Elfter Roman, achtzehntes Buch

Roman
 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. Februar 2019
  • |
  • 220 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-03820-966-9 (ISBN)
 
Eines Morgens steht Bjørn Hansen am Bahnhof. Er wartet auf seinen Sohn. Hansen ist fünfzig, und es ist vier Jahre her, seit er Turid Lammers verlassen hat, seine Geliebte, für die er einst Frau und Kind sitzen ließ und nach Kongsberg zog, um "dem Traum vom gestohlenen Glück" nachzulaufen. Auch die Begegnung mit dem Sohn gibt seinem Leben keine neue Wende, und aus Protest gegen die innere Leere entwickelt er einen Plan, mit dem er sein großes Nein verwirklichen will.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,43 MB
978-3-03820-966-9 (9783038209669)
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DAG SOLSTAD, geboren am 16. Juli 1941 in Sandefjord, gehört zur ersten Garde der norwegischen Schriftsteller. Er hat zahlreiche Romane, Artikel, Theaterstücke und Essays verfasst. Seine Werke wur- den vielfach ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2017 wurde ihm der Nordische Preis der Schwedischen Akademie verliehen, der auch als "Kleiner Nobelpreis" gilt.

Der Vater: Nichts.

Der Sohn: Dann schlage ich ein. Das paßt mir gut. Wir leben in einer harten Welt.

Das letzte sagte er in seinem üblich lauten Tonfall, unumwunden und auf die belehrende Art, die seinem Sohn zu eigen war, wie Bjørn Hansen begriffen hatte. Doch in seinem letzten Satz war noch etwas hinzugekommen, eine Geheimnistuerei. Es war keine Belehrung, die anderen etwas vermitteln sollte, es war eine Botschaft an den Vater, über etwas, innerhalb dessen er sich befand und wovon Bjørn Hansen keine Ahnung hatte. Wenn er sagte »Wir leben in einer harten Welt«, durfte Bjørn Hansen auf keinen Fall glauben, daß er ebenfalls »Weißt du, wir leben in einer harten Welt« hätte sagen können, nein, diese beiden Aussagen waren wie Feuer und Wasser, und die Art und Weise, wie der Sohn seinen Code mitteilte, barg auch einen seltsamen Stolz in sich, der ausschließenden Charakter hatte.

Peter wollte sofort seine Sachen auspacken und ging in die Diele, um seine Koffer zu holen. Er legte zuerst den einen, dann den anderen Koffer auf das Schlafsofa und packte aus. Obwohl der Sohn zwei riesige Koffer hatte, stellte Bjørn Hansen, während der Sohn auspackte und seine Sachen sorgfältig wegräumte, mit zunehmender Verwunderung fest, daß er fast nichts mitgebracht hatte. Das heißt, keine persönlichen Dinge. In dem einen Koffer hatte er gewissermaßen nur Bettzeug. Darunter eine riesige, gute Daunendecke, die fast den gesamten Platz einnahm. In dem anderen Koffer waren eigentlich nur Kleider. Der Sohn sortierte die Kleider nach Anwendungsgebieten und räumte sie ordentlich in den Schrank und in die Schubladen der Kommode. Unterwäsche, dünne Socken, dicke Socken, Taschentücher, Krawatten, Fingerhandschuhe, Fäustlinge jeweils in eine Schublade der Kommode. Hemden, bunte wie weiße, in je eine Schublade im linken Teil des Kleiderschranks, T-Shirts in eine dritte und Pullover in eine vierte Schublade in der linken Hälfte des Kleiderschranks, und Hosen und Sportsachen auf Kleiderbügel in die rechte Hälfte des Kleiderschranks. Die Sachen für draußen wollte er zur Garderobe in der Diele bringen, was er sogleich tat, zusammen mit den Schuhen, die er ebenfalls dort plazierte, mit Ausnahme zweier Paar Joggingschuhe, die er zusätzlich zu denen, die er anhatte, besaß und die er in der rechten Hälfte des Kleiderschranks auf den Boden stellte. Einen riesigen Toilettenbeutel hatte er ebenfalls dabei, und den wollte er ins Badezimmer stellen, wo er knapp auf die Konsole paßte, die für diese neue Zeit zu schmal war.

Persönliche Dinge, die der Vater entdecken konnte und die der Sohn mit großer Hingabe behandelte, gab es nur drei, und sie erstaunten Bjørn Hansen sehr. Zunächst zog er ein Souvenir aus seiner Heimatstadt Narvik hervor. Einen billigen Gegenstand mit einem Sockel aus imitiertem Silber und einer Stange, ebenfalls aus Silberimitat, und an dieser Stange hing die Flagge der Stadt Narvik. Peter brauchte ziemlich lange, bis er für diesen Gegenstand den richtigen Platz gefunden hatte, nach einigem Hin und Her beschloß er, ihn im Bücherregal thronen zu lassen. Anschließend holte er ein Bierglas aus dem Koffer, es lag zwischen den Kleidern (der Sohn hatte die beiden Gegenstände vor seinen Kleidern ausgepackt, aber nachdem er den Koffer mit der Decke und dem übrigen Bettzeug ausgepackt hatte). Das Bierglas hatte eine besondere Form, es war das getreue Abbild eines Stiefels aus Glas. Zwei Liter, informierte ihn der Sohn, und dem Vater wurde klar, daß, da er dieses Bierglas, das, wie er sah, eine Aufschrift trug, die davon kündete, daß es einem Restaurant des Dorfes gehörte, in dem der Sohn seinen Wehrdienst abgeleistet hatte, mit Bus und Zug durch fast ganz Norwegen transportiert hatte, eine persönliche Geschichte mit diesem Glas verbunden sein mußte. Der Sohn verriet jedoch nicht, worum es sich handelte, aber Bjørn Hansen war der Meinung, daß es von zwei Möglichkeiten eine sein mußte. Entweder hatte Peter nach einem lebhaften Abend im lokalen Wirtshaus und zur großen Freude seiner Kameraden beim Militär das Glas mitgehen lassen. Oder Peter hatte allen anderen damit imponiert, daß er dieses Zweiliterglas voller Bier in einem Zug und ohne es abzusetzen geleert hatte, oder er hatte es schneller geschafft als die anderen und es damit als Pokal gewonnen, entweder hatte er den Bierstiefel direkt bekommen, oder seine militärische Kompanie hatte ihn als Pokal konfisziert. Bjørn Hansen wollte ihn nicht direkt fragen, versuchte aber, es ihm zu entlocken, indem er großes Interesse an dem Stiefel heuchelte, was dem Sohn schmeichelte, wie er sah, jedoch mit dem einzigen Ergebnis, daß er noch entschiedener an dem Geheimnis festhielt, weshalb sich dieser Zweiliter-Bierstiefel in Peter Korpi Hansens Besitz befand. Er trug deshalb eine unendlich wichtige Miene zur Schau, als er versuchte, einen geeigneten Platz für den Bierkrug zu finden, der nach noch längerem Hin und Her neben der Flagge der Stadt Narvik auf dem obersten Regalbrett landete.

Ganz zum Schluß, als die beiden Koffer geleert waren, holte Peter einen dritten und letzten persönlichen Gegenstand hervor, der sein Zimmer in seinem neuen Leben als Student der Kongsberger Ingenieurhochschule schmücken sollte. Er zog einen länglichen Gegenstand heraus und entrollte ein Poster. Das Poster hängte er direkt über dem Schlafsofa an die Wand. Nachdem er es aufgehängt hatte, mit Hilfe von Reißzwecken, die Bjørn Hansen eilig aus der Küchenschublade geholt hatte, trat er ein paar Schritte zurück und bewunderte es. Ja, er bewunderte es wirklich. Bjørn Hansen mußte ebenfalls kommen und sich das Werk anschauen.

Es war ein riesiges Poster von einem roten Sportwagen. Italienisches Design. Ferrari. Neben dem Auto, an die Tür gelehnt, mit der Hand selbstsicher und liebevoll über die Karosserie streichend, stand ein Mann mit Sonnenbrille. Das Symbol des Besitzers. Sportlich gekleidet. Das Auto war mit offenem Verdeck fotografiert worden. Der Hintergrund, der etwas verschwommen war, fast wüstenhaft, sandig, unterstrich die elegante Farbe des Sportwagens. Es war ein reines Werbeplakat, das die Eleganz und die Dimensionen des Sportwagens abbildete. Der Mann daneben war in seinem Ausdruck gänzlich ohne Ironie, eine Seltenheit in der modernen Werbung, so wie auch das Bild als Ganzes jeglicher Ironie entbehrte. Es unterstrich den Wert des kostspieligen Autos und folglich die Macht des Mannes, der sich daran anlehnen konnte. Sonst nichts. Der Mangel an Ironie betonte, daß man sich in einer Atmosphäre befand, in der man sich überhaupt nicht zu verstellen brauchte oder mit charmanter Grimasse um Entschuldigung bitten mußte. Die natürliche Schönheit des Reichtums. Es war elegant und banal. Und hinterließ nur eine einzige Frage: Warum hatte sein Sohn dieses Poster mitgebracht und jetzt an seine Wand gehängt?

Der Vater stellte jedoch diesbezüglich keine Fragen. Und Peter gab keine Erklärung, vermutlich, weil er der Meinung war, es spräche für sich. Statt dessen sah er auf die Uhr. Er hatte vor, zur Ingenieurhochschule zu fahren, um sich die Gegebenheiten vor Ort anzuschauen, wie er sagte. Wollte sich ein wenig umsehen und unbedingt das Sekretariat des Fachbereichs für Optometrie aufsuchen, um mitzuteilen, daß er angekommen war und den Studienplatz annahm, für den er sich beworben und den er auch bekommen hatte. Der Vater fragte, ob sie vielleicht heute, hier in der Wohnung, zusammen zu Abend essen sollten, da es sein erster Tag war, aber Peter konnte nicht. Er habe zuviel zu tun, sagte er, und wisse also nicht, wann er zurückkäme. Der Sohn ging, und etwas später ging auch Bjørn Hansen. Ins Büro. Zur gewohnten Zeit kam er dann nach Hause, kochte sich etwas, aß es auf, stellte die schmutzigen Sachen in die Geschirrspülmaschine und setzte sich mit einem Buch in die Ecke. Natürlich befand er sich in einem seltsamen Zustand, unruhig, zerstreut und ohne Anhaltspunkt, wie er das Neue, das ihn anscheinend in seinem Leben ereilt hatte, handhaben sollte.

Der Sohn kam viel früher nach Hause, als Bjørn Hansen erwartet hatte. Es war noch nicht einmal halb acht, als der Sohn die Wohnungstür aufschloß. Der Vater saß in der Wohnung und las in einem Buch. Der Begriff der Angst von Søren Kierkegaard, und er wunderte sich erneut über den dänischen Geist der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der, indem er biblische Mythen in vollem Ernst behandelte, ja als ob Adam und Eva wirklich gelebt hätten, und das glaubte Søren Kierkegaard auch, daran bestand für Bjørn Hansen überhaupt kein Zweifel, es diesem dänischen Philosophen ermöglichte, uralten dogmatischen Grundbegriffen, die für Bjørn Hansen längst mausetot waren, Leben einzuhauchen. Er spürte eine Nähe und Intensität aus den Buchseiten hochsteigen, die das Bewußtsein eines gottlosen Steuereintreibers in einer norwegischen Provinzstadt gegen Ende des 20. Jahrhunderts packte. Also 150 Jahre historischer Dunkelheit und Undurchdringlichkeit, die von einem Licht durchbohrt wurden, das den Steuereinnehmer in Kongsberg erreichte, das war verwunderlich. Das heißt, vielleicht war es gar nicht so seltsam, denn historisch gesehen befand er sich in einer deklassierten Position, sein Beruf hatte eine Verwandlung erfahren, eine Herabwürdigung vom königlichen Beamten zum Staatsdiener, die bewirkte, daß er den Outsider und Beamtenverspotter Søren Kierkegaard jetzt als heimlichen Mitspieler erleben konnte, obwohl er natürlich im Alltag nicht spürte, welche Herabwürdigung sein Brotberuf im Verlauf des historischen Prozesses erfahren hatte, sie verlieh ihm vielmehr eine Empfänglichkeit für die Musikalität von Søren Kierkegaards Bohren in den dogmatischen und von ihm todernst gemeinten Begriffen. Die Ausgabe, die ihm...

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