Verfluchte Tage

Ein Revolutionstagebuch
 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Juni 2014
  • |
  • 260 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-908778-56-1 (ISBN)
 
Das literarische Tagebuch der russischen Revolution

Erstmals auf deutsch liegt mit »Verfluchte Tage" das Tagebuch Iwan Bunins aus der Zeit des russischen Bürgerkriegs vor. Durch Rückgriffe auf die vorrevolutionäre Zeit und die Tage der Februarrevolution entsteht ein bedeutendes - und in seiner Vehemenz singuläres - Zeitzeugnis, in dem Bunins ablehnende Haltung gegenüber der Revolution unverhüllt zum Ausdruck kommt.

»Verfluchte Tage" ist kein Tagebuch im üblichen Sinne, sondern ein streng durchkomponiertes literarisches Werk. Es fußt auf den Notizen, die Bunin unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse 1918/19 in Moskau und Odessa gemacht hat. Ereignisse, die nicht nur für sein Heimatland, sondern auch für sein persönliches Schicksal entscheidend waren und dazu führten, daß er 1920 Rußland für immer verließ. »Okajannye dni" erschien in Buchform erstmals 1935 bei Petropolis in Berlin und gilt als ein Schlüssel zum Verständnis Bunins.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,98 MB
978-3-908778-56-1 (9783908778561)
weitere Ausgaben werden ermittelt
IWAN BUNIN, geboren 1870 in Woronesch, emigrierte 1920 nach Paris. Am 10.12.1933 erhielt er als erster russischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur. Er starb am 8. November 1953 im französischen Exil. In deutscher Übersetzung erschienen »Ein unbekannter Freund" (2003), sein Revolutionstagebuch »Verfluchte Tage" (2005) und seine literarischen Reisebilder in dem Band »Der Sonnentempel" (2008) sowie die frühen Erzählungen in »Am Ursprung der Tage" (2010). Im Herbst 2011 erschienen die zwei Erzählungen »Das Dorf und Suchodol".

DOROTHEA TROTTENBERG studierte Slavistik in Köln und Leningrad, arbeitet als Bibliothekarin und als freie Übersetzerin klassischer und zeitgenössischer russischer Literatur, u.a. von Michail Bulgakov, Nikolaj Gogol, Vladimir Sorokin, Lev Tolstoj und Ivan Turgenev. 2007 wurde sie mit dem Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis, 2012 mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet.

THOMAS GROB ist Professor für Slavistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Basel. Zudem ist er publizistisch tätig.

MOSKAU, 1918

1. Januar (alten Stils)

Dieses verwünschte Jahr ist zu Ende. Doch was weiter? Vielleicht kommt etwas noch Schrecklicheres. Wahrscheinlich sogar.

Aber allerorten geschieht Erstaunliches: Aus irgendeinem Grunde sind fast alle ungemein vergnügt – wem man auf der Straße auch begegnet, jeder strahlt dich an:

»Ach lassen Sie es gut sein, Verehrtester! In zwei, drei Wochen werden Sie sich schämen …«

Forsch und mit vergnügter Liebenswürdigkeit (aus Mitgefühl mit mir Dummkopf) drückt er mir die Hand und läuft weiter.

*

Heute schon wieder so eine Begegnung, Speranski von den Russkije Wedomosti. Danach begegnete ich in der Mersljakowski-Gasse einer alten Frau. Sie blieb stehen, stützte sich mit zitternden Händen auf ihren Krückstock und fing an zu weinen:

»Gnädiger Herr, laßt mich nicht verhungern! Wo sollen wir denn hin? Es ist aus mit Rußland, für dreizehn Jahre ist es aus, sagt man!«

7. Januar

War auf der Sitzung des Verlags der Schriftsteller, eine phänomenale Neuigkeit: Sie haben die »Konstituierende Versammlung« aufgelöst.

Über Brjussow: orientiert sich immer mehr nach links, »beinahe schon ein echter Bolschewik«. Kein Wunder. 1904 pries er die Autokratie, forderte (ganz Tjutschew!) die unverzügliche Eroberung von Konstantinopel. 1905 erschien er mit Kinshal in Gorkis Borba. Als der Krieg mit den Deutschen ausbrach, wurde er Hurrapatriot. Und jetzt Bolschewik.

5. Februar

Seit dem ersten Februar soll der Kalender neuen Stils gelten, haben sie angeordnet. Die haben heute also schon den achtzehnten.

Gestern war ich auf der Versammlung von Sreda. Es waren viele »Junge« da. Majakowski, der sich im allgemeinen recht anständig aufführte, auch wenn er sich die ganze Zeit plebejisch selbstbewußt gab und eine einfältige Sturheit im Urteil zur Schau stellte, trug ein Hemd mit Schillerkragen ohne Krawatte und hatte aus einem unerfindlichen Grund den Jackenkragen hochgeschlagen – so gehen schlecht rasierte Personen, die in schäbigen Absteigen logieren, morgens zum Abtritt.

Ehrenburg und Wera Inber lasen. Sascha Koiranski sagte über sie:

Es heult ganz laut der Ehrenburg,

Begierig stimmt die Inber ein,

Nicht Moskau, auch nicht Petersburg

Kann ihnen Ersatz für Berditschew sein.

6. Februar

In den Zeitungen Berichte über den Beginn der deutschen Offensive. Alle sagen: »Hoffentlich!«

Gingen zur Lubjanka. Mancherorts »Meetings«. Ein Rothaariger in einem Mantel mit rundem Persianerkragen, mit buschigen roten Augenbrauen, frischrasiertem, gepudertem Gesicht und Goldplomben im Mund, spricht eintönig, als würde er vorlesen, über die Ungerechtigkeiten des alten Regimes. Ein stupsnasiger Herr mit hervortretenden Augen widerspricht ihm erbittert. Ein paar Frauen mischen sich hitzig im unpassenden Moment ein, unterbrechen die Diskussion (eine prinzipielle, wie der Rothaarige es ausdrückt) mit Einzelheiten und hastigen Erzählungen aus ihrem persönlichen Leben, die beweisen sollen, daß weiß der Teufel was vor sich geht. Ein paar Soldaten, die offenkundig überhaupt nichts verstehen, jedoch wie immer etwas (genauer: alles) anzweifeln, schütteln mißtrauisch die Köpfe.

Ein Bauer kam hinzu, ein alter Mann mit bleichen, aufgedunsenen Wangen und einem grauen Spitzbart, den er im Herankommen neugierig in die Menge steckte und zwischen die Ärmel zweier Herren schob, die die ganze Zeit schwiegen und nur zuhörten: Er begann ebenfalls aufmerksam zuzuhören, wobei er aber offensichtlich ebensowenig verstand und nichts und niemandem glaubte. Ein hoch aufgeschossener, blauäugiger Arbeiter und zwei Soldaten mit Sonnenblumenkernen in den Fäusten traten hinzu. Die beiden Soldaten haben kurze Beine, sie kauen und blicken mißtrauisch und finster drein. Über das Gesicht des Arbeiters geht ein boshaftes, belustigtes Lächeln, Verachtung, er hat sich seitwärts dicht neben die Menge gestellt, tut so, als sei er nur eben für einen Moment stehengeblieben, zum Vergnügen, und sagt sich: Ich weiß im voraus, daß alle dummes Zeug reden.

Eine Dame klagt ungestüm, sie habe kein Stück Brot mehr, früher hatte sie eine Schule, aber nun hat sie alle Schülerinnen fortgeschickt, weil sie sie nicht mehr ernähren kann.

»Wem geht es denn besser mit den Bolschewiki? Allen geht es schlechter, und in erster Linie doch uns, dem Volk!«

Eine aufgetakelte Schlampe fiel ihr ins Wort, mischte sich naiv ein und fing an, jeden Augenblick kämen die Deutschen, und dann müßten alle dafür büßen, was sie angerichtet haben.

»Ehe die Deutschen kommen, schlachten wir euch alle ab«, sagte der Arbeiter kalt und ging davon.

Die Soldaten bekräftigten: »Ganz genau!« und gingen auch davon.

Um dasselbe Thema ging es in einer anderen Menschenmenge, wo ein anderer Arbeiter und ein Fähnrich sich stritten. Der Fähnrich bemühte sich, so sanft wie möglich zu sprechen, indem er die harmlosesten Ausdrücke wählte und durch Logik etwas zu bewirken suchte. Er schmeichelte sich fast ein, und dennoch schrie der Arbeiter auf ihn ein:

»Leute wie ihr sollten besser die Klappe halten, so ist das! Ihr braucht im Volk keine Propaganda zu verbreiten!«

K. sagt, daß gestern R. wieder bei ihnen war. Vier Stunden saß er da und las absurderweise die ganze Zeit in einem Buch über Magnetwellen, das jemand auf dem Tisch hatte liegenlassen, dann trank er Tee und aß die ganze Brotration auf. Er ist von Natur aus sanft und still und keineswegs unverschämt, aber jetzt kommt er, sitzt völlig ungeniert da und ißt das ganze Brot auf, ohne jede Rücksichtnahme auf die Gastgeber. Wie schnell der Mensch sinkt!

Blok hat sich offen den Bolschewiki angeschlossen. Er hat einen Aufsatz veröffentlicht, von dem Kogan (P. S.) ganz begeistert ist. Ich hatte ihn noch nicht gelesen, erzählte aber Ehrenburg, worum es vermutlich geht – und es zeigte sich, daß ich recht hatte. Eigentlich kein Kunststück, Blok ist eben dumm.

Aus Gorkis Nowaja Shisn:

»Vom heutigen Tage an wird selbst dem allernaivsten Einfaltspinsel klar, daß man in bezug auf die Politik der Volkskommissare nicht nur nicht von Mut und revolutionärer Würde sprechen kann, sondern nicht einmal von elementarster Redlichkeit. Wir haben eine Horde von Glücksrittern vor uns, die um der eigenen Interessen willen und mit dem Ziel, die Agonie ihrer untergehenden Autokratie noch um einige Wochen zu verlängern, zum schmählichsten Verrat an den Interessen der Heimat und der Revolution bereit sind, an den Interessen des russischen Proletariats, in dessen Namen sie auf dem vakanten Thron der Romanows ihr Unwesen treiben.«

Aus Wlast Naroda:

»Angesichts der häufig zu beobachtenden und sich jede Nacht wiederholenden Vorfälle, daß Verhaftete beim Verhör im Rat der Arbeiterdeputierten verprügelt werden, bitten wir den Rat der Volkskommissare um Schutz vor derartigen rüden Ausfällen und Handlungen …«

Eine Beschwerde aus Borowitschi.

Aus Russkoje Slowo:

»Bauern aus der Siedlung Pokrowskoje im Gebiet Tambow haben folgendes Protokoll aufgesetzt:

›Am 30. Januar haben wir, die Gemeinschaft, zwei Räuber verfolgt, unsere Mitbürger Nikita Alexandrowitsch Bulkin und Adrian Alexandrowitsch Kudinow. Gemäß Beschluß unserer Gemeinschaft wurden sie verfolgt und auf der Stelle getötet.‹

Sogleich erstellte diese ›Gemeinschaft‹ auch ein eigenartiges Strafgesetzbuch.

–  Wenn jemand einen anderen schlägt, dann muß der Geschädigte den Beleidiger zehnmal schlagen.

–  Wenn jemand einen anderen schlägt und es zu Verwundungen oder Knochenbrüchen kommt, ist der Beleidiger umzubringen.

–  Wenn jemand einen Diebstahl begeht oder Diebesgut annimmt, ist er umzubringen.

–  Wenn jemand Brandstiftung begeht und entdeckt wird, ist er umzubringen.

Alsbald wurden zwei Diebe auf frischer Tat ertappt. Über sie wurde unverzüglich ›gerichtet‹ und die Todesstrafe verhängt. Zuerst wurde der eine getötet: Man zerschmetterte ihm den Kopf mit einer Balkenwaage und schlitzte ihm mit einer Heugabel die Seite auf, zog den Toten dann splitternackt aus und warf ihn auf die Fahrbahn. Anschließend nahm man sich den anderen vor …«

Derartiges liest man jetzt jeden Tag.

Auf der Petrowka hacken Mönche Eis. Passanten triumphieren und johlen schadenfroh:

»Aha! Rausgeflogen! Euch Brüdern zeigen sie es jetzt!«

Im Hof eines Hauses in der Powarskaja hackt ein Soldat in Lederjacke Brennholz. Einer vom Land, der vorbeikam, stand lange dabei und schaute zu, dann schüttelte er den Kopf und sagte bekümmert:

»Ach, so was aber auch! Ach, ein Deseltör, so was aber auch! Mit Rußland ist es aus und vorbei!«

7. Februar

Leitartikel in Wlast Naroda: »Die schreckliche Stunde ist gekommen – Rußland und die Revolution gehen unter. Auf zur Verteidigung der Revolution, die noch vor kurzem ihr helles Licht in die Welt hinausstrahlte!« – Wann soll sie je gestrahlt haben? Schamlose Lüge!

Im Russkoje Slowo: »Der ehemalige Stabschef General Januschkewitsch ist tot. Er wurde in Tschernigow verhaftet und sollte auf Verfügung des örtlichen Revolutionstribunals nach Petrograd in die Peter-und-Paul-Festung gebracht werden, begleitet von zwei Rotgardisten. Einer von ihnen tötete den General nachts mit vier Schüssen, kurz vor dem Bahnhof...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

9,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen