Irrland

Reportagen
 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Mai 2020
  • |
  • 272 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-03820-976-8 (ISBN)
 
Margrit Sprechers Reportagen zeichnen ein eindringliches Bild unserer heutigen Gesellschaft und halten für die Leserinnen und Leser überraschende An- und Einsichten der unterschiedlichsten Art bereit.
Ihre Arbeit führt Margrit Sprecher um die ganze Welt: Sie reist von den Todestrakten Amerikas in das Gefängnis namens Gaza, von einem Luzerner Betagtenheim ins Muo- thatal und danach in die Weiße Arena. Ihre Reportagen erzählen von den mehr als eine halbe Million Kühen, die für Theo Müller gemolken werden, und von der verkauften Zukunft eines Trendforschers. Und wie Irland in nur zwanzig Jahren reich und wieder arm wurde.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,33 MB
978-3-03820-976-8 (9783038209768)
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MARGRIT SPRECHER ist die Grande Dame der Reportage. Nach ihrer Ausbildung zur Dolmetscherin arbeitete sie 15 Jahre lang für die Elle, bevor sie 1983 zur Weltwoche wechselte. Seit 2003 arbeitet sie als freie Journalistin und veröffentlicht u. a. im NZZ Folio, in Die Zeit und Reportagen. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Joseph-Roth-Preis, den Egon-Erwin-Kisch-Preis und zuletzt für ihr Lebenswerk den Graffenried Lifetime Achievement Award 2016. 2019 war sie Jurypräsidentin für den True Story-Award, der jährlich für die weltbeste Reportage vergeben wird. Margrit Sprecher lebt in Zürich.

Ein Gefängnis namens Gaza

Israelische Panzer schleifen Häuser, Soldaten riegeln Grenzen ab, Kinder sterben im Kugelhagel. Im besetzten Palästina wachsen Hass und Verzweiflung. Reise in ein unheiliges Land.

Nach zwei Kilometern ist die Fahrt schon wieder zu Ende. Mitten in der Steinwüste klettern die Menschen aus ihren Autos; Soldaten hinter Panzern und Stacheldraht richten das Gewehr auf sie. Der Regen klatscht den Frauen das Kopftuch ins Gesicht, den Männern die Hosen ans Bein; Wind zerrt an Plastiktaschen und Bündeln, die die Mütter im Arm halten. Niemand spricht. Nach einer halben Stunde warten sie noch immer. Der Soldat ist mit ihren Ausweisen verschwunden.

Es ist die vierte israelische Straßensperre, die der Notfallarzt Dr. Muhamed Skafi vom palästinensischen Medical Relief Committee heute in Westjordanland passiert. Er ist kein Mann, der sich unnötig aufregt. Solid und verlässlich wie ein menschlicher Bulldozer pflügt er sich durch das Leben. Sein Gesicht verzieht sich nicht, als ihn der Soldat anbrüllt, dass der Speichel fliegt. Wenigstens kippten sie die Medikamentenschachteln nicht auf die Straße. Aber dass seine Ambulanz auch durchsucht wird, wenn er mit Blaulicht unterwegs ist, versteht er nicht: »Sie sehen doch, dass es um Leben und Tod geht. Da muss man doch etwas fühlen.« Offenbar nicht. Seit Israel Ende 2000 die palästinensischen Dörfer voneinander abriegelte, starben an den Checkpoints 28 Palästinenser, und neun Frauen brachten ihr Kind zwischen Stacheldraht und Flutlicht zur Welt; ein zwanzigjähriger Behelmter mochte sie nicht rascher abfertigen.

140 neue Straßensperren zersplittern die Palästinensergebiete, jede hat ihre Besonderheiten. In Ein Arik müssen die Palästinenser durch ein Gestell schlüpfen, das keinen andern Zweck hat, als alle Erwachsenen zu nötigen, ihren Kopf zu beugen. Vor Nablus lässt man sie über einen frisch hingekippten Erdwall klettern. Beliebt auch die Taktik, sie zwischen zwei Schranken zum kilometerlangen Marsch zu zwingen. Im Geschiebe des nie endenden Menschenstroms schwanken die alten Frauen und Männer schwerfällig wie Schiffe im Sturm vorwärts. Der scharfe Wind wirbelt Staub und Plastik auf und treibt leere Flaschen vor sich her.

Da mit dem Auto kein Durchkommen ist, flitzen die gelben Sammeltaxis wie Weberschiffchen zwischen den Sperren hin und her. Wer noch einen Job hat, muss bis viermal das Fahrzeug wechseln, um den Arbeitsplatz zu erreichen. Eine Viertelmillion Palästinenser wurde seit den Sperren arbeitslos. Schulen wurden geschlossen, Lebensmittel und Wasser erreichen die Dörfer nur mit Mühe.

Der psychologische Schaden ist noch größer. Checkpoints, sagt die jüdische Friedensaktivistin Judith Keshet, haben nichts mit Sicherheit und alles mit Machtdemonstration zu tun: »Kein Selbstmordattentäter quält sich mit seiner Bombenladung am Leib durch eine Straßensperre.«

Ihre Frauengruppe, die Checkpoint-Watch, versucht, krasse Übergriffe zu verhindern. Ein Fall gelangte in Israels Presse: Fünf Palästinenser mussten sich bei eisiger Temperatur bis auf die Unterhosen ausziehen, nackt vor den Soldaten defilieren und schließlich ihre Kleider aus einer Pfütze fischen. »An Checkpoints«, sagt Keshet, »nährt jeder junge Palästinenser seinen Hass auf die Israelis. Und jeder junge Israeli lernt, dass er absolute Macht über die Palästinenser hat.«

»Gott wird uns rächen!«


Dr. Mustafa Barghouti sitzt hinter Bergen von Süßigkeiten und Blumen. Unablässig springt er auf, wenn ihm der nächste Besucher mitfühlend die Hand gibt. Pausenlos reicht ihm seine Sekretärin mit bittenden Blicken das Handy. »Schukran, schukran«, bedankt er sich in den Hörer. Barghouti, elegant und groß gewachsen, ist Gründer des palästinensischen Medical Relief Committee und Besitzer einer Auszeichnung der Weltgesundheitsbehörde. Europäische Spenden sorgen dafür, dass seine 20000 meist freiwilligen Helfer und 195 Ärzte in acht mobilen Kliniken auch das entlegenste Dorf in den Palästinensergebieten erreichen. Alle Ärzte haben im Ausland studiert und sprechen fließend Russisch oder Griechisch, Kroatisch oder Rumänisch. Die Hürde der psychologischen Eignungsprüfung, die Israel vor ein Medizinstudium setzt, schafft kein Palästinenser.

Vor drei Tagen benötigte Barghouti selbst die Hilfe seiner Ärzte. Distanziert, als handle es sich um eine fremde Krankengeschichte, rapportiert er seine Verhaftung wegen illegaler Anwesenheit in Jerusalem. »Irrtum«, sagt er. »Erstens dürfen sich alle Palästinenser in Jerusalem aufhalten. Zweitens kann ich mich als Arzt frei bewegen und drittens bin ich in Jerusalem geboren.« Das Verhör auf dem Polizeiposten dauerte vier Stunden, dann wollte man ihn fotografieren. »Da muss ich aber erst meine Krawatte richten«, scherzte er. Die Antwort waren Blutergüsse an Armen und Beinen und eine kaputte Kniescheibe.

In Westjordanland mögen der Glanz berühmter Moscheen und Touristenorte wie Bethlehem das Gefühl des Eingesperrtseins mildern. Im besetzten Gaza dagegen gibt es nichts als Beton und Blech. Die Läden scheinen ihre Türen eher aus Höflichkeit denn in Erwartung eines Kunden eine Handbreit geöffnet zu haben. Und die Grenzen sind seit der zweiten Intifada hermetisch um die 1,1 Millionen Palästinenser geschlossen. 800000 davon sind registrierte Flüchtlinge.

Nicht einmal das Meer bietet in Gaza Trost. Kalt, grau und gleichgültig wirft es seine Wellen ans Ufer. Plastikfetzen knattern im Sturm um schiefe Holzbauten. Kein Boot weit und breit. Das Fischen lohnt sich nicht mehr, seit Israel die Fischereizone auf 500 Meter beschränkt hat und das Fischen nur erlaubt, wenn es keine Fische gibt. Jetzt kommen die Fische aus Israel. In Gaza sitzen die Menschen im Mantel hinter ihren Schreibtischen, Kerzenflammen widerspiegeln sich in den schwarzen Bildschirmen. Nur stundenweise fließen Strom und Wasser, beides von Israel kontrolliert.

Mutter Aisha, das Gesicht streng ins Kopftuch eingepackt, kauert auf dem Betonboden und martert sich einmal mehr: Warum hat ihr Jousef an jenem Tag so oft die Hände geküsst? Warum konnte er sich kaum von seinem Vater trennen? Warum hat sie ihn überhaupt aus dem Haus gehen lassen? Aber er wollte unbedingt einen Nagel suchen, um seine Medaille als bester Fußballer der Schule aufzuhängen. Als er die Panzer ins Dschebalia-Flüchtlingslager rollen hörte, versteckte er sich hinter einer Mauer. Als die Panzer näher kamen, rief eine Stimme: »Los von hier!« Jousef rannte. Drei Sekunden später trennte ein Geschoss seinen Kopf vom Körper.

Jousefs Geschwister schleppen seine Besitztümer an. Da ist sein Rucksack, da sein nie getragener Anzug mit Krawatte für Ramadan. Da sind seine Schulbücher; er wollte Polizist werden. Und da ist er selbst, messinggerahmt: eben 12 Jahre alt geworden und voller Zuversicht in die Welt schauend. »Gott wird uns rächen«, sagt die Mutter. Tags zuvor hatte eine junge Witwe gesagt, »Gott hat es gewollt, aber wir werden es nie vergessen. Sie haben keinen Respekt für niemanden.« Ihre beiden Söhne hatten stumm auf ihre Schuhe geblickt. Ihr Vater war erschossen worden, als er den Heimweg über die Hügel wählte, um das Warten am demütigenden Checkpoint zu vermeiden. Salopp gerundet, da die Zahlen täglich schwanken, starben bis heute während der zweiten Intifada 1000 Palästinenser und 260 Israelis. In die ausländische Presse gelangen meist nur die israelischen Opfer. Für ungeübte Augen ist es schwierig, zwischen Flüchtlingslager und gewöhnlichen Häusern zu unterscheiden. Fast alle aus Israel Vertriebenen haben im Laufe der Jahrzehnte aus ihrem Betoncontainer eine Art Heim gemacht. Ein Teppich liegt auf dem Beton, und der Fernseher steckt in prunkvollem Rahmen. Es dauerte lange, bis die Flüchtlinge die Hoffnung auf eine Rückkehr aufgaben. Zu viele Staaten und politische Gruppen schürten diese Hoffnung noch: Am Pulverfass Palästina sollte Israel in die Luft gehen. So wurden im Lauf der Jahre in den Erzählungen der Väter die Weiden der alten Heimat immer grüner, die Bäume höher und die Bäche rauschender. Vor 1987, als die Palästinenser noch nach Israel reisen durften, gelang es dem einen oder andern gar, die Stätte zu besichtigen. Jamal, damals 12, erinnert sich: »Endlich standen wir vor unserem Haus. Da war unsere Mauer, da waren unsere Zypressen, da war unser Brunnen. Doch statt anzuklopfen, versteckte sich mein Vater auf der Straße. Nie habe ich mich so geschämt.«

Siedler haben Vorfahrt


Shihata, 52, ist ein wuchtiger Mann in Militärjacke und mit einem Gesicht, das wie mit dem Spachtel zurechtgeklatscht scheint. Aber er steht nicht als General auf einem Feldherrenhügel; er steht als Geschlagener auf den Trümmern seines Hauses. Kühlschrankblech und Vorhangfetzen sind auszumachen, ein Schuh und zerbrochenes Geschirr. Vier Stunden brauchten die israelischen Bulldozer, um seinen Besitz zu zermalmen. »100000 Dollar. Alles, was ich besaß.«

Shihata kümmert sich nicht um Politik: »Ich bin Bauer.« Doch sein Haus lag eben nur eine Schussweite von der israelischen Siedlung entfernt und diente palästinensischen Scharfschützen als ideale Deckung. Jetzt ist Shihatas Haus eines der 4000 Wohnhäuser, die Israel im vergangenen Jahr auf Palästinensergebiet zerstörte.

Auch das Nachbarhaus wird bald dran glauben müssen. Jede Nacht schießen die Siedler herüber. »Meist von der Spielzeugfabrik aus«, sagt der Nachbar. Erbittert zieht er uns die Treppe hinauf. Fenster und Wände seiner Vorderzimmer sind durchlöchert und leer bis auf eine Waschmaschine. Die Familie hat sich in die rückwärtigen Räume zurückgezogen. Auch dort kann längst niemand mehr schlafen. Nur eine...

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