Der andere Garten

 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. April 2014
  • |
  • 180 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-908778-29-5 (ISBN)
 
England, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Der Ich-Erzähler, ein Junge in der Pubertät, lebt in abgeschiedener ländlicher Idylle. Eines Tages lernt er die doppelt so alte Kay kennen, Tochter der Familie Demarest. Kay ist schüchtern und still, extravagant und erotisch. Die beiden werden Freunde. Im anderen Garten - ein formaler Garten, den der Vater des Jungen mit großer Hingabe stutzt und hegt - findet die ruhelose Kay für kurze Zeit einen Platz zum Sonnen. Sie kann sich ihren Tagträumen hingeben und sie selbst sein, was ihr in ihrer Familie und im Leben verwehrt bleibt.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,46 MB
978-3-908778-29-5 (9783908778295)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Francis Wyndham, 1924 in London geboren, wo er auch heute lebt. Er absolvierte Eton College, ging dann nach Oxford, bis er 1940 zur Armee eingezogen wurde. Wegen Tuberkulose aus dem Dienst entlassen, kehrte er nach London zurück, wo er zunächst für das Times Literary Supplement Kritiken schrieb. Später arbeitete er u.a. als Lektor bei André Deutsch und für die Sunday Times. Francis Wyndham ist nicht nur Freund und Vertrauter vieler literarischer Größen, sondern stand ihnen mit Rat und Tat bei ihren Texten zur Seite - und tut dies bis heute. Ihm ist u.a. die Wiederentdeckung von Jean Rhys zu verdanken, er erkannte das Talent von VS Naipaul und überzeugte Bruce Chatwin von seiner literarischen Genialität. Für sein Romandebüt Der andere Garten erhielt er 1987 den Whitbread First Novel Award.

1        »Wann ist das Essen fertig?«, fragte mein Vater immer. In der Annahme, er sei ungeduldig vor Hunger, antwortete meine Mutter dann, sich eifrig entschuldigend: »Oh, jeden Moment – es muss gleich eins sein.« Aber sie hatte ihn missverstanden. In Wirklichkeit wollte er nur wissen, ob ihm noch Zeit für einen Blick in den anderen Garten blieb, bevor er sich zu Tisch setzte. Bestürzt sah sie zu, wie er sich einen alten grauen Trilby aufstülpte, einen Stock auswählte, entschlossen durch die vordere Haustür schritt, gelassen die kurze Auffahrt hinunterspazierte und auf der Landstraße verschwand. Fast genau gegenüber führte eine weiß gestrichene Holztür in einer roten Ziegelmauer in diese geliebte Erweiterung seines Besitzes, unaufdringlich, aber eindeutig getrennt vom Haus und seinen nichtssagenden Rasenflächen. Im anderen Garten war er in Sicherheit und außer Hörweite – allerdings wurde ich wenige Minuten später immer losgeschickt, ihn zu suchen und heimzuholen, denn seine doppeldeutige Frage hatte ungewollt die Fertigstellung des Essens beschleunigt; dabei hatte er doch auf einen Aufschub gehofft.

Er hatte den anderen Garten selbst entworfen. Es war eine formale Anlage von künstlich geometrischer Form, die Mitte der dreißiger Jahre schon nicht mehr modern war und später vollends außer Mode kam. Ein nahezu vollkommenes Quadrat mit zu Tierformen gestutzten Eiben, niedrigen Buchshecken, gekrümmten und ovalen Blumenbeeten, kreisrunden und dreieckigen Rasenflecken, verziert mit steinernen Vogelbädern und geraden, symmetrischen Wegen, die in der Mitte bei einer Sonnenuhr zusammenliefen. An den Ecken dieses komplizierten Musters standen vier verschnörkelte Bänke; Gemüsegarten und Geräteschuppen waren vom rein dekorativen Bereich durch hohe Wicken und Himbeerranken abgeschirmt. Das Ganze lag an einem Hang über der Hauptstraße des Dorfes, so dass der Blick nach Süden über die Hausdächer bis zum Fluss schweifte, dann über die feuchte, grüne Aue und wieder hinauf zu dem steileren Berg jenseits des Tales. Diese gebieterische Lage führte zu einem leichten Schwindelgefühl, als habe der Boden sich plötzlich geneigt und bringe einen ins Wanken, und auch zu dem aufregenden Bewusstsein, ungewöhnlich exponiert zu sein: Es konnte ja sein, dass jemand aus dem Dorf gerade zu den Gartenbesuchern hochschaute.

Der Blick nach Norden war beruhigender. Dort standen unerwartet nah die Stallgebäude und die dichten Bäume, die unser Wohnhaus, gleich jenseits der unsichtbaren Straße, nur teilweise verbargen. Im anderen Garten zu sein verband deshalb für die Sinne eines kleinen Kindes das Exotische mit dem Vertrauten, das Abenteuerliche mit dem Sicheren. Wie bei den fast vergessenen Ausflügen meiner Babyzeit, wo ich, ohne mich selbst zu bewegen, in einem großen Kinderwagen herumfuhr, oder wie auf meinen Phantasiereisen in gemütlichen Schlafwagenabteilen und Luxusdampferkabinen hatte ich im anderen Garten das Gefühl, dass ich auf eine spürbare (wenn auch räumlich extrem eingeschränkte) Reise ging, ohne den Schutz und die Behaglichkeit des Elternhauses zu verlieren. Vielleicht empfand mein Vater, der Urlaub verabscheute und Gedanken an »die Fremde« als lästig empfand, eine Spur dieser kindlichen Befriedigung, wenn er sich am frühen Nachmittag der Wanderlust hingab, ohne Gefahr zu laufen, den Lunch zu verpassen.

Am unteren Ende des anderen Gartens war die Mauer von einem schmiedeeisernen Tor durchbrochen. Dies öffnete sich auf eine Treppe mit baufälligen Gewächshäusern zu beiden Seiten, und die Stufen mündeten in einen Fußweg, der in rechten Winkeln zu einer schmalen Straße namens Love’s Lane führte. Am Ende des Weges stand hinter einem schmalen Rasenband Love’s Cottage – angeblich das älteste Wohnhaus im Dorf. Mit seinem kopflastigen Strohdach, dem auffallenden Fachwerk, den niederen Balken, dem riesigen offenen Kamin und der Chemietoilette im Freien war es malerisch und primitiv genug, um der romantischen Neigung zu »antiker« Unbequemlichkeit entgegenzukommen. Da der letzte Bewohner, ein älterer Junggeselle, der als Gärtner für die früheren Besitzer gearbeitet hatte, diese Neigung jedoch nicht teilte, war er in eine der neu gebauten Sozialwohnungen an der Straße nach Swindon gezogen.

Meine Eltern hatten Love’s Cottage einige Jahre leer stehen lassen und es dann für die Frühlings- und Sommermonate einer alten Freundin der Familie meines Vaters angeboten, einer verarmten Witwe, die einst als die »schöne Mrs. Bassett« bekannt war. Von Mr. Bassett war wenig bekannt und noch weniger wurde seiner gedacht; manchmal stellte jemand gleichgültige Fragen und erhielt freimütige Antworten, die er sofort vergaß. Seit den 1890er Jahren war Dodo Bassett die maîtresse en titre eines berühmten Generals gewesen, dessen Frau ihm standhaft die Scheidung verweigerte, und während des Ersten Weltkriegs hatte Dodos unübersehbare Anwesenheit in seinem Gefolge bei den Besuchen an der Front für einen leisen Skandal gesorgt. Der General war erst vor kurzem gestorben, als Dodo begann, jedes Jahr die Monate Mai bis September in Love’s Cottage zu verbringen.

Sie muss sechzig gewesen sein, war aber immer noch eine strahlende Schönheit: butterblumengoldenes Haar, längliche Augen, sanft wie purpurne Stiefmütterchen, und volle, geschwungene Lippen, die niemals ganz zu lächeln aufhörten. Diese Gesichtszüge versteckten sich oft hinter der breiten Krempe eines schräg aufgesetzten Florentinerhuts, der die eine Seite ihres Gesichts verbarg und um den ein Bewunderer herumspähen musste, wenn er einen uneingeschränkten Anblick genießen wollte. Ihre Figur hatte sie schon vor Jahrzehnten verloren, aber das spielte eigentlich keine Rolle; dieser geheimnisvoll tiefe Busen ohne sichtbare Spalte, der unmerklich, aber nicht ohne Anmut in einen gemütlichen Bauch und schlingernde Hüften überging, mehrte nur ihren femininen Zauber. Dodo war in der Tat der Inbegriff der Weiblichkeit, wie ihn ihre edwardianischen Zeitgenossen verstanden haben: süß und warm wie ein Boudoir, sichtlich ein wenig konfus und dennoch im Ruf grundlegender Weisheit stehend.

Ich war fast dreizehn, als ich sie kennenlernte. Fasziniert von ihrer Weltgewandtheit und beruhigt durch ihr konventionelles Verhalten reagierte ich auf ihre leicht rücksichtslose Vergnügungssucht mit Wiedererkennen, Staunen und Entzücken. Manchmal traf ich sie im anderen Garten an, wo sie auf einem Liegestuhl saß und zum wiederholten Male friedlich ihr signiertes Exemplar von Under Five Reigns von Lady Dorothy Nevill las. Oft kam sie zu meinen Eltern zu Besuch, schnaufte noch ein wenig von dem kurzen Aufstieg und brachte zur Unterhaltung ein paar Brocken harmlosen Klatsch mit. Sie besaß die magische Fähigkeit eines Hedonisten, noch dem zögerlichsten Ausfall den Glanz einer aufregenden Exkursion zu verleihen und die fadeste Gefälligkeit in ein besonderes Vergnügen zu verwandeln.

Wir beide verbrachten viel Zeit damit, Mittel und Wege zu finden, wie wir nach Marlborough gelangen konnten, das zwar nur zehn Meilen von unserem Dorf entfernt, aber dennoch nicht leicht zu erreichen war, denn Dodo war noch nie Rad gefahren und hatte keinen Führerschein. Wenn wir keine Mitfahrgelegenheit organisieren konnten, fuhren wir zusammen mit dem Bus. In der Stadt strebte Dodo immer zu W. H. Smith, in der Hoffnung, dort die neuesten Ausgaben ihrer Lieblingszeitschriften zu finden, die Vogue, Harper’s Bazaar, den Tatler, Sketch, den Bystander oder Sporting and Dramatic News. Dann überquerten wir die breite High Street, ließen uns in den »Polly-Tearooms« nieder und aßen Scones mit Marmelade und Clotted Cream. Das Gefühl der Übelkeit, das dieses Festmahl unweigerlich in mir erzeugte und das wenig später, wenn ich auf der Heimfahrt im rumpelnden Bus die Hochglanzseiten von Dodos Zeitschriften zu lesen versuchte, durch Kopfweh noch gesteigert wurde, schien ein so wesentlicher Bestandteil dieser Vergnügungstour zu sein, dass es kaum als Ungemach gelten konnte.

Manchmal blieben Dodo und ich nach dem Tee noch in Marlborough und gingen in die Sechs-Uhr-Vorstellung im Kino ein paar Schritte weiter. Einer der ersten Filme, die wir dort sahen, war Dodsworth mit Ruth Chatterton, Walter Huston und Mary Astor. Ich wusste, dass sie wusste, dass diese Art von Film als für mich »ungeeignet« galt, aber das war eine Einschränkung unseres Vergnügens, über die sie großzügig hinwegsah. Dodo war nämlich auf diesen Film besonders erpicht, weil darin David Niven, damals noch keine dreißig und kaum bekannt, eine kleine Rolle spielte. Dodo hatte David Niven zwar nie persönlich kennengelernt, war aber eine Bekannte seiner Mutter und nahm großen Anteil an seiner Karriere, über die sie bemerkenswert gut Bescheid wusste. Er habe die Militärakademie Sandhurst glanzvoll und mit Auszeichnung absolviert, erzählte sie mir, später aber kurzentschlossen die Armee verlassen, um sein Glück in Hollywood zu versuchen. Während seiner Szenen in Dodsworth beugte sie sich vor, um ihn genau zu beobachten, und schien erfreut über das, was sie sah. Ich spürte, dass er (wie in Sandhurst) den hohen Ansprüchen eines erfahrenen Kenners genügte und dass Dodo ihm die besten Noten gab, nicht nur für sein schauspielerisches Können und sein gutes Aussehen, sondern auch für ein anderes Talent, das ich nicht benennen konnte, auf dessen Gebiet sie aber eine anerkannte Autorität war.

Im nächsten Jahr gingen wir wieder in Marlborough ins Kino. »Es ist ein englischer Film mit dem Titel The Vagabond Heart«, erklärte mir Dodo vorher bei Polly, »und ich erwarte mir nicht viel....

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