Jettatura

 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Mai 2014
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-908778-41-7 (ISBN)
 
"Stellen Sie sich Medusa vor, die im falben Widerschein des Bronzeschilds ihr grauenhaftes, verzauberndes Haupt sieht."

Paul d'Aspremont folgt seiner schönen Verlobten Alicia Ward nach Neapel, wohin sie ihrer angeschlagenen Gesundheit wegen gereist ist. Er freut sich auf das Wiedersehen, doch das geflügelte Wort "Vedi Napoli e poi mori" - "Neapel sehen und sterben" wird für ihn zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Die abergläubischen Neapolitaner sagen dem jungen Franzosen den bösen Blick nach. Muß er sich von seiner Liebe lossagen, um Alicia zu schützen?

In dieser phantastischen Novelle ergründet Théophile Gautier unsere innersten Ängste und erzählt, wie selbst im Zeitalter der Vernunft Leidenschaft über Logik zu siegen vermag.

"Schon manch ein Besucher Neapels, der sich über die Jettatura lustig machte, hat sich vorsichtshalber mit Hörnern gewappnet. Ist der Verstand auch noch so aufgeklärt, irgendwo findet sich immer ein dunkler Winkel, in dem die grauenhaften Schimären der Leichtgläubigkeit kauern und die Fledermäuse des Aberglaubens sich festklammern. Schon das Alltagsleben steckt so voller unlösbarer Probleme, daß das Unmögliche wahrscheinlich wird. Man kann alles glauben oder leugnen: Je nach Blickwinkel ist der Traum ebenso wirklich wie die Wirklichkeit."
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,68 MB
978-3-908778-41-7 (9783908778417)
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THÉOPHILE GAUTIER, geboren 30. August 1811 in Tarbes (Département Hautes-Pyrénées), wuchs in Paris auf. Ende der 1820er Jahre trat er dem "Cénacle" genannten Kreis um Victor Hugo bei. Unter dessen Einfluß wandte sich Gautier der Schriftstellerei zu, arbeitete ab 1836 als Korrespondent für die Presse und verfaßte Artikel zu Gesellschaftsthemen und Kultur, Kunstkritiken und Reiseberichte. Er ist der Wegbereiter einer zweckfreien, nur ästhetischen Maßstäben verpflichteten Kunstauffassung, "L'art pour l'art". Théophile Gautier starb am 23. Oktober 1872 in Neuilly-sur-Seine bei Paris.

HOLGER FOCK, geboren 1958 in Ludwigsburg, hat Theaterwissenschaft, Germanistik und Philosophie studiert, übersetzt seit 1983 französische Literatur, u.a. Gegenwartsautoren wie Andreï Makine, Cécile Wajsbrot (beide zusammen mit Sabine Müller), Pierre Michon und Antoine Volodine. Er lebt bei Heidelberg. Zuletzt erschien in seiner Übersetzung Théophile Gautiers Novelle Jettatura.

Kapitel 2

Nachdem sich Paul d’Aspremont das Abendessen auf sein Zimmer hatte bringen lassen, rief er eine Kalesche herbei. Vor den großen Hotels warten immer welche nur darauf, daß einem Reisenden der Sinn nach einer Ausfahrt steht; Pauls Wunsch wurde daher auf der Stelle erfüllt. Die neapolitanischen Kutschpferde sind so mager, daß uns Rosinante vor Leibesfülle strotzend vorkommt, und mit ihren abgezehrten Schädeln, ihren wie Faßreifen vorstehenden Rippen, ihrem knochigen, immer wund gescheuerten Rücken scheinen sie das erlösende Schindermesser herbeizusehnen, denn die Tiere zu füttern wird hier mit südländischer Unbekümmertheit als überflüssige Sorge angesehen; das Geschirr, meist brüchig, ist mit zusätzlichen Riemen verstärkt, und wenn der Kutscher die Zügel in die Hand genommen hat und zum Zeichen der Abfahrt mit der Zunge schnalzt, meint man, die Pferde würden nun zusammenbrechen und der Wagen sich in Rauch auflösen wie Aschenputtels Kutsche, sollte sie den Anweisungen der Fee zum Trotz erst nach Mitternacht vom Ball zurückkehren. Doch nichts dergleichen passiert; die Rosse stemmen sich gegen den Boden, und nach einigem Schwanken fallen sie in einen Galopp, den sie nicht mehr aufgeben. Der Kutscher treibt sie mit Feuereifer an, und mit seiner Peitschenschnur vermag er den letzten Funken Leben aus diesen Gerippen herauszukitzeln. Die scharren mit den Vorderhufen, reißen den Kopf hoch, zeigen ungestümes Temperament, sperren die Augen weit auf, blähen die Nüstern und schlagen eine Gangart ein, die von den schnellsten englischen Trabern nicht erreicht wird. Wie geht dies vonstatten, welche Kräfte lassen diese toten Tiere in gestrecktem Galopp dahinjagen? Wir werden keine Erklärung dafür finden. Jedenfalls ereignet sich dieses Wunder Tag für Tag in Neapel, und niemand ist davon überrascht.

Monsieur Paul d’Aspremonts Kalesche flog durch die dichte Menschenmenge, raste an Acquajoli-Buden vorbei, die mit Zitronengirlanden behangen waren, an Garküchen unter freiem Himmel, die Backfisch oder Maccheroni anboten, an Auslagen mit Meeresfrüchten und Bergen von Wassermelonen, die auf der Straße aufgetürmt waren wie Kanonenkugeln im Munitionspark. Erst im letzten Moment geruhten die Lazzaroni, die in ihre Kapuzenmäntel gehüllt an den Mauern lümmelten, ihre Beine zurückzuziehen, damit sie nicht von den Gespannen überfahren wurden; durch die verstopften Straßen, auf denen sich ein Völkchen von Mönchen, Ammen, Facchini und Lausebengeln tummelte, kam von Zeit zu Zeit zwischen zwei hohen scharlachroten Rädern ein CorricoloF an der Kalesche vorbei und streifte in einer Wolke aus Staub und Lärm ihre Achse. Corricoli sind jetzt untersagt, und es ist verboten, neue zu bauen; aber alte Räder werden mit einem neuen Kutschkasten versehen oder ein alter Kasten mit neuen Rädern: ein findiger Einfall, der diesen bizarren Fahrzeugen zur großen Zufriedenheit aller, die das Lokalkolorit lieben, noch ein langes Leben beschert.

Unser Reisender schenkte diesem lebendigen und pittoresken Treiben kaum einen Blick, das einen Touristen zweifellos gefesselt hätte, vorausgesetzt er hätte im Hotel di Roma keine mit Alicia W. gezeichnete Nachricht vorgefunden.

Zerstreut betrachtete er das klare, blaue Meer, auf dem sich bei strahlendem Licht, durch die Entfernung amethyst- und saphirfarben getönt, die schönen, vor dem Golf aufgefächerten Inseln abzeichneten, Capri, Ischia, Nisida, Procida, deren wohllautende Namen wie griechische Daktylen klingen, aber im Geist war er woanders; seine Gedanken eilten pfeilgeschwind voraus nach Sorrent zu dem kleinen weißen Haus mitten im Grünen, von dem Alicia in ihrem Brief gesprochen hatte. Dabei lag auf Monsieur d’Aspremonts Gesicht nicht jener auf unerklärliche Weise befremdliche Ausdruck, der charakteristisch für ihn war, wenn seine vollkommenen, aber ungleichen Züge nicht durch eine innere Freude in Einklang miteinander gebracht wurden: Es war jetzt tatsächlich schön und simpatico, um uns eines Ausdrucks zu bedienen, den die Italiener gerne gebrauchen. Der Augenbrauenbogen war entspannt, die Mundwinkel hingen nicht verächtlich herab, und in seinem ruhigen Blick lag ein zärtlicher Schimmer –; wenn man ihn so sah, konnte man sehr gut die Gefühle für ihn verstehen, die jene auf cream-lead Papier geschriebenen, halb zärtlichen, halb spöttischen Sätze anzudeuten schienen. Mit seinem eigenwilligen Wesen, das auf einem sehr vornehmen Charakter beruhte, konnte er einer jungen Miss gar nicht mißfallen, die von einem sehr nachsichtigen alten Onkel nach englischer Art freisinnig erzogen worden war.

Bei dem Tempo, zu dem der Kutscher die Tiere antrieb, lagen Chiaja und La Marinella bald hinter ihnen, und die Kalesche rollte auf jener Straße über Land, die heute eine Eisenbahntrasse ist. Ein schwarzer Staub wie von zerriebener Kohle verleiht dem ganzen Strand, an dem unter gleißendem Himmel ein Meer von zauberhaftem Azur züngelt, ein plutonisches Aussehen; vom Wind zerstäubt überzieht der Ruß des Vesuvs das Ufer und läßt die Häuser von Portici und Torre del Greco aussehen wie die Fabriken von Birmingham. Monsieur d’Aspremont kümmerte sich nicht um den Kontrast zwischen der ebenholzschwarzen Erde und dem saphirblauen Himmel, er fieberte der Ankunft entgegen. Die schönsten Wege sind lang, wenn am Ende eine Miss Alicia wartet, der man sechs Monate zuvor an der Mole von Folkesstone auf Wiedersehen gesagt hat; selbst der Himmel und das Meer von Neapel verlieren darüber ihren Zauber.

Die Kalesche bog von der Straße ab, nahm eine Abkürzung und hielt vor einem Tor, das von zwei Pfeilern aus weiß getünchten Backsteinen gebildet wurde, auf denen rote Tonurnen standen; darin grünten Aloen, deren Blätter wie stählerne Klingen aussahen und spitz wie Dolche waren. Das Tor war mit einem grün gestrichenen Lattenzaun geschlossen. Statt einer Mauer umschloß das Grundstück eine Hecke von Kakteen, deren Sprosse kreuz und quer wuchsen, so daß die stachligen Opuntien unentwirrbar ineinander verflochten waren.

Mit urwüchsig afrikanischer Kraft breiteten drei oder vier riesige Feigenbäume ihre großen, metallisch grünen Blätter in dichten Büscheln über der Hecke aus; eine hohe Pinie wiegte ihren Schirm, und durch die kleinen Lücken in dem üppigen Blattwerk war die glänzend weiße Steinplattenfassade des Hauses hinter diesem buschigen Vorhang kaum auszumachen.

Eine Dienerin mit sonnenverbrannter Haut und so dichtem Kraushaar, daß jeder Kamm darin zerbrochen wäre, kam beim Lärm des Wagens herbeigelaufen, öffnete das Torgitter und führte Monsieur d’Aspremont über eine Oleanderallee, deren Blütenzweige ihm die Wangen streichelten, zu der Terrasse, auf der Miss Alicia Ward mit ihrem Onkel beim Tee saß.

Aus einer Laune, die man einem jungen Mädchen gerne nachsieht, das sich über alle Bequemlichkeiten und jede luxuriöse Eleganz erhaben zeigt, und vielleicht auch, um ihren Onkel ein wenig zu ärgern, über dessen bürgerliche Vorlieben sie sich gerne lustig machte, hatte Miss Alicia diese Villa, deren Besitzer auf Reisen waren und die mehrere Jahre nicht bewohnt worden war, ausgewählt und gepflegteren Häusern vorgezogen. In ihrem verwilderten und fast zum Naturzustand zurückgekehrten Garten fand sie eine urtümliche Poesie, die ihr gefiel; unter dem begünstigenden Klima Neapels war alles mit ungeheurer Kraft gesprossen. Orangenbäume, Myrten, Granatapfel- und Zitronenbäume hatten dieses Klima voll und ganz ausgekostet, und da die Äste nicht mehr befürchten mußten, von der Schere beschnitten zu werden, reichten sie sich die Hand von einem Ende des Weges zum anderen oder drangen durch einige zerbrochene Fensterscheiben in die Zimmer ein, als gehörten sie zur Familie. – Hier herrschte nicht die Tristesse eines unbewohnten Hauses wie im Norden, sondern die unbändige Fröhlichkeit und überschäumende Freude der sich selbst überlassenen Natur des Südens. In Abwesenheit eines Hausherrn erging sich die üppige Pflanzenwelt mit großem Vergnügen in einer verschwenderischen Fülle von Blättern, Blüten, Früchten und Düften; sie nahm wieder den Platz ein, den der Mensch ihr streitig macht.

Als der Commodore – wie Alicia ihren Onkel für gewöhnlich nannte – dieses undurchdringliche Dickicht sah, durch das man sich wie in den Wäldern Amerikas allenfalls mit einer Holzfälleraxt einen Weg bahnen konnte, brach er in lautes Geschrei aus und behauptete, seine Nichte sei nun endgültig verrückt geworden. Miss Alicia versprach ihm ernsthaft, vom Eingangstor bis in den Salon und vom Salon auf die Terrasse einen hinreichend breiten Durchgang für ein Faß Malvasier anzulegen – das einzige Zugeständnis an den Positivismus ihres Onkels, zu dem sie sich bereit erklärte. – Der Commodore fand sich damit ab, denn er konnte seiner Nichte ohnehin nichts abschlagen, und so saß er nun ihr gegenüber auf der Terrasse und trank aus einer großen Tasse in kleinen Schlucken dem Anschein nach Tee, tatsächlich aber Rum.

Vor allem diese Terrasse hatte es der jungen Miss angetan, und tatsächlich war sie äußerst malerisch und verdient eine besondere Beschreibung, denn Paul d’Aspremont kam in der Folge häufig dorthin zurück, und schließlich soll man die Schauplätze der Handlung ausmalen, von der man erzählt.

Man gelangte auf die Terrasse, unter deren steil abfallenden Seiten ein Hohlweg entlangführte, über eine Treppe aus großen, unverbundenen Steinplatten, zwischen denen wilde Gräser hartnäckig wucherten. Vier verwitterte Säulen, die aus irgendeiner antiken Ruine stammten und deren verlorene Kapitelle durch steinerne Würfel ersetzt worden waren, stützten ein Gitter aus Holzlatten, das ein von Reben umranktes...

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