Am Ursprung der Tage

 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 27. Juni 2014
  • |
  • 380 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-908778-51-6 (ISBN)
 
In diesen 1911 entstandenen Erzählungen verdichtet Iwan Bunin Momentaufnahmen des russischen Dorfes am Vorabend des Ersten Weltkrieges und der Revolution. Oft erzählen seine Figuren selbst ihre Geschichte, so wie die Tochter eines ehemaligen Leibeigenen. Diese Menschen verbindet vielfach ein grausames Schicksal, das ihnen Widerstandsfähigkeit und Überlebenswillen abverlangt.
Der aus dem verarmten Landadel stammende Bunin kannte das russische Dorf wie kaum ein Intellektueller seiner Zeit. Er schildert das Leben der Menschen auf dem Lande, und er bettet die Schicksale in wunderbare Landschafts- und Naturbeschreibungen ein, mit denen sie sich zu einem dunkel leuchtenden Tableau fügen.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,82 MB
978-3-908778-51-6 (9783908778516)
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IWAN BUNIN, geboren am 22. Oktober 1870 in Woronesch, emigrierte 1920 nach Paris. Am 10. Dezember 1933 erhielt er als erster russischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur. Er starb am 8. November 1953 im französischen Exil. Bislang erschienen: "Ein unbekannter Freund". Deutsch von Swetlana Geier (2003) sowie "Verfluchte Tage" (2005), "Der Sonnentempel" (2008), "Am Ursprung der Tage" (2010) und "Das Dorf / Suchodol" (2011), alle vier in der Übersetzung von Dorothea Trottenberg.

DOROTHEA TROTTENBERG studierte Slavistik in Köln und Leningrad, arbeitet als Bibliothekarin und als freie Übersetzerin klassischer und zeitgenössischer russischer Literatur, u.a. von Michail Bulgakov, Nikolaj Gogol, Vladimir Sorokin, Lev Tolstoj und Ivan Turgenev. 2007 wurde sie mit dem Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis, 2012 mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet.

THOMAS GROB ist Professor für Slavistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Basel. Zudem ist er publizistisch tätig.

ERSTE LIEBE

Aus Kindheitserinnerungen

Das alles wäre lustig,
wenn es nicht so traurig wäre …

»Mitja!«

»Mitka!«

»Dmitri Alexejewitsch!«

»Bleichgesichtiger Hund!«

»So steh doch endlich auf!«

Ich war schon wach, gab mir aber alle Mühe zu beweisen, daß ich tief und fest schlief und nicht begriff, was los war. Während ich mir mit aller Kraft die Decke über den Kopf zog, die Petja und Ljowa mir zu entreißen suchten, gab ich nur unartikulierte Laute von mir und strampelte mit den Beinen. Aber sie gaben keine Ruhe, sprangen von dem Fensterbrett herunter, auf dem sie saßen (sie waren vom Garten her durch das Fenster hereingeklettert), und blieben an meinem Bett stehen.

»Du bist mir einer!« brummte Petja unschlüssig. »Was sollen wir mit ihm machen? Wir verpassen das Morgenrot …«

»Wir gehen«, sagte Ljowa in seinem üblichen barschen, abgehackten Tonfall. »Er ist kein Kamerad, er ist ein Weib, ein alter, krepierter Elch. Wir knallen ihm eine und gehen!«

»Ich knall dir eine, mein Lieber, und zwar so … daß du hinüber bist!« schrie ich plötzlich, richtete mich leicht auf und holte aus, als hätte ich etwas in der Faust. In dem Moment fand ich mich überaus bedrohlich und wild.

Petja und Ljowa aber brachen zum meinem Erstaunen in gutmütiges Gelächter aus und streckten mir die Hände hin.

Etwas verlegen ergriff ich sie, mürrisch und widerwillig, dann fiel ich wieder auf das Kissen zurück.

»Na kommt schon, gehen wir!« sagte Petja. »Sonst verpassen wir wirklich das Morgenrot.«

Das klang so aufrichtig und ernsthaft, daß ich bei dem Gedanken, das Morgenrot zu verpassen, selbst einen Schreck bekam. Was wir mit dem Morgenrot wollten, warum wir uns gegenseitig versprochen hatten, auf das Morgenrot zu warten, kann ich heute wirklich nicht mehr recht erklären. Damals aber dachte ich, daß es unbedingt sein müßte. Wir liebten es, vor Tagesanbruch aus dem Haus zu gehen, wenn das Dorf, die dunklen Felder und der ferne, dichte Wald noch in tiefstem Schlaf lagen und im Osten eben erst silbrige, helle Streifen am Himmel heraufzogen. Damals kam es uns vor, als seien wir vollkommen allein, als sei in dem kühlen, halbdunklen Wald wirklich alles geheimnisvoll und ursprünglich. Wie richtige Indianer schlichen wir uns ins dichteste Dickicht des Gartens, setzten uns in Erwartung des Sonnenaufgangs im Kreis und rauchten eine Friedenspfeife – oder vielmehr eine Pfeife, die wir meinem Vater stiebitzt hatten. Obwohl ich schon etwa zwölf Jahre alt war und sehr genau begriff, daß das Ganze ein Spiel war, ein richtiges Kinderspiel obendrein, gefiel es mir so sehr, daß ich gar nicht anders konnte, als mich begeistert darauf einzulassen.

Deshalb sprang ich sofort auf und zog meine Socken über.

»Die Sonne ist doch noch nicht aufgegangen?« fragte ich hastig.

»Du könntest schlafen bis zum Mittagessen«, antwortete Ljowa, »und selbst dann würdest du noch fragen.«

»Er will mich nur erschrecken! So spät ist es noch nicht«, dachte ich, als ich zum Waschbecken ging, fröstelnd in der Morgenkühle, die zum offenen Fenster hereinzog.

Der kalte Wasserstrahl ließ mich noch mehr erschauern und endgültig wach werden. Ich wusch mich hastig und war bereit zum Abmarsch. Wir hatten heute einen weiten Weg vor uns, bis ganz ans Ende der großen Wiese, die hinter unserem Garten lag. Dort begann der Wald, und die weitläufige Wiese ging über in enge, steinige und vom Frühjahrswasser ausgewaschene Schluchten. Heute wollten wir dort unsere letzte Friedenspfeife rauchen, um uns bis zum Sommer zu verabschieden. Es war der letzte Tag der Osterferien, und in zwei Tagen würde ich nach Orjol fahren müssen, ins Gymnasium.

»Nehmt die Bögen mit, schnell«, kommandierte Ljowa.

Wir packten unsere Bögen und kletterten durch das Fenster hinaus in das taufeuchte Gras des Gartens.

Die Sonne ging gerade eben auf. Auf dem Gras lag noch das kalte, matte Silber des Taus, auf den Gartenwegen jedoch war der Boden schon feucht und dunkel. Der klare, spiegelglatte Weiher dampfte leicht. Aber die Spiegelbilder der hohen, schlanken Espen waren noch reglos und deutlich; eine Nachtigall schlug besonders klangvoll im jungen Grün. Der Morgen begann gerade erst.

Wir gingen hinunter zum Weiher, über die breite Uferallee. Ljowa war unser Anführer. Er war immer gerne der erste, er kommandierte uns gerne, obwohl er zwei Jahre jünger war als Petja und ich. Er sah noch aus wie ein richtiger kleiner Junge; die kurzgeschnittenen, weißblonden Haare standen am Scheitel borstig ab, der Körper war noch ganz und gar kindlich. Ungeachtet dessen aber versuchte er immer, groß zu wirken, er schob stets die Brauen zusammen, seine Augen rollten wild hin und her wie bei einem kleinen Tier, und er brüstete sich – oder vielmehr er brüstete sich nicht, sondern bildete sich wirklich ein, außerordentlich stark zu sein. Die Augenbrauen schob er hauptsächlich deshalb zusammen, um bedrohlich zu wirken; wenn wir beim Indianerspielen bestimmten, wer wer oder was sein sollte, suchte Ljowa sich immer die Rolle einer besonders blutrünstigen Rothaut aus; er nannte sich »Schwarzer Panther«, neckte und foppte Petja, wenn der bei einem Geplänkel mit den anderen Jungen verletzt wurde und dann bitterlich weinte, und dergleichen mehr. Aber im Grunde seiner Seele war Ljowa trotzdem ein sehr gutmütiger, empfindsamer Junge, sehr aufgeweckt und flink. Petja hingegen war ein Junge, wie man ihm auf Schritt und Tritt begegnen konnte.

Wir gingen am Weiher vorbei. Ljowa war schon mehrmals zum Wasser hinuntergelaufen und hatte mit einem Stock ungestüm auf die Frösche eingeschlagen. Er schwitzte, hatte rote Backen und sich wie üblich Hände, Stiefel und Hose mit Dreck beschmiert. Petja hatte mehr Freude an der Natur.

»Und, kommst du im Sommer hierher zu deinem Onkel, oder fährst du zum Vater?« fragte er mich.

»Ich komme ganz bestimmt hierher«, erwiderte ich.

Ljowa drehte sich in dem Augenblick um und brach plötzlich in fröhliches Gelächter aus.

»Was hast du?« fragten wir einstimmig.

Ljowa lachte immer noch.

»Ich weiß alles, mein Lieber«, sagte er schließlich.

»Was weißt du?« wunderte ich mich.

»Na über Sascha!«

Ich spürte, daß ich augenblicklich bis zum Hals rot anlief. Ljowa hatte meine empfindlichste Stelle getroffen: Zu der Zeit war ich »fürchterlich«, wie mir damals schien, verliebt in Sascha, Ljowas Cousine. Sie verbrachte die Ferien gewöhnlich bei Ljowas Vater, und wenn ich davon träumte, für den Sommer hierherzukommen, dachte ich einzig an sie.

»Welche Sascha?« Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, und merkte selbst, daß ich etwas furchtbar Dummes gesagt hatte.

»Warum lügst du wie ein altes Weib?« unterbrach Ljowa mich plötzlich streng. Er schob die Brauen zusammen, und seine Augen leuchteten auf wie bei einem kleinen Tier.

»Was heißt, ich lüge?« fragte ich ebenfalls streng.

»Es ist gelogen, daß du nicht weißt, welche Sascha ich meine«, sagte Ljowa laut und deutlich. »Dabei bist du in sie verliebt …«

Abrupt riß ich den Bogen von der Schulter und legte mit zitternden Händen einen Pfeil an.

»Nein, du lügst!« schrie ich, nun völlig aufgelöst. »Ich werde dich gleich …«

Aber Ljowa unterbrach mich:

»Ich weiß es schon lange. Ich wollte es Petja nicht sagen … Aber jetzt sage ich es … Bloß ist sie schon gestern abend abgereist … Pech gehabt! … Aber wenn du kämpfen willst – bitte sehr!«

Ljowa war nun auch wütend. Seine Augen rollten, seine Wangen waren gerötet.

»Ich will mich nicht mit dir prügeln«, sagte ich und versuchte mit aller Kraft, ruhig zu wirken. »Du bist einfach ein Idiot! Und ich will mit dir nicht mehr weitergehen.«

Mit diesen Worten drehte ich um und ging wieder in den Garten.

»Und warum ich?« fing Petja an zu jammern.

Mir aber schien, daß sie unter einer Decke steckten und mich beide ärgern wollten. »Kumpel!« dachte ich und rief, ohne mich noch einmal umzudrehen:

»Geht doch zum Teufel!«

Die Dinge entwickelten sich also denkbar ungünstig: Anstelle einer friedlichen Abschiedsexpedition gab es Streit, anstelle eines endgültigen Stelldicheins mit Sascha die Nachricht, daß sie schon abgereist war, oder mit anderen Worten, daß wir uns bis zum Sommer nicht mehr sehen würden. Ich sage »endgültig«, weil ich mir vorgenommen hatte, vor ihrer Abreise einen Moment abzupassen, um mich mit ihr auszusprechen. Ich hatte mich freilich schon einmal mit ihr ausgesprochen, aber das war irgendwie schiefgegangen. Wir begegneten uns bei ihnen im Flur; ich lief rot an und fühlte mich, als würde mir jemand mit einer eiskalten Bürste über den Kopf fahren und meine Haare zerzausen; ich sagte nicht einmal »Guten Tag«. Obwohl Sascha etwa zwei Jahre älter war als ich, war ich in ihrer Gegenwart immer ganz verlegen. Sie selbst streckte mir die Hand hin.

»Warum hat man Sie so lange nicht gesehen?« fragte sie.

»Ich war doch kürzlich noch hier«, sagte ich. »Sie haben mich nicht gesehen.«

»Dann waren Sie wahrscheinlich im Garten?«

»Nein, ich war auch im Haus.«

Sascha lachte plötzlich so laut und süß, daß ich auf der Stelle neuen Mut faßte, auch wenn ich nicht begriff, worüber sie lachte.

»Dann haben Sie wohl eine Tarnkappe getragen?«

»Nein, meine Schirmmütze«, witzelte ich und war nun völlig durcheinander.

»Aber wieso habe ich Sie dann nicht gesehen?« Sascha ließ nicht locker.

»Sie wollen mich ja immer nicht sehen.«

»Was soll das denn heißen?«

Aber...

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