Die Verwandlung der Welt

Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 5. Auflage
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  • erschienen am 17. November 2010
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  • 1568 Seiten
 
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978-3-406-61501-6 (ISBN)
 
Mit dem 19. Jahrhundert beginnt die Vorgeschichte der Gegenwart. Es war das Zeitalter der großen politischen Ideologien und der Verwissenschaftlichung des Daseins, der Eisenbahn und der Industrie, der Massenemigration zwischen den Kontinenten und der ersten Welle wirtschaftlicher und kommunikativer Globalisierung, des Nationalismus und der imperialen Expansion Europas in alle Teile der Erde. Zugleich ist das 19. Jahrhundert aus heutiger Sicht fern und fremd geworden: eine faszinierende Welt von gestern. Dieses Buch porträtiert und analysiert die Epoche in weltgeschichtlicher Sicht: als eine Zeit dramatischer Umbrüche in Europa, Asien, Afrika und Amerika und als eine Ära entstehender Globalität.

Jürgen Osterhammel erzählt kundig und facettenreich die Geschichte einer Welt im Umbruch. Aus einer Fülle an Material und einer Vielzahl unterschiedlicher Blickwinkel entsteht das Porträt einer faszinierenden Epoche. Osterhammel fragt nach Strukturen und Mustern, markiert Zäsuren und Kontinuitäten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Seine kulturübergreifenden, thematisch aufgefächerten Darstellungen und Analysen verbinden sich dabei zu einem kühnen Geschichtspanorama, das nicht nur traditionelle eurozentrische Ansätze weit hinter sich lässt, sondern auch erheblich mehr bietet als die gängigen historiographischen Paradigmen wie Industrialisierung oder Kolonialismus. Die Herausbildung unterschiedlicher Wissensgesellschaften, das Verhältnis Mensch- Natur oder der Umgang mit Krankheit und Andersartigkeit kommen darin ebenso zur Sprache wie Besonderheiten der Urbanisierung, verschiedene Formen von Bürgerlichkeit oder die Gegensätze von Migration und Sesshaftigkeit, Anpassung und Revolte, Säkularisierung und Religiosität. Zugleich stellt Osterhammel immer wieder Bezüge zur Gegenwart her. Auf der Höhe der Forschung, engagiert geschrieben und zugleich wohltuend unideologisch, ist sein Werk nicht nur ein Handbuch für jeden Historiker. Seine plastischen Schilderungen ziehen auch den interessierten Laien in den Bann eines Jahrhunderts, dessen Bedeutung in dieser welthistorisch angelegten Epochengeschichte ganz neu ausgelotet wird.
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978-3-406-61501-6 (9783406615016)
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Osterhammel ist Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Konstanz. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur europäischen und asiatischen Geschichte seit dem 18. Jahrhundert. Bei C.H.Beck erschien von ihm: China und die Weltgesellschaft (1989), Die Entzauberung Asiens (1998, Neuaufl. 2010), Kolonialismus (6. Auflage 2009) und Geschichte der Globalisierung (zus. mit Niels P. Petersson, 4. Auflage 2007). Für sein Buch Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts erhielt er den NDR Kultur Sachbuchpreis für das beste Sachbuch des Jahres 2009. 2010 erhielt Osterhammel den Leibnizpreis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).
1 - Cover [Seite 1]
2 - Titel [Seite 3]
3 - Impressum [Seite 4]
4 - Widmung [Seite 5]
5 - Inhalt [Seite 7]
6 - Einleitung [Seite 13]
7 - ANNÄHERUNGEN [Seite 23]
7.1 - I Gedächtnis und Selbstbeobachtung: Die mediale Verewigung des 19. Jahrhunderts [Seite 25]
7.1.1 - 1 | Sichtbarkeit und Hörbarkeit [Seite 28]
7.1.2 - 2 | Erinnerungshorte, Wissensschätze, Speichermedien [Seite 31]
7.1.3 - 3 | Beschreibung, Reportage, «Realismus» [Seite 45]
7.1.4 - 4 | Statistik [Seite 57]
7.1.5 - 5 | Nachrichten [Seite 63]
7.1.6 - 6 | Photographie [Seite 76]
7.2 - II Zeit: Wann war das 19. Jahrhundert? [Seite 84]
7.2.1 - 1 | Chronologie und Epochencharakter [Seite 84]
7.2.2 - 2 | Kalender und Periodisierung [Seite 89]
7.2.3 - 3 | Zäsuren und Übergänge [Seite 95]
7.2.4 - 4 | Sattelzeit - Viktorianismus - Fin de Siècle [Seite 102]
7.2.5 - 5 | Uhr und Beschleunigung [Seite 116]
7.3 - III Raum: Wo liegt das 19. Jahrhundert? [Seite 129]
7.3.1 - 1 | Raum/Zeit [Seite 129]
7.3.2 - 2 | Metageographie: Die Namen der Räume [Seite 131]
7.3.3 - 3 | «Mental maps»: Die Relativität von Raumvisionen [Seite 143]
7.3.4 - 4 | Interaktionsräume: Land und Meer [Seite 154]
7.3.5 - 5 | Raumordnungen: Macht und Raum [Seite 168]
7.3.6 - 6 | Territorialität, Diaspora, Grenze [Seite 173]
8 - PANORAMEN [Seite 181]
8.1 - IV Sesshafte und Mobile [Seite 183]
8.1.1 - 1 | Größenordnungen und Tendenzen [Seite 183]
8.1.2 - 2 | Demographische Katastrophen und demographischer Übergang [Seite 193]
8.1.3 - 3 | Das Erbe frühneuzeitlicher Fernmigrationen: Kreolen und Sklaven [Seite 199]
8.1.4 - 4 | Strafkolonie und Exil [Seite 206]
8.1.5 - 5 | Massenfluchten und ethnische Säuberungen [Seite 214]
8.1.6 - 6 | Interne Wanderungen und die Transformationen des Sklavenhandels [Seite 221]
8.1.7 - 7 | Migration und Kapitalismus [Seite 235]
8.1.8 - 8 | Globale Motive [Seite 249]
8.2 - V Lebensstandards: Risiken und Sicherheiten materieller Existenz [Seite 253]
8.2.1 - 1 | «Lebensstandard» und «Qualität des Lebens» [Seite 253]
8.2.2 - 2 | Lebensverlängerung und «Homo hygienicus» [Seite 257]
8.2.3 - 3 | Seuchenangst und Prävention [Seite 268]
8.2.4 - 4 | Mobile Gefahren, alt und neu [Seite 277]
8.2.5 - 5 | Naturkatastrophen [Seite 294]
8.2.6 - 6 | Hunger [Seite 300]
8.2.7 - 7 | Revolutionen der Landwirtschaft [Seite 314]
8.2.8 - 8 | Armut und Reichtum [Seite 322]
8.2.9 - 9 | Globalisierter Konsum [Seite 335]
8.3 - VI Städte: Europäische Muster und weltweiter Eigensinn [Seite 355]
8.3.1 - 1 | Die Stadt als Normalität und Ausnahme [Seite 355]
8.3.2 - 2 | Urbanisierung und städtische Systeme [Seite 366]
8.3.3 - 3 | Zwischen De-Urbanisierung und Superwachstum [Seite 375]
8.3.4 - 4 | Spezielle Städte, allgemeine Städte [Seite 387]
8.3.5 - 5 | Die goldene Zeit der Hafenstädte [Seite 402]
8.3.6 - 6 | Kolonialstädte, «Treaty ports», imperiale Metropolen [Seite 412]
8.3.7 - 7 | Binnenräume und Untergründe [Seite 432]
8.3.8 - 8 | Symbolik, Ästhetik, Planung [Seite 452]
8.4 - VII Frontiers: Unterwerfung des Raumes und Angriff auf nomadisches Leben [Seite 465]
8.4.1 - 1 | Invasionen und Frontier-Prozesse [Seite 465]
8.4.2 - 2 | «Wilder Westen» in Nordamerika [Seite 478]
8.4.3 - 3 | Südamerika und Südafrika [Seite 501]
8.4.4 - 4 | Eurasien [Seite 513]
8.4.5 - 5 | Siedlungskolonialismus [Seite 531]
8.4.6 - 6 | Natureroberung: Invasionen der Biosphäre [Seite 541]
8.5 - VIII Imperien und Nationalstaaten: Die Beharrungskraft der Reiche [Seite 565]
8.5.1 - 1 | Tendenzen: Großmachtdiplomatie und imperiale Expansion [Seite 565]
8.5.2 - 2 | Wege zum Nationalstaat [Seite 580]
8.5.3 - 3 | Imperien: Was sie zusammenhält [Seite 603]
8.5.4 - 4 | Imperien: Typen und Vergleiche [Seite 616]
8.5.5 - 5 | Imperien: Fälle und Grenzfälle [Seite 624]
8.5.6 - 6 | Pax Britannica [Seite 646]
8.5.7 - 7 | Imperien: Wie man darin lebt [Seite 662]
8.6 - IX Mächtesysteme, Kriege, Internationalismen: Zwischen zwei Weltkriegen [Seite 673]
8.6.1 - 1 | Der kurvenreiche Weg zum Weltstaatensystem [Seite 673]
8.6.2 - 2 | Ordnungsräume [Seite 682]
8.6.3 - 3 | Kriege: Friedliches Europa, friedloses Asien und Afrika [Seite 692]
8.6.4 - 4 | Diplomatie: Politisches Instrument und interkulturelle Kunst [Seite 708]
8.6.5 - 5 | Internationalismen und normative Universalisierung [Seite 723]
8.7 - X Revolutionen: Von Philadelphia über Nanjing nach St. Petersburg [Seite 736]
8.7.1 - 1 | Revolutionen - von unten, von oben und woher sonst? [Seite 736]
8.7.2 - 2 | Der revolutionäre Atlantik [Seite 747]
8.7.3 - 3 | Die Konvulsionen der Jahrhundertmitte [Seite 777]
8.7.4 - 4 | Eurasische Revolutionen nach 1900 [Seite 798]
8.8 - XI Staat: «Minimal government», Herrscherpomp und «Hörigkeit der Zukunft» [Seite 818]
8.8.1 - 1 | Ordnung und Kommunikation: Der Staat und das Politische [Seite 818]
8.8.2 - 2 | Neuerfindungen der Monarchie [Seite 828]
8.8.3 - 3 | Demokratie [Seite 848]
8.8.4 - 4 | Verwaltung [Seite 866]
8.8.5 - 5 | Mobilisierung und Disziplinierung [Seite 882]
8.8.6 - 6 | Selbststärkung: Politik aus der peripheren Defensive [Seite 895]
8.8.7 - 7 | Staat und Nationalismus [Seite 901]
9 - THEMEN [Seite 907]
9.1 - XII Energie und Industrie: Wer entfesselte wann und wo Prometheus? [Seite 909]
9.1.1 - 1 | Industrialisierung [Seite 909]
9.1.2 - 2 | Energieregime: Das Jahrhundert der Kohle [Seite 928]
9.1.3 - 3 | Pfade wirtschaftlicher (Nicht-)Entwicklung [Seite 938]
9.1.4 - 4 | Kapitalismus [Seite 950]
9.2 - XIII Arbeit: Die physischen Grundlagen der Kultur [Seite 958]
9.2.1 - 1 | Vom Gewicht der Landarbeit [Seite 960]
9.2.2 - 2 | Orte der Arbeit: Fabrik, Baustelle, Kontor [Seite 975]
9.2.3 - 3 | Pfade der Emanzipation in der Arbeitswelt: Sklaven, Leibeigene, befreite Bauern [Seite 992]
9.2.4 - 4 | Die Asymmetrie der Lohnarbeit 1005 [Seite 1005]
9.3 - XIV Netze: Reichweite, Dichte, Löcher [Seite 1010]
9.3.1 - 1 | Verkehr und Kommunikation [Seite 1012]
9.3.2 - 2 | Handel [Seite 1029]
9.3.3 - 3 | Geld und Finanzen [Seite 1038]
9.4 - XV Hierarchien: Vertikalen im sozialen Raum [Seite 1056]
9.4.1 - 1 | Eine globale Sozialgeschichte? [Seite 1056]
9.4.2 - 2 | Aristokratien im (gebremsten) Niedergang [Seite 1064]
9.4.3 - 3 | Bürger und Quasi-Bürger [Seite 1079]
9.5 - XVI Wissen: Vermehrung, Verdichtung, Verteilung [Seite 1105]
9.5.1 - 1 | Welt-Sprachen: Großräume der Kommunikation [Seite 1108]
9.5.2 - 2 | Alphabetisierung und Verschulung [Seite 1117]
9.5.3 - 3 | Die Universität als europäischer Kulturexport [Seite 1132]
9.5.4 - 4 | Wissensmobilität und Übersetzung [Seite 1147]
9.5.5 - 5 | Humanwissenschaften vom Eigenen und vom Fremden 1155 [Seite 1155]
9.6 - XVII «Zivilisierung» und Ausgrenzung [Seite 1172]
9.6.1 - 1 | Die «zivilisierte Welt» und ihre «Mission» [Seite 1172]
9.6.2 - 2 | Sklavenemanzipation und «Weiße Vorherrschaft» [Seite 1188]
9.6.3 - 3 | Fremdenabwehr und «Rassenkampf» [Seite 1214]
9.6.4 - 4 | Antisemitismus [Seite 1229]
9.7 - XVIII Religion [Seite 1239]
9.7.1 - 1 | Begriffe und Bedingungen des Religiösen [Seite 1240]
9.7.2 - 2 | Säkularisierungen [Seite 1248]
9.7.3 - 3 | Religion und Imperium [Seite 1258]
9.7.4 - 4 | Reform und Erneuerung [Seite 1268]
10 - Schluss: Das 19. Jahrhundert in der Geschichte [Seite 1279]
11 - ANHANG [Seite 1303]
11.1 - Nachwort [Seite 1305]
11.2 - Abkürzungen [Seite 1308]
11.3 - Anmerkungen [Seite 1311]
11.4 - Verzeichnis der zitierten Literatur [Seite 1421]
11.5 - Register [Seite 1525]
11.5.1 - Personenregister [Seite 1525]
11.5.2 - Ortsregister [Seite 1540]
11.5.3 - Sachregister [Seite 1555]
12 - Zum Buch [Seite 1569]

|   Einleitung


Alle Geschichte neigt dazu, Weltgeschichte zu sein. Soziologische Theorien der Weltgesellschaft sagen uns, die Welt sei die «Umwelt aller Umwelten», der letzte mögliche Kontext allen historischen Geschehens und seiner Darstellung. Die Tendenz zur Überschreitung des Örtlichen nimmt im langfristigen Verlauf der historischen Entwicklung zu. Eine Weltgeschichte des Neolithikums könnte noch nicht von intensiven Fernkontakten berichten, eine solche des 20. Jahrhunderts findet die Grundtatsache eines dicht gesponnenen planetarischen Netzes von Verbindungen bereits vor, eines «human web», wie John R. und William H. McNeill es genannt haben, oder besser noch: einer Vielzahl solcher Netze.1

Weltgeschichte wird dann für den Historiker besonders gut legitimierbar, wenn sie an das Bewusstsein der Menschen in der Vergangenheit anschließen kann. Selbst heute, im Zeitalter von Satellitenkommunikation und Internet, leben Milliarden in engen, lokalen Verhältnissen, denen sie weder real noch mental entkommen können. Nur privilegierte Minderheiten denken und agieren «global». Doch schon im 19. Jahrhundert, oft und mit Recht als das Jahrhundert des Nationalismus und der Nationalstaaten bezeichnet, entdecken nicht erst heutige Historiker, auf der Suche nach frühen Spuren von «Globalisierung», Handlungszusammenhänge der Überschreitung: transnational, transkontinental, transkulturell. Bereits vielen Zeitgenossen erschienen erweiterte Horizonte des Denkens und Handelns als eine besondere Signatur ihrer Epoche. Angehörige europäischer und asiatischer Mittel- und Unterschichten richteten Blicke und Hoffnungen auf gelobte Länder in weiter Ferne. Viele Millionen scheuten Fahrten ins Ungewisse nicht. Staatsführer und Militärs lernten in Kategorien von «Weltpolitik» zu denken. Das erste wahre Welt-Reich der Geschichte, das nun auch Australien und Neuseeland umfasste, entstand: das British Empire. Andere Imperien maßen sich ehrgeizig am britischen Muster. Handel und Finanzen verdichteten sich noch stärker als in den Jahrhunderten der frühen Neuzeit zu einem integrierten Weltsystem. Um 1910 wurden wirtschaftliche Veränderungen in Johannesburg, Buenos Aires oder Tokyo unverzüglich in Hamburg, London oder New York registriert. Wissenschaftler sammelten Informationen und Objekte in aller Welt; sie studierten die Sprachen, Bräuche und Religionen entlegenster Völker. Die Kritiker der herrschenden Weltordnung begannen sich ebenfalls auf internationaler Ebene - oft weit über Europa hinaus - zu organisieren: Arbeiter, Frauen, Friedensaktivisten, Anti-Rassisten, Gegner des Kolonialismus. Das 19. Jahrhundert reflektierte seine eigene werdende Globalität.

Jede andere Geschichte als Weltgeschichte ist für jüngere Epochen - und gerade für das 19. Jahrhundert - nichts als ein Notbehelf. Mit solchen Notbehelfen hat sich freilich die Geschichtsschreibung zur Wissenschaft gebildet; Wissenschaft nach den Maßstäben einer überprüfbaren Rationalität ihrer Verfahren ist sie durch das intensive und im Rahmen des Machbaren erschöpfende Studium von Quellen geworden. Dies geschah im 19. Jahrhundert, und deshalb überrascht es nicht, dass Weltgeschichtsschreibung in eben dieser Epoche in den Hintergrund trat. Sie schien mit dem neuen professionellen Selbstverständnis der Historiker nicht vereinbar zu sein. Wenn sich das heute zu ändern beginnt, dann bedeutet dies keineswegs, dass alle Historiker Welthistoriker werden wollen oder werden sollten.2 Geschichtswissenschaft verlangt das intensive, in die Tiefe bohrende Studium umgrenzbarer Fälle. Das Ergebnis solchen Studiums wird immer wieder den Stoff für umfassende Synthesen bilden. Der übliche Rahmen für solche Synthesen ist, jedenfalls für die Neuzeit, die Geschichte einer einzelnen Nation oder eines Nationalstaates, vielleicht auch eines ganzen Kontinents, etwa Europas. Weltgeschichte bleibt eine Minderheitsperspektive, aber eine, die sich nicht länger als abseitig oder unseriös beiseite schieben lässt. Die fundamentalen Fragen sind freilich auf allen räumlichen und logischen Ebenen dieselben: «Wie verbindet der Historiker in der Interpretation eines einzelnen historischen Phänomens die quellenmäßig vorgegebene Individualität mit dem allgemeinen, abstrakten Wissen, das erst die Interpretation des Einzelnen möglich macht, und wie gelangt der Historiker zu empirisch gesicherten Aussagen über größere Einheiten und Prozesse der Geschichte?»3

Die Professionalisierung der Geschichtswissenschaft, hinter die man nicht zurückgehen kann, hat dazu geführt, dass «Big History» den Sozialwissenschaften überlassen wurde. Für die großen Fragen der historischen Entwicklung wurden jene Soziologen und Politologen zuständig, die sich ein Interesse für die Tiefe der Zeit und die Weite des Raumes bewahrten. Historiker schrecken von ihrem gelernten Habitus her vor kühnen Verallgemeinerungen, griffigen Universalformeln und monokausalen Erklärungen zurück. Unter dem Einfluss postmodernen Denkens halten es einige von ihnen für prinzipiell unmöglich, «Meistererzählungen» oder Interpretationen langfristiger Prozesse zu entwerfen. Dennoch: Weltgeschichte zu schreiben ist auch ein Versuch, dem Spezialistentum der kleinteilig arbeitenden Fachhistorie ein wenig öffentliche Deutungskompetenz abzuringen. Weltgeschichte ist eine Möglichkeit der Geschichtsschreibung, ein Register, das gelegentlich ausprobiert werden sollte. Das Risiko liegt beim Autor, nicht beim Publikum, das von einer wachsamen Kritik vor leichtsinnigen Zumutungen und Scharlatanerie geschützt wird. Dennoch bleibt die Frage, warum Weltgeschichte aus einer Hand? Warum begnügt man sich nicht mit den vielbändigen Kollektivprodukten aus der «gelehrten Fabrik» (Ernst Troeltsch)? Die Antwort ist einfach: Nur eine zentrale Organisation von Fragestellungen und Gesichtspunkten, von Stoffen und Interpretationen kann den konstruktiven Erfordernissen von Weltgeschichtsschreibung gerecht werden.

Die wichtigste Eigenschaft des Weltgeschichtsschreibers ist nicht seine Allwissenheit. Niemand verfügt über genügend Kenntnisse, um die Korrektheit jedes Details zu gewährleisten, allen Regionen der Welt die gleiche Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und aus jedem von zahllosen Forschungsständen den jeweils bestmöglichen zusammenfassenden Schluss zu ziehen. Die wichtigsten Eigenschaften des Weltgeschichtsschreibers sind zwei andere: Auf der einen Seite braucht er ein Gespür für Proportionen, für Größenverhältnisse, für Kraftfelder und Beeinflussungen, einen Sinn auch für das Typische und Repräsentative. Auf der anderen Seite muss er sich ein demütiges Abhängigkeitsverhältnis zur Forschung bewahren. Der Geschichtsschreiber, der vorübergehend in die Rolle des Welthistorikers schlüpft (er sollte immer auch Experte für etwas Spezielles bleiben), kommt nicht umhin, die mühselige und zeitraubende Forschungsarbeit Anderer, sofern sie ihm sprachlich zugänglich ist, in wenigen Sätzen «auf den Punkt zu bringen». Dies ist seine eigentliche Aufgabe, und es sollte ihm so oft wie möglich gelingen. Zugleich wäre seine Arbeit wertlos, würde er sich nicht um eine möglichst große Nähe zur besten Forschung bemühen, die nicht unbedingt stets die neueste zu sein hat. Lächerlich ist eine Weltgeschichtsschreibung, die mit dem Gestus pontifikalen Besserwissens längst widerlegte Legenden unwissend und unkritisch wiederholt. Als Synthese von Synthesen würde sie sich selbst missverstehen, als «the story of everything»4 wäre sie langweilig und grobschlächtig.

Dieses Buch ist ein Epochenportrait. Es praktiziert Darstellungsweisen, wie sie grundsätzlich auch bei anderen Zeitaltern verwendet werden könnten. Ohne den vermessenen Ehrgeiz, ein Jahrhundert Weltgeschichte vollständig und enzyklopädisch abhandeln zu wollen, versteht es sich als ein materialsattes Interpretationsangebot. Diese Haltung teilt es mit Sir Christopher Baylys Die Geburt der modernen Welt («The Birth of the Modern World»), einem 2004 im Original, zwei Jahre später in deutscher Übersetzung erschienenen, zu Recht hochgelobten Buch, einem der wenigen Beispiele gelungener weltgeschichtlicher Synthese aus dem Bereich der späten Neuzeit.5 Mein Buch ist kein Anti-Bayly, sondern eine Alternative aus verwandtem Geist - so wie es mehr als eine Deutung des Deutschen Kaiserreiches oder der Weimarer Republik geben kann. Beide Darstellungen verzichten auf eine regionale Gliederung nach Nationen, Zivilisationen oder kontinentalen Großräumen. Beide halten Kolonialismus und Imperialismus für so wichtig, dass sie dafür keine besonderen Kapitel vorsehen, sondern diese Dimension ständig mit bedenken. Beide setzen auch keinen scharfen Gegensatz zwischen dem voraus, was Bayly in seinem englischen Untertitel «global connections and comparisons» nennt.6 Beziehungsanalyse und Vergleich können und müssen geschmeidig miteinander kombiniert werden, und nicht alle Vergleiche bedürfen der vollen Absicherung durch die strenge historische Methodenlehre. Das kontrollierte...

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