Das Dorf. Suchodol

 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Juni 2014
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-908778-52-3 (ISBN)
 
"Die vielleicht schönste und lohnendste Wiederentdeckung der letzten Jahre." Karla Hielscher, Deutschlandfunk
"Das Dorf" und "Suchodol" sind zwei der bekanntesten und beeindruckendsten Werke Bunins, die schon bei ihrem Erscheinen heftige Diskussionen ausgelöst haben.
"Das Dorf" entfaltet durch die Geschichte der ungleichen Brüder Krassow und an Schauplätzen wie Kramladen, Jahrmarkt, Vorstadt, Landstraße oder Bauernstube ein Panorama des düsteren Provinzlebens im vorrevolutionären Russland. Bunin beschreibt dieses Leben in all seinen Facetten schonungslos und dennoch mit Verständnis, ja beinahe liebevoll.
"Suchodol" rekonstruiert durch die Erzählungen der alten Magd Natalja die komplizierte Geschichte der Besitzerfamilie des Landguts Suchodol und entwirft damit das anschaulichste und dichteste Bild der untergehenden russischen Adelskultur, das in der russischen Literatur existiert.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 1,07 MB
978-3-908778-52-3 (9783908778523)
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IWAN BUNIN, geboren 1870 in Woronesch, emigrierte 1920 nach Paris. Am 10.12.1933 erhielt er als erster russischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur. Er starb am 8. November 1953 im französischen Exil. In deutscher Übersetzung erschienen "Ein unbekannter Freund" (2003), sein Revolutionstagebuch "Verfluchte Tage" (2005) und seine literarischen Reisebilder in dem Band "Der Sonnentempel" (2008) sowie die frühen Erzählungen in "Am Ursprung der Tage" (2010).

DOROTHEA TROTTENBERG studierte Slavistik in Köln und Leningrad, arbeitet als Bibliothekarin und als freie Übersetzerin klassischer und zeitgenössischer russischer Literatur, u.a. von Michail Bulgakov, Nikolaj Gogol, Vladimir Sorokin, Lev Tolstoj und Ivan Turgenev. 2007 wurde sie mit dem Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis, 2012 mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet.

THOMAS GROB ist Professor für Slavistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Basel. Zudem ist er publizistisch tätig.

DAS DORF

I

Den Urgroßvater der Krassows, beim Gesinde der Zigeuner genannt, hetzte Rittmeister Durnowo mit Windhunden zu Tode. Der Zigeuner hatte ihm, seinem Herrn, die Geliebte ausgespannt. Durnowo befahl, den Zigeuner auf das Feld hinter Durnowka zu bringen und ihn auf einen Hügel zu setzen. Er selbst ritt mit der Meute hinaus und schrie: »Faßt ihn!« Der Zigeuner, der schreckerstarrt dasaß, ergriff die Flucht. Aber vor Windhunden sollte man nicht davonlaufen.

Der Großvater der Krassows erhielt aus irgendwelchen Gründen einen Freibrief. Er zog mit seiner Familie in die Stadt – und machte sich bald einen Namen: Er wurde ein berüchtigter Dieb. Er mietete in der Tschornaja Sloboda eine armselige Hütte für seine Frau, die Spitze klöppeln und verkaufen mußte, während er selbst mit einem Kleinbürger namens Belokopytow durch das Gouvernement fuhr und Kirchen plünderte. Nach ungefähr zwei Jahren wurde er gefaßt. Aber auch bei Gericht benahm er sich so, daß man sich seine Antworten an die Richter noch lange erzählte: Er stand da, als trüge er einen Kaftan aus Plüschsamt, eine silberne Uhr und Ziegenlederstiefel, mit dreist mahlenden Backenknochen und umherschweifendem Blick, und bekannte sich allerrespektvollst auch zu den geringsten seiner zahllosen Taten:

»Jawohl, ganz richtig. Jawohl, ganz richtig.«

Der Vater der Krassows wiederum war ein kleiner Krämer. Er fuhr im ganzen Kreis herum, lebte eine Zeitlang in Durnowka – er wollte eine Schenke und einen Kramladen eröffnen –, ging jedoch bankrott, fing an zu trinken, kehrte in die Stadt zurück und starb bald darauf. Auch seine Söhne, Tichon und Kusma, fast gleichaltrig, betätigten sich, nachdem sie in verschiedenen Läden gedient hatten, als Krämer. Sie zogen in einem Wagen mit geschnitztem Vordergestell herum, mitten auf dem Wagen eine Truhe, und riefen laut und wehmütig: »Wei-ber, Wa-re! Wei-ber, Wa-re!«

Die Ware – kleine Spiegel, Seifenstücke, Ringe, Zwirn, Tücher, Nadeln, Kringel – befand sich in der Truhe. Und im Wagen lag alles, was sie ergattert hatten: Katzenkadaver, Eier, Segeltuch, Lumpen …

Nachdem sie einige Jahre herumgezogen waren, gingen sich die Brüder eines Tages mit dem Messer an die Gurgel – Gerüchten nach zu urteilen wegen eines Fräuleins –, und danach trennten sie sich, um Schlimmeres zu vermeiden. Kusma ging bei einem Viehhändler in Dienst, Tichon pachtete einen kleinen Gasthof auf der Chaussee beim Bahnhof Worgol, etwa fünf Werst von Durnowka entfernt, und eröffnete eine Schenke und einen Trödelladen, einen »Handel mit Kleinbedarf an Tee Zucker Tabak Zigarren und anderes mehr«.

Als Tichon gegen vierzig ging, wurde sein schwarzer Bart allmählich von Silber durchzogen. Doch war er gutaussehend, groß und schlank wie früher: streng von Angesicht, sonnenverbrannt und leicht pockennarbig, in den Schultern breit und sehnig, im Gespräch gebieterisch und schroff, in seinen Bewegungen flink und gewandt. Bloß schoben sich seine Brauen immer öfter zusammen, und die Augen blitzten noch schärfer als früher: Das Geschäft verlangte es!

Beharrlich war er hinter den Landkommissaren her – in der toten Zeit im Herbst, wenn die Abgaben eingezogen wurden und im Dorf eine Versteigerung auf die andere folgte. Beharrlich kaufte er den Gutsbesitzern das Getreide noch auf dem Halm ab, pachtete bei ihnen und bei den Bauern Land – stückweise, er verlangte nicht einmal einen halben Acker. Lange lebte er mit einer stummen Köchin zusammen – »Eine Stumme plaudert nichts aus!« – und hatte mit ihr ein Kind, das sie im Schlaf, als es bei ihr lag, versehentlich erdrückte, und danach heiratete er ein bejahrtes Stubenmädchen der alten Fürstin Schachowoj. Nach der Heirat nahm er die Mitgift in Empfang und »erledigte« den Nachkommen der verarmten Durnowos, einen fülligen, freundlichen jungen Herrn, der mit noch nicht einmal fünfundzwanzig schon kahlköpfig war, aber einen prächtigen, kastanienbraunen Bart trug – einen »Fortschrittler«, wie die Gutsbesitzer in Anspielung auf seine fortschreitende Lähmung witzelten. Und die Bauern staunten und waren stolz, als er das Gut Durnowo übernahm: Bestand doch fast ganz Durnowka aus Krassows!

Sie staunten auch, wie er es anstellte, sich nicht aufzureiben: Einkäufe machen, Handel treiben, nahezu jeden Tag auf dem Gut sein, wie ein Habicht auf jeden Fußbreit Land achtgeben … Sie staunten und sagten:

»Mit uns Teufeln kann man nichts Rechtes anfangen! Aber dafür versteht er etwas von der Wirtschaft! Einen Gerechteren gibt es nicht!«

Tichon Iljitsch selbst bekräftigte sie in ihrer Überzeugung. Wenn er einen guten Tag hatte, sagte er belehrend:

»Bei uns wird nichts vergeudet, und wenn ich einen erwische, weiß ich ihn zu bändigen. Aber Gerechtigkeit muß sein. Ich bin Russe, mein Lieber.«

Wenn er einen schlechten Tag hatte, raunzte er mit funkelnden Augen:

»Du Schwein! Einen gerechteren Menschen als mich gibt es nicht!«

»Schwein schon, aber nicht ich«, dachte sich dann der Bauer und wich seinem Blick aus.

Und er murmelte unterwürfig:

»Allmächtiger! Als wüßten wir das nicht!«

»Du weißt es, aber du hast es vergessen. Ich will nichts umsonst von dir, aber eines merk dir: Auch du bekommst keine Kopeke von mir! Ich würde dir helfen, wenn du untertänigst bittest. Bei Gott, ich würde dir helfen! Aber verwöhnen – nein, merk dir das, verwöhnen werde ich dich nicht. Ich bin kein kopfloser chochol, mein Lieber.«

Nastassja Petrowna, die wie eine Ente watschelte, mit den Fußspitzen nach innen, und von den ständigen Schwangerschaften, die sämtlich mit totgeborenen Mädchen endeten, gelblich und aufgedunsen war und nur noch schütteres, weißliches Haar hatte, stöhnte und klagte:

»Ach, du bist so einfältig, das kann man ja nicht mit ansehen! Was plagst du dich mit diesem Trottel? Ist er vielleicht dein Kompagnon? Du willst ihm Vernunft eintrichtern, aber er schert sich nicht drum! Sieh bloß, wie er sich breitbeinig hinstellt – als wäre er der Emir von Buchara!«

Sie war eine große Liebhaberin von Schweinen und Geflügel – und Tichon Iljitsch hatte angefangen, Ferkel, Puten, Hühner und Gänse zu mästen; hinter dem Bahnhof gab es einen öffentlichen Teich. Am meisten aber begeisterte er sich für das Aufschütten von Getreide. Im Herbst war auf seinem Hof, der mit der einen Seite zur Chaussee, mit der anderen zum Bahnhof hin stand, in einem fort Räderknarren zu hören: Fuhrwerke bogen von oben und von unten her auf den Hof ein. Auf dem Hof nächtigten Pferdehändler, Krämer und Geflügelburschen, Kringelbäcker, Sensenverkäufer und Pilgerinnen. Und alle Augenblicke quietschten die Angeln, bald von der Tür zur Schankstube, wo Nastassja Petrowna ausschenkte, bald von der Tür zum Laden, der dunkel und schmutzig war und durchdringend nach Seife roch, nach Hering, Machorka und Lebkuchen mit Pfefferminzgeschmack, nach Kummetpolstern und Petroleum. Und alle Augenblicke erklang es in der Schankstube:

»Oho! Einen ordentlichen Wodka hast du, Petrowna! Da bleibt einem ja die Luft weg, Teufel noch mal!«

»Das ist Honig in der Kehle, mein Bester.«

»Oder ist da vielleicht Schnupftabak drin?«

»Was redet denn der für dummes Zeug?«

Aber im Laden herrschte noch mehr Zulauf:

»Iljitsch! Kannst du mir ein Pfund Schinken abwiegen?«

»Mit Schinken, mein Bester, bin ich dieses Jahr, Gott sei Dank, wahrhaftig gut versorgt!«

»Und was kostet er?«

»Er ist spottbillig!«

»Meister! Habt ihr guten Teer?«

»So guten, mein Bester, wie dein Großvater selbst auf der Hochzeit nicht hatte!«

»Und was kostet er?«

Es machte den Anschein, als gebe es bei den Krassows kein anderes Gesprächsthema, als was wieviel kostete: Was kostet der Schinken, was kostet das Schnittholz, was kosten die Graupen, was kostet der Teer …

Der Verlust der Hoffnung auf Kinder und die Schließung der Schenken waren wichtige Ereignisse. Tichon Iljitsch alterte sichtlich, als zweifelsfrei feststand, daß er nicht mehr Vater werden sollte. Zu Anfang machte er Witze darüber:

»Nichts da, ich werde das schon schaffen«, sagte er zu Bekannten. »Ohne Kinder ist der Mensch kein Mensch. Wie ein Feld, das nicht bestellt ist …«

Dann aber bekam er es langsam mit der Angst zu tun: Was war denn das – die eine erdrückte das Kind im Schlaf, die andere hatte nur Totgeburten! Die Zeit der letzten Schwangerschaft von Nastassja Petrowna war bedrückend. Tichon Iljitsch quälte sich und haderte; Nastassja Petrowna betete im stillen, weinte im stillen und war erbärmlich anzusehen, wenn sie nachts beim Licht des Ikonenlämpchens, im Glauben, ihr Mann schlafe, still und leise aus dem Bett schlüpfte, mühsam auf die Knie fiel, sich flüsternd zum Boden neigte, traurig zu den Ikonen blickte und sich dann mühsam und qualvoll, wie eine alte Frau, wieder erhob. Früher hatte sie vor dem Schlafengehen Pantoffeln und eine Jacke angezogen, zerstreut ihr Gebet verrichtet und währenddessen gerne ihre Bekannten durchgenommen und sie ein wenig gescholten. Jetzt stand vor den Ikonen ein einfaches Weib in einem kurzen Barchentrock, weißen Wollstrümpfen und einem Hemd, das den Hals freiließ, mit korpulenten Altfrauenarmen. Seit seiner Kindheit mochte Tichon Iljitsch, was er nicht einmal sich selbst zu gestehen wagte, die Ikonenlämpchen und ihr unechtes Kirchenlicht nicht: Sein Leben lang blieb ihm jene Novembernacht im Gedächtnis, als in einer winzigen, windschiefen Hütte in der Tschornaja Sloboda auch ein Ikonenlämpchen gebrannt hatte – so ruhig und zärtlich-traurig –, dessen...

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