Jacob beschließt zu lieben

Roman
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 27. Januar 2011
  • |
  • 405 Seiten
 
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978-3-406-61268-8 (ISBN)
 
In seinem neuen großen Roman erzählt Catalin Dorian Florescu die abenteuerliche Lebens- und Familiengeschichte des Jacob Obertin, aufgespannt zwischen Lothringen und dem rumänischen Banat. Es ist eine Geschichte von Liebe und Freundschaft, Flucht und Verrat und darüber, wie die Fähigkeit eines Menschen zu lieben ihn über alles hinwegretten kann.

«Eine abenteuerliche, spannungsreiche, vom ersten bis zum letzten Satz fesselnde Geschichte. Dieser Roman ist nicht mehr einem nationalen Kanon zuzuordnen, sondern ein herausragendes, schönes Zeugnis der Literaturlandschaft Mitteleuropa.»
Die Presse, Wien, über Catalin Dorian Florescus Roman «Zaira»

«Wenn Catalin Dorian Florescu erzählt, dann blühen die Seiten.»
Martin Amanshauser, Der Standard, Wien
  • Deutsch
  • München
  • |
  • USA
  • 2,24 MB
978-3-406-61268-8 (9783406612688)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Catalin Dorian Florescu, geboren 1967 in Timisoara in Rumänien, lebt als freier Schriftsteller in Zürich. Er ist ausgebildeter Psychologe und Suchttherapeut.
Für seine Romane «Wunderzeit» (2001), «Der kurze Weg nach Hause» (2002), «Der blinde Masseur» (2006) und «Zaira» (C.H.Beck 2008) erhielt er zahlreiche Preise - u.a. den Chamisso Förderpreis und den Anna Seghers Preis, er war außerdem Stadtschreiber von Dresden -, und sie wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Im Zusammenhang mit dem neuen Roman wurde der Autor bereits zum Stadtschreiber von Erfurt und Stadtschreiber von Baden-Baden ernannt und erhielt ein Heinrich Heine-Stipendium
1 - Cover [Seite 1]
2 - Titel [Seite 3]
3 - Impressum [Seite 4]
4 - 1. Kapitel [Seite 5]
5 - 2. Kapitel [Seite 62]
6 - 3. Kapitel [Seite 90]
7 - 4. Kapitel [Seite 238]
8 - 5. Kapitel [Seite 278]
9 - 6. Kapitel [Seite 327]
10 - Danksagung [Seite 404]
11 - Zum Buch [Seite 407]

1.
Kapitel


In jedem Sturm steckt ein Teufel. In einem sommerlich flüchtigen wie auch in einem, der sich tagelang schwer aufs Land legt. Er versteckt sich vor Gott. Je ängstlicher er wird, desto kräftiger wirbelt er die Luft und die Erde auf. Doch auch das nützt ihm wenig. Wenn dann der Sturm draußen auf den Feldern jault, wissen die Menschen, dass Gott den Teufel gefunden hat.

Hat er Glück, so kann er fliehen. Er tritt aus dem Orkan heraus, der Wind legt sich, und die Wolken lösen sich auf, als ob es sie nie gegeben hätte. Aber es ist zu früh zum Aufatmen, zu dringend braucht der Gehetzte neue Tarnung. Er wird sie im Fell einer Katze oder in der dichten Krone einer Buche suchen. Wer sich an solchen Tagen aus dem Haus traut, rafft die Kleider fester um den Körper, damit der Teufel sich nicht einschleicht.

Im Juli 1924 kam mein Vater aus solch einem Gewitter heraus, und er widersprach jenen nie, die meinten, er habe mit dem Teufel paktiert. Nicht, als er Mutter heiratete, nicht, als sie mich bekamen, und auch nicht, als er alles wieder verlor.

Als damals die Wolkenfront im Westen, noch hinter der Grenze zu Ungarn, sich bedrohlich vorwärtsschob, sprang der alte Feldwächter auf. Das Donnern hatte ihn geweckt, der Himmel war wie mit Teer überzogen. Hastig suchte Marian sein Horn und wollte das Dorf warnen, aber der Schnaps hatte seinen Mund trockengelegt. Er nahm wieder einen kräftigen Schluck, und jetzt erklang sein Ruf durch die in der Sonne erstarrten, verlassenen Gassen.

Inzwischen schlugen weit entfernt Blitze in den Acker, und der Regen setzte in breiten Schwaden ein. Marian steckte das Horn unter den Arm, schob die Füße in die Holzschuhe und lief zum Haus des Burghüters. So nannte man diesen, obwohl es hier nirgends eine Burg gab, aber vielleicht sahen die Bauern das ganze Dorf als Burg an. Ein Dorf, das so frei stehend und verwundbar war, dass es nicht nur dem Wetter, sondern allen, die hier durchwollten, ausgesetzt war. Ganzen Armeen und einzelnen Herumstreunern, Habsburgern und Ungarn, Irdischen und manchmal auch Überirdischen.

Der Burghüter Strubert wusste Bescheid, seine Frau hatte ihn, der an derselben Leidenschaft wie der Feldwächter litt, wach gerüttelt. Sie schleppte ihn zum Fenster, wo er fluchte und sie schlagen wollte, weil sie zu lange gewartet hatte. Er packte den Schlüssel zum Kirchturm, stürzte hinaus und rief dem Feldwächter zu, mit dem er beinahe zusammengestoßen wäre: «Sturmläuten!» Er ahnte nicht, dass er an jenem Tag die große, schwere Glocke gleich zweimal würde läuten müssen.

Sie war bereits 1773, ein Jahr nachdem das Dorf aus dem Nichts entstanden war, auf das Betreiben von Frederick Obertin hin in Temeschwar gegossen und auf einem Ochsenkarren hierhergebracht worden. Dann hatte man sie mit großer Mühe in den Glockenturm hinaufgezogen und neben der kleinen und der mittleren Glocke angebracht. Sie war die Wichtigste.

Sie war es, die man bei Feuer oder anderen Gefahren läutete. Sie, deren Schall sich hinaus auf die Felder ausbreitete, um die Mittagsruhe anzuzeigen, und die in der Dämmerung das Geläut der anderen zwei Glocken beendete, mit dem man die Leute von den Feldern nach Hause holte. Drei Schläge, für den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Sie war es auch, die zuerst erklang, wenn ein Toter zu Grabe getragen wurde.

Der erste Tote hatte nicht lange auf sich warten lassen. Der Knecht Roland Manoeuvre sollte die Glocke kurz vor der Einweihung polieren, verhedderte sich in den Seilen und stürzte kopfüber in die Tiefe. Er fiel direkt vor die Füße von Frederick Obertin und den anderen Gästen. Vielleicht war es der Schnaps gewesen, vielleicht etwas anderes, Unerklärliches. Jedenfalls war dies der Anfang einer langen Serie von Unfällen, Morden und Selbstmorden, die das Dorf heimsuchen sollte. Das alles war Gottes Land, aber mit dem anderen rechnete man auch.

Als der Burghüter sich jetzt in die Hände spuckte und das Seil packte, hatten die meisten Bauern auf den Feldern, oft vier, fünf Kilometer entfernt, das Unwetter bemerkt. Mancher hatte sich mit der Hand im Kreuz aufgerichtet, weil er das veränderte Licht wahrnahm. Ein letztes schwaches Schimmern, bevor die Sonne verschwinden würde. Und eine erste, leichte Windböe, die alles Folgende ankündigte. Ende Juli war Erntezeit. Da standen überall in Garben gebündeltes Korn und oft noch getrocknetes Heu auf den Feldern. Aber da war nichts zu machen, man musste später sehen, was sich davon noch retten ließ. Sie packten ihre Geräte und Werkzeuge, ihren Proviant auf die Karren und marschierten los.

Von allen unbemerkt, erschien Jakob auf der schmalen Kiesstraße, die in einiger Entfernung am Dorf vorbeiführte und Temeschwar mit der ungarischen Grenze verband. Es war ein heißer Tag gewesen, an dem die Kleider am Körper klebten und der Staub in die Augen und die Nase eindrang. Auch Jakob hatte gesehen, dass der Boden in ein grellgelbes Licht getaucht war, das schnell matter wurde, bis es sich in Grau verwandelte. Er blieb stehen, hob den Kopf, schob seine speckige, unförmige Mütze aus dem Gesicht und schaute zum Himmel hoch. Er atmete kräftig ein, es roch nach Regen.

Die Wolken waren kaum noch einen Kilometer entfernt, der Wind wurde stärker und schüttelte heftig die wenigen Maulbeerbäume und Pappeln, welche die Straße säumten. Ganze Schwärme von Krähen kreisten lärmend und unruhig hoch über ihm, dann flogen sie auf die Stadt zu. Sie würden auf leer stehendem Fabrikgelände und in Parks, in Höfen und am Ufer des Bega-Kanals niedergehen und dort Schutz suchen.

Jakob sah in der Ferne die letzten Bauern zwischen den Häusern verschwinden. Er zog seine Schuhe aus, band sie an den Schnürsenkeln zusammen und schwang sie über die Schulter. Es gab keine Zeit zu verlieren, der Sturm war angekommen, der Horizont hatte sich auf ein paar hundert Meter verengt. Er sprang ins Feld und begann zu laufen.

Dass es eine schlechte Idee war, wusste er, obwohl Gott allen Menschen, die vom Blitz getroffen wurden, die Sünden tilgte. Daran glaubten die Rumänen, und er hatte lange genug unter ihnen gelebt, um das selbst für möglich zu halten. Als er auf halbem Weg zu den ersten Höfen war, regnete es bereits heftig, und der Wind stemmte sich gegen ihn, als ob er ihn aufhalten wollte. Aber der Wind hatte schlechtere Karten, Jakob ließ sich höchstens kurz aus dem Tritt bringen.

Doch manchmal schlugen die Böen ihm so wild ins Gesicht, dass er drei, vier Schritte vor- und ebenso viele zurückging. Da war er, ein großer Mann mit zerzausten Haaren, mit dem die Natur spielte oder die Teufel, die ihn hochheben und aus Wut darüber, dass Gott sie und nicht die Menschen jagte, auf die Erde schleudern würden.

Das Einzige, was ihm der Sturm rauben konnte, war die Mütze. Sie wurde über das Feld gerollt, in die Luft geweht und blieb in einer Hecke hängen. Auch die Jacke, in deren Tasche der Zeitungsartikel steckte, der ihn hierhergebracht hatte, blähte sich auf wie ein Segel und zog ihn nach hinten. Doch Jakob war zäh, daran sollte es nicht liegen. Er war nur ein paar Schritte von einem Stall entfernt, als etwas dicht an ihm vorbeiflog, ein Stück Schornstein oder Abflussrohr. Mit Mühe öffnete er eine schmale Tür auf der Rückseite des Stalls, schob sich hindurch und ließ sich auf das Heu fallen.

Die Tiere nahmen es hin. In der Nähe der warmen, zuckenden Körper der Kühe und Pferde fühlte Jakob sich wohl. Der Geruch von Dung und Heu, Dreck und Tierfellen hatte ihn immer schon beruhigt. Im Rhythmus der Tiere leben, sie trocknen, bürsten und zudecken, ihre Hufe einsalben und näher an sie heranrücken, wenn es im Herbst kühler wurde. Jakob kroch vorsichtig an eine der liegenden Kühe heran. Er streichelte sie, um sie zu beruhigen, griff nach einer Zitze und trank gierig. Die Kuh ließ es sich gefallen, für sie war er nur eine andere Art Kalb.

Er legte sich hin, schloss die Augen, aber nach kurzer Zeit riss er sie wieder auf. Er suchte hektisch in den Taschen nach der goldenen Uhr, und als er sie endlich in der Hand hielt, lächelte er zufrieden. Dann schlief er ein, in die Geräusche des niederprasselnden Regens, des Donners und des Windes gehüllt. Es war inzwischen dunkel geworden, durch die Rillen und die Spalten leuchteten die Blitze den schlafenden Menschen und die lauschenden Tiere aus.

Bis dann, kaum eine Viertelstunde später, ein anderer Mann mit einem Gewehr in der Hand das große Vordertor aufriss und im Licht der Blitze versuchte, den Fremden ausfindig zu machen. Als er ihn entdeckte, schritt er auf ihn zu und rammte ihm den Gewehrkolben in den Bauch. Jakob sprang auf, sein ganzer Körper wirkte wie ein Panzer.

«Ich habe Sie für einen Pferdedieb gehalten. Manche rechnen sich bei solchem Wetter bessere Chancen aus. Aber noch kein Pferdedieb hat sich schlafen gelegt. Sind Sie Schwabe oder Rumäne?», fragte der Mann.

«Schwabe», antwortete Jakob.

Alex Neper drehte sich um und ging wieder ins Haus. Als Jakob dachte, er habe ihn vergessen oder aufgegeben, und sich überlegte, ob er es riskieren und noch bleiben sollte – denn noch lange war der Sturm nicht vorbei –, hörte er vom anderen Ende des Hofes eine Stimme:...

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