Weinhebers Koffer

 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 28. Januar 2015
  • |
  • 160 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-908778-66-0 (ISBN)
 
Bei einem Berliner Trödler entdeckt der junge Journalist Elias Ehrenwerth einen alten Lederkoffer mit den Initialen L.W. Neugierig folgt er dem Schicksal des Koffers und entdeckt, dass dieser Leonard Weinheber gehörte.

Weinheber ist Schriftsteller und sieht sich nach Berufsverbot und Schikanen Anfang 1939 gezwungen, sein Vaterland zu verlassen. Er entscheidet sich, nach Palästina zu emigrieren, wo seine Geliebte bereits lebt. Weinheber begibt sich schweren Herzens in Marseille auf ein Schiff, um nach Jaffa auszureisen. Doch lediglich sein Koffer wird in Palästina ankommen .
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,40 MB
978-3-908778-66-0 (9783908778660)
weitere Ausgaben werden ermittelt
MICHEL BERGMANN, 1945 in Basel als Sohn jüdischer Eltern geboren, verbrachte seine Kindheit in Paris, seine Jugend in Frankfurt am Main. Michel Bergmann absolvierte eine Ausbildung bei der Frankfurter Rundschau, später arbeitete er als freier Journalist, Autor, Regisseur und Produzent sowie als Drehbuchautor für Film und Fernsehen. Zahlreiche Veröffentlichungen (Filme, Beiträge in diversen Zeitungen, Zeitschriften, Anthologien, Romane) und Filmpreise. Michel Bergmann lebt in Berlin.

Der Koffer

Könntest du früher kommen und mir helfen?, fragte Lisa. Ich geriet in Panik. Sie wollte in ihren Geburtstag reinfeiern! Freunde würden in der Tür stehen und liebevoll verpackte Dinge in den Händen halten. Nur einer hatte noch kein Geschenk . Nach dem Telefonat rannte ich los, und während ich das tat, dachte ich noch, was soll das? Wo willst du hin? Und was willst du kaufen?

Ich starrte sorgenblind in die Auslagen der Geschäfte. Sonnenbrille? Schuhe? (Welche Größe hatte sie überhaupt?) Ein Laden voller Schnickschnack, den keiner brauchte. Lustige Frühstücksbrettchen mit coolen Sprüchen drauf! Dann hatte ich plötzlich eine Eingebung! Es gab doch dieses riesige Second-, besser Third-Hand-Lager, an dem ich immer wieder vorbeimusste, auf dem Weg zur Post. Es gehörte zwei türkischen Brüdern, Fatih und Mutih, wie ich den älteren nannte.

Die beiden hingen vor ihrem Laden in »echte Ihms-Sessel« herum, wie man den handgeschriebenen Schildern entnehmen konnte. Drinnen dann Möbel aus allen Stilepochen, Ölgemälde, Lithos und Poster. Vom Biedermeier zum Kubismus und zurück zur Romantik und der Antike in einer Sekunde. Haushaltsgeräte von Omi und Opi, von der handbetriebenen Kaffeemühle über die tonnenschwere Wäschemangel bis hin zur gut erhaltenen Munddusche »Dental-Traum«.

Fatih ließ mich nicht aus den Augen. Ich hatte noch nichts Brauchbares entdeckt, befand mich bereits in der Auslaufzone des Lagers, zwischen durchgesessenen Sofas, abgewetzten Sesseln und nachgemachten Reklameschildern aus der Frühzeit der DDR, die bei urbanen Menschen Verzückung hervorriefen. Mein Gott, dachte ich, was hatte das alles mit Lisa zu tun? Brauchte sie einen Regenschirmständer oder eine Micky-Maus-Wanduhr? Gedankenverloren schaute ich für eineinhalb Sekunden auf einen alten Koffer, der neben einer Kommode stand. Schon hatte der Ladenbesitzer beflissen das gute Stück nach vorn gezerrt, flüchtig mit der Hand abgewischt, auf einen ausziehbaren Resopal-Esstisch gewuchtet und voller Stolz mit einladender Geste darauf gezeigt. Und gesagt, was er in so einem Fall immer sagt: Schönes Teil!

Der Koffer war groß, rötlichbraun, aus robustem Leder mit einem Gurt, messingfarbenen Schlössern und kräftigen hellen Nähten. Ich bemerkte die ovalen, quadratischen oder dreieckigen Aufkleber: Dorchester, London konnte ich erkennen, Hotel Palacio, Taormina; Vier Jahreszeiten, Hamburg; Principe de Savoia, Milano; George V, Paris; Danieli, Venezia; König von Ungarn, Wien. Der alte Koffer hatte schon einiges gesehen von der feinen Welt. Und dann entdeckte ich unter dem Griff zwei goldgeprägte Initialen: L.W.

L.W.! Lisa Winter! Es gab einen Gott! Ich vermied es, eine Siegerfaust zu ballen, versuchte gleichgültig zu wirken. Der Koffer ist noch super in Schuss, sagte der junge Türke. Na ja, reagierte ich skeptisch. Was willst du dafür haben? Er schaute mich herausfordernd an. Schwer zu sagen, habe ihn in Kommission. Ein Kunde hat mir den dagelassen. Was willst du zahlen? Wie viel willst du haben?, fragte ich blitzschnell zurück. Fatih grinste frech. Wer den ersten Preis nennt, hat schon verloren. Pause.

Okay, gib mir fünfzig. Fünfzig? Ja, ist doch nicht viel, und ich muss das teilen. Ich holte zwei Zwanziger aus der Hosentasche und hielt sie ihm vor die Nase. Er schnappte sich das Geld, öffnete wortlos den Koffer, entnahm einen Stapel vergilbter Spitzendeckchen, die er irgendwann mal darin verstaut hatte, verschloss ihn gewissenhaft, wischte mit einem der Deckchen noch einmal darüber. Ich griff mir den Koffer, der bereits leer ein eindrucksvolles Gewicht hatte, und verschwand Richtung Ausgang. Vor der Tür rekelte sich Mutih im Ihms.

Ich hatte einen Blumenstrauß und dazu eine edle Dose Fancy Dusted Truffles erstanden, eine frivole Süßigkeit aus Belgien, für die Lisa sich (und mich) hingeben würde. Darüber hinaus war vorgesehen, ihr das Leseexemplar des neuen Romans von Jojo Moyes zu schenken, das ich mir unter Vorspiegelung falscher Tatsachen (habe vor, eine Rezension zu schreiben, ha, ha) vom Verlag hatte zuschicken lassen, wie ich es oft mache. Auf jeden Fall wollte ich dies alles in den Koffer packen. Ich kniete also nieder, legte ihn auf den Fußboden, öffnete den Gurt, die beiden Schlösser sprangen reibungslos auf.

Ich schnupperte in den Koffer und stellte zu meiner Erleichterung fest, dass er nicht moderig roch, sondern vertrauenerweckend nach Leder. Er würde Lisa gefallen, da war ich sicher. Selbst wenn man sich nicht mit ihm abschleppen mochte - er war dekorativ. Der Koffer hatte drei geraffte Seitenfächer aus Stoff, die mit ausgeleierten Gummizügen am Innenrand auflagen. Ich fasste vorsichtig in die Stofftaschen und entdeckte in der letzten eine angegraute Visitenkarte, auf der zu lesen stand:

Dr. phil. Leonard Weinheber,
Berlin-Wilmersdorf, Victoria-Louise-Platz 14. Fernsprecher: 42371.

Ich verspürte einen Hauch von Rührung. Wie ein Kleinod betrachtete ich das Kärtchen, das aus einer anderen Welt stammen musste. L.W. Leonard Weinheber war wohl der ehemalige Besitzer des Koffers! Wie lange war das her? Was ist aus ihm geworden?

Der unbekannte Herr Weinheber ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich sah sie vor mir, die Wohnung, in der die Enkel mit spitzen Fingern Opas Habseligkeiten in einen Müllcontainer warfen, bis einer sagte: Oh, geil, den Koffer krall ich mir!

Dann stand er ein paar Jahre unnütz im Weg, um schließlich in Fatihs Fundus zu enden. Ich beschloss, Lisa den Koffer erst in ein paar Tagen zu schenken. Oder in zwei Wochen. Oder gar nicht. Ich setzte mich vor den Rechner und googelte den Namen. Es gab einige Weinhebers weltweit - ein Leonard war nicht darunter.

Pünktlich fand ich mich mit Blumen, Buch und Trüffeln bei Lisa ein, half ihr, das Büfett zu dekorieren, holte Klappstühle aus dem Keller und schlug die Sahne. Jutta, Lisas ältere Schwester, erschien ebenfalls früher, um zu helfen. Sie kam mit einer selbst gebackenen Möhrentorte. In den letzten Jahren war die geschiedene Frau zu einer Gesundheitsterroristin mutiert. Sie war von der gemeinsamen Verschwörung der Energie-, Pharma-, Agrar- und Lebensmittelindustrie überzeugt. Sie fand ihr Seelenheil in einer sektenähnlichen Organisation namens »Lebefreit« auf einem Resthof in der Uckermark. Dort ging sie ihrem spirituellen Treiben nach, belehrte die alteingesessenen Landwirte, verteufelte die Schulmedizin und betete stinkende chinesische Pilze als das einzig effektive Heilmittel an. Man konnte sich nicht dagegen wehren, stets die neuesten naturmedizinischen Erkenntnisse aufgetischt zu bekommen.

Da wurden Paracelsus, Hildegard von Bingen und Luther zitiert, selbst vor Einsteins Bienenmenetekel schreckte die Besessene nicht zurück, obwohl Honig tabu war. Die überzeugte Veganerin nannte ihn »Bienenkotze«. Es flossen Tränen, als Jutta tolldreist behauptete, der Vater könnte heute fröhlich und beschwerdefrei unter uns weilen, hätte er sich nicht nach seinem Schlaganfall (der ihm erspart geblieben wäre, wenn er sich gesund ernährt hätte!) in die geldgierigen Hände der Gerätemedizin begeben. Als ich daraufhin etwas einwenden wollte, hielt mich Lisa zurück. Es kamen die ersten Gäste mit Hallo und guter Laune. Darunter ein paar von Lisas Kollegen vom Lufthansa-Magazin, bei dem sie als Fotoredakteurin arbeitete. Das ist Elias, mein Freund, stellte sie mich vor und ich gab brav Händchen. Während sich auf der Kommode im Flur die Geschenke stauten, dachte ich an Weinhebers Koffer, der mich gewiss bereits vermisste.

Der Abend verlief angenehmer als erwartet. Vorerst. Da saßen zwar Menschen, mit denen ich nicht unbedingt jeden Tag zusammen sein wollte, aber sie waren offen, freundlich, interessiert. Solange ich über meine Arbeit reden konnte, war alles in meinem Sinne. Wow, du hast Film studiert. Und was machst du jetzt? Untertitel für US-Serien. Super! Auch House of Cards? Ja, sagte ich, aber auch Seriöses, wie die Simpsons. Das war immer ein Lacher. Das ist sein jüdischer Humor, sagte Lisa nicht ohne Stolz, Elias ist Jude. Ich widersprach halbherzig. Ja, nein, eigentlich nicht. Mein Vater ist Jude, aber im halachischen Sinne bin ich kein Jude, weil meine Mutter keine Jüdin ist. Der Jude geht durch das Blut der Mutter, heißt es im Talmud. So kam, wie bei jeder kultivierten deutschen Geselligkeit, der Holocaust auf die Tagesordnung. Hat deine Familie denn irgendwie Menschen verloren im Krieg, wollte Kerstin, eine Kollegin von Lisa, wissen. Ja, sagte ich, mein Vater hat seine Großeltern nie kennenlernen können, sie sind in Majdanek irgendwie verloren gegangen. Es entstand eine Pause, dann wurde die zweite Stufe gezündet: Israel!

Sicher, es sei nicht nett, israelische Waren zu boykottieren, aber man müsse ein Stück weit aufmerksam machen auf die Ungerechtigkeit den Palästinensern gegenüber. Also, ich bin kein Antisemit, im Gegenteil, ich habe jüdische Freunde, aber die Juden müssten doch am besten wissen, wie das ist, wenn man unterdrückt wird. Was da passierte, erinnere, man könne es nicht anders beschreiben, fatal an Zustände in einem KZ!

Nachdem diese und weitere unqualifizierte Argumente ein paarmal hin und her geflogen waren, fühlte ich mich berufen, mich konsequenter einzubringen. Lisa versuchte, mich zurückzuhalten. Sie kannte mich - und besonders gut, wenn ich getrunken hatte. Der Firnis der Zivilisation löste sich in dieser Phase gern ab. Hört mal zu, ihr Arschgeigen, mit Verlaub, sagte ich laut, eure Meinung zu Israel interessiert mich einen Scheiß! Denn es ist das einzige Land, zu dem ihr eine Meinung habt! Auf Juden lässt es sich gut rumhacken. Die...

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