Louis XVI, die mit dem Dauphin Louis-Ferdinand verheiratet war.

Die mit der Stellung im Haushalt des Dauphin verbundenen Pensionen und Geldzuwendungen sicherten dem Ehepaar ein bescheidenes Auskommen, das aber kaum ausreichte, das aufwendige Leben in Versailles zu bestreiten und eine kleine Privatwohnung in Paris in der Rue Garancière unweit der Kirche von Saint-Sulpice zu unterhalten. Zeitweilig konnte sich das Paar keine Dienstboten leisten, weshalb der Pariser Haushalt über Monate von Marie-Elisabeth Chamillart geführt wurde, der seit 1745 verwitweten zweiten Frau von Talleyrands Großvater Daniel-Marie-Anne de Talleyrand, der bei der Belagerung von Tournai gefallen war. Die große finanzielle Bedrängnis des jungen Elternpaars zeigt sich auch daran, dass Alexandrine, die in Paris die Geburt von Charles-Maurice erwartete, ihre Mutter, die Marquise d'Antigny, bat, ihr einige Dinge für die Niederkunft zu schicken. Sollte sie diese nicht erhalten, sähe sie sich gezwungen, «die Geschichte von der Heiligen Jungfrau um einen zweiten Band» zu erweitern.[9] Das war keineswegs nur eine witzige Übertreibung, wie auch eine Bemerkung der Marquise de Créquy belegt. Die Talleyrands, so heißt es in ihren apokryphen Memoiren, lebten von der Hoftafel, und auch das Kind Charles-Maurice ernährten sie mit den Krumen, die vom königlichen Bankett in Versailles abfielen.[10]

Auch wenn diese Mitteilung der spitzzüngigen Marquise de Créquy nicht wörtlich zu verstehen ist, macht sie dennoch die prekären Lebensumstände des Paars deutlich. Für die Eltern des Neugeborenen war die finanzielle Notlage eine umso bitterere Erfahrung, weil dessen Taufpate, der ältere Halbbruder Gabriel-Marie de Talleyrand Comte de Périgord, mit der Fürstin de Chalais nicht nur eine glänzende Partie gemacht hatte, sondern auch als Gouverneur des Languedoc über ein jährliches...

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